Informierte Entscheidung

Aufklärung zur vaginalen Geburt?

Die vaginale Geburt wird nach wie vor als der Standard für den Geburtsmodus angesehen. Die im Laufe der Evolution des Menschen erfolgte Anpassung des weiblichen Beckens an die vaginale Geburt geht mit vielen Vorteilen, aber auch mit Risiken beispielsweise für die Beckenbodenmuskulatur einher. Beides sollte mit einer schwangeren Frau vor der Geburt diskutiert werden. Bisher gibt es keine einheitliche Haltung dazu, ob Frauen über die natürliche Geburt aufgeklärt werden sollten. Mit dieser Frage beschäftigten sich M. F. Malik und KollegInnen in einem Beitrag in Pediatric Research. Sie plädieren dafür, dass ein Einwilligungsprozess als Folge einer informierten Entscheidung verpflichtend in die Aufklärung aufgenommen werden sollte.

Ein Hauptargument gegen die Einwilligung zur vaginalen Geburt ist die Erkenntnis, dass die vaginale Geburt aus evolutionärer Sicht die menschliche Entwicklung erfolgreich begleitet hat und die natürliche Geburt die standardmäßige Form der menschlichen Geburt bleibt.
Doch ist die Betroffenheit über den „Fall Montgomery“ im Vereinigten Königreich immer noch präsent: Nach einem 16 Jahre langen Rechtsstreit sprach der britische Supreme Court im Jahr 2015 Nadine Montgomery die Summe von 5,25 Millionen Britischen Pfund dafür zu, dass ihre Ärztin es versäumt hatte, sie über die individuellen Risiken einer vaginalen Geburt für sie und ihr Kind aufzuklären. Die Frau litt unter einem Diabetes Typ I. Während der Geburt kam es zu einer Schulterdystokie, welche eine Zerebralparese des Neugeborenen nach sich zog.

Das Urteil bedeutet nicht, dass für eine normale Geburt eine Zustimmung erforderlich ist. Dennoch unterstützt es die Notwendigkeit, die "Patientinnen" in die Entscheidungen über ihre Betreuung einzubeziehen, gerade wenn Komplikationen in der Schwangerschaft und Geburt auftreten. Für positive Gesundheitsergebnisse ist eine effektive Kommunikation und keine juristische Sicherheitsmaßnahme notwendig.

Quelle: Malik MF et al.: Informed Consent for Vaginal Delivery: Is It Time to Revisit the Shared Decision-Making Process. Pediatric Research 2016. 61(3-4):153-8. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27172638 Petersen RW: Vaginal delivery: An argument against requiring consent. Current Controversies in Obstetrics and Gynaecology 2018. 58(6): 704-706 DHZ

Rubrik: Beruf und Praxis

Erscheinungsdatum: 19.06.2019