Pränatale Diskriminierung

Berechnung der Auswirkungen geschlechterabhängiger Schwangerschaftsabbrüche

  • Die ungleiche Verteilung von weiblichen und männlichen Neugeborenen betrifft ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung.

  • Seit den 1970er Jahren werden in verschiedenen Ländern ungleiche Verteilungen zwischen den Geburten weiblicher und männlicher Neugeborener beobachtet. Diese ungleiche Verteilung betrifft ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung. So führt in manchen Ländern wie beispielsweise China oder Indien die Diagnose eines weiblichen Neugeborenen häufiger dazu, dass diese Schwangerschaft aufgrund des Geschlechts abgebrochen wird als dies bei männlichen Kindern der Fall ist.

    In einer aktuellen Studie wurden verschiedene Szenarien zu den Auswirkungen fehlender weiblicher Geburten auf regionaler, nationaler und globaler Ebene für verschiedene Zeiträume berechnet. Zugrunde gelegt wurden 3,26 Millionen Datensätze aus 204 Ländern, die durch ein internationales Forschungsteam evaluiert wurden. In 29 Ländern bestand eine ungleiche Verteilung zwischen den Geburten weiblicher und männlicher Neugeborener. Davon zeigten 12 Länder ein hohes Risiko für eine ungleiche Verteilung auf.  Die mögliche Entwicklung in diesen 12 Ländern wurde unter Szenario S1 berechnet. Die mögliche Entwicklung in den verbleibenden 17 Ländern wurde unter Szenario S2 berechnet.

    Die Höhe fehlender weiblicher Neugeborener wird unter Szenario 1 im Jahr 2100 auf 5,7 Millionen beziffert. Unter Szenario 2 beträgt dieser Anteil 22,1 Millionen weibliche Neugeborene, wobei ein Großteil in afrikanischen Ländern südlich der Sahara auftritt.

    Die Autor:innen diskutieren, dass ein Mangel weiblicher Neugeborener zu noch unbekannten sozialen und wirtschaftlichen Folgen führen könnte. Es könnte zu sozialen Spannungen und einer erhöhten Gewaltbereitschaft kommen, da auf immer mehr Männer immer weniger Frauen kommen würden. Antisoziales Verhalten könnte durch einen Überschuss an Männern zunehmen.

    Die Autor:innen fordern in diesem Zusammenhang eine transparente Evaluation vorhandener Daten, um die Realität sicher beurteilen zu können. Zudem erachten sie eine breit angelegte Diskussion über den Wert weiblicher Neugeborener als wichtig und sprechen sich für einen rechtlichen Rahmen aus, der die Gleichstellung der Geschlechter auch während der Pränatalzeit gewährleistet. Die Autor:innen sprechen sich dafür aus, pränatale Diskriminierung durch eine vorausschauende politische Einflussnahme zu vermeiden.

    Chao F, Gerland P, Cook A R, Guilmoto C Z, Alkema L: Projecting sex imbalances at birth at global, regional and national levels from 2021 to 2100: scenario-based Bayesian probabilistic projections of the sex ratio at birth and missing female births based on 3.26 billion birth records. BMJ Glob Health 2021. 6. Doi:10.1136/bmjgh-2021-005516 ∙ DHZ

    Rubrik: Medizin & Wissenschaft

    Erscheinungsdatum: 24.08.2021