Handfehlbildungen bei Neugeborenen

Drei Fälle in zwölf Wochen in einer Gelsenkirchener Klinik

In einem Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen sind innerhalb von zwölf Wochen drei Kinder mit fehlgebildeten Händen geboren worden. Zuvor hatte es dort jahrelang keinen einzigen Fall gegeben. Die Kinder kamen im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen zwischen Mitte Juni und Anfang September auf die Welt, wie die Klinik auf ihrer Homepage mitteilte. „Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig.“ Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht gesehen, hieß es weiter. Hebammen hatten auf die Fälle aufmerksam gemacht. Bei allen drei Kindern ist jeweils eine der beiden Hände betroffen. An dieser Hand seien Handteller und Finger nur rudimentär angelegt. Der Unterarm sei normal.

Alle betroffenen Familien wohnten im lokalen Umfeld, hieß es weiter. Ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeiten der Herkunftsfamilien habe man nicht feststellen können. „Eine vertiefte Ursachenforschung können wir erst bei Einwilligung der Eltern betreiben“, so Wolfgang Heinberg, Sprecher des Krankenhausverbundes St. Augustinus, zu der das Marien-Hospital Buer gehört. Die Gelsenkirchener Klinik will die Fälle jetzt in regionalen Qualitätszirkeln der Kinder- und Jugendärzte thematisieren. Auch habe man Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. Von dort hieß es: „Der derzeitige Informationsstand erlaubt weder der Charité noch insbesondere der Embryonaltoxikologie eine inhaltliche Stellungnahme zu diesem Thema.“

Nach Angaben der Charité gibt es kein bundesweites Melderegister für Fehlbildungen. Auf Bundesländerebene werden Fehlbildungen beispielsweise in Sachsen-Anhalt erfasst. Dort gibt es das sogenannte Fehlbildungsmonitoring, eine seit 1980 bestehende Einrichtung zur Erfassung von angeborenen Fehlbildungen und Anomalien. Die Institution ist der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg angegliedert. Nach Beobachtungen der Forschungsstelle entfiel 2017 auf 1.127 Geburten eine sogenannte Reduktions-Fehlbildung von Extremitäten. Im Vergleich zum Zeitraum 2005 bis 2016 sei dies eine Verringerung, hatte das Landessozialministerium im November 2018 berichtet.

Statistisch würden etwa 1 bis 2 % aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung unterschiedlicher Ausprägung geboren, wie die Gelsenkirchener Mediziner erläuterten. Extremitätenfehlbildungen könnten während der Schwangerschaft unter anderem durch Infektionen auftreten, seien insgesamt aber selten. Der entscheidende Zeitraum, in dem Fehlbildungen dieser Art entstehen könnten, liege sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle, wie das Sankt Marien-Hospitals Buer mitteilt. „Eine ebenfalls mögliche Ursache ist das Abschnüren von Extremitäten durch Amnionbänder oder Nabelschnurumschlingungen während der Schwangerschaft im Mutterleib, was zu einer verminderten Weiterentwicklung der betroffenen Extremität führt.“ (siehe auch DHZ 10/2019, Seite 36ff. und Seite 40 - erscheint am 1. Oktober).

Fachleute der Mainzer Universitätsmedizin haben vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Der Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Fred Zepp, sprach "erstmal nur von einem frühen Signal". Es müsse jetzt untersucht werden, wie stark sich die Befunde der Hand-Fehlbildungen ähnelten und ob es sich tatsächlich um eine Häufung oder nur um zufällige Ereignisse handle, sagte er am 18. September in Mainz. Zugleich forderte er fünf bis sechs regionale Geburtenregister nach Mainzer Vorbild in Deutschland.

Die Mainzer haben von 1990 bis 2016 in einem solchen Register alle Neugeborenen in der Region erfasst und dabei in Rheinhessen keine Häufung von Hand-Fehlbildungen festgestellt. Auch in den vergangenen zwei, drei Jahre seien solche Fehlbildungen nicht gehäuft aufgefallen. In den mehr als 25 Jahren des Geburtenregisters seien fast 100.000 Neugeborene untersucht und erfasst worden.

Die Mainzer MedizinerInnen forderten solche Register für 10-15 %der jährlich rund 700.000 Geburten in Deutschland. Dies sei eine hervorragende Basis für Fragen von neu entstehenden Fehlbildungen.

Quelle: dpa, 13.9.2019 ∙ dpa, 18.9.2019 ∙ DHZ

 

Rubrik: Schwangerschaft

Erscheinungsdatum: 16.09.2019