Randomisiert-kontrollierte Multicenterstudie

Lateraler Dammschnitt bei der Saugglockengeburt?

  • Bei Erstgebärenden konnte, einer in Schweden durchgeführten Studie zufolge, bei einer Geburt mit Saugglocke die Zahl der Verletzungen des analen Sphinkters durch eine laterale Episiotomie halbiert werden.

  • Eine laterale Episiotomie hat in einer randomisierten Studie bei Erstgebärenden bei einer Geburt mit Saugglocke die Zahl der Verletzungen des analen Sphinkters halbiert. Es kam allerdings zu einem Anstieg der Wundheilungsstörungen, wie die im British Medical Journal publizierten Ergebnisse zeigen.

    Bei einer Episiotomie wird der Geburtsweg durch eine 3 bis 5 cm tiefe Inzision des Perineums, also des Bereichs zwischen Vagina und Anus, erweitert. Bei der heute bevorzugten lateralen Episiotomie erfolgt der Schnitt 1 bis 3 cm vom hinteren Frenulum labiorum entfernt in einem Winkel von etwa 60°. Die Episiotomie soll einem spontanen Riss vorbeugen, bei dem manchmal der äußere Analsphinkter verletzt wird, was eine Inkontinenz zur Folge haben kann.

    Der Dammschnitt ist jedoch schmerzhaft, besonders wenn die Heilung durch eine Infektion kompliziert wird, und er kann, wenn sich der Schnitt unter der Geburt verlängert, den analen Sphinkter verletzen. Die Leitlinien raten deshalb zu einem zurückhaltenden Einsatz.

    Eine häufige Indikation ist eine Saugglockengeburt bei einer Erstgebärenden. Auch hier müssen Vor- und Nachteile gegeneinander aufgewogen werden. Die Evidenz beruht bisher vor allem auf Beobachtungsstudien, deren Ergebnisse häufig verzerrt sind.

    Acht Kliniken in Schweden haben deshalb zu dieser Frage eine randomisierte Studie durchgeführt. Zwischen 2017 und 2023 erklärten sich 6.100 Schwangere, die ihr erstes Kind erwarteten, bereit, im Fall einer komplizierten Geburt mit Saugglocke das Los entscheiden zu lassen, ob der Geburtshelfer beziehungsweise die Geburtshelferin eine Episiotomie durchführt oder nicht.

    Am Ende wurden in der EVA-Studie (»Episiotomy in Vacuum Assisted Delivery«) 702 Frauen auf die beiden Gruppen randomisiert. Primärer Endpunkt war eine dritt- oder viertgradige Verletzung des Analsphinkters, die eine chirurgische Korrektur erforderlich macht. Dazu kam es in der Episiotomie-Gruppe bei 21 von 344 Frauen (6 %) gegenüber 47 von 358 Frauen (13 %) in der Vergleichsgruppe.

    Die absolute Differenz von 7,0 Prozentpunkten war nach den Berechnungen von Sandra Bergendahl vom Karolinska Institut in Stockholm und Mitarbeiter:innen mit einem 96-%-Konfidenzintervall von 2,5 bis 11,7 Prozentpunkten signifikant. Auf 14,3 Geburten mit Episiotomie wurde eine Verletzung des Analsphinkters verhindert (Number Needed to Treat).

    Die adjustierte Risk Ratio betrug 0,46 (0,28-0,78) und nach Berücksichtigung der Unterschiede in den einzelnen Kliniken 0,47 (0,23-0,97). Mit anderen Worten: Die Episiotomie halbierte das Risiko auf eine schwere Verletzung des analen Schließmuskels.

    Auf der anderen Seite stand ein Anstieg von Wundinfektionen und Wunddehiszenzen. Nach der Episiotomie kam es bei 32 Frauen (9 %) zu Wundinfektionen gegenüber 17 Frauen (5 %) in der Vergleichsgruppe. Die Differenz von 4,6 Prozentpunkten bedeutet eine »Number Needed to Harm« von 21,7. Wunddehiszenzen traten nach der Episiotomie bei 32 Frauen (9 %) auf gegenüber 12 Frauen (3 %) in der Vergleichsgruppe. Bei einer Differenz von 6,0 Prozentpunkten errechnet Bergendahl eine »Number Needed to Harm« von 16,9.

    Andere Komplikationen wie Blutverlust, schwere Schmerzen, Granulome oder Narben, Fisteln oder eine chirurgische Nachbehandlung traten nach der Episiotomie nicht häufiger auf.

    Quelle: Bergendahl, S., Jonsson, M., Hesselman, S., Ankarcrona, V., Leijonhufvud, Å., Wihlbäck, A. C., Wallström, T., Rydström, E., Friberg, H., Kopp Kallner, H., & Brismar Wendel, S. (2024). Lateral episiotomy or no episiotomy in vacuum assisted delivery in nulliparous women (EVA): multicentre, open label, randomised controlled trial. BMJ (Clinical research ed.), 385, e079014. https://doi.org/10.1136/bmj-2023-079014 ∙ aerzteblatt.de, 8.7.2024 ∙ DHZ

    Rubrik: Geburt

    Erscheinungsdatum: 09.07.2024