Ethnografische Studie aus Schweden zum Room4Birth Project

Geburtshilfliche Philosophie wichtiger als die Ausstattung

  • Die geburtshilfliche Philosophie eines Kreißsaal scheint für Erstgebärende eine größere Bedeutung für das Geburtserleben zu haben als die Einrichtung.

  • Welchen Einfluss hat die Geburtsumgebung auf das Gebärverhalten erstgebärender Frauen? Dieser Frage sind Forscher:innen aus Schweden in einer ethnografischen Studie nachgegangen. Eine teilnehmende Beobachtung fand über einen Zeitraum von fünf Monaten zwischen September 2019 und Februar 2020 in einem schwedischen Kreißsaal statt. 16 erstgebärende Frauen nahmen teil, deren Geburt entweder in einem Kreißsaal mit neuem Design (Studiengruppe: n=8) oder einem klassischen Kreißsaal (Kontrollgruppe: n=8) stattfand. Der Kreißsaal der Studiengruppe war größer als der der Vergleichsgruppe (23,8 m2 vs. 19 m2), hatte einen Vorhang als Sichtschutz im Eingangsbereich, eine Badewanne, eine Lärmschutzdecke, eine Media-Installation zur Simulation beruhigender Naturgeräusche, ein Sofa für die Begleitperson, sowie ein Gebärseil. Diese Ausstattung war im Kreißsaal der Kontrollgruppe nicht vorhanden. Alle Kreißsäle verfügten über ein WC, ein Fenster, ein Gebärbett und einen Stuhl für die Begleitperson.

    Alle Frauen wurden von Hebammen des gleichen geburtshilflichen Teams betreut. Im Rahmen des Room4Birth Projects wurden deskriptive Daten und umfassende Feldnotizen erhoben. Mit einigen Teilnehmerinnen wurden Tiefeninterviews durchgeführt – in der Studiengruppe waren es fünf, in der Kontrollgruppe drei. Die Daten wurden anhand eines hermeneutischen Analyseprozesses analysiert.

    Eine Spontangeburt fand bei allen Gebärenden der Studiengruppe und bei sechs Gebärenden der Kontrollgruppe statt. Zwei Gebärende der Kontrollgruppe erlebten eine vaginal-operative Geburt, keine Geburt wurde per Sectio beendet. Interventionen wurden bei Gebärenden im Kreißsaal mit neuem Design sowie im klassischen Kreißsaal durchgeführt. Eine PDA erhielten sechs Frauen der Studiengruppe und sieben Frauen der Kontrollgruppe. Oxytocin zur Unterstützung der Geburt wurde bei fünf Gebärenden der Studiengruppe und sieben Gebärenden der Kontrollgruppe angewendet.

    Die Auswertung ergab, dass die Geburtsumgebung aus dem physischen Raum, der menschlichen Interaktion, die im Gebärraum stattfindet, sowie dem institutionellen Kontext besteht. Hierbei legen die Autor:innen ihren Schwerpunkt auf eine Differenzierung zwischen persönlichem und institutionellem Raum. Der persönliche Raum umfasst die aktive Mitgestaltung durch die Gebärende, ihre Autonomie und ihr Vertrauen in den eigenen Körper, gebären zu können. Eine Feld-Notiz hierzu lautete: »Die Frau war sehr entspannt, glücklich und ruhig. Ihre Kontraktionen waren nicht sehr häufig, jedoch schmerzhaft, was durch ihr Stöhnen zum Ausdruck gebracht wurde. Der Schmerz schien trotzdem kein Problem für sie darzustellen. Sie badete lange und genoss es. ...«

    Der institutionelle Raum umfasst Gebären als unsicheren Vorgang, der durch die Passivität einer Gebärenden und die Autorität der Betreuungsperson geprägt wird. Eine Feld-Notiz lautete: »... Die Hebamme bat die Gebärende ins Bett und führte verschiedene Interventionen durch. Ein Arzt betrat den Raum, um eine vaginale Untersuchung und eine Ultraschalluntersuchung durchzuführen. Zunächst waren die Kontraktionen der Gebärenden intensiv, dann kam es zu einem protrahierten Geburtsverlauf mit fehlender Wehentätigkeit ...«

    Die Autor:innnen schlussfolgern, dass ein Kreißsaal mit neuem Design den »persönlichen Raum« der Gebärenden fördert. Gleichzeitig scheint ein Ungleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Gebärenden und den institutionellen Anforderungen zu existieren. Die institutionelle Autorität scheint die Atmosphäre innerhalb der Räume stärker als deren Einrichtung zu beeinflussen. Dies betont aus Sicht der Autor:innen die entscheidende Rolle, die der zugrundeliegenden geburtshilflichen Philosophie bei der Schaffung einer sicheren Gebärumgebung zukommt.

    Quelle: Goldkuhl L et al.: The influence and meaning of the birth environment for nulliparous women at a hospital-based labour ward in Sweden: An ethnographic study. Women Birth 2021. http://dx.doi.org/10.1016/j.wombi.2021.07.005 ∙ DHZ

     

    Rubrik: Geburt

    Erscheinungsdatum: 28.09.2021