Die Anti-Baby-Pille wird 60 Jahre alt

Sexuelle Revolution oder Zumutung?

  • Die Pille galt lange Zeit als revolutionär. Sie stand jedoch immer wieder in der Kritik - auch heute noch.

  • Alice Schwarzer feierte sie noch als "Geschenk Gottes", junge Frauen stellen sie heute in sozialen Netzwerken als Verursacherin von Kopfschmerzen und Depressionen an den Pranger — dazwischen liegen 60 Jahre. Die Antibabypille kam erstmals am 18. August 1960 in den USA auf den Markt. In Deutschland knapp ein Jahr später, am 1. Juni 1961. Geleistet hat sie viel: Rollenbilder verkehrt und Machtstrukturen umgeworfen, so beschreibt es der Gynäkologe Dr. Christian Fiala, der in Wien ein Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch aufgebaut hat, in der Apotheken Umschau. "12 bis 15 Schwangerschaften im Leben waren nicht die Ausnahme, es war der Schnitt. Viele Frauen starben im Kindbett. Oder bei einer Abtreibung", sagt Fiala.

    Präservative, Pessare, fruchtbare Tage errechnen: Das war nicht nur unpraktisch, sondern unsicher. Mit der Pille dagegen hatten Frauen erstmals in der Menschheitsgeschichte ein Mittel, ihre Fruchtbarkeit zuverlässig zu kontrollieren – und ihre Sexualität zu leben. Zwar war die Pille zunächst nur verheirateten Frauen vorbehalten, doch Ledige besorgten sie sich über ihre Verwandtschaft und auf dem Schwarzmarkt.

    Das Medikament stand jedoch auch immer wieder in der Kritik: Die ersten Verhütungspräparate waren Hormonbomben und hatten starke Nebenwirkungen, etwa gefährliche Blutgerinnsel. Hinzu kam die Angst vor Krebs. Zudem waren es Frauen leid, die Last der Lust alleine zu tragen. Die Pille für den Mann dagegen lässt auf sich warten. 2011 hat die Weltgesundheitsorganisation eine große Studie mit verhütender Hormoninjektion gestoppt – die Gründe: Die Männer klagten über Nebenwirkungen wie Hautprobleme, Stimmungsschwankungen und Gewichtszunahme.

    Neben Hormonspirale und Sterilisation gilt die Pille auch heute noch als das sicherste Verhütungsmittel. Allerdings hat die Zahl der Nutzerinnen laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spürbar abgenommen, vor allem unter jungen Frauen.

    Quelle: Apotheken Umschau, 8/2020 A dpa, 3.8.2020 DHZ

    Rubrik: Politik & Gesellschaft

    Erscheinungsdatum: 04.08.2020