Best Practice

Verantwortung schafft Vertrauen

Im Schweizer Kantonsspital Aarau erhalten Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen bei physiologischem Verlauf eine hebammengeleitete Betreuung im Geburtshaus Nordstern KSA. Die interventionsarme Geburtshilfe erweist sich in vielfacher Hinsicht als nachhaltig: für die Gesundheit von Mutter und Kind, einen sparsamen Ressourcenverbrauch, das wirtschaftliche Ergebnis und die Umsetzung der S3-Leitlinie »Die vaginale Geburt am Termin«. Anne Steiner
  • Das Geburtshaus steht nur 300 m von der Frauenklinik entfernt auf dem Areal des Kantonsspitals Aarau.

  • Familienzimmer für Geburt und Wochenbett

  • Nachhaltige Gesundheitsversorgung orientiert sich an der Definition von »Value Based Healthcare«: »Mehr Qualität, Nutzen und Zufriedenheit pro eingesetztem Franken für die lebenslange Gesundheit der Familien in einem finanziell für die Schweizer Bevölkerung tragbaren System«.

    Die Diskussion, wie wir »Nachhaltigkeit« in der Geburtshilfe definieren und leben wollen, steht noch ganz am Anfang. Was verstehen Hebammen unter einer nachhaltigen Geburtshilfe? Welche Definition ist im Sinne der werdenden Eltern und jungen Familien? Welchen Ansatz verfolgen die ärztlichen Kolleg:innen? Wie wollen wir Nachhaltigkeit in der Gesundheitsversorgung verankern? Und mit welchen Kennzahlen wollen wir in Zukunft überprüfen, ob wir unsere Ziele erreichen?

    Um ein tragfähiges System aufzubauen, müssen Strukturen geschaffen werden, in denen Gesundheitsfachpersonen gerne und engagiert ihren Beruf ausüben möchten. Das betrifft Hebammen, aber auch Ärzt:innen und Pflegefachkräfte, die alle viel zu häufig unter den aktuellen Arbeitsbedingungen leiden und ihrem »Traumberuf« viel zu früh den Rücken kehren .

    Die Interessensgemeinschaft nachhaltige Geburtshilfe (IGNGH) hat in der Schweiz folgende Definition in die Diskussion gebracht: »In der Geburtshilfe bedeutet ›nachhaltig‹ eine gesundheitsfördernde Versorgung, die kurz- und langfristig positive Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen, Kindern und Familien hat«.

    Auf politischer Ebene gilt es, finanzielle und strukturelle Anreize für Über- und Fehlversorgung zu erkennen und anzupassen. Die Schweiz leistet sich das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt . Betrachten wir die flächendeckende geburtshilfliche Versorgung der Schweiz, wird jedoch schnell klar, dass mehr finanzielle Ressourcen nicht unbedingt zu mehr Qualität führen. Mit einer Sectiorate von über 32 % und klaren Mängeln in der individuellen Betreuung benötigt das Schweizer Gesundheitssystem dringend nachhaltige Lösungsansätze (Oelhafen, 2021; BAG, 2022).

     

    Die geburtshilfliche Versorgung in der Schweiz

     

    Nach Artikel 32 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung ist es Aufgabe des Schweizer Bundesrates, »die Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) zu bezeichnen (...). Leistungen, die von der OKP übernommen werden sollen, müssen die Voraussetzungen der Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit (WZW-Kriterien) erfüllen» (Art. 32 KVG; BAG, 2019). Das ist eine Vorgabe für das Gesundheitswesen in der gesamten Schweiz.

    Wirksamkeit

    Mit einer Kaiserschnittrate von über 32 % liegt die Schweiz im europäischen Vergleich mit an der Spitze. Bei vielen Geburten wird mit pharmakologischen oder konservativen Methoden interveniert. Das geburtshilfliche Outcome von Müttern und Kindern ist positiv, wird jedoch von einzelnen Ländern mit weniger aufwendigen Versorgungsstrukturen übertroffen. Bei pathologischen Verläufen profitieren Frauen und Kinder ganz klar von medizinischen Interventionen. Bei einem risikoarmen Kollektiv haben diese Interventionen jedoch häufig sogar negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind (Cignacco, 2015; Miller, 2016).

    Das beinahe flächendeckende System einer ressourcen- und kostenintensiven hochspezialisierten Medizin in der geburtshilflichen Versorgung hat für Frauen mit geringen Risiken keine Vorteile gegenüber interventionsärmeren hebammengeleiteten Modellen (Steiner, 2019).

    Zweckmäßigkeit

    Gemäß der Definition der Arbeitsgruppe Qualität der ärztlichen Fachgesellschaften ist eine Handlung »zweckmäßig, wenn sie dem angestrebten Zweck entspricht, sich diesbezüglich als besonders geeignet und auch als fachlich/wissenschaftlich akzeptierte Empfehlung erweist« (FMH, 2007). Modelle einer arztunabhängigen, hebammengeleiteten Geburtshilfe sind international etabliert und ebenso sicher wie die momentan in der Schweiz dominierende, ärztlich geführte Regelstruktur, dabei jedoch deutlich kosteneffektiver (Sandall, 2015; Tracy, 2013; Steiner, 2019).

    Wirtschaftlichkeit

    Die Förderung der vaginalen Geburt ist auch aus wirtschaftlicher Sicht zu empfehlen. Da die Mehrzahl der Geburten zumindest theoretisch komplikationsfrei verläuft, generieren routinemäßige Interventionen bei diesen Frauen Kosten, ohne Outcome oder Sicherheit zu erhöhen. Der Ertrag dieser relativ gering vergüteten DRG lässt sich durch eine risikoadaptierte Betreuung verbessern, etwa durch eine interventionsarme, hebammengeleitete Geburtshilfe.

    Unnötige Interventionen und dem individuellen Risiko nicht angepasste Betreuungsprozesse verringern den Ertrag. Wirtschaftlichkeitsrechnungen zeigen, dass der oft zitierte finanzielle Vorteil der Kaiserschnittentbindung überschätzt wird (Kraml, 2013; Steiner 2019).

     

    Das Geburtshaus Nordstern KSA

     

    Mit beinahe 2.400 Geburten pro Jahr und in enger Zusammenarbeit mit der Neonatologie ist die Abteilung Geburtshilfe und Perinatalmedizin des Kantonsspitals Aarau (KSA) eines der wichtigsten Zentren für Geburtshilfe und Perinatalmedizin in der Schweiz. Die Frauenklinik deckt alle Angebote der Geburtshilfe und Perinatalmedizin ab: von normalen Geburten bis Risikoschwangerschaften, über den gesamten Betreuungsbogen von der präkonzeptionellen Beratung bis zum Abschluss der Stillzeit.

    Seit über zehn Jahren gibt die Strategie der Geburtshilfe und Perinatalmedizin am KSA eine klare Trennung der physiologischen Geburten am Termin von der Risiko-Geburtshilfe vor. Ziel ist es, die Qualität der geburtshilflichen Versorgung fortlaufend zu verbessern, Mitarbeiter:innen kompetenzgerecht einzusetzen und die Vorgaben der Schweizer Gesetzgebung in die Praxis zu implementieren. Den Anfang machte das Kantonsspital Aarau damit, die Verantwortung für die Betreuung der physiologischen Wöchnerinnen in die Hand der Pflegenden und Hebammen zu übergeben. Doppelspurigkeit und Überversorgung konnten so minimiert, die Kompetenzen und die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter:innen erhöht werden. Als nächster Schritt folgte ein Konzept der ergänzenden wie auch der alleinverantwortlichen Schwangerschaftskontrollen durch die Hebammen.

    Seit Mitte 2017 gibt es das Angebot der hebammengeleiteten Geburtsbetreuung. Damit können Ressourcen bedarfsgerecht eingesetzt und die geburtshilflichen Prozesse für eine Low-Risk-Klientel von der hochspezialisierten Geburtsmedizin weiter entflochten werden.

    Für den Start konnten drei engagierte Hausgeburtshebammen gewonnen werden. In zwei Räumen im etwa 50 m von der Frauenklinik entfernten »Zuckerhüüsli«, dem ehemaligen Siechenhaus, konnten sie Geburten alleinverantwortlich und interventionsarm betreuen. Ein aufwendiger Belegvertrag sichert die rechtlichen Grundlagen und Verantwortlichkeiten. Von Anfang an übernahmen die Hebammen die Verantwortung über den gesamten Betreuungsbogen analog zur Hausgeburtshilfe. Die Nachtwachen für die Wöchnerinnen, die ausschließlich für Notfälle im Haus sind und in der Regel keine pflegerischen Aufgaben haben, werden durch freiberufliche Hebammen und Pflegefachkräfte abgedeckt. Für die Infrastruktur und die Hotellerie (Unterkunft, Verpflegung, Reinigung und Materialbewirtschaftung) ist das Kantonsspital Aarau mit seinen fest angestellten Mitarbeiter:innen verantwortlich.

    Heute findet die hebammengeleitete Geburtshilfe in einem eigenen Gebäude statt, dem »Geburtshaus Nordstern KSA«. Es steht etwa 300 m von der Frauenklinik entfernt auf dem Areal des Kantonsspitals Aarau. Träger ist das Spital. Fünf Räume stehen zur Verfügung im Modell »One-Room-Care«, das heißt Geburt und Wochenbett im selben Raum. Darüber hinaus gibt es ein Ersatz-Zimmer, dass für zusätzliche Geburten genutzt wird.

    Von Beginn an wurde die Qualität der Geburtshilfe fortlaufend überprüft und verbessert. Dabei stand und steht besonders die Schnittstelle zur ärztlich geleiteten geburtshilflichen und neonatalen Versorgung im Fokus. Die klar standardisierten Verlegungen und Übergaben der Verantwortung an die diensthabenden Oberärzt:innen sowie die transparente Dokumentation auch der hebammengeleiteten Geburten im klinikeigenen System sind Hauptbestandteile der gelungenen Umsetzung.

    Von anfangs 27 Geburten im zweiten Halbjahr 2017 konnten bis heute 732 Geburten im Modell der hebammengeleiteten Geburtshilfe stattfinden (Stand 10/2022). In diesem Zeitraum wurden 1.471 Frauen von dem stetig wachsenden Hebammenteam für eine Geburt angemeldet. 25 % dieser schwangeren Frauen wurden noch vor der Geburt aus dem Modell ausgeschlossen. Häufige Gründe sind Lageanomalien, Frühgeburtlichkeit, schwangerschaftsbedingte Erkrankungen der Mutter oder etwa eine Wachstumsretardierung beim Kind. Auch Einleitungen bei Übertragungen oder nach Blasensprung werden nicht im Geburtshaus Nordstern betreut. Weitere 25 % der Frauen werden unter der Geburt verlegt, wobei etwa 30 % aller Erstgebärenden betroffen sind, bei den Mehrgebärenden jedoch nur etwa 5–8 %.

    Der Anteil an Erstgebärenden mit über 60 % aller betreuten Frauen, die sich für das Geburtshaus Nordstern KSA entscheiden, ist auffallend hoch. Hier zeigt sich eine spannende Entwicklung mit dem Geburtshaus Nordstern KSA als »Einstiegsmodell« in die außerklinische Geburtshilfe, die weiter beobachtet wird.

    Bezogen auf alle im Geburtshaus Nordstern KSA begonnen Geburten liegt die jährliche Sectiorate nach Verlegung in den letzten fünf Jahren im Schnitt bei 4,8 %. (Vergleich Kaiserschnittraten: IGGH-CH, https://www.geburtshaus.ch/) 2017 9,6 %, Schweiz 2021 insgesamt 32,3 %).

    Die niedrige Sectiorate zeigt die hohe Verlegungskompetenz der Hebammen des Geburtshauses, aber auch des gesamten interprofessionellen Teams. Es ist allen Mitarbeiter:innen des KSA wichtig, jede Geburt respektvoll, individuell und so schonend wie irgend möglich zu betreuen. Eine gute Geburt kann aber auch ein medizinisch notwendiger Kaiserschnitt, eine vaginale Steißgeburt oder eine vaginale Geburt mit Unterstützung durch eine PDA sein.

     

    Nachhaltigkeit aus Sicht der Eltern

     

    Wissen wir wirklich, welche Art der Geburtshilfe sich werdende Eltern wünschen? Verfügen die Eltern über ausreichendes Wissen, um ihre Entscheidung nicht nur für den Moment der Geburt, sondern auch für die zukünftige Gesundheit der gesamten Familie fällen zu können? Und gelingt es uns, aus den Rückmeldungen und Erfahrungen der Eltern zu lernen?

    Der Psychologe Dr. Stephan Oelhafen, Dozent an der Berner Fachhochschule im Fachbereich Geburtshilfe, fasst in seinem Bericht »Zwang unter der Geburt in der Schweiz« die Ergebnisse von 2020 folgendermaßen zusammen: »Erstmals für die Schweiz wurde die Verbreitung von informellem Zwang unter der Geburt erhoben. Über ein Viertel der Frauen (27 %) erlebten unter der Geburt informellen Zwang. Das heißt, sie fühlten sich einseitig informiert, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert oder waren mit einer Behandlungsentscheidung nicht einverstanden. Neben informellem Zwang erlebten manche Frauen auch andere unangenehme Situationen unter der Geburt: 10 % der Frauen berichteten, dass sich Fachpersonen ihnen gegenüber beleidigend oder abwertend äußerten. 2 von 5 Frauen (39 %) gaben an, dass ihre Bewegungsfreiheit unter der Geburt eingeschränkt war. Jede sechste Frau (17 %) empfand das CTG (Herzton- und Wehenschreiber) als störend.«

    Seit Eröffnung der hebammengeleiteten Geburtshilfe am Kantonsspital Aarau steht das Team in einem fortlaufenden Dialog mit den betreuten Familien. Durch standardisiertes Eltern-Feedback werden nicht nur das Erleben und die Zufriedenheit mit der Betreuung im Geburtshaus Nordstern KSA abgefragt, sondern auch bei Überführungen in das ärztlich geleitete Modell vor, während oder nach der Geburt. Zusätzlich ist der empfundene Gesundheitszustand der Mütter und Kinder Teil des Feedbacks. Diese PREMs (Patient-Reported Experience Measures) und PROMs (Patient Reported Outcome Measures) geben zusätzlich zu den statistischen Outcome-Parametern wichtige Hinweise darauf, ob die Betreuung im Geburtshaus Nordstern KSA einen Mehrwert aus Sicht der Eltern generiert.

    Noch steckt das Modell der Value Based Healthcare in den Kinderschuhen, also die Orientierung der gesundheitlichen Versorgung am tatsächlichen Nutzen aus Sicht der Leistungsempfänger:innen bezogen auf die eingesetzten finanziellen Ressourcen. Eine aus Sicht der Eltern nachhaltige Betreuung rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ist der »Nordstern« des gesamten geburtshilflichen Teams, der nur gemeinsam erreicht werden kann.

     

    Stetiges Lernen und Verbessern

     

    Von den ersten »Kinderkrankheiten« des Modells bis zur heutigen Regelstruktur ging das geburtshilfliche Team des Geburtshauses Nordstern KSA einen spannenden gemeinsamen Weg. Die fortlaufenden Analysen und Planungen, Testphasen, Überprüfung der gewünschten Erfolge und schließlich die Umsetzung von Verbesserungsmaßnahme im Regelkreislauf des PDCA-Zyklus (Plan-Do-Check-Act) ist immer wieder anstrengend. Sie geben allen beteiligten Fachpersonen aber auch die befriedigende Möglichkeit, mitzuwirken und Einfluss zu nehmen.

    Aktuell beteiligen sich alle involvierten Fachkräfte des Geburtshauses Nordstern KSA an folgenden Qualitätsmaßnahmen:

    • Überwachung der geburtshilflichen Interventionen und Outcome-Parameter
    • Leitlinienkonforme, evidenzbasierte Betreuung, z.B. kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung, Auskultation statt CTG (AWMF, 2020)
    • Fallbesprechungen und Simulationstrainings im Hebammenteam, gemeinsam mit den Ärzt:innen und Hebammen der Frauenklinik, den Neonatolog:innen und dem Rettungsdienst
    • Feedback-Prozesse mit den Eltern, besonders nach Verlegungen
    • Arbeitsplatzbasierte Assessments (SHV, 2022)
    • Engagement in Qualitätszirkeln und in der persönlichen Fort- und Weiterbildung
    • Aktive Teilnahme am Netzwerk hebammengeleitete Geburtshilfe des Schweizerischen Hebammenverbandes (SHV, 2022)
    • Anerkennungsverfahren hebammengeleitete Geburtshilfe des Schweizerischen Hebammenverbandes: Erstanerkennung 2019, Re-Anerkennung mit einem kürzlich erfolgten Audit vor Ort (SHV, 2022).

     

     

    Nachhaltigkeit aus Sicht der Hebammen

     

    Die im Geburtshaus Nordstern KSA tätigen Hebammen arbeiten selbstorganisiert, alleinverantwortlich und ohne vorgesetzte Instanz. Die Hebammen sind freiberuflich tätig und betreuen Frauen, die sich für eine Geburt im Geburtshaus Nordstern KSA entschieden haben, während Schwangerschaft, Latenzphase und häuslichem Wochenbett im Zuge ihrer eigenen Praxistätigkeit. Den Rahmen für ihre Arbeit in Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital Aarau gibt der Belegvertrag vor, unterzeichnet vom CEO des Kantonsspitals und der Chefärztin Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Geregelt sind die Ein- und Ausschlusskriterien (gesunde Mutter, erwartet gesundes Kind, eine physiologische Schwangerschaft mit der Prognose einer physiologischen Geburt), die Vergütung (Pauschale für Geburt und Wochenbett im Geburtshaus, Pauschale für die Zweithebamme bei Geburt, anteilige Vergütung bei Verlegungen) und die Alleinverantwortung der Hebamme. Das Abrechnungssystem unterscheidet sich somit von dem in Deutschland: Das Spital rechnet die normale DRG für Mutter und Kind ab, die Hebamme bekommt eine vertragliche vereinbarte Pauschale.

    Im Rahmen ihrer Selbstständigkeit verfügen alle Hebammen über eigene Haftpflichtversicherungen, Tagegeldversicherungen bei Krankheit oder Mutterschaft sowie Rechtsschutz. Auch die Altersvorsorge erfolgt im Rahmen der eigenen Praxis und nicht über das Kantonsspital Aarau.

    Alle Frauen werden umfassend auf die interventionsarme Geburt und das frühe Wochenbett im Geburtshaus Nordstern KSA, aber auch auf eine mögliche Verlegung vorbereitet. Der Ablauf der Latenzphase ist gerade bei den Erstgebärenden ein wichtiges Thema, da die Frauen in der Regel erst ab der aktiven Eröffnungsphase, also einer Muttermundseröffnung von 4–7 cm, zur stationären Geburt kommen. Sie werden bis dahin von der Geburtshaushebamme zu Hause betreut und fahren erst nach Absprache mit ihrer Hebamme ins Geburtshaus. Die häusliche Betreuung rechnet die Hebamme als selbstständige Hebammenleistung direkt mit der Krankenversicherung der Mutter ab.

    Bei der eigentlichen Geburt ist eine zweite Hebamme anwesend. Die weitere postpartale Überwachung sowie ein bis zwei stationäre Wochenbettbesuche täglich bis zum Austritt am zweiten bis dritten Tag post partum liegen in der Verantwortung der zuständigen Hebamme. Selbstverständlich liegen auch die administrativen Abläufe in der Verantwortung der Hebammen, also Dokumentation, Berichterstellung und das Aufbieten der KSA-eigenen Kinderärzt:innen der Neonatologie für die U2 direkt im Geburtshaus. Tagsüber sind »Gastgeberinnen« für alle Belange außerhalb der Hebammentätigkeit zuständig. Gemeint sind damit alle Angebote der Hotellerie, also Unterkunft und Verpflegung, Reinigung und Materialbewirtschaftung. In der Nacht ist ein eigenes Team von freiberuflichen Hebammen und Pflegefachfrauen als »Nachtwachen« anwesend, die jeweils über Pauschalen gemäß ihren Verträgen mit dem Kantonsspital Aarau bezahlt werden.

    Die Arbeitsmodelle der Hebammen passen sich den Lebensumständen an und wandeln sich daher fortlaufend. Einige Hebammen arbeiten als Einzelunternehmerinnen, andere in gleichberechtigten Teams von zwei bis vier Hebammen mit eigenem Dienstplan oder haben als eigene Hebammenpraxis Angestellte mit festen Dienstzeiten. In enger Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule werden Studierende ausgebildet.

    Vom Kantonsspital Aarau für das Geburtshaus Nordstern KSA fest angestellt sind ausschließlich das Sekretariat und die Berufsbildnerin (in Deutschland: die Praxisanleiterin) mit je 20 % und die Leitung des Geburtshauses mit 30 %. Die Leitungsverantwortliche ist den Hebammen nicht vorgesetzt, sondern erfüllt die Rolle der »Außen- und Innenministerin«. Das umfasst die Erstellung und Überarbeitung von Richtlinien, Fallbesprechungen, Teamsitzungen, Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen, das Datenmanagement sowie die Erledigung von allerlei Kleinkram (das Dopton hat einen Kurzschluss; das Fenster zieht; XY hat schlechte Laune; wir brauchen eine neue Kaffeemaschine …).

    Um der hohen Verantwortung und Fachkompetenz der Hebammen im Geburtshaus Nordstern KSA gerecht zu werden, orientiert sich die Vergütung an dem Gehalt einer Schweizer Oberärztin für Geburtshilfe und Perinatalmedizin.

    Die Philosophie im Geburtshaus Nordstern KSA lautet: »Im Zentrum unserer Arbeit steht die langfristige Gesundheit der Frauen und ihrer Familien. Eine gute Geburt ist für uns nicht in erster Linie abhängig vom Geburtsmodus oder Geburtsort. Entscheidend für uns sind die fachkompetente, evidenzbasierte Betreuung und ein positives Umfeld. Vertrauen, Schutz, Ruhe und Geborgenheit bilden den sicheren Rahmen. Die Hebamme arbeitet salutogenetisch, bindungsorientiert und in einem interprofessionellen Netzwerk. Eine hohe Fachkompetenz, lebenslanges Lernen und fortlaufende Reflexion bilden die Basis unserer professionellen Arbeit. Wir verbinden Beruf und Privatleben in einer gesunden Balance als Frauen und Hebammen.«

    Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit, Respekt und eine faire Entlohnung sollen die beteiligten Hebammen bei einer nachhaltigen Arbeitszufriedenheit unterstützen. Trotz der guten Arbeitsbedingungen ist es jedoch immer wieder eine Herausforderung, Abgänge oder auch Unterbrechungen im bestehenden Hebammenteam aufzufangen. Umso erfreulicher – und auch nachhaltiger – ist die Begeisterung, die bei den Hebammenstudent:innen entsteht, welche nun nach und nach in die Teams integriert werden können.

     

    Nachhaltigkeit aus Sicht des Kantonsspitals Aarau

     

    Ist hebammengeleitete Geburtshilfe auch finanziell nachhaltig? Das Geburtshaus Nordstern KSA kann diese Frage klar mit ja beantworten. Trotz (oder gerade wegen) der überdurchschnittlichen Bezahlung der Hebammen und der Reduktion auf das Wesentliche schreibt das Geburtshaus Nordstern KSA seit dem zweiten Betriebsjahr schwarze Zahlen.

    Wie das geht? Mit dem Ansatz der Value Based Healthcare, gekonnter Nicht-Intervention und optimierten Unterstützungsprozessen. So werden die Leistungen der Hotellerie nur in Anspruch genommen, wenn sich Wöchnerinnen und ihre Familien im Haus befinden. Dabei ist der oder die Partner:in oder eine andere Bezugsperson in den Betreuungsprozess integriert, schläft und isst ohne Zusatzkosten für die Familie mit im Geburtshaus.

    Ist keine Familie im Geburtshaus, steht das Haus leer und die Mitarbeiterinnen der Hotellerie werden in anderen Abteilungen im Spital eingesetzt. Die Verwendung von allen medizinischen Materialien sowie Medikamenten ist so sparsam wie möglich, vorgepackte Boxen für die Geburten und das Verbrauchsmaterial im Wochenbett reduzieren die eingesetzten Materialien. Verlegungen innerhalb des Geburtshauses werden durch das Prinzip der One-Room-Care möglichst vermieden.

    Seit der Eröffnung 2017 herrscht nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Fachkreisen ein reges Interesse an diesem nachhaltigen Modell einer hebammengeleiteten Geburtshilfe. Regelmäßig melden sich interessierte Spitäler, aber auch Schweizer Fachhochschulen und lassen sich das Konzept vor Ort zeigen. Auch konnte der mit großem Aufwand erstellte Belegvertrag für die Hebammen im Geburtshaus Nordstern KSA bereits an zwei weitere Kliniken verkauft werden, einmal zusätzlich mit einem Beratungsmandat.

     

    Nachhaltig in die Zukunft

     

    Seit Eröffnung des Geburtshauses Nordstern KSA lassen sich erfreuliche »Nebeneffekte« beobachten. So ist etwa die Zahl der Hausgeburten, die von den Hebammen des Geburtshauses Nordstern KSA betreut wurden, von 34 im Jahr 2019 auf 70 im Jahr 2021 angestiegen. Verlegungen von Hausgeburten in die Geburtshilfe und Perinatalmedizin des Kantonsspitals Aarau sind heute in der Regel völlig problemlos. Die Zeiten, in denen außerklinische Geburtshilfe nur Kopfschütteln ausgelöst hat, sind vorbei.

    Das Vertrauen in die Physiologie und in die Kompetenz aller Hebammen wächst auch in der ärztlich geleiteten Geburtshilfe und so gehören zum Beispiel der Verzicht auf das Eintritts-CTG wie auch eine passive Leitung der Plazentarperiode bei Low-Risk-Geburten heute zum Standard für alle Gebärenden.

    Im neuesten Pilotprojekt des Geburtshauses Nordstern KSA werden mit den Studierenden eigene Teams gebildet. Hier können sie lernen, »ihre« Frauen als Bezugshebammen kontinuierlich und in eigener Verantwortung durch die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett zu begleiten. Selbstverständlich mit erfahrenen Hebammen im Hintergrund, die den Prozess hauptverantwortlich begleiten. Hiervon erhofft sich das Team, junge Kolleginnen nachhaltig im Bereich der kontinuierlichen Hebammenbetreuung zu befähigen. Sie können die praktische Umsetzung, die Arbeit im Team und den Umgang mit Rufbereitschaften in einem sicheren Umfeld einüben.

    Rubrik: Beruf & Praxis

    Erscheinungsdatum: 24.11.2022

    Literatur

    AWMF. (2020). S3-Leitlinie Die vaginale Geburt am Termin. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi) in methodischer Begleitung durch das AWMF-Institut.

    BAG. (2022). www.bag.admin.ch/bag/de/home/strategie-und-politik/nationale-gesundheitsstrategien/gesundheitliche-chancengleichheit/chancengleichheit-in-der-gesundheitsversorgung/mutter-kind-gesundheit-in-der-migrationsbevoelkerung.html

    BAG. (Stand 2022). KVG. www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1995/1328_1328_1328/de

    bfs. (2020). www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/reproduktive.html

    Cignacco, E. (2015). Hebammengeleitete Geburtshilfe im Kanton Bern. Bern: Berner Fachhochschule.

    IGNGH, I. n. (Oktober 2022). https://nachhaltige-geburt.ch/

    Knape, N. B. (2011). Hebammenkreisaal – finanzierbar und sicher? Deutsche Hebammen Zeitschrift, 12(1):29-33.

    Kraml, F. (2013). Ist ein Perinatalzentrum der...

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