Ein Perinatalzentrum entsteht

Was macht die »Henrike« nachhaltig?

Bis zu 4.500 Kinder sollen in Hannovers künftigem Perinatalzentrum »Henrike« jährlich zur Welt kommen können. Der Chefarzt Prof. Dr. Ralf Schild, die leitende Hebamme Sabine Schulte und die leitende Oberärztin Dr. Christine Morfeld erläutern, warum der neue Geburtsort als Leuchtturmprojekt für Niedersachsens Geburtshilfe gilt. Katja Baumgarten
  • Prof. Dr. Ralf Schild und Dr. Christine Morfeld stehen beim Richtfest im künftigen Kreißsaalbereich.

  • Die leitende Hebamme Sabine Schulte (rechts) vor dem Rohbau der Henrike.

  • Ekaterina Erbprinzessin von Hannover, Schirmherrin der Henrikestiftung, zusammen mit ihrem Mann Ernst August Prinz von Hannover bei einer Führung durch den Rohbau am Tag des Richtfestes.

  • Erbprinzessin Ekaterina lässt sich das Konzept der neonatologischen Intensivpflege mit Eltern-Kind-Zimmern von Stefan David, Vorsitzender der DIAKOVERE Geschäftsführung, erläutern.

  • Katja Baumgarten: Welche Aspekte der Nachhaltigkeit haben bei der Planung und beim Bau des neuen Perinatalzentrums eine Rolle gespielt?

    Prof. Dr. Ralf Schild: Das Perinatalzentrum liegt im Grünen, direkt am hannoverschen Stadtwald Eilenriede und ist gleichzeitig verkehrstechnisch gut angebunden. Es wird nach den neuesten Richtlinien energetisch effizient gebaut. Wir werden Fernwärme ohne fossile Brennstoffe nutzen und viel weniger von Energie abhängig sein als jetzt im Altbau, wo es oft wie Hechtsuppe zieht. Den Strom beziehen wir über Solar- und Windenergie. Auch das Abfallkonzept wird ausgeklügelt sein. Wir erhalten einen Glasfaseranschluss, was zwar kein ökologischer Aspekt ist, aber wertvoll für unsere Patient:innen und für uns.

    Hintergrund

     

    Vereint im neuen Perinatalzentrum: »Henrike«

     

    Am 14. September wurde in Hannover das Richtfest für das neue Perinatalzentrum »Henrike« gefeiert. Es entsteht im Stadtteil Bult in einer Kooperation des evangelischen Trägers Diakovere und der Stiftung Hannoversche Kinderheilanstalt. Wenn es fertig ist, werden zwei geburtshilfliche Standorte mit langer Tradition geschlossen: im Henriettenstift in Hannover-Kirchrode und im Friederikenstift in der Calenberger Neustadt. Voraussichtlich Anfang 2024 eröffnen sie vereint im neuen Perinatalzentrum neben dem Kinderkrankenhaus auf der Bult, dessen Neonatologie Tür an Tür nahtlos integriert werden soll.

     

    Baumgarten: Entscheidend für eine nachhaltige Geburtshilfe ist die Personalsituation. Wie sieht das bei Ihnen aus?

    Schild: Sie erinnern sich sicher noch an die Personalnot, unter der wir jahrelang gelitten haben. Insbesondere bei den Hebammen ist es inzwischen sehr auskömmlich: Das Team von Frau Schulte verjüngt sich kontinuierlich. Jetzt werden zunehmend akademisierte Hebammen zu uns stoßen mit einem anderen Ansatz, vielleicht auch mit einer anderen Denkweise, so dass sie manches mehr hinterfragen, was andere vielleicht nicht immer so getan haben. Den Mix zu haben ist sehr wohltuend – Erfahrene und weniger Erfahrene und eine breite Altersverteilung.

     

    Baumgarten: Wie groß wird das geburtshilfliche Team aus Hebammen und Ärzt:innen sein?

    Schild: An den zwei bisherigen Standorten haben wir 42 Ärzt:innen. Wahrscheinlich werden wir knapp dreiviertel davon mit in die Geburtshilfe rüber nehmen. Im neuen Zentrum werden wir zwischen 25 und 30 Vollzeitkräfte haben.

    Sabine Schulte: Die Hebammen werden alle zusammen ins neue Haus wechseln. Die endgültige Personalplanung ist noch nicht abgeschlossen, da die natürliche Fluktuation in jungen Hebammenteams sehr lebhaft ist. Stand heute werden wir mit circa 50 Hebammen in die »Henrike« einziehen. Die Verteilung der Stellenanteile ist sehr unterschiedlich, da es gerade im Bereich der Geburtshilfe einen sehr hohen Anteil von Teilzeitkräften gibt. Wir gehen von einem Stellenschlüssel von 100 Geburten pro Vollzeithebamme aus. Dabei sind auch die Medizinischen Fachangestellten im Hebammenteam mit eingerechnet.

    Schild: Bei geschätzt künftig bis zu 4.500 Geburten brauchen wir ausreichend Personal, um auch nachts ein Schichtsystem zu bedienen. Die Arbeitsauslastung wird so hoch sein, dass man nicht mehr in 12– oder 24-Stunden-Diensten wird arbeiten können. Es ist sinnvoll, dann neue Arbeitszeitmodelle zu entwickeln. Das wird spannend.

     

    Baumgarten: Wie soll das Arbeitszeitmodell aussehen?

    Schild: Es gibt verschiedene Bedürfnisse: Manche wollen später kommen wegen des Kindes, andere früher gehen. Manche wollen halbe Tage arbeiten, andere ganze Tage. Es wird unsere Aufgabe sein, diesen Wünschen gerecht zu werden. Daran werden wir gemessen werden. Der Trend geht eindeutig dahin, dass es nicht mehr 100-prozentige Stellen geben wird. Zumindest im Arztbereich werden viele Mitarbeiter:innen Teilzeitstellen einnehmen, zum Beispiel 80 %. Das bedeutet, die Kontinuität, wie wir sie früher hatten – man war immer da – ist nicht mehr gegeben. Wir hätten auch gerne eine Kita an Bord, so dass die Wege zum Kind extrem kurz wären.

    Schulte: Wir brauchen neue Konzepte, weil die Ansprüche anders geworden sind. Kolleg:innen mit Familie brauchen Verlässlichkeit. Auch die Arbeitsbelastung ist ein großes Thema. Statt auszubrennen, sollten Mitarbeiter:innen rechtzeitig Phasen der Ruhe und Entspannung erhalten. Es liegt an uns, diese Konzepte mit zu entwickeln.

     

    Baumgarten: Gehört zum neuen Konzept auch hebammengeleitete Geburtshilfe?

    Schild: Worauf wir ein Auge geworfen haben, ist die Integration eines externen Geburtshauses. Die Schwierigkeit liegt darin, die speziellen Wünsche und Vorstellungen aller beteiligten Interessenten unter einen Hut zu bringen. Ob es verwirklicht wird, hängt von vielen Faktoren ab: ob der Bedarf von Hebammenseite gesehen wird, ob wir Räumlichkeiten haben, ob die Geschäftsführung sich darauf einlässt, dass wir künftig nicht nur die fest angestellten Hebammen haben, sondern auch externe freiberufliche. Wir haben mittelfristig vor, auch einen hebammengeleiteten Kreißsaal anzubieten.

     

    Baumgarten: In der Vorplanung waren Sie vor Jahren im Gespräch mit dem Geburtshaus Eilenriede. Hat sich das vertieft?

    Schulte: Von unserer Seite aus herzlich gerne sofort. Nur ist es schwierig, das zu verhandeln. Wir müssen versuchen zu erklären, was ist dabei unser Nutzen und der Nutzen für die Frauen, für die Familien hier in Hannover? Was ist vielleicht auch der Vorteil für uns? Wir lernen gerne von den Kolleginnen, die freiberuflich arbeiten. Wir arbeiten eng mit ihnen zusammen.

    Wir sehen kein Problem darin, in einem großen Perinatalzentrum im Portfolio der Geburtshilfe das Geburtshaus mit anzubieten. Im Gegenteil: Es ist eine Möglichkeit für Frauen, in ihrer freien Geburtsplatzwahl zu schauen, was für sie passt. Es wäre an eine Level-1-Klinik mit kurzen Wegen und Kinderklinik Tür an Tür auf derselben Ebene angeschlossen, um für Mutter und Kind so viel Sicherheit wie möglich zu bieten. Aus unserer Sicht ist das sehr sinnvoll. Wir sind deshalb in der Argumentation sehr fleißig und geben nicht so schnell auf.

    Schild: Das Perinatalzentrum Henrike wird allgemein als Leuchtturmprojekt für ganz Niedersachsen bezeichnet. Nach unserer Auffassung heißt ein Leuchtturmprojekt nicht, man baut etwas Neues, Großes, es ist modern und das war’s. Leuchtturm heißt für uns, da muss auch das Innere innovativ sein. Dass wir die Geburtshilfe auch für diejenigen interessant machen, die möglichst wenig apparative Geburtshilfe oder Schulmedizin suchen. Wir möchten ein breites Spektrum bieten, bei dem die Wege dann kurz sind.

     

    Katja Baumgarten: Wie wird die geburtshilfliche Abteilung künftig aussehen?

    Schild: Wir planen die Innenräume nach einem Feng-Shui-Konzept. Die Idee stammt vom UKE in Hamburg. Ich habe sie hier weiterverfolgt. Zuerst haben alle gelacht, was für eine spinnerte Idee, sie ließe sich nicht verwirklichen. Schließlich konnte uns unser Geschäftsführer den Feng-Shui-Master Dr. Ulrich Arendt vermitteln, einen Kinderarzt und ehemaligen Piloten. Wir haben gesehen, dass Feng Shui das Raumkonzept, die Ausstattung und die Anordnung viel besser gestalten hilft als das konventionelle Architekten-Denken.

     

    Katja Baumgarten: Warum erschien Ihnen Feng Shui für die geburtshilfliche Station besonders geeignet?

    Schild: Es wird darauf geachtet, wie das Licht fällt oder dass über dem Kreißsaal-Bett keine Schränke sind. Das Kreißsaal-Bett sollte eher geschützt stehen, wie in einer Höhle. In den neuen Gebäuden werden wir bodentiefe Fenster haben und überall viel Tageslicht, um so dem Tages- und Biorhythmus der Patient:innen und Mitarbeitenden zu entsprechen. Es gibt Vorschläge, im Geburtsraum am unteren Fensterrand eine Bank aufzustellen, auf der man sitzen kann und die gleichzeitig Stauraum bietet. Die Gebärwanne soll die Farbe der Tapete bekommen und es wird einen Sichtschutz zur Tür geben. Manchmal Kleinigkeiten, die sich so summieren.

     

    Baumgarten: Worauf kommt es dabei an?

    Schulte: Die Kreißsäle sind in vielen Häusern sehr funktional gestaltet: im Zentrum das Kreißbett, die Überwachung steht im Vordergrund. Immer die Technik – wie kann ich es am sichersten machen? Wir haben jetzt mit Hilfe von Feng Shui primär geschaut, wo steht hier eigentlich die Frau, die Geburtssituation an sich? Wie erreichen wir diesen höhlenartigen Charakter? Das waren solche Punkte, wo wir in Kontakt mit Dr. Arendt getreten sind.

     

    Baumgarten: Vorher hatten Sie ein Konzept von Architekten. Was hat Ihnen daran nicht gefallen?

    Schild: In der Planung der Kreißsäle herrschten die typischen Männerfarben vor. Feng Shui als Schlagwort ist natürlich auch ein Publikumsrenner. Man stellt es sich fernöstlich vor, aber so wird es gar nicht werden. Es ist ein Konzept, bei dem alles aufeinander abgestimmt ist, mit dem Licht und mit allem.

    Schulte: Im Feng Shui liegt beispielsweise dem Farbkonzept ein tiefes inneres Verständnis zugrunde. Für uns ist das kein Werbegag. Wir bringen damit zum Ausdruck, wie wertvoll uns die Frauen, die Familien sind und vor allem die Mitarbeitenden. Die Entwürfe, die uns die Architekten im Vorfeld präsentiert haben, entsprachen gar nicht unseren Vorstellungen: Sie wirken schrill und laut, sie vermitteln keine Atmosphäre, die den Menschen im Kreißsaal Ruhe schenkt. Es war offensichtlich, dass die Planer sich nicht mit Beispielen aus hebammengeleiteten Kreißsälen oder Einrichtungen auseinandergesetzt hatten.

     

    Baumgarten: Haben Sie die Mitarbeitenden in die Planung eingebunden?

    Schild: Es ist gut, wenn viele mit schauen. Das fertige Ergebnis wird nicht allen gefallen, aber man fühlt sich zu mindestens gehört.

    Schulte: Die Ausstattung, das Design, Farbe, Stoffe, Lichtkonzept ist das eine. Für uns ist auch das praktische Arbeiten wichtig. Ist es sinnvoll, diesen Schrank an diesem Ort zu haben? Deshalb brauchen wir immer wieder die Abstimmung mit den Nutzerinnen und Nutzern. Wir haben Stunden darüber diskutiert, sind Schränke in einer Arbeitshöhe über 1,80 Meter sinnvoll? Für die Durchschnittsmitarbeiterin mit 1,65 Körpergröße sind sie nicht geeignet. Solche Details sind wichtig, damit es ein gutes Arbeiten wird. Wir haben uns auch über Lager und Logistik, Ver- und Entsorgung und Elektroanschlüsse ausgetauscht. Es ist unglaublich, was alles beachtet werden muss. Vor allem ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden sich dort wohlfühlen. Wie viel Zeit verbringen wir in diesen Räumlichkeiten?

     

    Baumgarten: Gab es bei den Berufsgruppen unterschiedliche Vorlieben?

    Dr. Christine Morfeld: Auf jeden Fall. Bei der Planung der Kreiß­saal­aus- stattung ging es für uns Ärzt:innen um Platz für Instrumente und Geräte, aber die Hebammen wollten denselben Platz für die Ausstattung fürs Kind, beispielsweise für eine Wärmedecke. Wir waren nicht böse miteinander, aber wir haben hart verhandelt – so viel Platz braucht ihr nicht, so viel Platz brauchen wir nicht. Man möchte immer mehr Raum, als man hat. Dabei wird auch die Schublade irgendwann emotional.

    Schulte: Wenn wir uns einig waren, sagte der Bauzeichner oder der Architekt, super Idee, aber so viel Raum habt ihr gar nicht. Also haben wir wieder von vorne angefangen. Das ist wie ein Hausbau in XXXL.

    Schild: ... und wir werden etwas vergessen.

    Schulte: Ja, das ist jetzt schon klar. Aber es ist toll zu sehen, was in diesem gemeinsamen Austausch alles einfließt aus den Erfahrungen der Mitarbeiter:innen, aus ihren ehemaligen Arbeitsstätten oder was sie auf Kongressen und Messen gesehen haben.

     

    Baumgarten: Sie nutzen die Schwarmintelligenz im Team.

    Schulte: Ja, die braucht man. Als ich beim Richtfest während der Führungen immer wieder bewusst über die Etagen gelaufen bin, dachte ich, wow, das ist wirklich eine riesige Fläche.

    Schild: Man kommt so auf seine 10.000 Schritte am Tag ...

    Schulte: Die große Fläche, die wir »bespielen« werden, das ist sensationell!

     

    Baumgarten: Wie viele Mitglieder aus dem Team haben in den sieben Jahren der Planung mit überlegt?

    Morfeld: Über die Jahre waren etwa 30 bis 50 Mitarbeiter:innen von beiden Standorten einbezogen – Ärzt:innen, Pflegende, Hebammen. Wir haben das Projekt zwischendurch immer wieder im größeren Kreis vorgestellt.

     

    Baumgarten: Wie oft haben Sie sich getroffen?

    Morfeld: Zeitweise habe ich mindestens vier Stunden pro Woche für die Planung eingesetzt. Jetzt geht das Projekt in die letzte Phase und wir müssen vieles neu überlegen: Wie wollen wir arbeiten? Es geht darum, die Arbeitszeiten und die Klinikprozesse anzupassen, beispielsweise das Aufnahmeprozedere, wenn eine Patientin ankommt. Wir haben das zunächst im kleinen Team geplant und müssen es jetzt noch mit der Pflegedienstleitung abstimmen. Wie organisieren wir die Abläufe? Wir sollten das Mitte nächsten Jahres fertig haben.

     

    Baumgarten: Wann ziehen Sie um?

    Schulte: Wir haben den Umzug im Zeitraum von Ende 2023 bis Ostern 2024 angepeilt – plus minus.

     

    Baumgarten: Sie haben für die »Henrike« auch ein Konzept der elternzentrierten Neonatologie geplant. Wie wird das aussehen?

    Schulte: Was wir hier schon im Kleinen machen, setzen wir künftig im größeren Format um. Im Neubau der Neonatologie wird ein Hot- und Cold-Bereich unterschieden. Im Hot-Bereich werden die intensivpflichtigen Kinder gepflegt. Je näher sie an den Übergang in das normale Kinderzimmer und an ihre Entlassung kommen, umso mehr werden die Eltern auch räumlich mit einbezogen. Vier Eltern-Kind-Zimmer sind dafür vorgesehen.

    Morfeld: Wir legen jetzt schon großen Wert darauf, dass die Eltern eine großzügige Zeit für das Bonding mit ihrem Kind haben – auch bei den Frühgeborenen. Man muss sicherstellen, ist es warm genug, haben wir ausreichend Personal, haben wir die nötige Ruhe? Wir müssen in Geburtshilfe und Neonatologie noch sehr viel mehr zusammenrücken, was auch räumlich der Fall sein wird: Wir werden Tür an Tür Nachbarn auf derselben Etage sein.

    Wir führen bereits heute die pränatalen Gespräche mit den Kinderärzt:innen gemeinsam, wenn es um die extremen Frühgeborenen geht. Unser Konzept ist, dass das noch mehr zusammenwachsen soll für Mutter und Kind. Dafür schulen wir jetzt in beiden Bereichen das Personal, so dass alle mehr voneinander wissen und lernen können. Dass die Pflegenden auf der Neonatologie beispielsweise wissen, was eine Tokolyse oder eine Lungenreife ist. Oder was heißt es für die Frau, wenn wir ihr Kind palliativ versorgen? Da gibt es noch eine Menge zu tun, was Fortbildung oder gemeinsames Denken angeht.

     

    Baumgarten: In den skandinavischen Ländern ist die elternzentrierte Neonatologie seit vielen Jahren gut etabliert, damit auch die kleinsten und die sehr kranken Kinder nicht von ihren Eltern getrennt sein müssen.

    Schild: Das haben die Skandinavier wirklich gut gemacht: Sie haben wenige Häuser, aber sehr große Zentren, so dass für alle Eventualitäten gesorgt ist. So dass Eltern, die von weither kommen und bei ihrem Kind bleiben wollen, dort auch direkt eine Unterbringungsmöglichkeit haben.

     

    Baumgarten: Wird das hier auch so sein?

    Schulte: Es gibt die Eltern-Kind-Zimmer auf der neonatologischen Seite. Außerdem wird es Eltern-Apartments auf dem Gelände geben. Zu uns kommen nicht nur Frauen aus Hannover und Umgebung, sondern auch heute schon Eltern, die von weither anfahren.

     

    Baumgarten: Wo sind Mütter nach einer frischen Sectio untergebracht, deren Kind auf die Intensivstation verlegt werden musste? Liegen sie dann an zwei verschiedenen Orten im Krankenhaus?

    Schild: Hier ist der Klärungsprozess noch nicht abgeschlossen. Heute sind diese Mütter traditionell auf der Wochen­station. Es hängt natürlich davon ab, wer welche Frauen versorgt. Eine Betreuung der Frauen ausschließlich auf der neonatologischen Station im Mütter-Kind-Zimmer wäre nicht zielführend, da das Kinderpersonal derzeit noch nicht so versiert in den Wochenbettaspekten ist. Die frischentbundenen Mütter brauchen ja auch Hebammen, Schwestern und ärztliche Versorgung. Wir werden klären, dass wir die Visite dann dorthin verlegen.

    Schulte: Wir versuchen heute schon, die Mütter schnellstmöglich mit ihrem Kind zusammenzubringen: Sie werden in ihrem Bett auf die Neonatologie gebracht und können bei ihrem Kind sein. Wenn sie sich stabil genug fühlen und das Bett verlassen können, haben sie dort bei ihrem Kind einen bequemen Stuhl.

     

    Baumgarten: Lassen sich die Bedürfnisse der Eltern mit denen des Personals immer in Einklang bringen?

    Schild: Die Eltern möchten natürlich nah beim Kind sein, auch auf der Intensivstation. Das ist fürs Personal eine Herausforderung. Manchmal wird es nicht einfach sein, alles auf einen Nenner zu bringen. Aber unser Ziel ist das.

    Ein auskömmlich ausgestatteter Personalschlüssel ist dabei hilfreich. Und das ist die Herausforderung, denn die Personalnot in der Pflege ist ja da! Bei Hebammen hatten wir diesen Notstand bislang auch, aber wir bekommen Gott sei Dank momentan gute Bewerbungen, um die offenen Stellen aufzufüllen. Für das, was wir vorhaben, ist das ideal.

     

    Baumgarten: Und bei den Ärzt:innen?

    Schild: Bei den Ärzt:innen haben wir kein Problem beim Personal. Das ist der Vorteil, dass wir in einer Universitäts- stadt sind. Auch unser guter Team-Spirit spricht sich herum – und dass man viel bei uns lernt. Es ist immer viel zu tun, die jungen Ärzt:innen müssen schnell ran und viel arbeiten.

     

    Baumgarten: Bieten Sie eine Eins-zu-eins-Betreuung durch die Hebammen an?

    Schulte: Wir sind beim Personal so aufgestellt, dass wir Gebärende nach Möglichkeit eins-zu-eins betreuen können. In einem so großen Kreißsaal muss man unter Umständen auch einmal mehrere Klingeln bedienen. Wenn dann aber eine Frau in die aktive Geburt geht, dann übernehme ich und die Kolleginnen kümmern sich um alles andere. Wir haben verschiedene Verfahren geschaffen, in dem wir die reine Geburtsbetreuung vom ambulanten Bereich abkoppeln können. Wir haben bereits einen abgekoppelten Kreißsaal-Ambulanzbereich, wo wir die Frauen im Vorfeld begrüßen, triagieren und entscheiden, ob sie stationär aufgenommen werden oder wieder nach Hause gehen.

    Wir haben jetzt schon im Minimum drei examinierte Kräfte pro Schicht und dann kommen unsere Hebammen-Studentinnen oder -Schülerinnen dazu. Auch berufsübergreifend Praktikantinnen, FSJler:innen, die den Bereich der Geburtshilfe kennenlernen wollen, oder Doulas im Rahmen ihrer Ausbildung. Das Innovative zeichnet uns hier auch ein bisschen aus. Wir lehnen nichts von vorneherein ab, sondern hören uns das in Ruhe an und beraten, ob es zu uns passt. Nichts ist in Stein gemeißelt – wenn wir etwas ausprobiert haben und feststellen, es passt nicht, können wir uns guten Gewissens dagegen entscheiden.

     

    Baumgarten: Wo probieren Sie zum Beispiel etwas Neues aus?

    Morfeld: In unserem Kreißsaal war es zu unruhig. Kreißsäle mutieren irgendwann zur Zweitnotaufnahme jeder Klinik. Durch die Schwangeren, die ungeplant kommen, entsteht eine Unruhe für die Gebärenden, die wir eigentlich betreuen wollen. Wir hatten gedachten, wenn wir umziehen und künftig mehr als 4.000 Geburten zu versorgen haben, da muss man die Bereiche wirklich trennen. Die Frauen stellen sich im Durchschnitt 2,7-mal in der Schwangerschaft bei uns vor. Bei 2.700 Geburten, die wir hier im Henriettenstift schon jetzt betreuen, ist das ein erheblicher Durchlauf neben dem normalen Kreißsaalbetrieb.

    Wir haben mit der Trennung der Bereiche hier schon mal begonnen. Ich hoffe, wenn wir umziehen, haben wir ambulant und stationär so getrennt, dass wir den Kreißsaal den Gebärenden vorbehalten und die Ambulanz dann eine eigene Einheit ist. Es wird vielleicht ineinander übergehen und wir werden beide Bereiche mit unserem Personal versorgen, aber eigentlich wollen wir das wirklich trennen. Es dauert auch, bis alle das neue Konzept im Kopf haben. Das Gute ist, wir haben noch Zeit zu üben.

     

    Baumgarten: Wenn Sie künftig mehr als 4.000 Geburten in einer Abteilung zu versorgen haben, besteht nicht die Gefahr, dass es dann anonymer und trubeliger wird?

    Schulte: Wenn wir die beiden geburtshilflichen Abteilungen an unseren jetzigen Standorten zusammenzählen, haben wir heute schon gemeinsam die Größe, die wir dann an einem Ort abbilden. Ja, das ist eine Menge Personal und eine große Zahl von Geburten mit allen Begleitpersonen und allem Drum und Dran. Natürlich steigt das Risiko der Anonymität, je größer eine Abteilung wird. Letztlich liegt es aber an den einzelnen. Es kommt auf die Haltung an, wie man es dann mit Leben ausfüllt. Die Menschlichkeit, die Wertschätzung, die gehören einfach dazu, neben der medizinischen Behandlung. Die Herzlichkeit, der Respekt den Patient:innen gegenüber – auch in einem kleinen Haus kann das schief gehen.

     

    Baumgarten: Braucht man andere Konzepte für ein großes Haus mit sehr vielen Geburten, mehr Menschen und mehr Räumen?

    Schulte: Große Einrichtungen brauchen andere Konzepte als kleine.

    Morfeld: Wir wollen den Kreißsaal auch in Low- und High-Risk-Bereich unterteilen. Dafür haben wir genug Platz. In den Bereich für ein niedriges Risiko kommt die Frau, die sich eigentlich eine Hausgeburt gewünscht hätte. Die Geburtsräume für Frauen mit einem höheren Risiko oder kranke Frauen liegen in der Nähe des OP. Wir müssen die Abläufe gut planen, so dass man weniger hin und her läuft – schon das macht Unruhe, die man reduzieren kann.

    Schulte: Auch die Konzepte für unsere Personalführung sind wichtig, beispielsweise dass das Leitungsteam klar aufgestellt ist. Wir richten uns jetzt schon perspektivisch neu aus und gehen neue Wege. In unseren Nachbarländern, beispielsweise in Skandinavien gibt es bereits Personal­führungskonzepte oder Team-Führungskonzepte für große Häuser.

     

    Baumgarten: Woran denken Sie?

    Schulte: Wir denken zum Beispiel über die Aufstockung von Teamleitungsfunktionen nach. Klassisch ist, dass ein Kreißsaal von einer Teamleitung operativ geführt wird. In der zu erwartenden Größe der »Henrike«, mit neun Kreißsälen und einem Hebammenteam von mindestens 50 Kolleg:innen braucht es noch weitere Teamleitungen, die gleichberechtigt die Teams steuern. Aktuell sind wir in der Umsetzung des Personalkonzeptes und führen Einstellungsgespräche in den einzelnen Berufsgruppen, Hebammen und Medizinischen Fachangestellten. Des Weiteren erarbeiten wir die genauen Funktionsbeschreibungen für die einzelnen Fachbereiche, damit die Aufgaben klar definiert sind.

    Im Rahmen des Hebammenstudiums haben wir beispielsweise eine Praxiskoordinatorin benannt, die sich primär um die Einbindung der Studentinnen und der Schülerinnen kümmert. Dann gibt es die Teamleitungen, die bei den operativen täglichen Arbeiten vor Ort sind. Ich in meiner Funktion als Leitende Hebamme schaue über allem, wie die einzelnen Aufgaben verteilt sind.

    Wir haben die Gruppe unserer medizinischen Fachangestellten. Die eine ist im Kreißsaalbereich aktiv und beobachtet, wie die Prozesse laufen. Andere arbeiten im administrativen Bereich. Eine Hebammenkollegin, die ein großartiges Konzept dafür entwickelt hat, kümmert sich um die Einarbeitung neuer Kolleginnen – das haben wir bereits separiert. Eine Gruppe kümmert sich um Social Media. Wir sind ein Team und schauen, wer hat das Talent, diese oder jene Aufgabe besonders gut auszufüllen? Damit motivieren wir auch die Mitarbeitenden und finden gute Lösungen.

     

    Baumgarten: Beim Richtfest wurde mir der Bereich im Rohbau gezeigt, wo künftig stille Geburten stattfinden sollen. Wie ist Ihr Konzept für die Betreuung?

    Schulte: Die Betreuung der »Leere Wiege-Geburten« ist uns ein großes Anliegen gerade hier an einem Standort des kirchlichen Trägers Diakovere. Mit Prof. Schild haben wir einen Spezialisten der Pränataldiagnostik und betreuen regelmäßig späte Schwangerschaftsabbrüche nach Fetozid. Das wurde hier heiß diskutiert.

     

    Baumgarten: Ich erinnere mich an eine kontroverse Diskussion unter den Mitarbeiter:innen, die auch durch die Medien ging.

    Schulte: Ja, wir sind ein christliches Haus. Wir sind für alle da – auch für die Frauen, die das große Problem nach einer belastenden Diagnose haben. Sie brauchen Menschen, die sie in ihrer Entscheidungsfindung beraten und unterstützen. Genau das machen wir zusammen im großen Ethikrat. Auch Schwangere, die mit einem intrauterinen Fruchttod zu uns kommen, betreuen wir hier. Heidi Blohmann, die ehemalige Leitende Hebamme hat unser Konzept eingeführt, zusammen mit dem Verein »Leere Wiege«. Wir möchten Familien, die ein Kind verlieren, besonders gut betreuen und beraten und entwickeln das Konzept weiter.

    Bei der Planung des Neubaus war klar, dass wir für die stillen Geburten eine ruhigere Zone schaffen. Dazu kommen ein Beratungszimmer der Seelsorge, eine Teeküche und ein Aufenthaltsraum. Zusammen mit dem Raum der Stille, der unten im Eingangsbereich geplant ist, können wir den Familien einen geschützten Raum anbieten. Seit einiger Zeit bieten wir auch eine palliative geburtshilfliche Begleitung an gemeinsam mit den Kolleg:innen von der Neonatologie und der Seelsorge. Das ist für alle etwas Besonderes – für uns war es neu, als wir damit begonnen haben.

     

    Baumgarten: Sie haben aktuell an beiden Standorten zusammen mit 27,1 % eine der niedrigsten Sectioquoten Niedersachsens. Wie gelingt Ihnen das?

    Schulte: Als Perinatalzentrum können sich unsere Zahlen sehen lassen. Unsere Ärzt:innen sind sehr gut geschult, machen viele Fortbildungen und setzen sich mit neuesten Studien auseinander. Sie trauen sich etwas zu und können Verantwortung übernehmen. Auch unsere Hebammen bieten in der hauseigenen Akademie Fortbildungen an, beispielsweise um altes Hebammenwissen lebendig zu halten.

    Meistens treffen wir unsere geburtshilflichen Entscheidungen im Konsens: Zunächst schätzen die Hebammen den Geburtsverlauf ein, dann das ärztliche Team und man bildet sich eine Meinung. Man spricht dann mit der Frau über ihre Möglichkeiten und was wir ihr anbieten können. Bevor wir operativ tätig werden, fließt meist viel Wasser die Leine runter.

    Bei einer Beckenendlage beispielsweise führen wir erst ein Gespräch und machen eine Voruntersuchung. Bevor wir an eine primäre Sectio denken, bieten wir eine äußere Wendung an und auch spontane Beckenendlagengeburten gehören für uns mit dazu. Alle unsere Angebote greifen ineinander. Unsere Akupunktursprechstunde ist gut besucht und die Konzepte unserer Elternschule, die Kursangebote ergänzen unsere Geburtshilfe. Den ganzheitlichen Gedanken in der Geburtshilfe dürfen wir nicht verlieren.

     

    Baumgarten: Ihr Gesamtkonzept klingt ideal – läuft es im arbeitsintensiven Alltag immer rund?

    Schulte: Dinge, die einmal nicht gut laufen, sind für uns Ansporn, sie zu verbessern. Da muss man hinschauen. Diese Fehlerkultur habe ich in meiner vorherigen Stelle kennengelernt, am Unispital in Basel in der Schweiz. Wenn dort ein Fehler passiert war, wurde darüber gesprochen: Was war die Ursache? Wie können wir diesen Fehler künftig vermeiden? Dieses Umdenken hat gedauert, aber es funktioniert.

     

    Baumgarten: Die Fehlerkultur hat hierzulande oft noch großes Potenzial.

    Schulte: Schuldzuweisungen haben noch nie geholfen und Teamstreitigkeiten in verschiedenen Disziplinen untereinander schon gar nicht. Sprachlosigkeit in einem Geburtshilfe-Setting – das darf nicht passieren: Wenn die Hebamme Angst hat, dem Arzt zu berichten, oder die junge Ärztin Angst hat, ihrer Oberärztin zu berichten, oder die Berufsgruppen gar nicht mehr miteinander sprechen. So etwas ist eine Katastrophe und zwar letztlich für die Mutter und das Kind, denn dann passieren Fehler. Das ist der wichtigste Punkt hier im Haus: Wir sind immer in Kommunikation, auch fachgruppenübergreifend mit der Anästhesie, der Kinderklinik, dem OP, der Gynäkologie und auch mit denen, die uns zuarbeiten. Was will ich machen ohne den Reinigungsdienst oder den Hol- und Bring-Service?

    Es wird eine Herausforderung sein, alle Mitarbeiter:innen unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Aber es wird uns gelingen, weil wir auf niedrigen Hierarchie-Ebenen miteinander arbeiten.

     

    Vielen Dank für das spannende Gespräch. Gute Wünsche für den Aufbruch in die Henrike!

    Rubrik: Geburt

    Erscheinungsdatum: 24.11.2022