Internationalen Still- und Laktationssymposium

Muttermilch: Nahrung, Medikament und Signalstoff

  • „Muttermilch ist Nahrung, Medikament und Signalstoff; sie ist die entwicklungsgerechte Erstnahrung für Säuglinge und wir wissen zu wenig darüber, um sie genau nachzubilden.“ Mit dieser Aussage benannte Associate Prof. Katie Hinde in ihrem Vortrag den zentralen Grund für das Zusammentreffen.

  • Prof. Donna Geddes, jene Wissenschaftlerin, die per Ultraschall die tatsächliche innere Anatomie der laktierenden Brust nachwies, in ihrem Vortrag zur Saugdynamik der Frühgeborenen in der NICU.

  • Neun WissenschaftlerInnen und 450 KonferenzteilnehmerInnen aus aller Welt trafen sich vom 7. bis 8. April auf dem 12. Internationalen Still- und Laktationssymposium der Firma Medela im italienischen Florenz.

    Im ersten Vortragsblock zu den überraschenden Inhaltsstoffen und Eigenschaften der Muttermilch berichtete Prof. Catharina Svanborg über die Wirkung der Muttermilch auf Krebszellen. Die Professorin für klinische Immunologie an der Universität Lund in Schweden arbeitet seit über 20 Jahren an der Isolation und Entwicklung des Protein-Lipid-Komplexes HAMLET (Human Alpha-Lactalbumin Made Lethal to Tumour Cells) in der Muttermilch. Im Labor tötet dieser bereits nachweislich mehr als 40 verschiedene Formen von Krebszellen.

    Mit seine Studien zu Muttermilchproteinen hat Prof. Bo Lönnerdal von der University of California weltweit ein Bewusstsein für die Bioaktivität der Muttermilch geschaffen, der darüber hinaus im Rahmen jüngster Studien zusätzliche bioaktive Eigenschaften bescheinigt wurden: Lactoferrin tötet Streptokokken und mindert Säuglingsdiarrhoe. Das Protein Alpha-Lactalbumin stimuliert das Immunsystem, führt zum Aufbau eines gesunden Darmmikrobioms und unterstützt die Nährstoffresorption beim Säugling. Die Proteine der Fettkügelchenmembran (MFGM) wirken infektionshemmend und führen zu einem höheren Abschneiden bei kognitiven Entwicklungstests im Alter von zwölf Monaten. Osteopontin, dessen Gehalt in der Muttermilch jenen in Kuhmilch weit übersteigt, stärkt das Immunsystem und nimmt positiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung.

    Prof. Katie Hinde, Arizona State University, führte die Evolution von Mensch und Säugetieren als überzeugendes Argument für Muttermilch an: „Muttermilch ist das Ergebnis von 300 Millionen Jahren biologischer Anpassung. Zu ihrer Bildung werden Fett und Mineralien aus den Fettdepots und dem Skelett der Mutter herangezogen, deren Körper sich zur Ernährung ihres Babys gewissermaßen verflüssigt. Dieses Phänomen beschränkt sich auf Säugetiere, nur sie trinken Muttermilch. Innerhalb der Klasse der Säugetiere wird jede Art, jede Kultur und der Körper einer jeden Mutter ihren jeweiligen Umständen auf einzigartige Weise gerecht; dazu zählt auch ihre Milch.“

    Praxisempfehlungen auf Basis neuester Forschung bildeten das zweite Schwerpunktthema des Symposiums.

    So beleuchtete Dr. Riccardo Davanzo aus Triest die Todesfälle bei frühgeborenen und ansonsten gesunden Säuglingen – in Folge von als unbedenklich geltenden Praktiken wie Schlafen im Familienbett und sogar Stillen und Hautkontakt in bestimmten Positionen während der ersten Lebensstunden, -tage und -monate. SIDS (Sudden Infant Death Syndrome) und SUPC (Sudden Unexpected Postnatal Collapse – plötzlicher unerwarteter postnataler Kollaps) wären oft vermeidbar, weshalb Dr. Davanzo ein Protokoll für Krankenhäuser und Richtlinien für die elterliche Versorgung erarbeitet hat. Diese sollen das Bewusstsein für den gesundheitlichen Zustand des Kindes während des Hautkontakts und des Stillens schärfen.

    Über die Entwicklung eines Instruments für die Hochtemperatur-Kurzzeit-Pasteurisierung, bei der wichtige Inhaltsstoffe der Muttermilch erhalten bleiben, berichtete Prof. Guido Moro aus Mailand in seinem Vortrag „Verarbeitung von Spendermilch: Gibt es etwas Besseres als Holder Pasteurisierung?“.

    Prof. Diane Spatz, University of Pennsylvania, begeisterte mit ihrem Plädoyer für einen neuen Ansatz zur Aufklärung von Müttern. Von väterlicher Pflege über Beratung durch andere stillende Mütter, Fortbildungen für Pflegefachkräfte bis hin zu Hausbesuchen stellt ihr zehnstufige Spatz-Modell dar, wie selbst das Stillen von intensivmedizinisch betreuten Babys ermöglicht wird.

    Im dritten Symposiumsblock befassten sich die Wissenschaftler mit den aktuellsten Forschungsergebnissen zum Thema Neonatologie.

    „Ein gesünderes Herz, höhere Intelligenz, stärkere Muskeln, bessere Verhaltenskontrolle und besseres Aussehen – all das kann Stillen bewirken.“ Mit diesem Satz fasste es Prof. Donna Geddes (University of Western Australia) zusammen. Das Stillen stärke durch Ansprechen wichtiger Druckpunkte das korrekte Wachstum der kraniofaszialen Knochenstruktur und verhindere so eine Malokklusion, die häufig Gesicht und Zähne beeinträchtige. Ihre jüngsten Ergebnisse widerlegten die weitverbreitete Annahme, dass Frühgeborene ein zu geringes Vakuum aufbauen, um an der Brust gestillt werden zu können. Stattdessen stellte sich heraus, dass Kindern, die „nicht genügend Milch bekommen“ vielmehr zu wenig Zeit zum Stillen gelassen wird.

    Prof. Luigi Corvaglia von Universität Bologna stellt in seinem Vortrag neue Wachstumskurven und Ernährungskonzepte vor, die eine Muttermilchversorgung von Säuglingen, die nicht von ihren eigenen Müttern gestillt werden können, gewährleisten sollen.

    Prof. Karel O'Brien (Toronto) hat zusammen mit Professor Shoo Lee an der Entwicklung des Modells Family Integrated Care (FICARE) mitgewirkt. Bei FICARE sind beide Eltern auf der neonatologischen Intensivstation anwesend – und zwar nicht als Gäste, sondern zur ganztägigen Versorgung ihres Kindes. Das Modell zeigt ein besseres Outcome für die behandelten Kinder, eine höhere Stillquote und weniger Stress und Besorgnis auf Seiten der Eltern auch nach der Entlassung.

    (Medela, 4.5.2017/DHZ)