Poster

Fragebogen zur Selbstwirksamkeit

Hebammen beobachten immer öfter, dass Schwangere der Geburt ihres Kindes mit Unbehagen entgegensehen und vermehrt fürchten, dieser nicht gewachsen zu sein. In der täglichen Arbeit gilt es deshalb, die betroffenen Frauen zu stärken und ihre Zuversicht zu fördern. Dabei kann der Fragebogen zur Selbstwirksamkeit, der Childbirth Self-Efficacy Inventory (CBSEI), helfen. Eine Studentin des Masterstudiengangs Hebammenwissenschaft der Medizinischen Hochschule Hannover hat gemeinsam mit ihren beiden Betreuerinnen die deutsche Übersetzung geleitet und anschließend in Geburtsvorbereitungskursen getestet. Ihr Poster zeigte sie auf dem 2. DHZCongress Ende Juni 2014 in Hannover. PD Dr. Mechthild Groß, Gaby Schmidt, Kathrin Stoll

Selbstwirksamkeit beschreibt die persönliche Überzeugung, wichtige und schwierige Anforderungen aus eigener Kraft meistern zu können. Sie ist unterteilt in Selbstwirksamkeits- und Ergebniserwartung.

Personen mit hoher Selbstwirksamkeit sind eher in der Lage, schwierige Aufgaben zu bewältigen. Sie sehen diese als Herausforderung und setzen sich anspruchsvolle Ziele (Bandura 1977). Mit Hilfe der Ergebniserwartung wird angegeben, wie hilfreich eine Bewältigungsstrategie bewertet wird.

Die Theorie der Selbstwirksamkeit findet neben dem Bereich Erziehung und Unterricht (Satow 2002) auch in der Gesundheitsförderung Anwendung. Als Beispiele können Diabetikerschulung (Mishali et al. 2011), Rauchentwöhnung (Jardin & Carpenter 2012) und Schmerzbewältigung (Somers et al. 2012) genannt werden. Für die Hebammentätigkeit relevant sind die Bereiche Stillen (Dennis 2014) und Geburt (Lowe 1993). Dort ist der Fragebogen zur Selbstwirksamkeit in der Geburtshilfe, der Childbirth Self-efficacy Inventory (CBSEI), zu nennen.

Der CBSEI misst die Selbstwirksamkeit Schwangerer hinsichtlich der Geburt.

Die Frauen bewerten, wie hilfreich bestimmte Verhaltensweisen, wie beispielsweise Atmung oder Entspannung, während des Gebärens sein können. Dies bezeichnet man als Ergebniserwartung. Die werdenden Mütter geben zudem an, wie sicher sie sind, dass sie diese Strategien anwenden können. Dies wird als Selbstwirksamkeitserwartung beschrieben (Lowe 1993).

 

Bewältigungsstrategien

 

Der CBSEI liegt als Lang- und als Kurzform vor. Bei den aufgelisteten Bewältigungsstrategien handelt es sich um folgende:

  • meinen Körper entspannen
  • mich auf jede Wehe vorbereiten
  • während der Wehen gezielt atmen
  • mich beherrschen
  • an Entspannung denken
  • mich auf ein Objekt im Raum konzentrieren, um mich abzulenken
  • mich ruhig halten
  • meine Gedanken auf das Baby richten
  • jede Wehe meistern
  • positiv denken
  • nicht an die Schmerzen denken
  • mir selber zureden, dass ich es schaffe
  • an andere Familienmitglieder denken
  • mich auf jede Wehe einzeln konzentrieren
  • auf die Ermutigung der Person hören, die mir hilft
  • meine Aufmerksamkeit auf die Person richten, die mir während der Geburt beisteht (Dieses Item wird als einziges nur in der Austreibungsphase erfragt).

Jede Strategie kann von 1 bis 10 bewertet werden. 1 bedeutet „wenig hilfreich/wenig sicher" und 10 bedeutet „sehr hilfreich/sehr sicher". Frauen mit hoher Selbstwirksamkeit kreuzen höhere Werte an (Salomonsson et al. 2013). Bei ihnen liegt zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit vor, eine Spontangeburt zu erreichen. Sie weisen auch eine höhere Zufriedenheit mit der eigenen Leistung und der erhaltenen Unterstützung auf (Salomonsson et al. 2013).

Der CBSEI wird in neun Ländern eingesetzt (USA, Australien, Hong Kong, Schweden, Irland, Iran, Spanien, Jordanien und Thailand). Er umfasst die gesamte Geburt und es werden 62 Aussagen bewertet. Er besteht aus vier Skalen, die jeweils aus den oben aufgelisteten Bewältigungsstrategien bestehen (u.a. Lowe 1993; Drummond & Rickwood 1997; Abujilban et al. 2012). Die Kurzform des CBSEI wird in vier Ländern angewandt (Hong Kong, Tansania, Festlandchina und Iran). Hier wird nur die Austreibungsphase betrachtet, und es werden 32 Aussagen bewertet. Der Fragebogen besteht aus zwei Skalen – die Verhaltensweisen sind oben beschrieben und werden zweimal wiederholt (Ip et al. 2008; Björk & Thorildsson 2012; Gao et al. 2011; Khorsandi et al. 2013&). Die Besonderheit des CBSEI und seiner Kurzfom liegt darin, dass sie gesundheitsfokussiert sind. Hier steht das Vertrauen der Schwangeren in ihr eigenes Potenzial im Vordergrund. Beide Instrumente sind somit nicht auf Pathologie oder Defizite ausgerichtet.

Der CBSEI ist ein international anerkanntes Instrument, das bisher für die Beantwortung verschiedenster Untersuchungsfragen verwendet wurde. Es ging unter anderem um die Beziehung von Selbstwirksamkeit und Geburtsvorbereitung (Ip et al. 2009) oder von Selbstwirksamkeit und Schmerztoleranz und -wahrnehmung (Berentson-Shaw et al. 2009).

 

Test der deutschen Übersetzung

 

Bislang lag für Deutschland keine validierte, also überprüfte Version vor. Im Rahmen einer Masterarbeit fand 2013 eine standardisierte Übersetzung ins Deutsche statt. Diese wurde anschließend hinsichtlich ihrer Richtigkeit getestet (Schmidt 2013; Schmidt et al. 2015).

Die Fragebögen wurden von Teilnehmerinnen Bremer Geburtsvorbereitungskurse beantwortetet. 80 Frauen erhielten die lange Version und 75 die kurze. Jede Frau machte Angaben zur Anamnese und zur Anwenderfreundlichkeit. Für alle Skalen des CBSEI und der Kurzform wurde die Reliabilität durch Cronbachs Alpha berechnet (siehe Kasten). Reliabilität bezeichnet die Zuverlässigkeit der Messungen der Fragebögen. Für die Kurzform wurde zudem ermittelt, ob tatsächlich die Selbstwirksamkeit gemessen wird. Es wurde die Validität berechnet.

 

Definition

 

Cronbachs Alpha ist eine nach Lee Cronbach benannte Maßzahl für die interne Konsistenz einer Skala. Sie bezeichnet das Ausmaß, in dem die Aufgaben oder Fragen einer Skala miteinander in Beziehung stehen. Cronbachs Alpha wird vor allem in den Sozialwissenschaften oder in der Psychologie verwendet – insbesondere bei der Testkonstruktion und -evaluation.

 

Ergebnisse und Schlussfolgerung

 

Erstgebärende zeigten ein geringeres Vertrauen in ihre Fähigkeit der Geburtsbewältigung im Vergleich zu Mehrgebärenden.

So kann für den CBSEI festgestellt werden, dass der Mittelwert bei Erstgebärenden 394,0 Punkte gegenüber 415,3 Punkten bei Mehrgebärenden betrug. Es waren maximal 620 Punkte möglich. Bei der Kurzform lag der Mittelwert der Erstgebärenden bei 193,8 Punkten gegenüber einem Mittelwert von 204 Punkten bei Mehrgebärenden. Hier können maximal 320 Punkte erreicht werden.

Die Reliabilität, also die Treffsicherheit, konnte nachgewiesen werden. Vier Cronbachs Alpha-Werte lagen im guten Bereich (≥ 0,80) und zwei Werte im befriedigenden Bereich (≥ 0,75).

Für die Kurzform (n=75) lässt sich noch Folgendes feststellen: Es zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Bildungsstand und ermittelter Selbstwirksamkeit. Frauen mit niedrigerem Schulabschluss wiesen höhere Mittelwerte auf als jene mit höherer Schulbildung (p=0,01).

Insbesondere die Kurzform des CBSEI ist ein vielversprechendes Instrument für Schwangere in Deutschland. Sie kann dazu beitragen, Frauen zu bestärken und ihnen Bewältigungsstrategien aufzuzeigen. Die Beantwortung dauert nur circa zehn Minuten. Das Instrument ist gut in die tägliche Arbeit integrierbar, zum Beispiel während Beratungsgesprächen oder CTG-Kontrollen.

Dass Mehrgebärende höhere Werte aufwiesen, könnte daran liegen, dass sie schon Vorerfahrungen besitzen. Dies zeigt, dass sich eine erlebte Geburt stärkend auf die Selbstwirksamkeit auswirken kann (Drummond & Rickwood 1997).

 

Empfehlungen für die Hebamme

 

Das Prinzip der Selbstwirksamkeit ist schon lange in die Hebammenarbeit integriert.

In Geburtsvorbereitungskursen geht es unter anderem darum, die Zuversicht der Schwangeren zu stärken. Drei wichtige Säulen sind Körperarbeit, Wissensvermittlung und Angstreduzierung. Zu den Quellen der Selbstwirksamkeit gehören neben der verbalen Ermutigung auch eigene und stellvertretende Erfahrungen. Geburtsberichte können durchaus eine positive Wirkung haben. So können Geburtsvorbereitungskurse dazu beitragen, die Zuversicht der Frauen zu stärken und zu fördern. Die Bewältigungsstrategien des CBSEI können den Gebärenden zeigen, welche Möglichkeiten sie haben, zuversichtlich zu gebären. Es ist ein effektiver Weg, sie in ihrer Überzeugung „Was ich will, das kann ich auch!" zu stärken.

Der Fragebogen kann zudem ideal in der Schwangerenberatung eingesetzt werden.

Rubrik: Ausbildung & Studium | DHZ 04/2015

Literatur

Abujilban, S.; Sinclair, M.; Kernohan, W.G.: The translation of the Childbirth Self-Efficacy inventory into Arabic Evidence Based Midwifery. 10: 45-49 (2012)

Bandura, A.: Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychol Rev. 84: 191-215 (1977)

Berentson-Shaw, J.; Scott, K.; Jose, P.: Do self-efficacy beliefs predict primiparous labour and birth experience? J Reprod Infant Psychol. 27 (4): 357-73 (2009)
»

Ich bin Abo-Plus-Leserin und lese das ePaper kostenfrei.

Ich bin Abonnentin der DHZ und erhalte die ePaper-Ausgabe zu einem vergünstigten Preis.

Upgrade Abo+

Jetzt das Print-Abo in ein Abo+ umwandeln und alle Vorteile der ePaper-Ausgabe und des Online-Archivs nutzen.

Aktions-Abo DHZ
Aktuelle Ausgabe der Deutschen Hebammen Zeitschrift