Domperidon

Die Milchbildung unterstützen

Es ist verschreibungspflichtig und wurde ursprünglich gegen Übelkeit und Erbrechen entwickelt, aber es unterstützt die Milchbildung zuverlässig: Domperidon wird von Adoptivmüttern im Off-Label-Use verwendet, die ihr Baby stillen möchten. Ein Überblick zur Studienlage. Katrin Bautsch | Susanne Klinge
  • Domperidon erhöht den basalen Prolaktinwert – es induziert Wachstum und Transformation des Brustdrüsengewebes und auch die Milchbildung.

  • Domperidon ist ein Medikament, das 1974 ursprünglich zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen entwickelt wurde (Antiemetikum). 1978 wurde es in den USA, 1979 in der Schweiz und in (West-)Deutschland unter dem Handelsnamen Motilium® zugelassen. Domperidon ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das zur Milchmengensteigerung nicht zugelassen ist und somit im Off-Label-Use angewendet wird.

    Domperidon ist ein Prolaktinagonist, es erhöht den basalen Prolaktinwert. Es induziert Wachstum und Transformation des Brustdrüsengewebes (Laktogenese I) und die Milchbildung, wenn die Brust ausreichend stimuliert und geleert wird (Laktogenese II). Der erste Effekt tritt drei bis vier Tage nach Beginn der Einnahme ein. Die maximale Wirkung ist nach zwei bis drei Wochen erreicht. Die Dosierung für einen optimalen Effekt beträgt pro Tag 3 x 30 mg (etwa alle 8 Stunden). Bei ausreichender beziehungsweise maximaler Milchproduktion wird die Dosis individuell stufenweise reduziert, wenn das Kind gut gedeiht.

     

    Wechselwirkungen

     

    Domperidon darf nicht gleichzeitig mit Medikamenten eingenommen werden, die sich ebenfalls auf den Herzrhythmus auswirken können (zum Beispiel Erythromycin, Azithromycin und Moxifloxacin, Haloperidol, Citalopram oder Amiodaron). Ebenso darf es nicht mit Medikamenten kombiniert werden, die Cytochrom P-450 hemmen, weil sich Domperidon dann stark im Blut anreichert und ein höheres Risiko für unerwünschte Wirkungen besteht (beispielsweise Indinavir, Nelfinavir, Ritonavir, Clarithromycin, Itraconazol, Ketoconazol, Diltiazem und Verapamil). Anticholinergika beeinträchtigen die Aufnahme von Domperidon und verringern dessen Wirkung. Grapefruit(-saft) behindert den Abbau von Domperidon und verstärkt dessen Wirkung.

     

    Nebenwirkungen

     

    Da Domperidon die Blut-Hirn-Schranke nicht in signifikanten Mengen überwinden kann, hat es nahezu keinen Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Deshalb vertragen die Frauen es besser als Metoclopramid (MCP), das ebenfalls die Milchbildung unterstützen kann, aber häufig unangenehme Nebenwirkungen hat, wie Fatigue, Irritabilität, extrapyramidales Syndrom.

    Nebenwirkungen von Domperidon sind bei stillenden Frauen sehr selten. Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Bauchkrämpfe, Unruhe oder Gewichtszunahme verschwinden nach wenigen Tagen beziehungsweise nach Reduktion der Dosis.

    Die Übertragung in die Muttermilch ist sehr gering aufgrund der hohen Proteinbindung von 93 % im mütterlichen Plasma und der oralen Bioverfügbarkeit von 15 % (relative Dosis 0,1–0,35 %). Nebenwirkungen beim Baby sind nicht zu erwarten. Die Menge, die durch die Muttermilch übertragen wird, ist sehr gering im Vergleich zu den Mengen, die bei der Behandlung von Säuglingen mit Reflux mit Domperidon verwendet werden.

    Die Medikation sollte stufenweise langsam ausgeschlichen werden, um Nebenwirkungen zu vermeiden, die durch ein plötzliches Absetzen auftreten können, etwa Angst, Unruhe oder Rückgang der Milchmenge.

    2004 gab die Federal Drug Administration (FDA) in den USA eine Warnmeldung zu Domperidon wegen möglicher Nebenwirkungen am Herzen heraus. Diese waren bei intravenöser Gabe bei schwerkranken Patient:innen aufgetreten, die eine Chemotherapie erhielten.

     

    Domperidon blockiert Dopamin

     

    Domperidon wirkt in der Peripherie als selektiver Dopamin-D2– und -D3-Rezeptorantagonist. Es blockiert die Andockstellen von Dopamin, so dass der Botenstoff nicht mehr selbst binden und seine Wirkung entfalten kann. Da der Wirkstoff jedoch die Blut-Hirn-Schranke nicht oder kaum überwinden kann, wirkt er nicht auf die Dopamin-Rezeptoren im zentralen Nervensystem (ZNS) und somit sind Auswirkungen auf die Psyche nahezu ausgeschlossen.

    > www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Domperidon_766

    > www.netdoktor.de/medikamente/domperidon/

    Birgit Heimbach

     

    Warnhinweise aus zwei Studien

     

    2012 verabschiedete das kanadische Gesundheitsministerium eine Warnmeldung zur oralen Gabe von mehr als 30 mg pro Tag wegen möglicher Nebenwirkungen am Herzen. Diese basierte auf zwei Studien aus Kanada und den Niederlanden (Johannes et al,, 2010; van Noord et al., 2010). Die Informationen in diesen Studien stammten aus Datenbanken und zeigten keine nachteiligen gesundheitlichen Auswirkungen durch Domperidon.

    Das Risiko, kardiale Probleme durch die Einnahme von Domperidon zu entwickeln,

    • ist für jüngere Menschen sehr viel geringer als für ältere.
    • entsprach bei jüngeren Patient:innen dem, was zufällig in der Bevölkerung auftritt.
    • ist bei Frauen signifikant niedriger als bei Männern.
    • sank mit der Einnahmedauer.
       

    Personen unter 60 Jahren und Frauen hatten kein erhöhtes Risiko. Das durchschnittliche Alter der Patient:innen betrug 79,4 beziehungsweise 72,5 Jahre (Johannes et al., 2010; van Noord et al., 2010).

    Viele Patient:innen hatten Vorerkrankungen wie Hypertonie, koronare Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz. Informationen über Risiken fehlen in beiden Studien, etwa zum Raucherstatus oder über die Einnahme nicht verschreibungspflichtiger Medikamente.

    Die niederländische Studie enthielt keine Information über Dosierungen. Die Warnung, Domperidon in höheren Dosierungen über 30 mg pro Tag zu verwenden, basierte nur auf der kanadischen Studie.

    Von 1.304 Verstorbenen hatten nur 10 Patient:innen zum Zeitpunkt ihres Todes Domperidon genommen. Nur bei 4 dieser 10 Patient:innen wurden die Einnahme höherer Dosierungen dokumentiert (> 30 mg pro Tag).
    Die Autor:innen warnten Ärzt:innen davor, höhere Dosierungen zu verschreiben. Sie empfahlen, Patient:innen mit einem hohen Risiko für kardiale Nebenwirkungen kein Domperidon zu verschreiben.

    Es ist möglich, dass Patient:innen Domperidon wegen eines vermuteten Magen-Darm-Problems einnahmen, obwohl die Symptome mit einem Herzproblem zusammenhingen. Da Domperidon in Teilen Europas rezeptfrei erhältlich ist, ist es denkbar, dass mehr Personen sich selbst mit Domperidon behandelten, als in der niederländischen Studie angegeben (da die Studie nur Verschreibungen von Domperidon berücksichtigte).

    In den Rote-Hand-Briefen vom 20. August 2014 und 29. April 2019 schloss man sich der Empfehlung an, die Verwendung von Domperidon-haltigen Arzneimitteln zur Minimierung von kardialen Risiken einzuschränken, Domperidon nur zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen zu verwenden und die maximale Tagesdosis auf 30 mg begrenzen.

    Domperidon ist kontraindiziert:

    • bei Patient:innen mit mäßigen oder schweren Leberfunktionsstörungen
    • bei Patient:innen mit verlängertem kardialem Reizleitungsintervall insbesondere der QTc-Zeit
    • bei Patient:innen mit signifikanten Elektrolyt-Störungen oder zugrundeliegenden Herzerkrankungen wie kongestiver Herzinsuffizienz
    • bei gemeinsamer Verabreichung mit QTc-verlängernden Arzneimitteln
    • bei gemeinsamer Verabreichung mit stark wirksamen CYP3A4-Inhibitoren.

     

    Aktuelle Studienlage

     

    Zahlreiche jüngere Studien liefern beruhigende Beweise dafür, dass stillende Frauen Domperidon sicher anwenden können.

    Alle Frauen, die an einer Studie der Epidemiologin Elizabeth V. Asztalos und ihrem Forschungsteam aus Toronto teilnahmen, hatten ein EKG zu Beginn und am Ende der Studie. Die Autor:innen beobachteten bei keiner der Mütter Hinweise auf eine Verlängerung des QTc-Intervalls (Asztalos et al., 2017).

    Die stärkste Evidenz stammt aus einer kanadischen bevölkerungsbasierten Kohortenstudie mit 320.351 Frauen, von denen 45.163 innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt Domperidon verschrieben wurde (Smolina et al., 2016). Das primäre Ziel war es, ventrikuläre Arrhythmien nachzuweisen. Es wurden Daten erhoben, ob die Frauen eine Vorgeschichte bezüglich ventrikulärer Arrhythmien hatten oder entwickelten.

    Wie auch in einer Studie von 2017 wurden bei den Frauen ohne Vorgeschichte keine Fälle von ventrikulärer Arrhythmie identifiziert (Grzeskowiak et al., 2017).

    Eine kürzlich durchgeführte randomisierte, doppelblinde Placebo- und positiv-kontrollierte Sicherheitsstudie ergab, dass Domperidon in Dosen von bis zu 80 mg pro Tag bei gesunden weiblichen Freiwilligen keine klinisch relevante Verlängerung des QTc-Intervalls verursachte.

    Diese Ergebnisse liefern unterstützende Beweise für das begrenzt erhöhte Risiko ventrikulärer Arrhythmien bei Frauen ohne Vorgeschichte und bekräftigen, dass Domperidon bei Frauen mit Vorgeschichte vermieden werden sollte.

     

    Fazit

     

    Die Studien von 2010, die zu Warnmeldungen geführt haben, zeigen diverse methodische und qualitative Mängel zur Übertragbarkeit von kardialen Risiken auf die Personen, denen wir Domperidon verschreiben: junge, gesunde Frauen.

    Der kanadische Kinderarzt Jack New­man (siehe Kasten) beschreibt, dass seit über 30 Jahren bei Tausenden von Frauen keine diese Nebenwirkungen am Herzen bekannt wurden. Die aktuelle Studienlage bestätigt dies, genauso wie die eigenen klinischen Erfahrungen.

    Vorgestellt

     

    Dr. Jack Newman

     

    Der Kinderarzt Dr. Jack Newman gründete 1984 die erste krankenhaus­basierte Stillklinik in Kanada, das International Breastfeeding Centre (IBC), eine weltweit anerkannte Klinik samt Ausbildungszentrum in Toronto. Das IBC bietet das Lactatation Medicine Programm an: eine qualitativ hochwertige Ausbildung für international zertifizierte Laktationsberater:innen (IBCLC) mit einem theoretischen und einem optionalen praktischen Teil, um das Examen des International Board of Lactation Consultant Examiners abzulegen.

    Newman war Berater der UNICEF für die Baby Friendly Hospital Initiative und unterstützte Krankenhäuser in Gabun, Elfenbeinküste und in Kanada. 2013 wurde er mit der Queen`s Jubilee Medal für seine Verdienste um die Gemeinschaft ausgezeichnet.

    Birgit Heimbach

    Rubrik: Ausgabe 10/2022

    Erscheinungsdatum: 22.09.2022

    Nachgefragt

    Nachgefragt

    Birgit Heimbach: Wie oft würde das induzierte Stillen auch ohne das Medikament Domperidon klappen?

    Katrin Bautsch: Durch ausschließliches Stimulieren ohne Medikation dauert eine induzierte Laktation deutlich länger und der Erfolg ist sehr unterschiedlich. Ich kenne keinen Bericht darüber, dass eine Mutter in eine ausreichende Laktation gekommen ist. Leider kennen sich nur sehr wenige mit diesem Thema ausreichend aus.

     

    Birgit Heimbach: Sie verordnen das Medikament Domperidon etwas anders als Jack Newman.

    Susanne Klinge: Jack Newman gibt Domperidon bis zur Einführung der Beikost. Wir haben festgestellt, dass die Gabe ausgeschlichen werden kann und nicht mehr notwendig ist, wenn die Milchbildung vollständig etabliert ist.

     

    Birgit Heimbach: Dürfen IBCLC oder Hebammen Domperidon eigenständig geben?

    Katrin Bautsch: Nein, das Medikament ist verschreibungspflichtig.

    Susanne Klinge: Zusätzlich ist eine ausführliche ärztliche Aufklärung über die Nutzung im Off-Label-Use über Vor- und Nachteile, Risiken und Nebenwirkungen verpflichtend.

     

    Birgit Heimbach: Vielen Dank!

    Hinweis

    Die Autorinnen danken Erika Nehlsen (IBCLC) für ihren jahrzehntelangen Einsatz bei der Ausbildung von Still-und Laktationsberaterinnen und in der Stillberatung. Sie ist der Ursprung unseres Wissens und unserer Inspiration, die wir auch mit unseren beiden Artikeln weitergeben möchten.

    Literatur

    Academy of Breastfeeding Medicine (2011). ABM Protocol Number 9: use of galactogogues in initiating or augmenting the rate of breast milk secretion. Breastfeed Med, 6(1):41–49.

    Asztalos, E. V., Campbell-Yeo, M., da Silva, O. P., Ito, S., Kiss, A., Knoppert, D., & EMPOWER Study Collaborative Group (2017). Enhancing Human Milk Production With Domperidone in Mothers of Preterm Infants. Journal of human lactation: official journal of International Lactation Consultant Association, 33(1), 181– 187. https://doi.org/10.1177/0890334416680176

    Biewenga, J.; Keung, C.; Solanki, B.; Natarajan, J.; Leitz, G.; Deleu, S.; Soons, P. (2015). Absence of QTc prolongation with domperidone: A randomized, double-blind, placebo-and positive-controlled thorough QT/QTc study in healthy volunteers. Clin. Pharmacol. Drug Dev., 4, 41–48. 

    Da Silva, O.P., Knoppert, D.C., Angelini, M.M., Forret, P.A. (2001). Effect of domperidone on milk production in mothers of premature newborns: a...

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