Evidenzbasierte Praxis

Im Hasen- oder Schildkröten-Tempo

  • Die Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin Caroline Homer sieht bei der Etablierung von Evidenzen in der Praxis die "Hasen" und die "Schildkröten".

  • Eine der großen Herausforderungen unserer Zeit ist die Implementation wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Arbeitsalltag. Es hat sich herausgestellt, dass es durchschnittlich 17 Jahre braucht, bevor eine Evidenz im klinischen Alltag angekommen ist.

    In der Geburtshilfe ist laut einer Studie der Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Caroline Homer zu beobachten, dass manche Erkenntnisse sehr schnell umgesetzt werden (die „Hasen“), während andere ewig brauchen (die „Schildkröten“). Eine „Schildkröte“ sei beispielsweise die Gabe von Kortison zur Lungenreifung bei drohenden Frühgeburten. Die ersten Tierstudien liefen 1960 in Neuseeland, 1972 gab es die erste randomisierte Studie und erst 1990 das erste Review, das die Wirkung bestätigte. Seitdem wird die Lungenreifung nicht mehr nur in den reichen Ländern angewendet.

    Ein „Hasenbeispiel“ mit praktischer Anwendung sei die Term-Breech-Trial-Studie (TBT) aus dem Jahr 2000, die später wegen fachlicher Mängel schwer kritisiert wurde. Quasi über Nacht seien die Ergebnisse bedenkenlos geglaubt worden und führten schnell zu einer fast hundertprozentigen Sectiorate bei Beckenendlagen. Selbst jetzt, da die Mängel der Studie bekannt seien, sei ein Zurücktreten von den überhasteten Maßnahmen nur sehr langsam möglich.

    Eine „Schildkröte“ sei dagegen die kontinuierliche Betreuung einer Schwangeren durch eine Hebamme, eine komplexe „Intervention“ mit großer Evidenz. Die erste Studie dazu wurde 1989 von der englischen Hebamme Caroline Flint veröffentlicht. Weitere Studien aus Australien, Großbritannien und Kanada folgten. Das erste systematische Review erschien 2008 und wurde 2013 und 2016 neu aufgelegt.

    Auch die WHO empfehle, dass die hebammengeleitete kontinuierliche Betreuung von Schwangeren in Umgebungen mit gut funktionierenden Hebammensettings implementiert werden sollte. Vielleicht könne diese „Schildkröte“ in einen etwas schnelleren Gang versetzt werden.

    Auch wenn „Hasen und Schildkröten“ identifiziert werden können, bedürfe es des Überdenkens der eigenen Werte und Verantwortlichkeiten dafür, dass manches sich schnell und anderes nur zögerlich umsetzen lasse.

    Hebammen seien dafür verantwortlich, dass hochevidente Techniken schneller in den Alltag übernommen und andere, für die es keinen Wirkungsnachweis gibt, unterlassen werden.

    Quelle: Homer C: Getting evidence into practice – Managing hares and tortoises. Elsevier 2018. 31(6):432–432. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2018.10.006 DHZ

    Rubrik: Beruf und Praxis

    Erscheinungsdatum: 04.06.2019