Cara

Funktionalisierung von Beratung?!

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat einen Beitrag zur „Nichtinvasiven Pränataldiagnostik“ herausgegeben, indem sich die EKD für die Zulassung der „Bluttests“ in der Frühschwangerschaft als Kassenleistung ausspricht. Dies unter einem „gesellschaftlich verankerten Beratungskonzept“.

Cara – Beratungsstelle zu Schwangerschaft und Pränataldiagnostik hat dazu eine Stellungnahme verfasst:

"Als Schwangerenberaterinnen von Cara – unter dem Dach der Bremischen Evangelischen Kirche – begrüßen wir, dass sich die EKD an der Debatte um nichtinvasive genetische Tests (NIPT) in der Frühschwangerschaft beteiligt.

Mit Verwunderung haben wir allerdings festgestellt, dass sich die EKD für eine Zulassung der genetischen Tests als Kassenleistung ausspricht mit der Bedingung, dass eine neue psychosoziale, dem Lebensschutz verpflichtete Beratung eingeführt wird. Die EKD übersieht, dass es bereits seit Jahren ein gesetzlich verankertes, gesellschaftlich finanziertes psychosoziales Beratungsangebot zu allen Fragen rund um Pränataldiagnostik gibt. Jede Schwangerenberatungsstelle muss zu diesem Thema Beratung vorhalten (und/oder an entsprechende Stellen weiterverweisen). Schwangerenberaterinnen qualifizieren sich seit Jahren zu diesem Thema.

In ihrer Stellungnahme ignoriert die EKD wichtige Erfahrungen und Entwicklungen, die in den vergangenen (mindestens zehn Jahren) mit ethisch verantwortungsvoller Beratung zu Pränataldiagnostik gemacht wurden. Wir wissen auf Grund unserer langjährigen Erfahrung, dass Schwangerenberatung äußerst selten vor Inanspruchnahme von Pränataldiagnostik hinzugezogen wird. Schwangerenberatung im Kontext von Pränataldiagnostik hilft im Wesentlichen bei der Bewältigung der Konsequenzen einer bereits getroffenen Entscheidung, in den meisten Fällen der des Schwangerschaftsabbruchs. Zudem finden die individuellen Entscheidungen auch in unserem gesellschaftlichen Rahmen statt (zum Beispiel, was erscheint als gesellschaftlich gewünscht, wie steht es um Inklusion, wie sind die finanziellen Hilfen).

Von daher würde eine Aufnahme des NIPT in der Frühschwangerschaft in den Leistungskatalog der Krankenkassen unserer Erfahrung nach signalisieren, dass diese Tests zur Schwangerenvorsorge dazugehören. Es entsteht der Eindruck, sie seien sinnvoll, notwendig und erwünscht. Geburten von Kindern, beispielsweise mit einer Trisomie, seien zu verhindern.

Die Aufnahme genetischer Tests in der Frühschwangerschaft in den Leistungskatalog der Krankenkassen erscheint so als eine Form der gesellschaftlich akzeptierten Selektion.

NIPT in der Frühschwangerschaft (vor der 12. SSW) hat keinerlei therapeutischen oder medizinischen Nutzen. Die Anwendung der bereits auf dem Markt befindlichen Tests (Praena, Harmonie, Panorama Test) sind sogar unter medizinischen Aspekten fragwürdig und in ihrer Aussagekraft längst nicht so sicher, wie sie von den Herstellern beworben werden (siehe Stellungnahme BVNP August 2018).

Der Ausbau von Beratung wird in der Debatte um Pränataldiagnostik immer wieder gefordert. Sie übernimmt ganz sicher eine immens wichtige Aufgabe. Beratung sollte aber nicht dazu benutzt werden, ethisch schwierige, ambivalente Entscheidungen in die individuelle Verantwortung der schwangeren Frau, des Paares abzuschieben. Eine ergebnisoffene Beratung, die eine selbstbestimmte, ethisch begründete Entscheidung unterstützt, wird auf diesem Hintergrund immer schwieriger.

Wir sehen uns in der Stellungnahme der EKD nicht vertreten und möchten sie nicht unkommentiert mittragen. Wir wünschen uns eine Debatte, bei der die Schwangerenvorsorge wieder im Mittelpunkt steht und nicht die Suche nach (genetischen) Abweichungen von der Norm."

Quelle: Cara, 3.12.2018