»Clinical Opinion« im American Journal of Obstetrics & Gynecology

»Obstetric violence« oder »obstetric mistreatment«?

  • Die Autor:innen einer »Clinical opinion« im AJOG schlagen die Verwendung des Begriffs »obstetric mistreatment« anstelle von »obstetric violence« vor.

  • Der Begriff »Gewalt in der Geburtshilfe« wird in verschiedenen Ländern verwendet, um verbale, psychische und physische Grenzüberschreitungen während der Geburt zu beschreiben. Frauen sollen gesetzlich vor Übergriffen und Missbrauch geschützt sein. Dabei sind weder der Gedanke noch der Begriff neu. So lässt sich der Begriff »obstetric violence« bis ins Jahr 1827 zurückverfolgen: Der Geburtshelfer James Blundell verwendete diesen bereits vor fast zwei Jahrhunderten bei einer Publikation in Lancet, jedoch wurde mit dem Begriff damals die manuelle Lösung der Plazenta nach einer Retention beschrieben.

     

    Missverständnisse oder falsche Vorstellungen

     

    In einer kürzlich publizierten »Clinical opinion« im American Journal of Obstetrics & Gynecology wird die Verwendung des Begriffs »Gewalt in der Geburtshilfe« kritisch hinsichtlich einer »Fehlbezeichnung« diskutiert.

    Aufgezeigt wird, dass die derzeitige Verwendung des Begriffs ein Spektrum geburtshilflicher Verfahren umfasst, die auch Interventionen wie Geburtseinleitung, Dammschnitt und Kaiserschnitt einschließen. In diesen Zusammenhängen wird Gewalt in der Geburtshilfe zum Teil emotional diskutiert.

    Die Autor:innen kritisieren, dass dies zu Missverständnissen oder falschen Vorstellungen führen könne. Aus ihrer Sicht könne gerade der Ausdruck von »Gewalt« auf eine vorsätzliche Gewalttat im Sinne vorsätzlicher Anwendung physischer Gewalt von Gesundheitsdienstleistern interpretiert werden. Dies entspräche jedoch nicht der Realität, weil ursächlich häufig systemische Probleme, mangelnde Ausbildung oder Missverständnisse zugrunde liegen. »Misshandlung« hingegen sei ein Begriff, der nicht einvernehmlich durchgeführte medizinische Eingriffe, verbalen Missbrauch, Respektlosigkeit oder Diskriminierung besser zum Ausdruck bringe.

    Die Autoren streiten nicht ab, dass Übergriffigkeit, Fehlverhalten und Gewalt gegenüber schwangeren oder gebärenden Frauen in der Praxis auftreten können. Da jedoch im Fokus der Geburtshilfe die Gesundheit und das Wohlbefinden der Schwangeren und ihrer Kinder stehe, sei die Gewalt ihnen gegenüber niemals ein beabsichtigter Bestandteil professioneller geburtshilflicher Versorgung.

     

    Unprofessionelle Handlungen abgrenzen

     

    Sie leiten daraus ab: Es sei notwendig, den Begriff »Gewalt in der Geburtshilfe« breiter zu fassen und unter Berücksichtigung struktureller Einflussfaktoren anders zu thematisieren. Sie schlagen die Verwendung des Begriffs »obstetric mistreatment« anstelle des Begriffs »obstetric violence« vor, um unprofessionelle Handlungen zum Ausdruck zu bringen.

    Aus ihrer Sicht wird damit das Fehlverhalten selbst zum Ausdruck gebracht, jedoch nicht Vorsätzlichkeit impliziert. »Misshandlung in der Geburtshilfe« beziehe sich als breiter Begriff auf unprofessionelles, schädigendes, gleichgültiges, unhöfliches, nachlässiges oder respektloses Verhalten und könne darüber hinaus auch schwerwiegende missbräuchliche Handlungen enthalten.

    Die Autor:innen sprechen sich für eine unvoreingenommene, respektvolle und frauzentrierte professionelle Betreuung aus, eine Bereitstellung eines ethischen Rahmens für die gesamte Betreuung sowie Veränderungen ursächlicher systemischer Grundprobleme, um Misshandlungen in der Geburtshilfe zu verhindern.

    Quelle: Chervenak, F. A., McLeod-Sordjan, R., Pollet, S. L., De Four Jones, M., Gordon, M. R., Combs, A., Bornstein, E., Lewis, D., Katz, A., Warman, A., & Grünebaum, A. (2024). Obstetric violence is a misnomer. American journal of obstetrics and gynecology, 230(3S), S1138–S1145. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2023.10.003 · Beate Ramsayer/DHZ

     

    Rubrik: Geburt

    Erscheinungsdatum: 05.06.2024