Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene

Hebamme und Ärztin Anna Rockel-Loenhoff ausgezeichnet

Als eine von 14 PreistägerInnen wurde am 11. November 2018 die Hebamme und Ärztin Anna Rockel-Loenhoff mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene ausgezeichnet. Ihr Text „Die Menschenwürde ist angreifbar” schildert eindringlich und reflektierend die persönliche Erfahrung, wie die Geburtshelferin vor zwei Jahren am Abend des 17. Dezember 2016, für sie unerwartet, in ihrem Haus von vier zivilen Polizeibeamten abgeholt und in Handschellen zum Antritt ihrer Gefängnisstrafe abgeholt worden war. Das Urteil „schuldig des Totschlags“ war im Oktober 2014 nach einem Aufsehen erregenden Prozess am Landgericht Dortmund gefallen. Ihr war zur Last gelegt worden, für den Tod eines kleinen Mädchens bei seiner außerklinischen Geburt verantwortlich zu sein (siehe Baumgarten, DHZ 4/2013 bis 12/2014).

Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis sollen zum einen Inhaftierte unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft und damit die kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden. Die Ehrung der PreisträgerInnen fand in feierlichem Rahmen in der Kommende Dortmund statt, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn. Anders als die meisten anderen PreisträgerInnen, hatte die Geburtshelferin aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin anreisen und die Ehrung persönlich entgegennehmen können.

Im Rahmenprogramm äußerte sich Schirmherr Dr. Thomas Galli, Rechtsanwalt, Buchautor und ehemaliger JVA-Leiter, kritisch und nachdenklich über Sinn und Unsinn des deutschen Strafvollzugs. Mit „Wegsperren“ schaffe sich die Gesellschaft mehr Probleme, als sie löse. Der Resozialisierungsgedanke, der seit den 1970er Jahren mit dem deutschen Strafvollzug verknüpft sei, gehe in den meisten Fällen so nicht auf. Täter würden gesellschaftlich isoliert und fänden nach Verbüßen ihrer Haftstrafe zerstörte Beziehungs-, Berufs- und Lebensstrukturen vor, wodurch sie häufig wieder rückfällig würden. Menschen, die Normen gebrochen hätten, sollten auf sinnvollere Weise dazu beitragen, verursachten Schaden wieder gut zu machen. Allenfalls im Schutz vor gefährlichen Gewalttätern hätten Gefängnisse ihren Sinn. Als „Revanche“ für erlittenen Schaden und Leid nütze die Haftstrafe langfristig nicht.

Die ausgewählten 16 sehr unterschiedlichen „Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2018“ werden im Rhein-Mosel-Verlag als Buch unter dem Titel „Begegnungen in der Welt des Widersinns” herausgegeben.

Quelle: Katja Baumgarten, 15.11.2018 ∙ DHZ