Landgericht Dortmund

Hebamme und Ärztin wegen Totschlags verurteilt

Nach über zwei Jahren und insgesamt 59 Verhandlungstagen ging am 1. Oktober der Schwurgerichtsprozess gegen eine praktische Ärztin und Hebamme vor dem Dortmunder Landgericht zu Ende (die DHZ berichtete ausführlich in bislang 14 Folgen). Die Geburtshelferin wurde zu sechs Jahren und neun Monaten Haft wegen Totschlags verurteilt. Davon gelten drei Monate durch die lange Verfahrensdauer und die Untersuchungshaft als bereits verbüßt. Daneben wurde ein lebenslanges Berufsverbot sowohl als Ärztin als auch als Hebamme verhängt. Außerdem wurde sie zu einer fünfstelligen Schadensersatzsumme den Eltern des verstorbenen Kindes gegenüber verpflichtet, sowie zu einer lebenslangen monatlichen Zahlung an die Mutter. Die Verurteilte hat die Verfahrenskosten zu tragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung hat einen Antrag auf Revision vor dem Bundesgerichtshof angekündigt.

Die Ärztin und Hebamme hatte im Juni 2008 die außerklinische Geburt eines in Lettland lebenden deutschen Paares begleitet. Das Paar war bereits am Ende der Schwangerschaft aus Riga angereist, und hatte die erfahrene Geburtshelferin um die Betreuung der Geburt ihres Kindes aus Beckenendlage gebeten. In Lettland wäre bei einer Steißlage eine Entbindung per Kaiserschnitt die Option gewesen. Planmäßig hatte die Geburt in der Praxis der Ärztin und Hebamme stattfinden sollen. Die Eltern schafften es jedoch nicht mehr rechtzeitig dorthin zu kommen, so dass die Geburtshelferin sie kurzerhand im Hotel aufsuchte, wo sie sich seit vier Wochen eingemietet hatten.

Die vom Gericht festgestellte Schuld des Totschlags ist bei einem medizinischen Schadensfall hierzulande bislang einmalig. Das Gericht begründet das Urteil damit, dass im Handeln der seit über 30 Jahren praktizierenden Ärztin und Hebamme bedingter Vorsatz zu erkennen sei. Das Kind war leblos zur Welt gekommen. Es hatte nicht reanimiert werden können.

Die genaue Todesursache wurde im Laufe des Prozesses, in dem immer wieder neue Gutachten und Beweisanträge bewertet werden mussten, nicht zweifelsfrei geklärt. Die Schwurgerichtskammer geht in der mündlichen Urteilsbegründung von einem Tod durch Sauerstoffmangel aus. Der Tod des Mädchens hätte nach Auffassung des Gerichts durch die Geburt in einer Klinik – in diesem Fall durch eine frühzeitige Verlegung und eine Kaiserschnittentbindung – abgewendet werden können. Die Eltern des Kindes waren als Nebenkläger aufgetreten. Die Geburtshelferin hatte ihre Unschuld beteuert, die Verteidigung Freispruch gefordert.

Bis das Urteil nach einer möglichen Revision rechtskräftig ist, über die voraussichtlich im kommenden Sommer entschieden wird, bleibt die Geburtshelferin auf freiem Fuß, da keine Fluchtgefahr bestehe.

Das Urteil wird vielerorts diskutiert. Welchen Einfluss wird dieser Präzedenzfall auf die Geburtshilfe haben – sowohl auf die Hausgeburtshilfe wie auch auf die Geburtshilfe in der Klinik?

(DHZ, 6.10.2014 – die DHZ wird in den folgenden Ausgaben über weitere Details des Prozessgeschehens und die Folgen des Urteils berichten.)

 

 

 

 

Rubrik: Recht

Erscheinungsdatum: 06.10.2014