Großbritannien versus Katar

Kulturspezifischer Umgang mit Fehlgeburten

15 bis 20 Prozent der Schwangerschaften enden unfreiwillig im ersten Trimester. Entsprechend eines ungeschriebenen Gesetzes verraten die meisten Frauen nicht, dass sie schwanger sind, bevor das erste Trimester überstanden ist. Obwohl Fehlgeburten häufig vorkommen, sind die meisten Frauen überrascht, dass es sie selbst trifft. Besonders häufig bei einem missed abortion, einer verhaltenen Fehlgeburt, bei der keine äußerlichen Zeichen, wie Wehen oder Blutungen registriert wurden. Für fast alle Frauen, die sich über ihre Schwangerschaft gefreut haben, ist die vorzeitige Beendigung ein einschneidendes Erlebnis, dass sie nicht selten verletzt zurücklässt. "Ich hatte das Gefühl des totalen Kontrollverlustes. Meine geplante Zukunft wurde durch den Tod dieses Babys zerstört."

Während einige Frauen befürchten, keine weitere Schwangerschaft erfolgreich austragen zu können, ist es für andere eher der Verlust ihrer Lebensplanung. "Ich hatte mich entschieden, nicht wieder arbeiten gehen zu wollen. Ich wollte wirklich noch ein Kind und hatte mein ganzes Leben darauf ausgerichtet."

Britische Frauen planen gerne ihre Lebensverläufe. Kinder gehören erst relativ spät im Leben dazu. Sie bereiten ihre Schwangerschaften nach der Hochzeit vor, versorgen ihre Körper mit Vitaminen, Sport und reduziertem Alkoholkonsum und nutzen verschiedene Hilfsmittel, um die Schwangerschaftsentstehung genau zu planen. Die Ungeborenen erhalten schon früh in der Schwangerschaft einen Namen und sie sprechen über sie als Personen. Nach einer Fehlgeburt fühlen sie sich verzweifelt, allein und unfähig, das eigene Netzwerk um Hilfe zu bitten.

In Katar hingegen ist das Thema Schwangerschaften und Familienbildung in Frauengesprächen omnipräsent. Traditionell bekommen die Frauen viele Kinder und entsprechend häufig gehören auch Fehlgeburten zum Alltag eines Frauenlebens. Obwohl Geburtenplanung zur Verfügung steht, wird eine Schwangerschaft als normales Outcome des ehelichen Sexuallebens angenommen. Der Verlust eines Kindes wird, wie der Rest des Lebens, als Teil des göttlichen Plans akzeptiert. "Wir glauben daran, dass Allah nicht wollte, dass es geboren wird, weil er das Beste für mich wollte. Das macht uns stark.", sagt eine Mutter, und die Trauer scheint begrenzt. In der Gesellschaft werden die Kinder aus Fehlgeburten als Engel bezeichnet, die ihren Müttern nach deren Tod wieder begegnen und ihnen dann die Tür zum Himmel öffnen. Eine Frau mit vier Fehlgeburten bekam gesagt: "Du Glückliche, du wirst vor dem jüngsten Gericht immer jemanden haben, der dich beschützt".

Viele englische Frauen behalten ihren Verlust für sich, weil sie das Schweigen oder das Unbehagen der anderen nicht aushalten können. Andere wiederum möchten das Schweigen brechen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen: in Gesprächen, in Veröffentlichungen in den sozialen Medien, durch das Tragen von symbolischem Schmuck, Kleidung oder dauerhaften Zeichen auf ihren Körpern, wie Tattoos. Für sie ist es der Weg, der Welt zu demonstrieren, dass dieses Kind für immer ein Teil von ihnen ist. In England haben sich dafür Selbsthilfegruppen, wie die "Miscarriage Assocation" und die "Mumsnet Miscarriage Care Campaign" gebildet, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema Schwangerschaftsverlust richten wollen.

So groß die kulturellen Unterschiede auch sein mögen, von tiefer Trauer, stiller Traurigkeit oder offener Akzeptanz – alle Reaktionen sind normal und hängen von persönlichen Erfahrungen und dem kulturellen Kontext ab. Eines ist aber für alle gleichermaßen hilfreich: Frauen profitieren davon, von den Erfahrungen anderer zu hören.

Quelle:

Kilshaw S: CULTURE LAB. How Culture Shapes Perceptions of Miscarriage. Anthropology/Human. Sapiens 2017. 27.7.2017 ∙ DHZ