Australische Studie mit Klinikhebammen

Perspektivwechsel nach Erfahrungen mit der Hausgeburt

  • Grafik 1: Erfahrungen der Hebammen

  • Welche Erfahrungen machen Klinikhebammen, wenn sie Hausgeburten miterleben? Diese Frage wurde im Rahmen einer australischen Grounded-Theory-Studie untersucht.

    Wie in vielen anderen Ländern mit hohem Einkommen, stellt die Wahl einer Hausgeburt auch in Australien die Ausnahme dar. Im Jahr 2017 fanden 97 Prozent aller Geburten im klinischen Setting statt und der Zugang zu einer Hausgeburt war über zwei Wege möglich: über ein staatlich gefördertes Hausgeburtsprogramm oder selbstständig arbeitende Hebammen. Da selbstständig arbeitende Hebammen in Australien nach verschiedenen Gesetzesänderungen unter anderem einer großen Haftpflichtproblematik ausgesetzt wurden, nahm die Betreuung über das staatlich geförderte Hausgeburtsprogramm zu. Dieses findet derzeit an 15 Standorten statt und umfasst, dass die Haftpflichtversicherung über eine kooperierende Klinik abgedeckt wird. Das bedeutet für Hebammen, die in einer dieser Kliniken arbeiten, dass sie Hausgeburten betreuen können, auch wenn dies zuvor nicht ihr Tätigkeitsspektrum umfasste.

    Im Rahmen der Studie wurden Interviews mit 21 Hebammen und leitenden Hebammen aus acht verschiedenen Krankenhäusern durchgeführt. Sie verfügten über Hausgeburtserfahrungen im Rahmen der staatlich geförderten Hausgeburten, bei denen sie in den vergangenen fünf Jahren anwesend waren oder selbst die Gebärenden betreut haben. Im Rahmen der Grounded-Theory-Studie erfolgten Datenerfassung und Datenauswertung im gleichen Zeitraum. Die Daten wurden über semistrukturierte Telefoninterviews erhoben.

    Vier Hauptkategorien wurden identifiziert: „Der Sprung vom Krankenhaus nach Hause“ („Making the leap from hospital to home“), „Die Geburt in einem neuen Licht sehen“ („Seeing birth in a new light“), „Vertrauen aufbauen“ („Building trust“) und „Anerkennung der Vorteile einer staatlich geförderten Hausgeburt“ („Recognizing the benefits of publicly-funded homebirth“).

    Die Hebammen beschrieben beispielsweise, dass es ungewohnt war, das „Territorium“ der Gebärenden zu ihrer Geburt zu betreten, statt diese, wie bislang gewohnt, in der Klinik zu „empfangen“. Dies bewirkte im Beziehungsgeflecht zwischen Hebamme und Gebärender besondere Dynamiken. Zudem beschrieben Hebammen, dass sie begannen, Gebären in einem neuen Licht zu sehen. Die Ungestörtheit der Geburt hatte ihnen ermöglicht, Gebären anders zu erleben und die Physiologie der Geburt neu zu verstehen.

    Die Autorinnnen schlussfolgern aus ihren Ergebnissen, dass Hebammen nach dem Erlebnis einer Hausgeburt einen veränderten Blick auf die Physiologie einer Geburt entwickeln, der positive Auswirkungen auf ihre Hebammenarbeit im Krankenhaus und im Hausgeburtssetting hat.

    Quelle: Coddington R, Catling C, Homer C: Seeing birth in a new light: The transformational effect of exposure to homebirth for hospital-based midwives. Midwifery 2020. 88. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32497819/DHZ

     

     

     

     

    Rubrik: Geburt

    Erscheinungsdatum: 09.06.2020