Deutscher Fachverband für Hausgeburtshilfe (DFH)

Urteil im Strafprozess gegen eine Kollegin - eine Stellungnahme

Das Landgericht Dortmund hat eine Kollegin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Die schriftliche Urteilsbegründung liegt noch nicht vor. Das Gericht hat in seiner mündlichen Urteilbegründung ausgeführt, dass es die Kollegin wissentlich und wollend unterlassen hat, mögliche Hilfe zu einer Geburt hinzuzuziehen und hierdurch den Tod eines Kindes verursacht hat. Dies sieht das Gericht als nachgewiesen an. Die Eltern des Kindes wollen das Geschehene jetzt nicht mehr hinnehmen, aber nutzten ihr Recht, die Umstände ihrer Geburt frei zu wählen. Sie gestalteten den Geburtsverlauf ihres ersten Kindes bis zum Eintreffen der Kollegin alleine, obwohl eine Geburt normalerweise von Anfang an mit Hilfe von medizinischem Fachpersonal durchgeführt wird.

In dem über zwei Jahre laufenden Prozess schürte der menschliche, sachliche und fachliche Umgang gegen unsere Kollegin Ängste und Misstrauen bei werdenden Eltern. Der Umgang mit den vom Gericht befragten Frauen im Prozess war schäbig. Frauen, die schon vor Jahren ihr Kind beziehungsweise ihre Kinder gesund zu Hause geboren haben, wurden mit der Frage konfrontiert, ob sie denn das Leben ihrer Kinder durch die Hausgeburt gefährden wollten. Populistische und triviale Szenen bei den Zeugenbefragungen spielten sich bei Gericht ab und führten dem Gerichtsbesucher deutlich vor Augen, was mit richterlicher Macht möglich ist.

Eltern müssen ihre Entscheidung zur Wahl des Geburtsortes in der rechtlichen Sicherheit treffen können, dass sie gesetzesmäßig ist und das Recht auf Achtung ihrer Privatsphäre gewahrt bleibt, ebenso wie das Recht einer werdenden Mutter, über die Umstände ihrer Niederkunft zu entscheiden. Es darf nicht sein, dass auf diese Art und Weise Frauen, die eine Hausgeburt wünschen, und Hebammen, welche dies anbieten, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Noch ist nicht zu ermessen, welche Wirkung dieses Urteil nach außen, für die Geburtshilfe und für die Hausgeburtshebammen, haben wird.

Hausgeburtshebammen arbeiten im Bereich der öffentlichen Gesundheit und der sozialen Sicherheit, begleitet von einer Rechtsunsicherheit, die immer mehr den Grad der Willkür erreicht. Von Seiten der Gynäkologen wird weiterhin betont, dass man nie ausschließen könne, dass Ungeborene die Wehen ihrer Mütter nicht vertragen und dann nur die Klinik weiter helfen kann. Die medizinische Diskussion über das vermeintlich erhöhte Risiko von Hausgeburten obsiegt schnell und die Unwissenheit über die Art und Weise der Durchführung von Hausgeburtshilfe wird seitens der Mediziner, welche bei Hausgeburten nie anwesend sind, allzu oft mit Fantasien kompensiert. Wo Menschen Entscheidungen im Zusammenhang mit der Ausübung ihres Berufes treffen, sollte der Staat dieses Recht auch adäquat schützen. Was aber ist „gesetzlich vorgesehen“, um die Willkür von Entscheidungen, die im Zusammenhang mit geburtshilflichen Verfahren gefällt werden, einzudämmen? 

Hausgeburtshebammen leisten Beistand bei regelrechten Geburten. Kriterien hochtechnisierter Geburtsmedizin können nicht weiterhin der Maßstab für diese Art der Geburtsleitung bleiben und die Gynäkologie nicht der Maßstab der Hausgeburtshilfe sein oder werden. Es ist an der Zeit, diese Strukturen neu zu ordnen und kräftig zu durchlüften.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) und der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) haben ihre Pressemitteilung zu dem Urteil gegen unsere Kollegin bereits veröffentlicht und so deutlich dokumentiert, wie sie zu ihren Mitgliedern stehen und mit ihnen im Strafverfahren umgehen. Die Kollegin war nicht Mitglied im Deutschen Fachverband für Hausgeburtshilfe (DFH), aber sie war Mitglied im DHV und sein Gründungsmitglied sowie einstmals Präsidentin des BFHD. Welche Prozessunterstützung bekam sie durch ihre Verbandsmitgliedschaft?

Da wird in diesen Pressemitteilungen unsere Kollegin zu „Anita R. aus Unna“ und „eine Ärztin und Hebamme“ – mit der man nichts mehr zu schaffen hat. Wenn sich die Hebamme an das Hebammengesetz und die Berufsordnung halte, so die Präsidentin des DHV, Martina Klenk, seien außerklinische Geburten genauso sicher wie Geburten in der Klinik. Laut BfHD sollen Hebammen einem „Kriterienkatalog“  zur „risikominimierenden Selektion der Klientel“ folgen. Der DFH dagegen sieht den eigentlichen Auftrag von Hebammen darin, Geburten durchzuführen und dies auf Grundlage einer soliden Ausbildung, welche die Durchführung von Geburten zum priorisierten Inhalt haben muss. Das Hebammengesetz und die Berufsordnungen bilden die Rahmenbedingungen der Berufsausübung ab und sind keine qualitative Sicherstellung außerklinischer Geburten. Dieses Ziel kann nur über eine hochwertige praktische und theoretische geburtshilfliche Ausbildung von ausgewiesenen ExpertInnen der Hausgeburtshilfe erreicht werden, wofür sich der DFH seit seiner Gründung einsetzt.

Der DFH ist schockiert und beschämt über die Stellungnahmen, zeigen sie doch unverkennbar, was beide Verbände für den Berufsstand „kritisch“ und „verpflichtend“ halten. Von diesem Geist und dieser Charakterhaltung distanziert sich der DFH in jeder Hinsicht. 

Auch wenn uns dieses Urteil erschüttert, möchte der DFH Kolleginnen dazu motivieren, mit anzupacken und sich mit ihm auf den Weg zu machen, damit die Wahlfreiheit des Geburtsortes für die Frauen erhalten bleibt und damit es weiterhin Hebammen geben wird, die Hausgeburten begleiten können. Der DFH setzt auf eine individuelle, fachliche und qualifizierte Arbeitsweise von Hausgeburtshebammen und einen leisen und professionellen Auftritt bei der Vertretung der Interessen von Hausgeburtshebammen. Qualität muss nicht laut, sondern sichtbar sein.

(Der Vorstand des DFH, 20.11.2014)

Rubrik: Recht

Erscheinungsdatum: 21.11.2014