Spracherwerb

Verstehen Babys Grammatik?

Eine grundlegende Fähigkeit beim Spracherwerb ist die Unterscheidung von sogenannten Funktionsworten und Inhaltsworten. Anders als Nomen, Verben und Adjektive haben Funktionsworte keine lexikalische, sondern lediglich eine grammatikalische Bedeutung – dazu gehören beispielsweise Artikel oder Konjunktionen. Erstaunlicherweise könnten schon Babys Funktions- von Inhaltsworten unterscheiden, wie Studien nahelegen.
Doch anhand welcher Eigenschaften unterscheiden Babys diese Wortkategorien? Eine gängige Hypothese geht davon aus, dass neben der Länge auch die relative Häufigkeit der Worte eine Rolle spielt: Einzelne Funktionsworte wie „das“ oder „sie“ tauchen in den meisten Sprachen häufig auf, weil es insgesamt weniger von diesen Worten gibt als Inhaltsworte. Ob diese Annahme stimmt, haben die ForscherInnen nun mit 175 acht Monate alten Babys mit Französisch als Muttersprache untersucht.

Für die Studie wurden den jungen ProbandInnen zunächst Aufnahmen einer Fantasiesprache vorgespielt. Bestimmte Worte tauchten dabei deutlich häufiger auf als andere – wie für Funktionsworte typisch. Die Abfolge von Funktions- und Inhaltsworten entsprach dabei der Grammatik ihrer Muttersprache. Nach dieser Lernphase folgten unterschiedliche Tests, bei denen die Kinder neue Sätze in der Kunstsprache hörten. So wurden ihnen unter anderem Sätze präsentiert, in denen die Reihenfolge von Funktions- und Inhaltsworten so war wie im Französischen. Die andere Hälfte der Sätze wies dagegen eine „falsche“ Reihenfolge auf.

Die WissenschaftlerInnen dokumentierten die Reaktionen der Babys anhand ihrer Blickdauer. Gemeinsam mit den Audioaufnahmen sahen die Babys Bilder auf einem Bildschirm. Wie lange sie bei dem Gehörten hinschauten, diente als entscheidender Hinweis: Eine längere Blickdauer bedeutete dabei eine Präferenz für diese grammatische Konstruktion.

Tatsächlich bestätigte sich, dass die Babys länger hinschauten, wenn häufige Worte vor den weniger häufigen standen. Dieses Muster entspricht der typischen Reihenfolge von Funktions- und Inhaltsworten im Französischen. Weitere Experimente wiesen zudem darauf hin, dass die Kinder neu eingeführten Inhaltsworten mehr Interesse schenkten als neuen Funktionsworten.

Alles in allem zeigen die Beobachtungen: Schon acht Monate alte Babys verfügen über ein rudimentäres Gespür für die richtige Grammatik. Sie verstehen offenbar bereits, dass es Wörter mit unterschiedlichen Funktionen in einem Satz gibt – einige bezeichnen Objekte oder Personen, andere dagegen strukturieren den Satz und zeigen Zusammenhänge an. Zudem wissen sie bereits, dass einzelne Funktionsworte in ihrer Muttersprache häufiger auftauchen als Inhaltsworte und dass sie im Satz in der Regel vor diesen stehen.

Die Fähigkeit, Worte auf Basis ihrer Häufigkeit zu kategorisieren ist interessanterweise auch von Tieren wie Ratten bekannt. Es könnte sich nach Ansicht der ForscherInnen somit um einen generellen Mechanismus des Gehirns handeln.

Quelle: Marino C et al.: Word Frequency Is a Cue to Lexical Category for 8-Month-Old Infants. Current Biology 2020. doi: 10.1016/j.cub.2020.01.070 wissenschaft.de, 12.3.2020 DHZ

Rubrik: 1. Lebensjahr

Erscheinungsdatum: 13.03.2020