Untersuchung von Milchzähnen

War langes Stillen die Ursache für das Aussterben der Neandertaler?

  • ForscherInnen nehmen an, dass Neandertaler ihre Kinder vergleichbar lange stillten, wie es Mütter der heutigen Zeit tun.

  • Neandertaler-Mütter haben ihre Kinder vermutlich ähnlich lange gestillt wie Mütter heute. Das schließen ForscherInnen aus Italien und Frankfurt aus der Analyse von 40.000 bis 70.000 Jahre alten Milchzähnen. Die Ergebnisse der in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichten Studie weisen laut Goethe-Universität darauf hin, dass spätes Abstillen vermutlich nicht zum Aussterben der Neandertaler beigetragen hätte. Die ForscherInnen widerlegen damit eine von anderen ExpertInnen vertretene These, der zufolge die Neandertaler ausgestorben sein könnten, weil die Mütter ihre Säuglinge vergleichsweise lange stillten und die Säuglinge nicht früh genug vielfältige Nährstoffe für eine Höherentwicklung des Gehirns erhielten. Die untersuchten Zähne ähnelten chemisch jenen heutiger Babys.

    Die Neandertaler-Milchzähne stammen aus Höhlen in Nordostitalien und gehörten vier Kindern. WissenschaftlerInnen des Instituts für Geowissenschaften der Goethe-Universität betteten die Zähne in Harz ein und schnitten sie in hauchdünne Schichten. Mit Hilfe der Massenspektrometrie suchten sie nach Elementen wie Strontium und Calcium, deren Verhältnis Hinweise auf die Nahrung gebe. Wird das Kind gestillt, gibt es mehr Calcium und weniger Strontium.

    Mit Beginn des Abstillens sieht man höhere Konzentrationen von Strontium. Die Arbeitsgruppen konnten diesen Zeitpunkt sehr genau datieren: auf 3,8 bis 5,3 Monate.

    Ähnlich wie bei den Wachstumsringen eines Baumes lagert sich bei Milchzähnen jeden Tag eine Schicht Zahnschmelz ab, so dass jeder Zahn die Lebenstage widerspiegelt.

    Das Strontium-Isotopen-Verhältnis liefert außerdem Informationen über den Boden der Umgebung, in der die Menschen lebten. Drei der vier Mütter lebten mit ihren Kindern demnach die ganze Zeit in der Region, eine der Mütter war wohl am Ende der Schwangerschaft sowie die ersten 25 Tage nach der Geburt nicht am Fundort. Dieser Zahn ist der jüngste der vier Funde, er weist auf unterschiedliche Nahrung und größere Migration in einem kälteren Klima hin.

    Quelle: dpa, 3.11.2020DHZ

    Rubrik: Medizin & Wissenschaft

    Erscheinungsdatum: 04.11.2020