Baden-Württemberg

»Wenn man um Rettungsschirme betteln muss, ist das unwürdig.«

Immer mehr Kliniken schließen – und damit auch immer mehr Geburtshilfestationen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Geburtshilfestationen in Deutschland halbiert. Auch in Baden-Württemberg schließen mehr und mehr geburtshilfliche Abteilungen. Zuletzt war es 2021 die Geburtsabteilung in Weingarten, in der bis dahin 700 Geburten pro Jahr betreut wurden.

Die drohende Schließung in Wangen/Allgäu (800 Geburten/Jahr) ist zwar vorerst vom Tisch, jedoch unter dem Vorbehalt, dass Personalsituation und Geburtenrate in den kommenden zwei Jahren stabil bleiben und die Defizite ausgeglichen werden können, die sich aus der zu geringen Fallpauschale für Geburten zwangsläufig ergeben.

»Da muss man sich doch fragen, wo sollen die Frauen jetzt hin? Und wie sieht das in den übrigen Kreißsälen aus, die dann diese Geburten zusätzlich stemmen müssen – räumlich wie personell? Konnten sie sich darauf einstellen? Und was passiert mit den Hebammen, die durch die Schließung beruflich bedroht sind? Und wie geht es denen, die dadurch einer weiteren Mehrbelastung ausgesetzt werden?«, fragt Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Verärgert ist sie darüber, dass in der »Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung«, die Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach berufen hat, zwar Expert:innen aus Pflege und Medizin sitzen, Hebammen aber nicht mit einbezogen sind. »Wieder einmal werden wir Hebammen einfach übergangen«, so Eichenauer.

 

In der Öffentlichkeit wird die prekäre Situation von Hebammen und Geburtsstationen viel mehr beachtet. Nur die Politik schweigt weitestgehend. »Hebammen sind froh über jede Unterstützung. Aber selbst beispielhaft großangelegte Online-Petitionen, wie die Forderung einer wohnortnahen Geburtshilfe in Niedersachsen, wirken sich nicht auf die Pläne zur Reform des niedersächsischen Krankenhausgesetzes aus – in Baden-Württemberg steht nicht einmal eine solche an«, beklagt Eichenauer und schließt sich dem Kernsatz von Heiner Scheffold, Chef der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG), an, der jüngst in einem Interview zitiert wurde: »Wenn man um Rettungsschirme betteln muss, ist das unwürdig.« (Schwäbische Zeitung, 19.5.22)

Quelle: Hebammenverband Baden-Württemberg, 13.6.2022 · DHZ

Rubrik: Regionales

Erscheinungsdatum: 14.06.2022