Kanadas First Nations

„Zwangsevakuierung“ zur Geburt

Die Gesundheitsversorgung der Ureinwohner Kanadas – der sogenannten First Nations – wird über das kanadische Gesundheitssystem auch in den überwiegend ländlichen Wohngegenden gewährleistet. Eine der gesundheitspolitischen Regelungen ist die Einweisung von schwangeren Frauen aus den ländlichen Gebieten in Geburtszentren der großen Städte. Dazu müssen diese zwischen der 36. und 38. Schwangerschaftswochen ihre Gemeinschaften verlassen und dann in der Nähe der Kliniken auf die Geburt warten.

Einige Gemeinden der indigenen Völker in Kanada haben wieder lokale Geburtshäuser implementiert und die Zahl der Hebammen aus ihrer Gemeinschaft wächst. Die meisten sind allerdings immer noch davon abhängig, für die Geburt ihre Gemeinschaften zu verlassen. In der Provinz Manitoba werden die Frauen nach The Pas, Thompson oder bei komplizierten Schwangerschaftsverläufen auch nach Winnipeg verlegt – bis zu 1.000 km entfernt von zu Hause.

Zwölf Mitglieder der Gemeinschaften der First Nations, elf davon Frauen, wurden für eine in Women and Birth veröffentlichte Studie interviewt. Ihre Hauptthemen waren Resignation, Resilienz und Widerstand.

„Niemand hier hat eine Wahl“, war eine zentrale Aussage, die für eine große Resignation spricht. Die meisten fühlten sich sehr alleingelassen in der Situation und versuchten sich selbst zu schützen. Widerstand fand sich vor allem bei den Frauen, die diese Politik der Evakuierung hinterfragten. Bei einer der Frauen reichte der Widerstand so weit, dass sie sich zu einer Hausgeburt mit einer zugelassenen First Nations-Hebamme entschloss.

Es ist dringend geboten, die Bedingungen in der Versorgung für die Schwangeren der First Nations zu verbessern. Die Frauen müssen ihre Familien und ihr kulturelles Umfeld verlassen, in einer Situation, in der sie es ganz besonders brauchen.

Quelle: Lawford KM, Giles AR, Bourgeault IL: Canada’s evacuation policy for pregnant First Nations women: Resignation, resilience, and resistance. Women and Birth, im Druck 2018. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2018.01.009 DHZ