Von Bändern und Spalten

  • Birgit Heimbach, Hebamme und langjährige Redakteurin der DHZ: »Wenig auffällige Fehlbildungen im Mundbereich werden mitunter viel zu spät erkannt.«

  • Philtrum heißt die vertikale Rille zwischen Nase und Oberlippe. »Philtron« bedeutet auf Griechisch »alles, was Liebe hervorruft«. Der untere Bereich des Philtrums wird gar als Amorbogen bezeichnet. Ausgerechnet an dieser vielsagenden Stelle kommt es durch ausbleibende Epithelbrücken in der Embryonalzeit zu einer der häufigsten Fehlbildungen, zur Lippenspalte, der Cheiloschisis. Kommen noch Gaumen- oder Kieferspalten dazu, prägt dies die Physiognomie eines Neugeborenen mitunter sehr stark und beeinträchtigt es beim Trinken und Atmen. Im Schwerpunkt dieser Ausgabe geht es um dadurch auftretende funktionelle Störungen, die eventuell nötige Plattentherapie, Stillmanagement sowie um Operationsmethoden.

    Weniger auffällige Fehlbildungen im Mundbereich werden immer wieder viel zu spät erkannt. Bei der U1 wird oft nur der harte Gaumen mit einem Finger abgetastet, der weiche Gaumen dagegen vernachlässigt. Dabei ist es wichtig zu sehen, ob das Zäpfchen (Uvula) richtig angelegt ist, die Bewegungsfreiheit der Zunge gegeben ist und keine verdeckten Spalten vorliegen.

    Neugeborene haben einen kleinen, leicht nach hinten gezogenen Unterkiefer. Ihre Zunge liegt noch komplett in der Mundhöhle, bis sich ihr hinteres Drittel um das vierte Lebensjahr in den Mundrachen zwischen Gaumen und Kehldeckel verlagert. Liegt die Zunge so weit zurück, dass die Ausführungsgänge der Unterkieferspeicheldrüsen zu sehen sind statt der Zungenspitze sollte man an die Pierre-Robin-Sequenz denken. Das Kind sieht in gewisser Weise wie ein Vögelchen aus, weil das Kinn extrem weit hinten liegt. Starke Atemprobleme sind zum Beispiel eine Folge. Die Pierre-Robin-Sequenz zählt zu den seltenen Erkrankungen, obwohl sie doch gar nicht so selten ist. Der Pariser Zahnarzt Pierre Robin beschrieb sie 1923 erstmals.

    All diese Kinder benötigen ein orofaziales Training. Dafür muss man wissen, wie sich die Zunge physiologisch bewegt, etwa beim Stillen. Das ist offensichtlich gar nicht so leicht zu beantworten. Aufgrund von Ultraschalluntersuchungen spricht der Forscher Mike Woolridge von einer Wellenbewegung von vorn nach hinten, der Ingenieur für Biomedizin David Elad sieht dies nur im hinteren Bereich der Zunge. Die Zunge wird jedenfalls von extrinsischen Muskeln, die in Verbindung zu den umgebenden Strukturen, etwa dem knöchernen Zungenbein stehen, bewegt, sowie von den in ihr liegenden – intrinsischen – Muskeln. Die Zunge scheint ebenfalls einen Spalt zu haben, wenn ihr Bändchen so kurz ist, dass es stark an ihrer Spitze zieht.

    In Cleveland gab es im Mai einen Kongress des International Consortium of Ankylofrenula Professionals (ICAP) rund um die Bänder im Mund. Ich freue mich, dass ich die Referentin Catherine Watson Gemma, IBCL in New York, für einen Artikel in dieser Ausgabe gewinnen konnte.

    Birgit Heimbach