Leseprobe: DHZ 09/2015
Interview mit Lysann Redeker zur Weltstillwoche

Gemeinsam geht’s!

„Stillen und Beruf – gemeinsam geht‘s“, lautet in diesem Jahr das Motto der Weltstillwoche vom 28. September bis 4. Oktober. Die Vorteile, wenn das Kind mindestens sechs Monate und am besten darüber hinaus Muttermilch erhält, sind unbestritten. Doch lässt sich dies überhaupt mit der Berufstätigkeit einer Mutter verbinden? Wie können die nötigen Bedingungen dafür geschaffen werden? Elisabeth Niederstucke
  • Lysann Redeker: „Mütter, die nicht stillen, haben doppelt so viele Fehltage wie ihre stillenden Kolleginnen.“

Elisabeth Niederstucke: Das diesjährige Motto der Weltstillwoche lautet „Stillen und Beruf – gemeinsam geht‘s". Sollen die jungen Mütter jetzt motiviert werden, so schnell wie möglich in die Arbeitswelt zurückzukehren?

Lysann Redeker: Die Weltstillwoche ist eine globale Initiative, die sich für den Schutz, die Förderung und die Unterstützung des Stillens weltweit einsetzt. Dieses Jahr soll das Augenmerk darauf gelegt werden, wie sich Stillen und Arbeiten gut miteinander vereinbaren lassen, egal zu welchem Zeitpunkt die Mutter in ihren Beruf zurückkehrt. Es gibt viele Frauen, die sehr gern Mutter sind, aber trotzdem ihrem Beruf nachgehen wollen. Manche wiederum können sich keine längere Auszeit nehmen. Auch Selbstständige, Saisonarbeiterinnen oder Hausfrauen sollten kurz- und langfristige Unterstützung erhalten, damit das Stillen für alle Seiten gut funktioniert.

Elisabeth Niederstucke: Inwieweit unterstützt das Mutterschutzgesetz Frauen, wenn sie als Angestellte stillend in den Beruf zurückkehren möchten?

Lysann Redeker: Jede Frau hat in Deutschland Anspruch auf Stillpausen, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Laktation benötigt, um ihr Kind trotz Berufstätigkeit mit Muttermilch zu ernähren. Laut Mutterschutzgesetz ist stillenden Frauen auf ihr Verlangen hin die zum Stillen erforderliche Zeit freizugeben, ohne dass ihnen dadurch eine Lohnminderung entsteht. Bei einer Arbeitszeit von acht Stunden ist dies mindestens zwei Mal eine halbe Stunde. Die Stillpausen können auch zusammenhängend vor, während oder nach der Arbeitszeit genommen werden. Dem Arbeitgeber kann sogar vorgeschrieben werden, einen Stillraum einzurichten. Die Besonderheiten, die bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes schon in der Schwangerschaft galten, haben auch in der Stillzeit Bestand. So dürfen Stillende keine Arbeiten ausführen, bei denen sie Kontakt zu gesundheitsgefährdenden Stoffen haben oder besonders schwere Arbeit leisten. Ebenso besteht ein Beschäftigungsverbot an Sonn- und Feiertagen und zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr morgens.

Wir haben mit dem Mutterschutzgesetz eine gute gesetzliche Grundlage. Dennoch werden leider sehr wenige Kinder mit Muttermilch ernährt, wenn die Mütter wieder begonnen haben zu arbeiten. Wieder zu arbeiten, sollte kein Grund sein abzustillen. Zu stillen sollte aber auch kein Hindernis sein, seinem Beruf wieder nachzugehen. Beides den Frauen und Kindern zu ermöglichen, ist das Ziel: Stillen bis zur Beikostreife ausschließlich und dann begleitend bis zum zweiten Geburtstag, beziehungsweise so lange Mutter und Kind es wünschen.

Elisabeth Niederstucke: Was bringt es den Arbeitgebern, wenn sie stillende Frauen im Unternehmen unterstützen?

Lysann Redeker: Stillen in Unternehmen zu fördern, lohnt sich für alle. Wird das Stillen von einer Firma unterstützt, kehren 90 Prozent der weiblichen Angestellten früh an den alten Arbeitsplatz zurück. Sie sind zufriedener und loyaler ihrem Arbeitgeber gegenüber. Wissen und Fachkompetenz bleiben dem Unternehmen erhalten.

Nicht gestillte Kinder sind häufiger und länger krank. In der Regel werden sie dann zu Hause von ihren Müttern betreut. Frauen, die nicht stillen, haben doppelt so viele Fehltage wie ihre stillenden Kolleginnen.

Wir haben mittlerweile in sehr vielen Bereichen einen Fachkräftemangel. Stellen können nicht neu besetzt werden. Die Arbeit bleibt entweder liegen oder muss von den KollegInnen mit gestemmt werden.

Elisabeth Niederstucke: Worin sehen Sie den Nutzen, wenn trotz Berufstätigkeit weiter gestillt wird?

Lysann Redeker: Muttermilch ist der Goldstandard in der Ernährung von Babys und Kleinkinder. Wird nur sehr kurz oder gar nicht gestillt, steigt das Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen bei Mutter und Kind. Oxytocin und Prolaktin, die als Hormone beim Stillen reichlich ausgeschüttet werden, helfen einen stressigen Arbeitstag hinter sich zu lassen und stärken die Mutter-Kind-Bindung. Die Trennung während des Tages kann für beide Seiten belastend sein. Das Saugen an der Brust entspannt auch das Kind und hilft ihm, mit der neuen Situation besser umgehen zu können. Wird das Kind in einer Einrichtung betreut, kommt es dort mit vielen neuen und unbekannten Erregern in Kontakt. Muttermilch hilft bei der Infektabwehr und sorgt für eine gesunde Entwicklung.

Eine Flasche mit Nahrung zuzubereiten, ist besonders nachts anstrengender und aufwändiger, als einfach zu stillen. Schlafen Mutter und Kind nah beieinander, so gleichen sich die Schlafphasen aneinander an, und die Mutter wird nicht aus dem Tiefschlaf gerissen.

Elisabeth Niederstucke: Wie kann die Kombination von Stillen und Arbeiten praktisch aussehen?

Lysann Redeker: Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Ideal ist es natürlich, wenn die Mutter von zu Hause aus arbeiten kann oder das Kind zum Stillen an den Arbeitsplatz gebracht wird, beziehungsweise die Mutter zum Kind geht. Ist dies nicht möglich, so muss die Milch manuell entleert werden. Am schnellsten ist eine elektrische Doppelpumpe, mit der für circa 15 Minuten an beiden Brüsten gleichzeitig gepumpt werden kann. Manche Frauen bevorzugen aber das Entleeren von Hand. Wichtig ist, dass die Brust regelmäßig entleert wird, um die Milchmenge beizubehalten. Die Milch fließt beim Abpumpen leichter, wenn die Frau entspannen kann und an ihr Kind denkt, ein Foto betrachtet oder ein getragenes Kleidungsstück dabei hat. Die gewonnene Milch sollte dann rasch gekühlt werden. Dies kann entweder im Kühlschrank oder in einer Kühltasche mit Kühlakkus geschehen. Wird der Kühlschrank auch von anderen Personen benutzt, können die gefüllten Muttermilchgefäße auch diskret in einer zusätzlichen blickdichten Box verstaut werden.

Das Kind wird am besten gestillt, kurz bevor die Mutter das Haus verlässt, und gleich nach dem Wiedersehen. Die Betreuungsperson sollte daher über die genaue Rückkehr der Mutter Bescheid wissen, damit die letzte Mahlzeit nicht kurz vorher stattfindet, beziehungsweise nur eine kleine Portion angeboten wird. Das Stillen direkt nach der Arbeit schafft sofort wieder eine große Nähe.

Blusen oder spezielle Stillshirts sind beim Stillen oder Abpumpen praktisch. Bei bunt gemusterten Oberteilen sind Milchflecken weniger auffällig.

Elisabeth Niederstucke: Was sollte die Frau beachten, wenn sie an den Arbeitsplatz zurückkehren möchte?

Lysann Redeker: Der Arbeitgeber sollte rechtzeitig informiert werden, damit individuell geschaut werden kann, was die Stillende braucht. Es muss kein extra Stillzimmer eingerichtet werden, wenn die Frau in einem eigenen Büro arbeitet, das sich abschließen lässt. Vielleicht gibt es einen Konferenzraum, den man für die eigenen Still- oder Abpumpzeiten blocken kann. Wichtig ist nur, dass die Frau dort ungestört ist und sich wohl fühlt. Ein bequemer Stuhl und eine Ablagemöglichkeit sollten vorhanden sein, ein Waschbecken in der Nähe und eine Kühlmöglichkeit für die gewonnene Milch.

Mütter, die ihre Milch abpumpen, beginnen am besten ein bis zwei Wochen vor ihrem ersten Arbeitstag mit zusätzlichem Pumpen nach den üblichen Stillmahlzeiten. Zum einen bekommen sie Übung darin, zum anderen können sie einen kleinen Milchvorrat anlegen. Es ist günstig, wenn die Milch portionsweise in spezielle Behälter oder Beutel eingefroren wird, um sie später dem Kind im Becher oder der Flasche durch die Betreuungsperson anzubieten. Das Baby benötigt manchmal mehrere Anläufe, bis das Trinken auf diese Weise gelingt. Es wird die neue Methode, die Milch zu trinken, eher bei einer anderen Person als seiner Mutter akzeptieren, weil es oft nicht versteht, warum die Milch nicht wie gewohnt aus ihrer Brust kommt. Ist die Mutter da, wird gestillt, ist sie abwesend, gibt es die Milch aus einem Trinkbecher oder der Flasche. Ältere Kinder nehmen dann vielleicht schon Beikost zu sich.

Elisabeth Niederstucke: Die überwiegende Zahl der Frauen kehrt frühestens nach dem ersten Geburtstag des Kindes in die Arbeitswelt zurück. Ist das Thema Stillen und Beruf dann überhaupt noch relevant?

Lysann Redeker: Ja, klar. Muttermilch ist auch nach dem ersten Geburtstag noch wertvoll und passt sich dem Kind und den äußeren Umständen an. Der Energie- und Fettgehalt steigt dann sogar noch einmal an. Die Muttermilch liefert noch immer eine Vielzahl an essenziellen Nährstoffen und Energie. Mit der Betreuung außer Haus häufen sich oft die Infekte. Gerade bei Durchfall und fieberhaften Erkrankungen wird oft keine andere Nahrung als Muttermilch akzeptiert. Das Stillen bewahrt die Kinder dann vor einer möglichen Dehydration und lässt sie schneller wieder gesund werden. Die Stilldauer ist im Gesamtvergleich leider viel zu kurz. Die Ursachen, warum Frauen nicht mehr Stillen wollen, sind recht unterschiedlich. Im Frühwochenbett führen Schmerzen oder ein subjektiv empfundener Milchmangel oft zum Zufüttern von Formula und somit zum Abstillen. Mit der Einführung von Beikost werden oft die Stillmahlzeiten ersetzt, anstatt sie, wie empfohlen, zu ergänzen. Wird ein Kind – was leider in Deutschland sehr selten der Fall ist – bis zum ersten Geburtstag gestillt, kommt der gesellschaftliche Druck dazu, dass ein Kind, das laufen kann, die ersten Zähnchen hat und mit Begeisterung feste Nahrung zu sich nimmt, doch angeblich keine Muttermilch mehr braucht.

Elisabeth Niederstucke: Woher bekommen Mütter und Arbeitgeber Informationen über die Vereinbarkeit von Stillen und Beruf?

Lysann Redeker: Die Mutter kann natürlich Hebammenhilfe bis zum Ende der Stillzeit in Anspruch nehmen und sich von ihrer Hebamme beraten lassen. Der Deutsche Hebammenverband hat 2012 zwei Broschüren für ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen unter dem Titel „Stillen und Beruf" herausgegeben (siehe Links). Ebenso existiert ein Flyer über die Aufbewahrung von Muttermilch.

 

Die Interviewte

 

Lysann Redeker ist seit 2006 Hebamme und arbeitet angestellt im Kreißsaal des Klinikums St. Georg in Leipzig und freiberuflich in der Schwangerenvorsorge und Wochenbettbetreuung. Seit 2011 ist sie IBCLC/Still- und Laktationsberaterin und seit 2012 als Beauftragte für Stillen und Ernährung im sächsischen Hebammenverband aktiv.
Kontakt: lysann.redeker@ymail.com

Rubrik: 1. Lebensjahr | DHZ 09/2015