Das Baby tragen – aber wie?

Lange war es selbstverständlich, Babys im Kinderwagen zu schieben – jetzt werden sie wieder häufiger getragen. Für die gesunde Rückbildung der Mutter kommt es dabei auf die Technik an. Ihr Körper ist durch die Schwangerschaft belastet, die Haltung verändert, der Bewegungsapparat in einer veränderten Statik. Wie können Frauen ihre Kinder am besten tragen? Susanne Schwärzler
  • In Bewegung wird die schräge Bauchmuskulatur gestärkt, Rektusdiastase und Schambeinfuge können sich wieder näherkommen.

  • Beim Tragen auf dem Rücken liegt das Gewicht des Kindes auf dem Rücken und den Schultern und die Bauch und Beckenbodenmuskulatur muss arbeiten.

Die Frau erholt sich im Wochenbett von der Geburt und der Schwangerschaft, zunächst im Bett liegend. Über einige Monate hinweg dehnten und weiteten sich die Bauchmuskulatur und die Rektusdiastase. Gleichzeitig bildete sich ein starker Rücken und in der Folge ein Hohlkreuz heraus, so dass während der Geburt eine Öffnung des Beckens und ein Weiten der Beckenbodenmuskulatur möglich waren.

Nun beginnt die Rückbildungszeit, in der genau das Gegenteil angestrebt werden soll: Organe und Muskulatur sollen in ihre ursprüngliche Lage zurückgebracht werden, um ihre Funktion wieder optimal zu erfüllen. Dabei ist wichtig: So einzigartig jede Geburt verläuft, so individuell ist auch die Rückbildung danach.

In der westlichen Kultur wird aus dem Wochenbett oft ein Wochenspaziergang. Die Frauen möchten gleich wieder fit werden und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dazu werden die Säuglinge bereits in den ersten Tagen und Wochen in stabilen Trageschalen überallhin mitgenommen oder in Tragehilfen oder -tüchern vor dem Bauch getragen. Ein Aufgerichtetsein gegen die Erdanziehungskraft wirkt der Rückbildung entgegen. Erfahrungsgemäß klagen die Mütter bereits nach wenigen Wochen über eine nicht ausreichende Rückbildung der Organe, die sich durch Funktionsstörungen wie Inkontinenz oder eine beginnende Organsenkung bemerkbar macht.

In vielen traditionellen Kulturen hingegen wird größter Wert auf ein Wochenbett gelegt. So tragen die Mütter ihre Kinder regelmäßig auf dem Rücken. Zusätzlich transportieren sie häufig etwas auf dem Kopf. Trotz dieser Tragebelastung sind aus diesen Kulturen kaum Organsenkungen oder andere Beckenbodenschwächen bekannt. Eine in Afrika lebende Freundin sagt dazu: »Nur diejenigen Frauen, die ihre Frisur zur Show tragen und kein Gewicht auf dem Kopfe balancieren, haben eine Senkung«.

 

Gesundes Tragen

 

Das Kind nach der Geburt zu tragen ist nicht per se schlecht. Wichtig ist jedoch, die Unterschiede zu kennen. Nachfolgend werden verschiedene Tragemethoden vorgestellt und deren Zusammenhang mit dem Beckenboden erklärt. Grundsätzlich gilt: Eine bewusste Anspannung des Beckenbodens ist förderlich!

 

Tragen auf dem Rücken

So wie die Schwangerschaft die Bauch- und Beckenbodenmuskulatur schwächt, das Becken dadurch langsam öffnet und den Rücken stärkt, so sollte die Tragehilfe eine Möglichkeit sein, die Bauchmuskulatur und die Beckenbodenmuskulatur wieder zu stärken, das Becken wieder zu schließen und die Rücken wieder zu dehnen beziehungsweise zu entlasten. Trägt die Mutter ihr Kind auf dem Rücken, ruht das Gewicht des Kindes auf dem Rücken und den Schultern, und die Bauchmuskulatur muss arbeiten. Nach einer Schwangerschaft ist dadurch ein muskulärer Ausgleich möglich. In Bewegung wird die schräge Bauchmuskulatur gestärkt, Rektusdiastase und Schambeinfuge können sich wieder näherkommen.

In traditionellen Kulturen werden die Säuglinge nach dem Wochenbett den ganzen Tag auf dem Rücken getragen, vor allem bei der Arbeit. Dabei können sich die einseitige Schwangerschaftsbelastung, ein starker Rücken, die Hohlkreuzhaltung und der geöffnete Beckenboden wieder langsam zurückbilden.

Wenn die Frauen zudem etwas auf dem Kopf tragen, aktiviert sich das autochthone System und eine entlastende Körperstatik entsteht. Der Rücken richtet sich dabei auf, der Kopf balanciert graziös auf der Wirbelsäule, die Schulterblattspannung sowie Hüft-, Bein- und Fußspannung wird aktiviert. Eine gesunde Art zu tragen. Der Beweis sind die wenigen Organsenkungen trotz vieler Schwangerschaften und Geburten.

Zudem halten sich die Kinder reflektorisch bei ihren Müttern an den Schlüsselbeinen oder an Tüchern fest. Dabei entsteht im Beckenboden über die Kinderhände eine reflektorische Anspannung und ein beginnendes Training, um später schwere Lasten zu tragen.

 

Tragen vor dem Bauch

Trägt die Mutter das Kind am Bauch, beispielsweise mit einem Tragetuch, dann ist das Gewicht des Kindes eine zusätzliche Belastung für die Rückenmuskulatur der Mutter und wirkt einer Anspannung der Bauch- und Beckenbodenmuskulatur entgegen. Hatte die Frau vor der Geburt bereits einen starken Rücken (starkes Hohlkreuz) und eine schwache Bauch- und Beckenbodenmuskulatur, vielleicht sogar eine Belastungsinkontinenz beim Husten, Niesen oder Bücken, wird dies noch verstärkt. Die resultierende Körperhaltung belastet Gelenke und Bandscheiben. Die Bauch- und Beckenorgane werden weiterhin nach vorne gedrückt, wie bereits in der Schwangerschaft. Inkontinenz und Organsenkung können die Folge sein. Falls es notwendig ist, das Kind in der ersten Zeit vorne zu tragen, sollte die Mutter unbedingt auf eine bewusste Anspannung aller drei Beckenbodenschichten achten (siehe Abbildungen 1 und 2):

 

  • Eine Anspannung der ersten Beckenbodenschicht von After- und Harnröhrenschließmuskel schafft Verbindung zum autochthonen System. Die gerade Bauch- und Rückenmuskulatur aktiviert sich und der passive Bewegungsapparat wie die Bandscheiben und Gelenke werden entlastet.
  • Eine Anspannung der zweiten Schicht hält die Sitzbeinhöcker, die Schambeine mit Symphyse im unteren Beckenbereich zusammen, so dass die nach oben liegenden Darmbeine nach außen ausweichen wollen. Dadurch reagiert die quer verlaufende Bauchmuskulatur mit einer korsettartigen Anspannung. Die Bauch- und Geschlechtsorgane werden zusammengehalten, das Becken richtet sich auf, Blase und Gebärmutter bekommen wenig Druck. Der Rücken streckt sich, der Bauch spannt sich an, eine Schulterblattspannung wird aufgebaut und eine aufrechte Körperhaltung entsteht. Die Beine richten sich parallel aus, so dass Beinfehlstellungen oder das Absenken vom Fußgewölbe verringert werden können.
  • Eine Anspannung der dritten Beckenbodenschicht erfolgt durch die Aufrichtung des Beckens. Zudem kann die »innerste Aufzugschicht« aktiviert werden, um eine noch stabilere und kraftvollere Körperhaltung entstehen zu lassen!

 

 

Abbildung 1: Belastende Körper­haltung: starker Rücken – Hohlkreuzhaltung, schwache Bauchmuskulatur, Beckenboden ist geöffnet, die Beine sind durchgestreckt. Dies führt zu Gelenk- und Bandscheibenbelastungen. Das Kind hat wenig Körperspannung.

Foto: Susanne Schwärzler

 

 

 

Abbildung 2: Entlastende Körper­haltung: gerader, gedehnter Rücken, starker Bauch, angespannter Beckenboden. Die Beine sind leicht gebeugt. Das Kind hat auch eine gerade Haltung.

Foto: © Susanne Schwärzler

 

Seitliches Tragen im Hartschalensitz

Die moderne Welt bietet seit Jahrzehnten erleichternde Trage- oder Schiebemöglichkeiten, um Lasten zu erleichtern, wie beispielsweise Hartschalensitze für Babys.

Hierbei soll durch eine ausreichende Anspannung der zweiten Beckenbodenschicht eine Beckenspannung zwischen den Sitzbeinhöckern/Schambeinen erreicht werden, damit das Becken nicht zur Seite ausweicht (siehe Abbildung 3). Ansonsten dehnen sich Bauchmuskeln mit Rektusdiastase und es entsteht Druck auf das Becken mit Symphyse. Diese Beckenverschiebung kann zu einer Verschiebung der Wirbelsäule sowie fehlenden Schulterblatt- und Beinspannung führen. Darunter leiden dann Gelenke (Schulter, Knie, Fuß) und die Bandscheiben. Auf längere Sicht könnte sich eine Skoliose entwickeln.

 

 

Abbildung 3: Entlastende, gerade Körperhaltung: Rücken gerade, Bauch stark, Becken­boden angespannt, kein Hüftausweichen zur Seite.

Foto: © Susanne Schwärzler

 

Ein Tipp für das Baby: In den Hartschalensitzen liegen die Kinder oft stundenlang in »sitzender Rückenlage«. Der Rücken ist abgerundet, die vordere Körperseite mit Lunge, Herz, Zwerchfell sowie allen Bauchorgane wird eingeengt. Um Luft zu bekommen, atmen die Kinder durch den Mund, wobei sich der Unterkiefer nach vorne schiebt und dadurch die Zunge entspannt im Unterkiefer ruht. Dies kann auf Dauer zu Sprachverzögerungen führen. Der Beckenbodentonus des Kindes ist meist entspannt, der Rücken gedehnt und eine stabilisierende Körperhaltung lässt zu wünschen übrig.

Bei längerem Sitzen in der Schale kann ein etwas älteres Kind auch zeitweise »kniend« auf den Bauch gebettet werden. Ein aufgelegtes Kissen stabilisiert diese Haltung. Natürlich nur in Aufsicht und nicht während der Autofahrt.

 

Schieben im Kinderwagen

Der Kinderwagen ist in den Industrieländern nicht wegzudenken. Die Mutter schiebt oft unbewusst ohne Beckenboden- und Körperanspannung. Organe, Bandscheiben und Gelenke werden belastet, auch die Kondition lässt zu wünschen übrig. Es kann zu Inkontinenz und Organverlagerungen kommen. Zudem bauen die Säuglinge wenig Körperspannung auf, weil sie meist ausgestreckt liegen.

Mütter sollten dazu angeleitet werden, den Kinderwagen körpergerecht zu schieben: aufrechte Körperhaltung, die Hände greifen von unten an die Schiebestange und die Ellenbogen liegen im rechten Winkel nahe am Körper. Eine vorherige Ausatmung und Anspannung aller drei Beckenbodenschichten machen ein schonendes Schieben möglich (siehe Abbildung 4).

 

 

Belastete Haltung beim Schieben des Kinderwagens.

Foto: © Susanne Schwärzler

 

 

 

Entlastete Haltung beim Schieben des Kinderwagens.

Foto: © Susanne Schwärzler

 

 

Fazit

 

Die Körperhaltung einer Frau ist vor, während und nach der Geburt sehr individuell! Beschwerdebilder zeigen auf, wo der Körper am meisten belastet wird. Seien es Schmerzen im Bewegungsapparat durch eine muskuläre Dysbalance und/oder eine veränderte Organlage oder -funktion (Organsenkung, Inkontinenz). Wichtig ist es, die Ursache des jeweiligen Beschwerdebildes herauszufinden. Dementsprechend kann die Betroffene ihren Alltag zum Training machen, indem sie aus ihrem inneren Kraftfeld Beckenboden mit einer An- oder Entspannung, Aus- oder Einatmung ihre Körperhaltung verändert.

Rubrik: Wochenbett | DHZ 06/2022

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