Interview mit Amira Gorski

Ekstase ohne Angst und Scham

Welche Methoden und Ziele wendet Amira Gorski in ihren Orgasmic Birth Coachings an, um Frauen und Männer auf die Geburt ihres Kindes als gemeinsames lustvolles Ereignis vorzubereiten? Die Doula berichtet, dass viele Paare sich am Ende eher für eine Hausgeburt entscheiden. Dr. Angelica Ensel
  • »Es geht darum, Glaubenssätze aufzuspüren, zu ändern und sich mit positiven Geburtsbildern anzufüllen – es ist wie eine kleine Gehirnwäsche.«

Angelica Ensel: Wie arbeitest du mit den Frauen und den Männern auf dem Weg zur Geburtslust?

Amira Gorski: Zu mir kommen entweder Frauen, die so negative Geburtserfahrungen gemacht haben, dass sie etwas Anderes wollen und dafür auch bereit sind, zu investieren – Zeit, Kraft, Geld. Oder es sind Erstgebärende, die einfach schon sehr offen unterwegs sind. Ich arbeite also meistens mit Frauen, die einen sehr starken Wunsch und damit Willen haben. Meine Arbeit ist ganz individuell, es gibt keinen Fahrplan.

 

Angelica Ensel: Wann beginnst du und welche Methoden setzt du ein?

Amira Gorski: Je früher wir beginnen, desto besser. Deshalb habe ich jetzt auch Lusträume, in denen Frauen, die noch nicht schwanger sind, sich mit dem Thema weibliche Lust beschäftigen, um sich mit ihrer Lust selbst kennenzulernen, um zu wissen, wie sie funktionieren, um mit sich achtsam zu sein und zu forschen. Wenn eine Frau zum Geburtscoaching kommt, arbeiten wir in Einzelcoachings, oft auch zu dritt mit dem Partner. Es ist eine Mischung aus klassischer Doula-Arbeit und klassischer Geburtsvorbereitung, aber es ist speziell auf die Lust bezogen. Es geht um dieses Umprogrammieren im Kopf, »Mindset« sagt man im Coaching. Und es geht natürlich auch darum, praktisch im Körper neue Erfahrungs­horizonte zu erschließen und das eigene Lustverhalten zu erforschen.

 

Angelica Ensel: Wie gestaltet sich die Arbeit am Mindset?

Amira Gorski: Es geht darum, Glaubenssätze aufzuspüren, zu ändern, also zu überschreiben, sich anzufüllen mit positiven Geburtsbildern, Geburtsgeschichten, Filme anzugucken – es ist wie eine kleine Gehirnwäsche. Es geht auch darum, sich ein Umfeld zu schaffen, das in dieser Richtung stärkt, das ist ganz wichtig. Die Frauen suchen sich oftmals automatisch einen neuen Freundeskreis. Sie müssen sich auch auseinandersetzen mit Familie und alten Freunden, die ihren Wunsch nach einer lustvollen Geburt kritisch sehen, ähnlich wie Frauen, die sich für eine Hausgeburt entscheiden, gibt es diese Umfeldarbeit.

 

Angelica Ensel: Welche Themen gehören noch zu deiner Vorbereitung?

Amira Gorski: Es ist eine Arbeit an der Sinnlichkeit, an der Lust in der gesamten Schwangerschaft und an der Sexualität. Dabei geht es auch darum, zu schauen, wo sind deine Schamthemen, was hast du schon erlebt? Wir wissen, wie viele Frauen Übergriffe in ihrer Sexualität erlebt haben, es ist ja nicht immer der schwere Missbrauch, aber es sind Grenzüberschreitungen. Ich glaube, das ist mit einer der Hauptgründe, die viele Frauen an einem orgasmischen Geburtserlebnis hindern. Da für so viele Sexualität bereits mit Übergriffigkeit und Schmerz belegt ist, bekommen sie Angst und blocken es ab, genau in dem Moment, wo sie unter der Geburt spüren, es könnte sich sexuell anfühlen. Weil es da in ihnen noch so viele nicht aufgearbeitete Themen gibt. Diese kommen in so einer Extremsituation wie der Geburt natürlich zu Tage.

Das ist die eine Dimension. Das andere ist, dass ich die Erstgebärenden auf eine Grenzerfahrung vorbereite.

 

Angelica Ensel: Wie gehst du dabei vor?

Amira Gorski: Die wenigsten Menschen in unserer westlichen Zivilisation haben physische Grenzerfahrungen erlebt. Wir sind noch nicht auf den Mount Everest gestiegen, wir haben nicht Wasser geholt von einem Brunnen, der Kilometer weit weg ist. Die wenigsten von uns sind LeistungssportlerInnen. Wir sind normalerweise nicht auf körperliche Grenzerfahrungen vorbereitet. Wir können dies aber in gewisser Hinsicht üben, indem wir schauen, wie reagiere ich in Grenzbereichen? Was hilft mir, was bringt mich aus der Angst raus und wie kann der Partner mir dabei helfen? Da beziehe ich auch Hypnobirthing mit ein, zum Beispiel Übungen, bei denen der Partner die Gebärende wieder ins Vertrauen bringt mit gewissen Codes, Berührungen und Worten. Ich nutze ganz unterschiedliche Methoden. Und ganz viel kommt auch von den Frauen selbst. Sie haben dieses Wissen in sich. Es geht mehr darum, es herauszulocken und die Schleusen zu öffnen. Das ist oft eine klassische Coaching-Arbeit: Durch gutes Fragen bringe ich die Frauen dahin, dass sie aus sich selbst schöpfen können. Und es ist ganz viel Paararbeit. Ich möchte, dass die Paare am besten schon in der Schwangerschaft das Gefühl haben, dass die Frau die lustvolle Gebärgöttin ist und alle nur dafür sorgen, dass sie ein lustvolles Erlebnis hat. Diese Geburtsvorbereitung ist transformierend und sehr tief und man muss sich auf diesen Prozess einlassen wollen.

 

Angelica Ensel: Ja, es hört sich sehr intensiv an, mit viel Arbeit an der eigenen Person, für die man bereit sein muss.

Amira Gorski: Wir bereiten uns auf alles vor, zum Beispiel auch auf die Situation, dass eine Frau ins Krankenhaus verlegt werden muss bei einer geplanten Hausgeburt. Dafür muss sie stark sein in ihrem Wissen und auch eine Art Geburtsexpertin sein. Wie viele Stunden üben wir für den Führerschein, bevor wir alleine Auto fahren, oder fürs Abitur? Und für die Geburt macht man mal so einen kleinen Crashkurs am Wochenende. Das steht in keinem Verhältnis zu dem starken prägenden Erlebnis und der Wichtigkeit, Leben zu schenken – lustvoll statt angstvoll. Das erlebe ich bei den Frauen, die mit schlimmen Geburten zu mir kommen und bereuen, so naiv gewesen zu sein und sich nicht besser vorbereitet zu haben. Denn auch für das Baby ist es eine Prägung für das ganze Leben, das ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen. Und trotzdem tun wir meist so wenig dafür, weil uns glauben gemacht wurde, es läge ohnehin nicht in unserer Macht, sondern wäre halt «Glückssache«, dass es einigen wenigen Frauen vorbestimmt wäre, eine nicht schlimme Geburt zu haben.

 

Angelica Ensel: Was braucht eine Frau, die mit dieser Vorbereitung auf eine lustvolle Geburt in eine Klinik geht? Kann es dort auch gelingen?

Amira Gorski: Sie braucht ein Geburtsteam im Krankenhaus, die ihre Verbündeten sind – der Partner, eine Doula oder eine Beleghebamme. Sie sind es, die diesen Rahmen erschaffen und halten, auch im Krankenhaus. Als Doula begleite ich die Frauen im Geburtshaus, zu Hause oder im Krankenhaus, aber fast alle meine Frauen sind im Zuge meiner Arbeit zu einer Hausgeburt gewechselt, auch wenn sie ursprünglich ins Krankenhaus wollten. Ich beeinflusse überhaupt nicht in dieser Richtung, da die Frau absolut selbstbestimmt ihren Geburtsort wählen muss. Aber wenn man lustvoll gebären will, dann ist das irgendwann der nächste logische Schritt, dass man versucht, nicht ins Krankenhaus zu gehen. Denn es ist dort zwar möglich, aber sehr viel schwerer.

 

Angelica Ensel: Wie ist es bei Verlegungen? Was müsste sich grundlegend ändern, um diese Lust als Dimension in die Geburt überhaupt hineinzulassen?

Amira Gorski: Mein erster Gedanke ist, die Geburt müsste raus aus der Klinik. Und es gibt ja Modelle, in denen die außerklinische Geburt besser in das System integriert ist, wo zum Beispiel ein Krankenwagen für den Notfall vor der Tür steht, wenn die Frau sich für die Hausgeburt entscheidet. Und es gibt Geburtshäuser direkt neben einer Klinik. Hier sehe ich es am ehesten. Aber wenn ich umgekehrt frage, wie schaffen wir es, mehr Sex in die Krankenhäuser zu bringen, habe ich keine Antwort.

 

Angelica Ensel: Ist es das gesamte klinische Setting, das aus deiner Sicht dafür nicht funktionieren kann?

Amira Gorski: Ja, denn ich gehe ins Krankenhaus, um mich überwachen zu lassen, für den Fall, dass etwas passiert. Sex und Überwachung passen aber nicht zusammen. Wir würden nie Sex haben, wenn wir überwacht würden. Wir würden nie Sex haben, wenn wir davon ausgehen, dass wir es ohne Interventionen eh nicht alleine schaffen. Wir würden nie Sex haben, wenn wir lernen würden, Sex wäre gefährlich, so wie wir das in Bezug auf die Geburt lernen.

 

Angelica Ensel: Frauen, die sich für eine außerklinische Geburt entscheiden, übernehmen eine viel größere Verantwortung für sich selbst und sie bereiten sich aktiver darauf vor, ihre Geburt selbst zu gestalten.

Amira Gorski: Das Schöne ist, dass sich durch den Lustaspekt der Kreis der Frauen erweitert, die außerklinisch gebären wollen. Oft ist ja der Mann der Bremsklotz, der sagt: »Nein das ist zu gefährlich für dich und für das Kind, eine Klinikgeburt ist sicherer«, selbst wenn die Frau in sich spürt und formulieren kann: »Ich möchte eine Hausgeburt.« Das erlebe ich ganz oft. Bei dem Aspekt der lustvollen Geburt sind es dann die Männer, die sich trauen, dafür ein Risiko einzugehen, denn im Kopf ist es ja ein Risiko, zu Hause zu gebären. Ich habe es schon erlebt, dass Hebammen erstaunt waren, dass eine Frau sich für die Hausgeburt entschieden hat, bei der sie das nicht gedacht hätten. Denn es ist nicht mehr nur die typische «Ökomami«, die schon fünf Kinder geboren hat und alles weiß. Nein, plötzlich sind es junge selbstbewusste Frauen, die normalerweise ins Krankenhaus gegangen wären, aber für sich nun die Möglichkeit eines schönen und lustvollen Geburtserlebnisses einfordern.

 

Angelica Ensel: Die Auseinandersetzung mit der Lustgeburt hat sie zur Hausgeburt gebracht.

Amira Gorski: Ja, auch wenn die Frauen vielleicht in der Schwangerschaft nicht die nötige Kraft haben, um das im Umfeld, bei der Mutter oder Schwiegermutter zu vertreten. Da sagen sie vielleicht nicht, dass sie eine lustvolle Geburt haben wollen. Aber das Wissen und der Wunsch nach lustvollem Gebären ist ihre Kraftquelle im Inneren und so sagen sie vielleicht stattdessen: »Hier sind die Zahlen und Fakten, guck den Film `Die sichere Geburt´ an, dann weißt du, warum ich eine Hausgeburt will.« Ich erlebe eine ganz andere Kraft für den Wunsch, außerklinisch zu gebären, durch das lustvolle, orgasmische Gebären.

 

Angelica Ensel: Die Motivation begründet sich aus einer weiteren sehr vitalen Quelle.

Amira Gorski: Ja, es wird erotisch, es wird lustvoll und für die eigene Sexualität und Erotik ist man eher mal bereit, etwas gesellschaftlich Verbotenes zu tun. Es ist ist viel stärker, als wenn die Frau das alleine will, es kann wie das Geheimnis eines Paares sein, wie: »Wow, das machen wir jetzt.«

 

Angelica Ensel: Diese andere Rolle des Mannes ist spannend. Wenn die Geburt in den Bereich des Sexuellen kommt, ist es viel selbstverständlicher, dass es ein intimes Beziehungsereignis ist und dass der Partner oder die Partnerin ein Teil davon wird.

Amira Gorski: Ja, es ist so schön, die Entwicklung der Männer im Laufe der Schwangerschaft zu sehen von: »Oh mein Gott, wir haben ein Kind gemacht« zu: »Woah, ich bereite dir das jetzt vor, Schatz, und soll ich noch hundert Sträuße Rosen besorgen für deine Geburt und dir das Bett mit Rosen vorbereiten und dich ölen und massieren?« Auch das Wochenbett wird ganz anders verstanden. Wir sagen ja gerne als Doula und als Hebammen, dass das Wochenbett das «Verlieben mit deinem Kind” ist, ein wenig wie Flitterwochen. Wenn es aber nach so einem ekstatischen Ereignis stattfindet, ist es ganz logisch, dass man sich danach Zeit nimmt, das zu spüren und zu dritt noch nackig im Bett zu liegen und zu bonden. Dann ist der Mann auch in der Verantwortung, sich die Zeit zu nehmen und nicht gleich wieder arbeiten zu gehen. Und es ist auch logisch, dass ich nicht die ungeliebte Schwiegermutter dahaben will, die mir ach-so-lieb den Haushalt macht, aber eigentlich stresst sie mich total. Plötzlich ist all das logisch und ich stehe dafür ein, weil die Sexualität mit hineinkommt. Da sind wir viel mehr bereit, unsere wirklichen Bedürfnisse durchzusetzen.

 

Angelica Ensel: Wie erlebst du als Doula die Zusammenarbeit mit Hebammen?

Amira Gorski: Die Zusammenarbeit mit Hausgeburtshebammen bei lustvoller Geburt habe ich bisher nur als positiv erlebt. Viele kennen das schon, hätten es vielleicht nicht benennen können. Es ist ja manchmal von außen bei der Gebärenden auch gar nicht ersichtlich. Die Frau stöhnt und du weißt nicht, stöhnt sie jetzt vor Schmerzen oder vor Lust? Ich schau immer, dass wir uns im Laufe der Schwangerschaft schon kennenlernen, und meistens finden sie das spannend. Es bestätigt ganz viele ihrer Beobachtungen und bringt sie endlich mal in eine Form und Sprache.

 

Angelica Ensel: Gibt es eine andere Rollenverteilung zwischen dir als Doula und der Hebamme im Kontext der lustvollen Geburt?

Amira Gorski: Natürlich wird die Hebamme genauso gebraucht wie immer, als Doula habe ich keine medizinische Ausbildung, ist auch gar nicht mein Job. Ich bin mehr für die Gefühlslage der Frau zuständig.

Und wenn ich gebraucht werde, bin ich da und coache oder bin die Hypnobirthing-Stimme in ihrem Ohr oder massiere. Aber bei einer Hausgeburt gibt es meistens so viel zu tun – gerade wenn der Partner eine neue Rolle hat und nicht die des Wasserholers und Bettenbespanners, sondern wenn die beiden jetzt das Lustpaar, das göttliche Paar sind, das jetzt ein Kind bekommt, und wir die Helfer, die Unterstützer, dann ist genug Arbeit für alle da. Für die Hebamme ist es wichtig, dass sie weiß, dass es eine lustvolle Geburt sein kann und sie entsprechend auch die Privatsphäre achtet. Aber das tun Hausgeburtshebammen sowieso. Sie haben das sowieso verinnerlicht, weil sie es oft auch erleben, ohne dass das bewusst benannt wurde.

 

Angelica Ensel: Wahrscheinlich ist bei Hausgeburtshebammen eine größere Offenheit da und auch die Anwesenheit einer Doula unproblematischer.

Amira Gorski: Hausgeburtshebammen sind oft dankbar dafür. Oft sind sie auch überlastet und gegen Ende der Geburt arbeiten sie gerne zu zweit. Da hab ich es öfter erlebt, dass die Hebamme sagte: »Oh, das ist ja super, dann brauch ich keine zweite, dann bist ja du da.« Ich hatte hier bisher positive Erfahrungen. Es ist anders als im Krankenhaus, die Hebammen dort sind mit lustvoller Geburt eher überfordert.

 

Angelica Ensel: Es geht auch um Wissen und darum, dass die Frauen sich etwas zutrauen und etwas wollen. Um die Frage: Was will ich tatsächlich in meinem tiefsten Inneren? Und: Habe ich überhaupt den Zugang zu diesem inneren Wünschen, Wollen, und Sehnen?

Amira Gorski: Ja, und auch um eine Art von Spiritualität. Da muss man nicht esoterisch sein oder gläubig. Aber die Geburt ist ein heiliges Mysterium und ein Wunder und das ist für viele Frauen auch der Zugang zur Spiritualität. Ich erlebe es bei vielen Frauen, dass sich ganz viel öffnet durch die Geburtsvorbereitung mit mir und überhaupt durch die Schwangerschaft. Ich glaube, das ist es, was es braucht. Denn von außen kannst du es nicht wissen. Es geht nur durch das innere Wissen, das Angebundensein an deinen inneren Kern oder an das große Ganze oder wie auch immer man das nennen möchte. Ich glaube, das ist der eigentliche Schlüssel und das andere bedeutet immer nur, an äußeren Schrauben zu drehen.

 

Angelica Ensel: Ganz vielen Dank für diese spannenden Einblicke in deine Arbeit, Amira!

 

 

Die Interviewte

 

Amira Gorski begleitet als Doula weltweit Schwangere und Paare in Gruppen- und Einzel-Coachings. Zudem startete im Januar 2021 ihre zehnmonatige Online-Weiterbildung zum »LustGeburtsCoach«. Diese richtet sich mit ihren frei wählbaren Modulen insbesondere an Hebammen, Doulas oder lustgeburts-erfahrene Mütter.

Kontakt: lustgeburt@web.de; www.lustgeburt.de

Rubrik: Geburt | DHZ 2/2021

Hinweis

In der DHZ 12/2020, Seite Seite 42 ff., wurde ein Interview mit Amira Gorski zum Thema lustvolle Geburt veröffentlicht.

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