Warme Kompressen für den Damm

Evidenzbasiert, doch wenig angewendet

Während der Geburt zum Dammschutz feuchtwarme Kompressen aufzulegen, ist evidenzbasiert, technisch einfach, preiswert, immer zugänglich und effektiv. Die Frauen nehmen sie gut an. Trotzdem gehören sie in Deutschland immer noch nicht zur Routine. Peggy Seehafer

Geburtsverletzungen können sich nachhaltig auf das Leben von Frauen auswirken. Daher streben alle geburtshelfenden Fachleute danach, die Verletzungen so gering wie möglich zu halten. Warme Kompressen aufzulegen, wirkt präventiv. Das wurde bereits vor 15 Jahren in randomisierten Studien nachgewiesen (Albers et al. 2005; Dahlen et al. 2007).

 

Weniger DR III und IV

 

In den ersten Untersuchungen zeigte sich, dass warme Auflagen nicht die Rate an intakten Dämmen erhöht, aber signifikant die Dammrisse III. und IV. Grades reduzieren. Außerdem führen sie nachweislich zu einer geringeren Rate an Urininkontinenz, Schmerzen im Damm während des Austritts des Kindes und in den ersten zwei Tagen post partum (Dahlen et al. 2007).

Das erste Cochrane-Review zu den Maßnahmen, die Hebammen zum Schutz des Dammes in der Austreibungsperiode anwenden, stammt aus dem Jahr 2011 von Vigdis Aasheim, Hebamme und Gesundheitswissenschaftlerin in Norwegen. Es zeigt ebenfalls eine positive Wirkung: Die Rate an Sphinkterverletzungen wurden allein durch die Anwendung der warmen Tücher mehr als halbiert. Die Aktualisierung dieses Reviews 2017 ergab die gleichen Erkenntnisse. Die schützende Wirkung auf Dammverletzungen II. Grades inklusive Episiotomie konnte allerdings aufgrund der vorliegenden Studienqualität 2017 nicht beurteilt werden (Aasheim et al. 2011 & 2017).

 

Mehr intakte Dämme

 

Im Juni 2019 erschien nun eine neue Metaanalyse von Hannah Dahlen, Hebammenprofessorin in Australien. Sieben randomisierte Studien mit 2.103 Gebärenden gingen darin ein (reifgeborene Kinder, Spontangeburt, Einlingsschwangerschaft) (Magoga et al. 2019).

Die Frauen der Interventionsgruppe erhielten Kompressen aus Tüchern oder Vorlagen, die mit warmem Leitungswasser getränkt waren. Diese wurden während und zwischen den Wehen gegen den Damm der Frau gedrückt, sobald der Kopf den Damm dehnte oder die Herztöne des Kindes schlechter wurden und die Geburt drängte. Die Kontrollgruppe erhielt diese Behandlung nicht.

Es zeigte sich, dass die feuchtwarmen Kompressen dazu führten, dass fast 50 % mehr Frauen einen intakten Damm behielten (22,4 % vs. 15,4 %). Es wurden 40 % weniger Episiotomien angelegt (10,4 % vs. 17,1 %). Und die Dammrisse III. und IV. Grades nahmen um zwei Drittel ab (1,9 % vs. 5,8 %).

 

Von Frauen akzeptiert

 

Weil Wärme auf angestrengten und belasteten Muskeln als angenehm und hilfreich empfunden wird, akzeptieren die gebärenden Frauen die feuchtwarmen Kompressen auf dem Damm sehr gut (Hastings-Tolsma et al. 2007).

Cecily Begley, Hebammenprofessorin aus Irland, präsentierte im Mai 2019 beim Kongress des nordischen Hebammenverbands in Reykjavik Ergebnisse aus den ExpertInneninterviews der MEPPI-Studie mit Hebammen aus Irland und Neuseeland (Smith et al. 2017). In den direkten Gesprächen waren sich die Hebammen einig, dass das Wasser für die Kompressen nicht nur warm, sondern eher heiß sein sollte, um die beste Wirkung zu entfalten. Selbstverständlich sollte darauf geachtet werden, keine Verletzungen durch zu große Wärme zu verursachen.

Für diese Intervention sollte immer das Einverständnis der Frau nach einem informierenden Gespräch eingeholt werden. Hebammen, die regelmäßig warme Tücher verwenden, wissen, dass die Frauen das als sehr entlastend empfinden.

 

Bewährtes Wissen – keine Routine

 

Obwohl das Wissen um die Nützlichkeit der feuchtwarmen Kompressen bekannt ist, scheint die Anwendung im deutschsprachigen Raum nicht überall zur Routine zu gehören.

In diesem Jahr habe ich auf verschiedenen Tagungen in Deutschland Hebammen befragt: Legen Sie warme Tücher auf den Damm bei Austritt des kindlichen Kopfes? Als Antwortmöglichkeiten waren »immer«, »oft«, »manchmal« und »nie« vorgegeben. Die Kolleginnen wurden gebeten, einen farbigen Punkt an die passende Stelle eines Posters zu kleben. Die Angaben waren freiwillig. Der gleichen Frage wurde auch beim Kongress des nordischenHebammenverbands in Reykjavik im Mai 2019 in der Posterausstellung nachgegangen.

 

Abbildung 1: Verteilung der Anwendung feuchtwarmer Kompressen von

193 Hebammen in Deutschland und international – mit überwiegender Beteiligung

skandinavischer Hebammen

 

 

Insgesamt gaben 193 Kolleginnen ihre Stimme ab, 52 davon auf der Konferenz in Reykjavik, an der überwiegend Hebammen aus Skandinavien teilnahmen, und 141 in Deutschland. Die Hälfte der deutschen Kolleginnen wendet die warmen Kompressen nur manchmal oder nie an. Der Anteil bei den skandinavischen Hebammen hingegen liegt bei unter 12 % (siehe Grafik). Die Verteilung zeigt deutlich, dass es in Deutschland noch Potenzial zur Verbesserung gibt.

Es gibt Kliniken und Geburtshäuser, in denen der Warmwasserzulauf aus Sicherheitsgründen auf 37° C gedrosselt ist. Vorbereitetes heißes Wasser kühlt in Schüsseln bei Zimmertemperatur relativ schnell wieder ab. Thermoskannen, die ausschließlich für die Kreißsäle angeschafft werden, bieten sich als kostengünstige und unkomplizierte Lösung an. Die sogenannte »Dammschutzschüssel« mit dem heißen Wasser kann also jederzeit auch mit blutigen Handschuhen wieder aufgefüllt werden, so dass immer ausreichend warmes Wasser zur Verfügung steht.

Die warmen Kompressen lassen sich in jeder Geburtsposition auflegen. Sie eignen sich für jeden vaginalen Geburtsmodus, auch bei Beckenendlage oder Vakuumextraktion.

 

Kaffee oder Wasser?

 

Ob warmer Kaffee oder Kaffeeaufguss in den Kompressen warmem Wasser überlegen ist, wurde bisher nicht untersucht. Die Meinungen dazu gehen auseinander. Für einige Frauen führt der Duft des Kaffees und die damit verbundene Assoziation »Jetzt kommt das Kind« möglicherweise dazu, dass sie nochmals Kräfte mobilisieren können. Andererseits wird kontrovers diskutiert, ob ein Neugeborenes so einem starken Aroma ausgesetzt werden sollte, bevor es seine Mutter kennengelernt hat.

 

Fazit

 

Warme Kompressen, die in der Austrittsphase angewendet werden, gehen häufiger mit intakten Dämmen einher. Sie senken das Risiko einer Episiotomie und einer schweren Sphinkterverletzung. Diese Maßnahme ist technisch einfach umzusetzen, kostengünstig, immer zugänglich und effektiv. Sie sollte nach Abstimmung mit der Frau zu den Routinemaßnahmen in jeder Geburtssituation gehören.

Rubrik: Beruf & Praxis | DHZ 09/2019

Literatur

Aasheim V, Nilsen ABV, Reinar LM, Lukasse M: Perineal techniques during the second stage of labour for reducing perineal trauma. Cochrane Database Syst Rev 2011 & 2017. Jun 13; 6:CD006672. doi: 10.1002/14651858.CD006672.pub3

Albers LL, Sedler KD et al.: Midwifery care measures in the second stage of labor and reduction of genital tract trauma at birth: a randomized trial. J Midwifery Womens Health 2005. 50(5): 365–72

Dahlen HG, Homer CS, Cooke M, Upton AM, Nunn R, Brodrick B: Perineal outcomes and maternal comfort related to the application of perineal warm packs in the second stage of labor: a randomized controlled trial. Birth 2007. Dec;34(4): 282–90
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