Leseprobe: DHZ 05/2019

Anlegen und Abpumpen

Frühgeborene Zwillinge zu stillen, ist für die Mutter ein echter Stresstest. In der Klinik und später zu Hause braucht die Familie jede Unterstützung, die sie bekommen kann. Prof. Dr. Birgitt Killersreiter
  • Wenn sich die Ernährung der Zwillinge eingespielt hat, dreht sich der Alltag der Mutter nicht mehr nur um Stillen, Abpumpen und Gewichtskontrolle.

Das Stillen von frühgeborenen Zwillingen ist eine besondere Herausforderung. Nach einer vorzeitigen Geburt müssen die Eltern ihren Alltag zwischen Hoffnung und Angst um das Überleben ihrer Kinder in einer hochtechnischen Krankenhausumgebung bewältigen. Häufig sind die Mütter durch medizinische Eingriffe und allein durch die Geburt psychisch und physisch beeinträchtigt. Gleichzeitig sind sie motiviert, eine Bindung zu ihren Kindern aufzunehmen und zu stillen. Generell werden Mütter auf neonatologischen Intensiv- und Überwachungsstationen in der Nutzung der Milchpumpe angeleitet und später beim ersten Anlegen unterstützt. Känguruhing, Aufklärung zur Milchbildung, Tipps und Tricks zur Anregung der Milchproduktion ergänzen das Angebot. Mutter und Vater sind früh in die Pflege ihrer frühgeborenen Zwillinge eingebunden. Verantwortung zu übernehmen und das Gefühl, wichtig für die Kinder zu sein, unterstützt die Selbstwirksamkeitserfahrung der Eltern und vor allem der Mütter. Doch welche Hinweise und Unterstützungsformen sind für Mütter frühgeborener Zwillinge richtig und nützlich?

 

Anzahl der Mehrlinge steigt

 

Ein Grund für zunehmende Mehrlingsgeburten ist die assistierte Reproduktion durch In-vitro-Fertilisation, bei der meist mehr als nur eine Eizelle in den Uterus eingesetzt wird. Dazu kommen Hormonbehandlungen. Damit steigt laut Bäurle das Risiko von Frühgeburten um 40 bis 60 % (Bäurle A, 2017). 2017 wurden 14.712 Mehrlinge geboren und damit setzt sich die über Jahre steigende Tendenz fort (siehe Tabelle 1). Der größte Anteil der Mehrlinge sind Zwillinge (siehe Tabelle 2). Zwillinge gehören zu den Risikogruppen, die häufig zu früh geboren werden. Auch die Zahl der Frühgeborenen steigt in Deutschland (siehe Tabelle 3). Das bedeutet, Hebammen müssen zunehmend Eltern in diesen besonderen Lebensumständen unterstützen. Dabei erfordern die Pflege und Ernährung von frühgeborenen Zwillingen individuelle und kreative (Problem-)Lösungen.

 

Tabelle 1: Zahl der Mehrlinge in Deutschland insgesamt

 

 

Tabelle 2: Zahl der Zwillinge, Drillinge und mehr in Deutschland

 

 

Tabelle 3: Zahl der Frühgeborenen in Deutschland

 

 

Stillen und Zufüttern – eine ideologische Frage?

 

Stillen ist ein ideologisch aufgeladenes Thema. Trotz eines gewissen Stilldogmas haben sich die Stillfrequenzen in Deutschland aber nicht verbessert. Im Rahmen der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) wurde in der zweiten Erhebung die Stillfrequenz der Mütter in Deutschland erhoben. Zwischen den Geburtenkohorten 2009/2010 und 2013/2014 ergaben sich keine Veränderungen. 90 % der Mütter planten, ihr Baby nach der Geburt zu stillen. 97 % haben tatsächlich damit begonnen – also mehr, als ursprünglich geplant. Die Ermunterung zum Stillen und die Anleitung scheinen also zu funktionieren.

 

Saugschwache frühgeborene Kinder

 

Die Unreife Frühgeborener beeinflusst ihr neuromotorisches Verhalten nach der Geburt. Sinneseindrücke können sie noch nicht verarbeiten. Als Zeichen der Überforderung reagieren sie mit Apnoen, Schläfrigkeit und Schreien sowie niedrigem Muskeltonus. Diese Instabilität führt beim Stillen zu kurzen Saugintervallen mit langen Pausen. Durch die fehlende Saugtechnik gelingt es den Frühgeborenen nicht, die Brustwarze mit der Mamille richtig zu erfassen.

Häufig fehlt der Brust-Such-Reflex. Kurze Saugschübe, lange Pausen, Strohhalmsaugen und Schnalzgeräusche mit der Zunge sind Anzeichen einer Saugschwäche. Frühgeborene haben häufig Probleme mit der Koordination von Saugen, Schlucken und Atmen. Die Kinder trinken kleine Mengen und melden sich deshalb in kürzeren Zeitabständen wieder zur Stillmahlzeit. Das führt dazu, dass gerade für eine Mutter frühgeborener Zwillinge das Stillen im doppelten Sinne zur Herausforderung wird.

Gleichzeitig sollen Frühgeborene rasch an Gewicht zunehmen. Für die Hirnreifung benötigten sie ausreichend Eiweiß und Fette. Deshalb muss das Körpergewicht überwacht werden, was die Mutter weiter unter Druck setzt. Die Saugschwäche frühgeborener Kinder in Kombination mit unzureichender Milchbildung bei der Mutter kann eine Zufütterung notwendig machen. Die Nationale Stillkommission empfiehlt in dem Fall, jeweils vorher und zwischendurch den Säugling an die Brust anzulegen. Dabei muss die Mutter angeleitet und jegliche Zufütterung auf ihre Effektivität hin kontrolliert werden. Dies geschieht durch Gewichtskontrolle (Bundesinstitut für Risikobewertung 2015).

Damit wird klar, wie hoch die Verantwortung und die Belastung von Müttern frühgeborener Zwillinge ist. Sie müssen zwei saugschwache Kinder stillen, zufüttern, nachpumpen, zwischendurch anlegen, auf das Körpergewicht der Kinder achten und regelmäßig Nahrung anbieten, damit sie zunehmen. Eigentlich wird erwartet, dass die Mutter beide Kinder stillen kann, denn Muttermilch ist das Beste gerade für frühgeborene Kinder.

 

Stillhilfen im Krankenhaus

 

In der Geburtsklinik hängt der zukünftige Stillerfolg von der Beratung und der Haltung der Pflegenden und behandelnden GeburtshelferInnen ab. Auf neonatologischen Intensiv- und Überwachungsstationen ist die Ernährung mit Muttermilch selbstverständlich. Mütter werden sehr früh angehalten, ihre Milch abzupumpen. Die Hebammen und Pflegepersonen leiten sie an. Prof. Alison McFadden und ihre KollegInnen von der schottischen Universität Dundee haben in einer Cochrane-Analyse mit 73 Studien untersucht, welche Interaktionen stattfinden müssen, um Mütter beim Stillen effektiv zu unterstützen. Unterstützungsangebote haben demnach einen hohen Einfluss auf die Stilldauer. Besonders wirksam sind eine persönliche Beratung, spezielle Unterstützungsangebote mit mindestens vier bis acht Kontakten und Stillvorbilder aus der Familie (McFadden et al. 2017).

Wenn schon Mütter mit gesunden Neugeborenen von intensiven Unterstützungsangeboten profitieren, wie sieht es dann mit Müttern von frühgeborenen Zwillingen aus? Soheila Karabandi und KollegInnen setzten in einer randomisierten Studie mit 60 Müttern von frühgeborenen Kindern 24 bis 72 Stunden nach der Entbindung die progressive Muskelentspannung nach Jakobsen ein. Das Training war effektiv und erhöhte bei Müttern der Interventionsgruppe die Selbstwirksamkeit (Karabandi et al. 2017, S. 283-288). Hier zeigt sich, dass Angebote zur Stressreduktion und Achtsamkeit nach der Geburt eines frühgeborenen Kindes das zukünftige Stillverhalten der Mutter wirksam unterstützen.

 

Wie sich das Stillverhalten entwickelt

 

Mit zunehmendem Gestationsalter der Frühgeborenen reift die Entwicklung ihres Stillverhaltens heran (Nyqvist, zitiert nach Benckert 2017, S. 61). In der 18. bis 30. Schwangerschaftswoche (SSW) bildet sich ihre Mimik aus. Sie können den Mund öffnen, die Zunge herausstrecken und am Daumen nuckeln. Der Würgereflex zeigt sich ab der 26. SSW. Von der 30. bis zur 40. Woche stabilisiert sich der Muskeltonus, der Saug-Schluck-Reflex und der Brust-Such-Reflex bilden sich aus (Nyqvist, zitiert nach Benkert 2017; Underwood et al. 2017; Biber 2017, S. 62). Die Bereitschaft zur oralen Nahrungsaufnahme zeigt sich mit dem Suchreflex (Drehen des Kopfes, suchende Mundbewegungen), zunehmender Wachheit, aktivem Muskeltonus (Beugen von Armen und Beinen), Saugen an der Faust und Bewegungen von Unterkiefer, Zunge und Lippen. Die Atmung ist dabei stabil, ebenso die Sauerstoffsättigung (Nyqvist, zitiert nach Benkert, S. 64).

 

Professionelle Unterstützung

 

Hohe Arbeitsdichte und Fachkräftemangel führen dazu, alternative Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten zu überlegen. Weshalb also nicht für eine Beratung online gehen? Prof. Dr. Jane Grassley von der Boise State Universität in Idaho/USA und ihr Forschungsteam haben in einer Pilotstudie die Stillberatung und Aufklärung vor der Geburt über ein Onlineportal angeboten. In zwölf Unterrichtsmodulen vor und nach der Geburt wurden die Mütter auf das Stillen vorbereitet. Die Stillbereitschaft wurde vor und nach der Intervention gemessen. Bei den 25 Studienteilnehmerinnen ergab sich kein signifikanter Unterschied. Trotzdem zeigten sich die AutorInnen zuversichtlich, dass die Machbarkeit in mehr Studien nachgewiesen werden könnte (Grassley et al. 2016, S. 93-95). Aber wollen wir das?

 

Empfehlungen zum Stillen von frühgeborenen Zwillingen

 

Mütter frühgeborener Zwillinge benötigen Aufklärung darüber, wie die Milchbildung nach der Geburt funktioniert. Sie müssen einfühlsam in die Handhabung der Milchpumpe eingeführt werden oder lernen, wie sie die Brust ausstreifen können. Kenntnisse zu Nahrungsaufbau, Trinkmengen und den Vorteilen der Muttermilch sollen sie motivieren, ihre Kinder zu stillen und die Muttermilchproduktion durch Abpumpen oder Ausstreichen in Gang zu bringen. Je häufiger abgepumpt wird, desto mehr Milch wird produziert. Es wird empfohlen, gerade in der Anfangszeit bis zu achtmal pro Tag beidseitig abzupumpen. Dafür werden Doppelpumpsets angeboten.

Brustmassagen, feucht-warme Brustwickel, direkter Hautkontakt (Känguruhing) und Abpumpen in der Nähe der Kinder erleichtern die Prozedur. In einigen Ländern streichen Mütter ausschließlich die Brust aus und sind gleichermaßen in der Milchgewinnung erfolgreich. Diese Methode ist weniger mechanisch und sanfter als eine Pumpe.

Frühgeborene erhalten Mundpflege mit Muttermilch. Erste Saug-Schluckübungen werden mit wenigen Tropfen Muttermilch aus der Pipette oder Einwegspritze geübt. Mütter benötigen beim Anlegen immer Hilfestellung. Dabei sind die Positionierung der Brust und die Platzierung der Brustwarze mit Mamille im Mund des Kindes wichtig, um den Saugreflex auszulösen.

 

Stillpositionen für saugschwache Kinder

 

Die Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (AfS e.V.) empfiehlt, verschiedene Stillpositionen auszuprobieren. Die Wiegenhaltung ist die bekannteste Position. Aber bei sehr kleinen Kindern müssen Kopf und Körper gestützt werden (Übergangshaltung). Frühgeborene Zwillinge können deshalb nicht gleichzeitig gestillt werden.

Bei der Rückenhaltung wird ein Stillkissen benötigt. Das Kind liegt auf dem Rücken neben der Mutter, Hüfte an Hüfte. Der Rücken wird durch den Unterarm der Mutter gestützt. Dabei liegt der Hinterkopf des Kindes in der Hand der Mutter und sie unterstützt mit dem C-Griff die Brust. Vier Finger befinden sich unter der Brust, der Daumen liegt ohne Druck oben auf. Die Mutter kann so Kopf und Brust optimal einsehen, mit der Hand unterstützen und korrigieren.

Diese Haltung kann für das Stillen beider Kinder eingesetzt werden, wenn die Kinder gut und selbstständig an der Brust trinken.

Die aufrechte Stillposition ist weniger bekannt, aber günstig für kleine Frühgeborene und verschlafene, saugschwache Kinder. Die Kinder werden aus der Rückenhaltung hochgesetzt und größere Kinder werden im »Hoppe-Reiter-Sitz« gestillt (AfS 2019). Auch in dieser Stillposition kann immer nur ein Kind gestillt werden.

Häufig können saugschwache Kinder die Brustwarze nicht halten. Hier bietet sich der DanCer-Griff an: Daumen und Zeigefinger der Mutter formen ein »U«. Damit unterstützt die Mutter den Kiefer des Kindes und durch den Druck auf die Wange bleibt der Mund besser verschlossen. Das Baby kann die Brustwarze besser umfassen und halten.

 

Zufüttern von frühgeborenen Zwillingen

 

Der Alltag von Eltern frühgeborener Zwillinge darf sich nicht nur um Stillen, Abpumpen und Körpergewicht drehen. Der Aufbau einer stabilen Mutter-Kind-Beziehung und eine stabile Paarbeziehung sind für die Familie notwendig. Dafür brauchen Mutter und Vater Zeit für sich und die eigenen Bedürfnisse. Die Mutter benötigt die Unterstützung der Hebamme gerade dann, wenn die frühgeborenen Zwillinge nicht effektiv und ausschließlich an der Brust ernährt werden können. Optimalerweise werden frühgeborene Zwillinge ausschließlich mit Muttermilch ernährt, die neben den Stillmahlzeiten auch zugefüttert werden kann.

Die nationale Stillkommission empfiehlt für das Zufüttern von Stillkindern

  • Flasche und Flaschensauger
  • Becher, Löffel, Medikamentenschiffchen, Pipette
  • Flasche mit einem weichen löffelförmigen Mundstück (SoftCup)
  • Spritze mit Nahrungssonde (auf der Brust fixiert)
  • Brusternährungsset
  • Fingerfütterung mittels Spritze
  • Nahrungssonde (am Finger fixiert)
  • Fingerfeederaufsatz (Silikonfütteraufsatz) als therapeutische Maßnahme bei Sauganomalien (Bundesinstitut für Risikobewertung 2015).

Stillhütchen sind umstritten. Die Brustwarze wird in das Stillhütchen eingesogen und bleibt bei Saugpausen stehen. Trinkschwache Frühgeborene können so noch mit geringer Saugkraft Milch aus der Brust saugen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Brustwarze der Mutter durch ein falsches Ansaugen wundgerieben wird. Es wird auch befürchtet, dass das Kind später, wenn es kräftig genug zum Saugen ist, die Brustwarze ablehnt und nur noch mit Stillhütchen saugen kann.

Brusternährungssets sind in der Vorbereitung umständlich und vor allem für Mütter mit zwei frühgeborenen und womöglich saugschwachen Zwillingen praktisch kaum anwendbar.

Becher, Löffel oder Fingerfütterung erfordern viel Zeit und Ruhe und vor allem Aufmerksamkeit. Das Kind kann sich leicht verschlucken. Die Mahlzeit dauert länger und bei zwei trinkschwachen Kindern, die gleichzeitig Hunger haben, ist diese Methode nicht zu empfehlen.

Das Saugverhalten an der Flasche unterscheidet sich von dem an der Brust. Beim Saugen mit einem Flaschensauger besteht die Gefahr, dass der Kaumuskel sich nicht ausreichend entwickelt. Deshalb wird empfohlen, dass sich Kinder nicht an den Sauger gewöhnen sollten, um die sogenannte »Sauverwirrung« zu vermeiden (Bundesinstitut für Risikobewertung 2015).

Nach der Pflegeexpertin und Stillberaterin Brigitte Benkert ist die Nahrungsaufnahme mit der Flasche ein passiver Vorgang. Das Frühgeborene kann sein Trinkverhalten nicht selbst regulieren. Der Flaschensauger wird in den Mund hineingeschoben und das Kind mit verschiedenen Stimulationen zum Saugen genötigt. Mit Blick auf das Körpergewicht frühgeborener Zwillinge besteht die Tendenz, ein bestimmtes Mindestvolumen in bestimmten Zeitabständen zu füttern. So kann das Kind kein Hungergefühl entwickeln (Benkert 2017, S. 69).

 

Was brauchen Mütter von frühgeborenen Zwillingen?

 

Hebammen, GeburtshelferInnen und KinderärztInnen haben nach der Entlassung die Gesundheit der Mutter im Blick und überwachen das Gedeihen der frühgeborenen Zwillinge. Dabei sind es die Hebammen, die der Mutter zur Seite stehen. Eltern müssen sich an das Zusammenleben mit den Kindern zu Hause gewöhnen.

Nicht selten gibt es von Familienmitgliedern und Freunden überaus gut gemeinte Ratschläge, die sich zuweilen widersprechen. Hier gilt es Ruhe zu bewahren, Stillmythen aufzudecken und professionell eine Richtlinie beizubehalten.

Alltagstaugliche Stillpraxis: Beide frühgeborenen Zwillinge müssen nicht rund um die Uhr gleichzeitig gestillt werden. Die Kinder abwechselnd zu stillen, entlastet die Mutter. Ziel sollte es sein, dass beide Kinder mit ausreichend Muttermilch ernährt werden können. Ein Doppelpumpset oder Ausstreichen der Brust sorgt für eine ausreichende Milchbildung. Die Flaschenfütterung mit Muttermilch ist leicht umsetzbar, kann delegiert werden und ist gegenüber der Brustfütterung keine Abwertung. Die Verwendung von Flaschensaugern muss nicht zwangsläufig zur »Saugverwirrung« führen. Wichtig ist ein souveräner Umgang mit dem Körpergewicht der frühgeborenen Zwillinge. Tägliches Wiegen vor und nach der Stillmahlzeit ist nicht notwendig. Die Entwicklung des Körpergewichts muss langfristig beobachtet werden.

Unterstützung organisieren: Eltern frühgeborener Zwillinge brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können. Vor allem muss diese Hilfe auch nach der Betreuungszeit der Familienhebamme zur Verfügung stehen. Eine bewährte Methode aus der sozialpädagogischen Beratung ist das sogenannte Eco-Mapping. Hier werden Eltern nach ihren Netzwerken gefragt. Ein Kreis wird in acht Segmente aufgeteilt, die für verschiedene Ausschnitte des Alltags stehen: Familie, Verwandtschaft, ArbeitskollegInnen, NachbarInnen, FreundInnen, Mitglieder in Vereinen oder Verbänden, professionelle HelferInnen und sonstige Personen. Diese Aufteilung hilft, Netzwerke zu entdecken und mit Fragen zu überlegen, wer der Mutter tatsächlich zu Seite steht. Die Fragen können lauten: Auf wen hören Sie, wenn Sie eine Entscheidung
treffen müssen? Wen können Sie jederzeit besuchen? Wenn es Ihnen gut/schlecht geht, was tun Sie, zu wem gehen Sie? (Budde & Früchtel 2009)

Speicher wieder auffüllen: Die Freude über die Kinder und die Bindung zu den Kindern brauchen Raum und Zeit. Deshalb ist es so wichtig, dass Mütter frühgeborener Zwillinge loslassen können und Entspannungspausen einbauen. Achtsamkeitsübungen, autogenes Training, Yoga, Massagen, Sport oder Gesprächsrunden und Austausch mit FreundInnen sind gute Möglichkeiten, um die psychische Widerstandskraft zu unterstützen. Fürsorge brauchen nicht nur die frühgeborenen Zwillinge, Fürsorge braucht auch die Mutter. Ein Lieblingsessen – gekocht von der besten Freundin – sorgt für Wohlbefinden und Geborgenheit.

Zeit als Paar – die Beziehung pflegen: Der Fokus rund um das Stillen von frühgeborenen Zwillingen liegt zwangsläufig bei der Mutter. Dabei nehmen Väter eine ebenso wichtige Rolle ein. Gemeinsam gilt es, die elterliche Fürsorge wahrzunehmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Häufig kommt die Paarbeziehung zu kurz. Diese ist aber wichtig, um Herausforderungen lösungsorientiert zu bestehen und gleichwertig als Eltern für beide Kinder da zu sein. Dafür müssen sich Mutter und Vater eine »Beziehungszeit« nehmen. Gemeinsam wird es ihnen gelingen, ihren frühgeborenen Zwillingen zu einem guten Start ins Leben zu verhelfen.

 

Immer nur ein Kind stillen

 

In Abwägung aller Vor- und Nachteile ist die Zufütterung mit der Säuglingsflasche und entsprechenden Flaschensaugern bei frühgeborenen Zwillingen die praktikablere Methode. Sie kann gut delegiert werden, braucht wenig Zeit und Anleitung.

Je Stillmahlzeit reicht es aus, dass die Mutter immer nur ein Kind stillt und beim nächsten Mal wechselt: Während der eine Zwilling gestillt wird, wird der andere mit der Flasche gefüttert. Damit die Muttermilch für die Flaschenfütterung bereitsteht, empfiehlt sich ein Doppelpumpset. Die Mutter sollte keine Scheu beim Ausstreichen der Brust haben. Viele betrachten es zunächst als ineffektiv und wenig ästhetisch. Bei guter Anleitung und richtiger Technik ist es jedoch genauso effektiv wie Abpumpen und wird häufig als angenehmer empfunden. >

 

Selbstwirksamkeit und Resilienz – auch beim Stillen

 

Das Bewusstsein, alle Anforderungen im Leben zu meistern und gestärkt daraus hervorzugehen, ist eine Grundvoraussetzung für eine erfüllende Problemlösung. Selbstwirksamkeit ist eine Sozialisationserfahrung, deren Grundstein in der frühen Kindheit gelegt wird. Angenommensein, gefestigte Bindungen, unterstützende Erziehung und eine ausgewogene Balance zwischen Verantwortung übertragen und Verantwortung übernehmen, dort wo es angezeigt ist, lassen Kinder reifen und als zufriedene und erfolgreiche Menschen heranwachsen.

Resilienz ist die psychische Widerstandskraft eines Menschen. Resiliente Menschen können mit besonderen Anforderungen des Lebens konstruktiv umgehen. Selbstwirksamkeit und Re­silienz sind zwei eng miteinander verwobene Eigenschaften. Es ist naheliegend, dass sie auch für den Stillerfolg verantwortlich sind. Aber kann man Selbstwirksamkeit lernen?

Eine Forschergruppe aus Dänemark evaluierte neun Geburtskliniken. Eine Gruppe von Müttern erhielt Anleitung und Beratung und einen schriftlichen Stillleitfaden, die andere Gruppe nicht. Insgesamt wurden 2.065 Mütter in die Studie aufgenommen. Zusätzlich befanden sich 1.476 Mütter in der Referenzgruppe. Die Selbstwirksamkeit der Mütter der Interventionsgruppe erhöhte sich nicht. Allerdings stillten diese Mütter ihre Kinder länger, die Kinder wurden weniger wegen Neugeborenen-Ikterus behandelt und die Eltern waren engagierter (Nillson et al. 2017). Vermutlich haben die Kommunikation in der Anleitung, die persönliche Unterstützung und die Aufklärung in der Interventionsgruppe dazu geführt, dass die Mütter ihre Kinder länger stillen konnten.

Wissenschaftlich ist umstritten, ob die Ressourcen im Laufe des Lebens aktiv immer wieder aufgefüllt und Resilienz gelernt werden kann. Allerdings senken Achtsamkeitsübungen und Selbstpflege seelischen und körperlichen Stress. Selbstwirksamkeit fördern und Resilienz stärken können also hilfreich für stillende Mütter von frühgeborenen Zwillingen sein.

Rubrik: Wochenbett | DHZ 05/2019

Literatur

Bäurle A: Weltfrühgeborenentag. Bei der Anzahl der Frühchen sieht Deutschland alt aus. www.ärztezeitung.de 2017 (letzter Zugriff: 17.3.2019)

Benkert B: Das Stillbuch für besondere Kinder. Hogrefe. 2. Auflage. Bern 2017

Brettschneider AK, von der Lippe E, Lange C: Breastfeeding behavior in Germany-News from KiGGs wave 2. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsförderung Gesundheitsschutz 2018. Ausgabe 61
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