Selbstfürsorge

Auch Hebammen sind verwundbar

Hebammen gehören zu den Berufsgruppen, die starken Belastungen und traumatischen Erfahrungen ausgesetzt sein können. Dennoch gelten sie als Einzelkämpferinnen und werden kaum vor Überlastungen geschützt. Wie können geburtshilfliche Teams vorbeugen und womit kann sich jede Einzelne wappnen? Maria Zemp
  • »Je mehr Sinnhaftigkeit die Hebamme der Intervention beimisst, umso besser wird sie diese Notfallsituation verarbeiten.«

Hebammen arbeiten in einem komplexen Spannungsfeld, das sich nicht nur auf ihre individuelle Gesundheit auswirkt, sondern auch auf das soziale Umfeld. Ihr Team in Klinik, Geburtshaus oder Praxis, ihre Familie und ihre Freundschaften werden davon beeinflusst.

Je nach Arbeitsfeld der Hebamme sind die Herausforderungen und die daraus resultierenden Belastungs- und Zufriedenheitsfaktoren sehr unterschiedlich. Arbeitet eine Hebamme in einem Klinikteam, das eine gute Kommunikation miteinander pflegt, in dem die Hierarchie eher durchlässig ist und der fachliche Austausch gepflegt wird, ist sie möglicherweise weniger belastet als eine Kollegin, die im ländlichen Raum als Kleinunternehmerin ihre Hebammenpraxis führt und ständig erreichbar sein muss.

Hebamme sein bedeutet auch, manchmal um das Leben von Mutter und Kind bangen zu müssen. Je nach Berufserfahrung oder eigener Stabilität werden diese Situationen mehr oder weniger belastend erlebt. Dasselbe gilt für risikoreiche Geburtsinterventionen. Je mehr Sinnhaftigkeit die Hebamme der Intervention beimisst, umso besser wird sie diese Notfallsituation verarbeiten. Wird die Entscheidung für die Intervention im geburtshilflichen Team getroffen, statt von oben verordnet, wird die Stressbelastung entscheidend geringer sein.

Immer wieder werden Hebammen auch unfreiwillig Zeuginnen, wenn sich Frauen unter der Geburt an frühere Gewalterfahrungen erinnern und sie diesen traumatischen Zuständen unvorbereitet ausgeliefert sind.

Im Gespräch mit Hebammen zeigt sich, dass sie die Bewältigung dieser Krisen zwar als belastend einordnen, gleichzeitig weisen sie aber auch sehr realistisch und nüchtern darauf hin, dass diese existenziellen Erfahrungen zur Hebammenarbeit dazugehören. Was sie offensichtlich viel mehr angreift und zur Aufgabe ihres Berufes bringt, sind die chronischen strukturellen Mangelzustände, die ihnen nicht genügend Zeit, Ressourcen und fachliche Begleitung zur Verarbeitung solcher Ereignisse geben.

 

Besondere Belastung

 

Familienhebammen erleben besondere Belastungen: Sie arbeiten oft in benachteiligten und krisenhaften Familiensystemen und müssen aushalten, dass sie nur bedingt wirksam sein können. Denn ihre individuelle Hilfe bräuchte viel mehr strukturelle Unterstützung durch niederschwellige psychosoziale Beratungs- und Hilfsangebote. Die Abwägung der Kindeswohlgefährdung ist ein ständiger Stressfaktor und wird dadurch verschärft, dass die Hebamme im Zweifelsfall für das Wohlergehen des Kindes und gegen die Interessen der Mutter handeln muss.

Familienhebammen bezeugen innerfamiliäre Gewalt, sie werden von Frauen auch in einer akuten Bedrohungslage um Hilfe gerufen. Dabei kommt es nicht selten vor, dass sich die Hebamme selbst in Gefahr begibt, vor allem dann, wenn sie in dem Impuls helfen zu wollen, ihr eigenes Sicherheitsrisiko nicht abwägt und kein Handlungsleitfaden vorliegt, wie sie in einer solchen Situation vorgehen kann.

 

Die Geburtshilfe – ein »Krisengebiet«?

 

Die Metapher »Krisengebiet« haben Hebammen in einer Fortbildung zum Thema Stress- und Traumasensible Haltung geprägt. Damit haben sie ihre täglichen Arbeitsbedingungen beschrieben, vor allem im Kreißsaal, aber auch in der aufsuchenden Arbeit. Angestellte des Gesundheitsamts, die Flüchtlingsfamilien betreuen, berichten von einem enormen Zeitdruck, unter dem sie zu arbeiten haben.

Wenn das Alltagsgeschäft in der Hebammenarbeit bereits zur ständigen Krise wird, muss sich niemand wundern, wenn die Bewältigung von akuten Belastungen nur unter enormem Kraftaufwand und mit viel Engagement einzelner mehr schlecht als recht gelingen kann

 

Für sich selbst sorgen

 

Die eigene Verletzlichkeit wird im Berufsleben der Hebamme wenig thematisiert, das Berufsrisiko der indirekten Traumatisierung ist noch weitgehend tabuisiert. Die notwendige Selbstfürsorge wird nicht als professionelle Pflicht gesehen. Oft wird sie abgewertet und belächelt, Teamfürsorge und Supervision werden angesichts des ökonomischen Drucks als überzogene Forderungen verunglimpft.

Eine im Arbeitsalltag praktizierte Selbstfürsorge deckt als erstes die menschlichen Grundbedürfnisse ab. Es sollte selbstverständlich sein, dass der Dienstplan so gestaltet ist, dass Toiletten-, Essens- und Trinkpausen gewährleistet sind.

Neben dem geburtshilflichen Handwerk, oft im Schichtdienst, leisten Hebammen diffizile Beziehungsarbeit. Dies kann auf die Dauer erschöpfend sein, besonders unter mangelnden strukturellen Rahmenbedingungen – wir sprechen von Erschöpfung aus Mitgefühl (Figley 1995a). Bleibt die Erschöpfung über lange Zeit unbeachtet, kann sich daraus ein Burnout entwickeln.

Wie jede Berufsgruppe haben auch Hebammen ein berufliches Gesundheitsrisiko. Dies muss bereits in der Ausbildung deutlich gemacht werden, so dass jede Hebamme lernt, wie sie eine Selbstfürsorge entwickeln kann, um ihren Beruf fachlich qualifiziert sowie seelisch und emotional gesund möglichst lange ausüben zu können. Jede Selbstfürsorgepraxis gestaltet sich individuell und zielt darauf ab, berufliche und private Belastungen so zu balancieren, dass körperliche und seelische oder geistige Regeneration möglich ist. Ziel der Selbstfürsorge ist, dass die Hebamme mit sich selbst und ihrem sozialen Umfeld in einer guten Beziehung steht und sich zutraut, alltägliche Stresssituationen so zu bewältigen, dass weder sie noch andere ernsthaft Schaden nehmen.

Das ABC der Selbstfürsorge gibt drei Bereiche an, auf die es zu achten gilt (siehe Kasten).

 

Das ABC der Selbstfürsorge

 

Awareness – Bewusstsein schaffen:

  • sich der eigenen Grenzen, Bedürfnisse, Gefühle und Ressourcen bewusst werden
  • aufmerksam und akzeptierend damit umgehen

Balance ermöglichen:

  • Aufrechterhaltung einer Balance zwischen Aktivität beziehungsweise Arbeit und Entspannung, Spiel und Muße

Connection – In Beziehung sein:

  • Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen, mit Größerem als man selbst (Religion, Musik, Natur etc.).

Quelle: Saakvitne & Pearlman 1996

 

Sekundäre Traumatisierung

 

Das Phänomen der indirekten Traumatisierung ist Grundlage verschiedener Studien (Daniels 2011). Die Fachwelt ist sich einig, dass Menschen, die mit traumatisierten Menschen leben oder arbeiten, indirekter Traumatisierung ausgesetzt sein können.

Bis heute liegen aber keine systematischen Untersuchungen über die Relevanz des Themas für die Geburtshilfe in Deutschland vor. Lediglich in der psychiatrischen Pflege wurde eine entsprechende Studie erstellt (Daniels 2010; Rixe et al. 2014). Das ist umso erstaunlicher, weil wir wissen, dass jede vierte Frau in Deutschland körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren hat (BMFSFJ 2019). Wir müssen davon ausgehen, dass ein bestimmter Prozentsatz von ihnen mit traumatischen Folgen lebt, die häufig erst in der sensiblen Phase von Schwangerschaft und Geburt erinnert werden. Mit anderen Worten: Hebammen und GeburtshelferInnen arbeiten immer wieder mit Frauen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Sie sind daher eine Gruppe, die mit dem Berufsrisiko der sekundären Traumatisierung belastet sein kann. Durch den Zuzug von geflüchteten Frauen, die Kriege, Flucht und Gewalt erlebt haben, hat das Thema zusätzlich an Brisanz gewonnen.

Die Diplompsychologin Prof. Dr. Judith Daniels beschrieb das Phänomen in ihrer Dissertation an der Universität Bielefeld wie folgt: »Sekundäre Traumatisierungen sind Traumatisierungen, die ohne direkte sensorische Eindrücke des Ausgangstraumas sowie mit (zumeist größerer) zeitlicher Distanz zum Ausgangstrauma entstehen.« (Daniels 2006) Übertragen auf die Hebammenarbeit wird klar, dass Hebammen beispielsweise dann sekundär traumatisiert werden können, wenn Frauen von traumatischen Erfahrungen erzählen, die ihnen zum Beispiel als Folge von sexueller Ausbeutung widerfahren sind, oder wenn (Familien-)Hebammen Akten über Kindesmisshandlungen lesen müssen.

 

Handlungsleitfaden für Familienhebammen

 

  • Sich selbst sichern (bereits am Telefon): Stichwort HASE: Haltung, Atmung, Spannung, Erdung
  • (Kere-Wellensiek 2017)
  • Gefährdungslage von Mutter und Kind einschätzen
  • Im Fall einer Intervention vor Ort, die eigene Gefährdung einschätzen.
  • Je nach Einschätzung nicht alleine handeln, Polizei und gegebenenfalls Notarzt rufen und im Team handeln
  • Schutz und Sicherheit für Mutter und Kind planen: Überweisung an die örtliche Frauenberatungsstelle, ein Frauenhaus oder eine andere Fachstelle. Bei Fragen hilft das Frauenhilfetelefon, immer erreichbar unter Telefon 08 000 116 016
  • Nach der Intervention: Entlastungsgespräche (Debriefing) – Supervision oder kollegiale Beratung. Hier empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen, das auch in Fortbildungen geübt werden kann

Sicherheit langfristig planen:

  • Besuch einer Fortbildung zum Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt und Trauma in der Hebammenarbeit
  • Vernetzung: Teilnahme an den kommunalen Treffen des Runden Tisches gegen Gewalt gegen Frauen, dort koordinieren sich alle AkteurInnen, inklusive Polizei
  • Haltungsänderung: von der Einzelkämpferin zur Netzwerkerin, kollegialer Austausch, Supervision

Entscheidender Auslöser für die sekundäre Traumatisierung ist die empathische Beziehung, so kommt es zu einer »empathischen Ansteckung«. Gute professionelle Beziehungen fußen auf Empathiefähigkeit. Das Risiko, »angesteckt zu werden«, kann nicht ausgeschlossen werden.

Auf die Frage, ob sie dieses Phänomen kennen, antworten viele Hebammen, dass sie diese Geschichten sehr betroffen machen würden, selten aber würde diese Betroffenheit längerfristige Spuren hinterlassen. Andere beschreiben aber auch, dass es die Geschichte einer betreuten Frau war, oder das Foto eines misshandelten Kindes, die Erinnerungen an ihre eigene Gewalterfahrung wachgerufen haben. In diesem Fall sind die Folgen oft einschneidend. Nicht selten beginnen Hebammen nach einem solchen Erlebnis, die eigene Gewalterfahrung aufzuarbeiten.

Als Geburtsverläufe, die ihnen besonders belastend in Erinnerung geblieben sind, schildern die meisten Hebammen mit starken Emotionen ein oder mehrere Ereignisse, die sie auch Jahre danach noch beschäftigen. Sie erzählen, dass sie das Erlebte nie mehr vergessen können, dass sie immer noch manchmal davon träumen, dass die Erinnerung bedrohlich ist und körperliche Reaktionen wie Herzklopfen oder Ekel auslöst.

Ein Beispiel von einer Hebamme, die eine Frau bei einem protrahierten Geburtsverlauf betreute: »Ich spürte zunehmend, dass mir die Beziehung zur Gebärenden entgleitet. Es war, als wäre sie als Person nicht mehr anwesend, sie schien mich nicht mehr zu erkennen, sie war in größter Panik. Die Herztöne verschlechterten sich, wir mussten handeln und das Kind mit der Saugglocke holen. Ich konnte die notwendigen Interventionen nicht mehr mit ihr absprechen, ohne Einwilligung mussten wir handeln. Es fühlte sich nicht mehr wie eine Geburt an, sondern wie eine Vergewaltigung – und das war auch genau das, was die Frau uns hinterher vorgeworfen hat: Wir hätten sie vergewaltigt. Ich hatte am selben Tag nochmal eine Geburt zu leiten, zum Glück verlief diese normal. In meinen anschließenden dienstfreien Tagen hat mich das Ereignis sehr beschäftigt, immer wieder hatte ich abwechselnd mit Schuldgefühlen und Ekel zu kämpfen. Meine Familie hat gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt, aber ich wollte niemanden damit belasten und habe versucht, alleine damit fertig zu werden. Zurück im Dienst habe ich wieder funktioniert, zu Hause aber war ich dünnhäutig, bin ständig aus der Haut gefahren, die Schlaflosigkeit habe ich mit dem Schichtdienst erklärt.«

Die Hebamme schildert typische Anzeichen einer indirekten Traumatisierung:

  • zeitlich Distanz: erst am Tag danach zeigen sich die Symptome
  • Schuld- und Schamgefühl, Ekel
  • Intrusionen: immer an das Ereignis denken müssen
  • Nervosität, Schlaflosigkeit
  • Rückzug aus Beziehungen, Isolation.

 

Grenzerfahrungen begleiten

 

Hebammen und Geburtshelfende erleben und begleiten immer wieder Grenzerfahrungen und gerade diese erfordern viel Empathie und gehen nie spurlos an den BetreuerInnen vorbei. Die existenziellste Erfahrung jeder Hebamme ist wohl, wenn das Kind unter der Geburt stirbt und geburtshilfliche Interventionen das nicht verhindern können. Unweigerlich gelangt sie selbst dadurch in den Zustand von existenzieller Hilflosigkeit, denn sie ist dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert. Sie muss erfahren, dass ihre Hebammenkunst wirkungslos bleibt. Nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Hebamme oder das geburtshelfende Team kann eine solche Situation traumatisch wirken.

In Dänemark wurde 2017 untersucht, wie traumatische Geburtserlebnisse sich auf die ärztlichen GeburtshelferInnen und die Hebammen auswirken, in »denen Mutter oder Kind einen Schaden erlitten, der vorübergehende oder bleibende Folgen hatte« (Schroeder 2016). Leider gibt die Studie keine Informationen darüber, in welchen Fällen es sich um eine Mitschuld des geburtshilflichen Teams oder um schicksalshafte Ereignisse handelte.

Laut Studienergebnissen litten 35 % der Hebammen und 23 % der ÄrztInnen nach dem Ereignis an Symptomen eines Burnouts. Noch vier Wochen danach gaben 30 % der Hebammen Schlafstörungen und Stresssymptome an. 21 % der StudienteilnehmerInnen arbeiteten nach dem Erlebnis nicht mehr in der Geburtshilfe, 6 davon waren ÄrztInnen, 58 waren Hebammen. Ein Viertel von ihnen gab an, den Beruf wegen zu hoher Belastung verlassen zu haben. Auffallend waren die geschlechtsspezifischen Unterschiede: Ärztinnen hatten höhere Stressbelastungswerte als ihre männlichen Kollegen – und Hebammen hatten höhere Belastungswerte als die Gruppe der ärztlichen GeburtshelferInnen. Die höheren Werte bei den Hebammen untermauern die These, dass die Beziehung und Empathie als »Ansteckungsfaktor« eine entscheidende Rolle spielen, denn sie verbringen viel mehr Zeit mit den Gebärenden als die ärztlichen Geburtshelfenden. Die Ergebnisse dieser Studie machen deutlich, dass eine sekundäre Traumatisierung für die betroffenen Fachkräfte zu einer Lebenskrise mit langanhaltenden Krankheitsfolgen führen kann. In vielen anderen Berufsfeldern sind diese Folgen längst bedacht, etwa bei Feuerwehr, Rettungsdienst und psychosozialen Fachkräften. Die Erfahrung zeigt, dass Konzepte der betrieblichen Gesundheitsförderung, die standardisierte Verfahren zum Umgang mit Berufsrisiken vorlegen, ausgerechnet in Krankenhäusern und Kreißsälen kaum zu finden sind.

 

Verwundbarkeit anerkennen

 

Hebammen berichten im Rahmen der Fortbildung »Stress- und Traumasensible Haltung« oder im Rahmen von Supervisionen mit geburtshilflichen Teams oft, dass sie Stresssituationen durchaus wahrnehmen, aber nie sicher sind, wie sie die Erfahrung zu bewerten haben. Viele fragen sich: »Muss ich als Hebamme nicht geimpft sein gegen diesen Stress? Bin ich besonders sensibel? Andere Hebammen stecken alles viel besser weg als ich, niemand außer mir hat das Bedürfnis, nochmal über das Ereignis zu reden.« Diese Reaktionen weisen darauf hin, dass auch in Kreißsaalteams Hebammen ihre Identität, »unverwundbare Einzelkämpferinnen« zu sein, aufrechterhalten. Damit tun sie sich keinen Gefallen. In den Geburtshäusern ist die Sensibilisierung für die eigene Gefährdung oft höher.

Verschiedene Studienergebnisse zeigen mittlerweile, dass Fachkräfte (direkt oder indirekt) traumatisch erlebte Situationen dann am besten verarbeiten, wenn sie soziale Anerkennung erhalten und die Erfahrungen mit anderen Menschen im beruflichen oder sozialen Umfeld teilen können. Mit anderen Worten: Ob sie genügend Ressourcen haben, um ein gutes soziales Miteinander im Kreißsaalteam, im Geburtshaus oder in der Hebammenpraxis zu gestalten, wird wesentlich mitentscheiden, wie die betroffenen Fachkräfte mit lebensbedrohlichen Ereignissen am Arbeitsplatz umgehen und ob sie diese als traumatisierend erleben oder nicht. Manchmal hilft bereits ein strukturierter Austausch im Team (Fallkonferenz). Oder aber es braucht die psychologische Unterstützung einer Supervision, um die Erfahrungen verarbeiten zu können. Dieser heilsame Umgang kann im besten Fall dazu führen, dass die Verarbeitung der belastenden Erfahrung als stärkend empfunden wird und bei der Bewältigung eines ähnlichen Ereignisses von Nutzen sein kann (Resilienz).

 

Werdende Hebammen schützen

 

Bereits in der Ausbildung müssen Hebammen über das Thema indirekte Traumatisierung und den Umgang damit geschult werden. Sie müssen wissen, dass ihr Risiko, als Berufsanfängerinnen sekundär traumatisiert zu werden, größer ist. Für sie wird es hilfreich sein, die eigene Verwundbarkeit zu reflektieren und individuelle Schutzfaktoren zu kennen. Die Schule braucht ein koordiniertes Vorgehen, wie sie ihre SchülerInnen während der Ausbildungszeit besser schützen kann, denn im Falle von sekundärer Traumatisierung kann ihnen nur dann geholfen werden, wenn die Schule und die Verantwortlichen im Externat gemeinsame Unterstützungsmaßnahmen anbieten können.

 

Tabelle: Welche Schutzfaktoren können das Risiko der sekundären Traumatisierung mildern?

Die Personalfürsorge in den Kreißsälen muss erweitert werden, damit das Berufsrisiko der indirekten Traumatisierung anerkannt wird und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden.

Die erste Maßnahme sollte die Schulung der Kreißsaalteams sein. So können Hebammen im Umgang mit traumatisierten Menschen informiert handeln, bezogen auf die Betroffenen und auf sich selbst. Entlastungsgespräche (Debriefing), wie sie für Einsatzkräfte des Rettungswesens standardisiert wurden, müssten als selbstverständliche und nicht stigmatisierende Angebote zur Verfügung stehen. Es könnte auch eine Aufgabe der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) sein, Vorschläge für einen innerbetrieblichen Umgang im Sinne der Prophylaxe zu machen.

Darüber hinaus wird jede Einrichtung für sich entscheiden müssen, welche Angebote am besten geeignet sind, um das Risiko zu vermindern. Das können Fallkonferenzen, Supervision oder eine andere Teamfürsorge sein. Selbstständig tätige Hebammen müssen ihrer Gesundheitsförderung eine andere Aufmerksamkeit zukommen lassen, da Arbeitsausfälle aufgrund von Erschöpfungszuständen schnell existenzielle Notlagen auslösen können. Sie müssen ihren »Koffer der Selbstfürsorge« immer wieder auffüllen und je nach Lebenssituation anpassen (siehe Kasten).

 

Themenkoffer Selbstfürsorge

 

  • Gesundheitsfürsorge: achtsame Ernährung, genügend Schlaf, körperliche Bewegung
  • Grenzen wahren zwischen Beruf und Freizeit: Erreichbarkeiten und Vertretung regeln
  • wirksame Problemlösungsstrategien entwickeln: Schulung der Selbstreflexion, Kenntnisse der Stress- und Emotionsregulation
  • Fähigkeiten, Resilienz zu bilden und zu vermehren: Bewältigungsmuster reflektieren und anpassen
  • Fähigkeit, das Schöne und Gute zu sehen
  • Großzügigkeit sich selbst und anderen gegenüber

 

Einbindung in ein Netzwerk

 

Freiberuflich arbeitende Hebammen müssen ihr Risiko der indirekten Traumatisierung je nach Tätigkeitsfeld einschätzen. Sie sollten sich in ein fachliches Netzwerk einbinden, in dem sie sich vertrauensvoll auch über ihre Belastungen austauschen können. Ein solches Netzwerk kann neben der kollegialen Beratung auch eine gute Möglichkeit schaffen, sich in einer Gruppensupervision die Kosten zu teilen. Es ist fachlich angebracht, SupervisorInnen mit Fachkenntnissen in Traumafolgen und -dynamik zu wählen, und je nach Kontext sind systemische Kenntnisse über Team- und Organisationsentwicklung unerlässlich.

Das Erlernen einer »Stress- und Traumasensiblen Haltung« kann die Grundlage dafür sein, um das Thema im eigenen Team und im Umgang mit sich selbst zu verankern. Neben den Grundlagen der Psychotraumatologie, dem Wissen über geschlechtsspezifische Gewalt und deren Relevanz für die Geburtshilfe, lernen die Teilnehmenden niederschwellige Interventionsmöglichkeiten im Umgang mit Frauen und Paaren, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Sie reflektieren Belastungsfaktoren und Widerstandskräfte (Resilienzen), die ihnen helfen, alltagstaugliche Strategien der Selbst- und Teamfürsorge zu praktizieren. Angesichts des angstbesetzten Themas »Gewalt und Trauma« werden die Hebammen darin bestärkt, dass ihr intuitives Wissen als Begleiterinnen von Grenzerfahrungen eine hilfreiche Basis bildet, um traumainformiert handeln zu können. Das Thema Trauma wird somit in den beruflichen Alltag integriert und entdramatisiert.

 

Sinnhaftigkeit erfahren

 

Die wirksamste Prophylaxe und Hilfe im Umgang mit indirekter Traumatisierung sind dann gegeben, wenn Hebammen die Sinnhaftigkeit ihres Berufes erfahren können. Nur ein verantwortungsvoller Stellenschlüssel, eine Eins-zu-eins-Betreuung und ein Bewusstsein dafür, dass jedes Leben verwundbar ist – auch das der Hebamme, kann die Bedürfnisse einer Gesundheitsförderung einlösen und den Hebammenberuf langfristig zukunftsfähig erhalten.

Rubrik: Ausgabe 01/2020

Vom: 19.12.2019