Aus der Traum …

Eine Hebamme berichtet von ihrer Ausbildung, die im Kreißsaal zur Tortur wurde. Sie fühlte sich dort von den Lehrhebammen unterdrückt und mundtot gemacht. Nach der Ausbildung in diesem Beruf zu arbeiten, war für sie zunächst unvorstellbar.
  • Am Anfang stand der Wunsch Hebamme zu werden – ein Traum, der während der Ausbildung platzte …

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich die Zusage für einen Ausbildungsplatz an einer Hebammenschule erhielt, und an den ersten Ausbildungstag. Ich war überglücklich, euphorisch und gespannt auf das, was vor mir lag. Drei Jahre später verspürte ich dieselbe Glückseligkeit und Euphorie. Die Ausbildung war vorbei – endlich. Nie wieder Geburtshilfe!

Meine Zeit als Hebammenschülerin begann ein Jahr nach meinem Abitur. Schon als Kind sprach ich davon, später einmal Hebamme werden zu wollen. Ich hatte immer das Gefühl, dass dies ein ganz besonderer Beruf sei, der mich erfüllen würde. Direkt nach dem Abitur durfte ich zwei Praktika im geburtshilflichen Bereich ableisten – drei Wochen auf der Wochenbettstation und zwei Wochen im Kreißsaal. Die dort gesammelten Erfahrungen bestätigten mich in meinem Berufswunsch, und ich war mir sicher: Hebamme ist (m)ein Traumberuf. Dass ich das schon bald im Laufe der Ausbildung nicht mehr behaupten würde, hätte ich zu dem Zeitpunkt niemals erwartet.

Ein paar Monate nach dem Abitur, das ich 2009 absolvierte, freute ich mich also über einen Ausbildungsplatz. Zuvor erhielt ich einige Absagen und rechnete nicht so schnell mit einem Platz, da mir von vielen Hebammen eine Wartezeit von bis zu sieben Jahren prophezeit wurde. Dass dieser Fall bei mir nicht eintrat, wusste ich sehr zu schätzen. Einige Woche vor Beginn der Ausbildung hatten wir die Möglichkeit, Schülerinnen zu treffen, die kurz vor ihrem Hebammenexamen standen. Eine erzählte mir, dass sie erst einmal nicht als Hebamme arbeiten würde, dass sie eine Pause brauche und Abstand gewinnen müsse. Es überraschte mich sehr, aber es verunsicherte mich nicht. Damals verstand ich nicht, wovon sie sprach. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mir je so ergehen würde. Doch auch das änderte sich recht schnell nach Beginn der Ausbildung.

 

In einem Boot?

 

Für die Ausbildung zog ich in eine knapp 300 Kilometer von meiner Heimat entfernte Stadt. Ein neuer Lebensabschnitt begann und ich war aufgeregt, neugierig und voller Vorfreude. Natürlich hatte ich auch Angst, dass zu große Hürden auf mich zukämen, die ich nicht bewältigen könnte. Schließlich musste ich viel Neues lernen und mich an einen komplett neuen Alltag gewöhnen. Jedoch war das nur ein schwaches Gefühl, was mich am Anfang begleitete. Ich malte mir aus, wie wohl die drei Jahre ablaufen würden, und versuchte mir vorzustellen, was auf mich zukommen würde. Meine Vorstellung war immer, dass Hebammen ihren Beruf mit viel Liebe und Leidenschaft ausüben, und dass dieses Gefühl auch zu spüren ist, wenn man im Kreißsaal als Hebammenschülerin angelernt wird. Wir sitzen doch in einem Boot, dachte ich. Die Hebammen würden bestimmt Freude daran haben, ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Tricks und Schwierigkeiten in der Geburtshilfe mit den Schülerinnen zu teilen.

Natürlich war mir bewusst, dass der Beruf der Hebamme und der Weg dahin auch seine Schattenseiten haben würden. Ich hatte diesbezüglich den Schichtdienst im Kopf, emotionale Belastungen durch unglückliche Ereignisse in der Geburtshilfe und das Vereinbaren von Arbeiten und Lernen bei einer 40-Stunden-Woche. Alles getreu dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Doch dass ich mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen würde und die Wochen im Kreißsaal die gefürchtetsten Einsätze werden würden, damit rechnete ich nicht.

Die ersten Wochen der Ausbildung waren noch grandios. Sie bestanden nur aus Theorie. Die Hebammenlehrerinnen und DozentInnen machten einen netten und kompetenten Eindruck auf mich, und mit einigen meiner Kurskolleginnen freundete ich mich schnell an. Ich fühlte mich pudelwohl und ahnte noch nicht, was mich die nächsten Jahre erwarten würde.

 

Ganz unten

 

Der Kurs wurde auf die verschiedenen Kliniken mit geburtshilflicher Abteilung in der Stadt verteilt. In meiner Klinik waren wir zu fünft. Für die drei Jahre war kein Wechsel vorgesehen. Und schon der erste Kreißsaaleinsatz zeigte mir, dass meine Erwartungen an die Ausbildung nicht erfüllt werden würden. Wir Schülerinnen saßen nicht mit den Hebammen in einem Boot, wir schwammen hinterher. Uns wurde recht schnell klar gemacht, wo in der Hierarchie wir uns befanden. Und zwar ganz unten.

Natürlich haben nicht alle Hebammen uns das spüren lassen. Ein paar von ihnen waren immer nett und bemüht, uns mit einzubeziehen und als gleichwertig zu behandeln. Doch leider kamen wir nicht oft in den Genuss, mit ihnen zusammen arbeiten zu dürfen. Wenn möglich, sollten wir immer mit einer Praxisanleiterin mitgehen. Für zwei bis drei Schülerinnen gab es eine feste Anleiterin. Letzlich variierte es aber stark, mit wem wir zusammen arbeiteten, besonders in den ersten beiden Ausbildungsjahren. Während wir anwesend waren, fragten die Hebammen sich gegenseitig „Welche Schülerin nimmst du?" Einige Hebammen bemühten sich gar nicht, uns beim Namen zu nennen. Selbst im dritten Lehrjahr änderte sich das nicht. Ihr Verhalten uns gegenüber war sehr abschätzig und oft auch respektlos. Es erschien mir, als würde der Status „Hebammenschülerin" es nicht mal mehr erlauben, als erwachsene Person wahrgenommen zu werden. Zumindest aus der Sicht mancher Hebammen.

Der Arbeitsalltag im Kreißsaal wurde überschattet durch den Druck, der auf uns lastete. Die Aussage „aus Fehlern lernt man" war in unserem Kreißsaal definitiv fehl am Platz. Wer einen Fehler machte, bekam harte Konsequenzen zu spüren. Ein böser Blick, ein scharfer Ton und strafende Worte. Das schüchterte uns ungemein ein. Die sich daraus entwickelnde Angst erhöhte das Risiko für noch mehr Fehler. Es war ein Teufelskreis, aus dem wir keinen Ausweg wussten. Und wie sich bald herausstellte, konnte selbst die Schulleitung dem Ganzen kein Ende setzen.

 

Auf keinen Fall aufgeben

 

Ich dachte immer, dass ich stark und selbstbewusst genug wäre, um so etwas auszuhalten und um mich nicht so schnell unterkriegen zu lassen. Doch während der Ausbildung verloren diese Eigenschaften an Bedeutung. Im Kreißsaal erkannte ich mich nicht wieder. Im Nachhinein würde ich behaupten, dass die drei Jahre Ausbildung ein reines Schauspiel waren. Besonders während der Kreißsaaleinsätze spielte ich eine Rolle, die man von mir erwartete. Und trotzdem war es selten gut genug. Es gab viel Kritik. Ich finde Kritik sehr wichtig, aber wenn sie einem ohne Respekt entgegen gebracht wird, wenn sie unangemessen und nicht konstruktiv ist und wenn sie einen so dastehen lässt, als sei man nichts und könne nichts, dann verletzt sie. Und wenn diese Situationen sich immer und immer wiederholen, entsteht eine tiefe Wunde, die nicht einfach so verheilt. Für mich bedeutete das, dass ich eine Angst entwickelte, die in mir schon Tage vor dem nächsten Kreißsaaleinsatz aufkam. Ich bekam Bauchschmerzen, mir wurde schlecht, ich weinte vor Angst und fühlte mich wie ein psychisches Wrack. Wenn ich auf dem Weg zur Arbeit im Bus saß, zog sich jedes Mal alles in mir zusammen, sobald die Haltestelle der Klinik angesagt wurde. Der Arbeitstag begann und ich zählte die Stunden bis zum Feierabend sowie die Anzahl der Dienste, bis der Einsatz zu Ende ging.

Selbst wenn ich nicht im Kreißsaal eingesetzt war, ließen mich die Geschehnisse dort nicht los, da meine Freundinnen mir regelmäßig von ihren Arbeitstagen und den erneuten Vorfällen berichteten. Immer wieder ereigneten sich neue schockierende Dinge.

Nachdem ich mehrere Kreißsaaleinsätze hinter mir hatte, waren die anfängliche Freude und Euphorie verschwunden. Ich spürte keine Leidenschaft, keine Hingabe und kein Herzblut. Viel eher waren da Gefühle wie Angst, Wut und Verzweiflung. Ich verstand nicht, warum sie uns so behandelten, warum wir derart unterdrückt wurden und uns keine Möglichkeit gegeben wurde, uns zu entfalten. Ich fühlte mich wie ein Außenseiter, wenn ich im Kreißsaal war. Es entstand bei mir eine Abneigung gegen diesen Beruf, ohne dass ich mich hätte dagegen wehren können. Dennoch wollte ich die Ausbildung bis zum Ende durchziehen und erfolgreich abschließen. Aufgeben ist nicht meine Art.

 

Oft verzweifelt

 

Die Kraft, die Ausbildung durchzustehen. bekam ich nur durch meine Freundinnen, die mit mir zusammen stark waren. Wir hatten ein gemeinsames Ziel vor Augen. Immer wieder malten wir uns den letzten Arbeitstag aus und klammerten uns an die Vorstellung, dass das alles irgendwann ein Ende haben würde. Der emotionale Stress wirkte sich unterschiedlich auf das körperliche Wohlbefinden aus. Eine der Schülerinnen bekam oft Bauchschmerzen und Übelkeit, andere litten unter Hautproblemen oder Gewichtsverlust sowie handfesten psychosomatischen Erkrankungen. Ich war am Ende so weit, dass ich mir psychologische Hilfe suchte.

Uns schweißte diese Situation eng zusammen und es entstanden Freundschaften fürs Leben. Ich bin der Meinung, dass nur diejenigen, die ähnliche Situationen erlebt haben, genau nachempfinden können, wie es uns erging. Aus diesem Grund verzweifelte ich oft, wenn Familie und Freunde nicht verstehen konnten, warum es mir so schlecht ging. Ich war unglücklich, oft traurig und flüchtete in meine Heimat, so oft es ging. Immer wieder musste ich mich und meine Situation erklären und eine Antwort finden auf Fragen wie: „Warum gefällt dir die Ausbildung denn nicht? Hebamme ist doch ein so schöner Beruf!" Aber wie sollte ich mit Worten erklären, was die Arbeit im Kreißsaal für mich bedeutete? Dass ich so eine Angst entwickelt hatte, dass schon ein strafender Blick und der herrische Ton mich fast zum Weinen brachten? Schließlich bin ich für alle immer die robuste und selbstbewusste junge Frau gewesen.

Besonders wütend wurde ich, wenn die Hebammen uns entgegenbrachten, dass wir uns glücklich darüber schätzen könnten, wie es uns in diesem Kreißsaal erging und dass ihre Ausbildung viel schlimmer gewesen wäre. Ich wusste auch von anderen Hebammenschülerinnen, dass sie unter noch extremeren Bedingungen im Kreißsaal arbeiten mussten. Ich hörte davon, dass es Kreißsäle gibt, wo die Schülerinnen sich im Dienst nicht hinsetzen dürften, bevor ihnen dies nicht ausdrücklich erlaubt wurde. Oder dass es ihnen nicht gestattet war, dieselbe Toilette oder denselben Aufenthaltsraum wie die Hebammen zu benutzen. Mich tröstete es nicht, dass ich die Ehre hatte, mit den Hebammen in einem Raum zu verweilen oder mich zum Dokumentieren an den Schreibtisch setzen zu dürfen. Mich machten die Geschichten nur noch trauriger. Ich war schockiert. Für mich ist es paradox, dass uns in der Ausbildung gelehrt wurde, die Frauen, die wir betreuten, mit Würde zu behandeln, ihre Bedürfnisse zu erkennen und stets einfühlsam zu sein, und gleichzeitig selbst unwürdig, respektlos und ohne jegliches Feingefühl behandelt zu werden. Salopp gesagt, fühlte ich mich wie in einer traurigen Freakshow.

 

Befreiung

 

Sich gegen diese Art der Hierarchie zu wehren, verlangt viel Mut. Den hatten wir nur teilweise. Als es das erste Mal zu einem ernsten Gespräch kam zwischen einer Schülerin, der Lehrerin und einer Hebamme, die es dieser Schülerin besonders schwer machte, verschlimmerte sich die Situation anschließend für die Schülerin sogar, wenn sie mit dieser Hebamme im Dienst war. Wir fühlten uns hilflos und machtlos, weil selbst die Schule keinen wirklichen Einfluss darauf nehmen konnte. Erst nach dem Examen fassten wir all unseren Mut zusammen und suchten das Gespräch mit der Kreißsaalleitung. Wir wollten bessere Bedingungen für unsere Nachfolgerinnen schaffen. Doch die Resonanz war ernüchternd. Sie entgegneten uns eine geballte Ladung dessen, was wir bereits in den vergangenen drei Jahren tagtäglich zu spüren bekommen hatten. Und so erfuhren wir später auch, dass sich für die Hebammenschülerinnen aus dem nächsten Kurs nichts geändert hatte.

Generell habe ich die Vermutung, dass viele Hebammenschülerinnen die Schikanen während der Ausbildung ertragen, da sie für sich keine andere Möglichkeit sehen. Oft warten sie viele Jahre auf einen Ausbildungsplatz und sie haben Angst, diesen zu riskieren und ihren Traumjob nicht erreichen zu können. Man könnte meinen, dass jemand, der selbst in seiner Ausbildungszeit sehr gelitten hat, ein derartiges Verhalten niemals weitertragen würde. Doch erstaunlicherweise wird immer wieder das Gegenteil bewiesen. So scheint sich in vielen Kreißsälen keine Verbesserung für die Hebammenschülerinnen einzustellen.

Wie wir es uns ausgemalt hatten, überschlugen sich unsere Glücksgefühle am Tag der Zeugnisvergabe. Wir verspürten ein Freiheitsgefühl und lagen uns weinend in den Armen, weil eine riesige Last und der enorme Druck der letzten drei Jahre von uns gefallen waren. Keine von uns blieb in diesem Kreißsaal, obwohl wir die Möglichkeit gehabt hätten, übernommen zu werden. Selbst die Schülerinnen, die die Stadt nicht verließen, entschieden sich, in einem anderen Kreißsaal zu arbeiten. Für mich folgten glückliche Monate, in denen ich endlich wieder ich selbst war und zum ersten Mal seit drei Jahren wieder behaupten konnte, dass ich mich psychisch und physisch rundum gut fühlte. Für mich stand fest, dass ich nie wieder in den geburtshilflichen Bereich zurückkehren würde. Ich verband zu viel Negatives mit dem Beruf der Hebamme.

 

Mit Abstand

 

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich dabei bleiben oder es doch wagen sollte, mich wieder dem Beruf zuzuwenden. Aber eines steht fest: Meine Freundinnen und ich würden diese Ausbildung nicht noch einmal absolvieren!

Der zeitliche Abstand zur Ausbildung tut gut. Je länger sie hinter mir liegt, desto mehr vermisse ich auch ihre schönen Momente, die ich oft dann erlebte, wenn ich mit den Frauen alleine war, wenn ich spürte, welche Verbindung ich zu ihnen aufbauen konnte und wie dankbar sie über meine Unterstützung waren. Zunächst habe ich mich für ein Studium der Gesundheitswissenschaften entschieden und werde auch hier immer wieder mit geburtshilflichen Themen konfrontiert. Außerdem bin ich Tante geworden und durfte meiner Schwester mit meinem Wissen oft zur Seite stehen. Das macht mir Spaß und zeigt, dass ich der Geburtshilfe vielleicht doch nicht komplett den Rücken gekehrt habe.

Rubrik: Ausgabe 11/2015

Vom: 21.12.2020