DGHWi

Eine Erfolgsgeschichte

Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft hat in kurzer Zeit viel erreicht: 2008 gegründet, ist sie zu einer starken Stimme für Hebammen, Frauen und Familien herangewachsen. Die Meilensteine auf dem Weg. Prof. Dr. phil. Dorothea Tegethoff
  • Die DGHWi hinterlässt ihren wissenschaftlichen Fingerabdruck durch eine Fülle von Leitlinien und Stellungnahmen – der Austausch auf Augenhöhe mit anderen Professionen ist dabei entscheidend.

Der Impuls zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi) ging von Kolleginnen in berufspolitischen Vertretungen aus. Sie kamen vom Bund Deutscher Hebammen (BDH, heute Deutscher Hebammenverband – DHV), dem Bund freiberuflicher Hebammen (BfHD), dem Netzwerk der Geburtshäuser und der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG). Seit 2005 trafen sie sich, um die Gründung zu diskutieren und vorzubereiten. Die Frauen der ersten Stunde waren überzeugt, dass eine wissenschaftliche Fachgesellschaft in wichtigen Entscheidungsgremien des deutschen Gesundheitswesens besseren Zugang oder größere Einflussmöglichkeiten haben würde. Neben der Forschung von Hebammen und der Entwicklung von Studiengängen wurde eine wissenschaftliche Fachgesellschaft als wichtiger Baustein in der Professionalisierung des Hebammenberufs bewertet. Die Protagonistinnen wollten vor allem folgende Ziele erreichen, wie einem Protokoll der Vorstandssitzung von QUAG vom Dezember 2005 zu entnehmen ist:

  • bessere Beteiligung von Hebammen an der Entwicklung einschlägiger Leitlinien, vor allem durch die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
  • bessere Vertretung von Hebammen bei relevanten Gremien, beispielsweise durch das Recht zu Stellungnahmen beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der darüber befindet, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden.

Bereits im folgenden Jahr 2006 formierten sich die an der Gründung interessierten Kolleginnen mit Vertreterinnen der hebammenwissenschaftlichen Standorte in Hannover und Osnabrück zur AG Fachgesellschaft. Mit anderen wissenschaftlich arbeitenden Hebammen wollten sie so die Interessen und Kräfte weiter bündeln. Den Beteiligten war bereits klar, dass eine wissenschaftliche Fachgesellschaft von den bestehenden Verbänden unabhängig sein müsste. Die wissenschaftlich tätigen Hebammen bekamen daher nun im Gründungsprozess eine wichtige Funktion.

Beim XI. Deutschen Hebammenkongress in Leipzig im Mai 2007 wurde das Gründungsprojekt einer breiteren Fachöffentlichkeit vorgestellt (Frick 2007). Im November 2007 fand in Kassel eine ganztägige Veranstaltung statt, in der Pläne, aber auch Bedenken noch einmal strukturiert gesammelt wurden.

 

Satzung und Leitbild

 

Die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft wurde am 19. Juni 2008 gegründet. Die Satzung, die im Wesentlichen heute noch gilt, legt als Ziele der DGHWi fest, die Hebammenwissenschaft in Forschung und Lehre zu fördern, den wissenschaftlichen Diskurs in der Disziplin zu unterstützen, wissenschaftstheoretischen und methodologischen Pluralismus zu gewährleisten sowie Ergebnisse dieser Tätigkeiten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Insbesondere sollen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben unterstützt, Ergebnisse der Hebammenforschung verbreitet und deren Anwendung in Praxis und Lehre gefördert sowie wissenschaftliche Tagungen durchgeführt werden (DGHWi 2016).

Die Ziele der DGHWi wurden 2016 im Leitbild ausdifferenziert. Das Leitbild wurde in einem partizipativen Prozess entwickelt und wird regelmäßig aktualisiert. In der aktuellen Fassung von 2019 heißt es: »Ziel ist eine Verknüpfung zwischen wissenschaftlicher und praktischer Hebammentätigkeit, um dadurch zu einer bedürfnis- und bedarfsgerechten sowie effizienten Versorgung von Frauen und Familien in der Lebensphase von Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Still-/Säuglingszeit beizutragen« (DGHWi 2019). Letztlich sind demnach alle Aktivitäten der DGHWi, die sich um Forschung und Lehre oder Einflussnahme auf die Versorgung drehen, dem Wohl der Schwangeren, Gebärenden, Wöchnerinnen, Neugeborenen und ihrer Familien verpflichtet.

Die DGHWi hat die Rechtsform eines gemeinnützigen eingetragenen Vereins. Zum fünfköpfigen Gründungsvorstand gehörten Friederike zu Sayn-Wittgenstein als Vorsitzende, Mechthild Groß als stellvertretende Vorsitzende, Rainhild Schäfers als Schatzmeisterin, Gertrud Ayerle als Schriftführerin und Clarissa Schwarz als Beisitzerin. 2016 wurde wegen der Vielzahl der Aufgaben die Satzung dahingehend geändert, dass der Vorstand aus sieben Personen besteht. Bis heute haben nach dem Gründungsvorstand 16 weitere Personen im Vorstand mitgearbeitet.

 

Die ersten Erfolge

 

Die DGHWi wächst kontinuierlich. 2009 gab es 63 Mitglieder, 2013 waren es schon 217. Im Jahr 2017 hatte die DGHWi 302 Mitglieder, während es im Sommer 2021 bereits 562 waren. Um die Aufgaben in der Mitgliederverwaltung, die zahlreichen Anfragen und organisatorischen Tätigkeiten bewältigen zu können, wurde die Geschäftsstelle, in der lange Zeit Kolleginnen mit sogenannten Mini-Jobs arbeiteten, ab 2018 durch eine Mitarbeiterin mit einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis besetzt.

Eines der wichtigsten Ziele, die bereits in der Gründungsphase formuliert wurden, konnte 2012 erreicht werden: Die DGHWi wurde stellungnahmeberechtigte Fachgesellschaft beim G-BA. Die Aufnahme in die AWMF, durch die die Beteiligung an der Entwicklung von Leitlinien gewährleistet ist, erfolgte 2015. Die Satzung der DGHWi berücksichtigt wichtige Anforderungen, die die AWMF an Mitgliedsgesellschaften stellt. Mit der Etablierung von Fachkonferenzen und der Gründung der Fachzeitschrift wurden wichtige Kriterien für die Mitgliedschaft in der AWMF erfüllt, so dass der Aufnahmeantrag der DGHWi bereits sieben Jahre nach ihrer Gründung positiv beschieden wurde.

 

Peer Review für Fachtagungen und Zeitschrift

 

Die erste internationale Fachtagung der DGHWi fand 2011 in Hildesheim statt, es folgten 2014 und 2016 Tagungen in Kassel und Fulda. Seitdem werden die Konferenzen in einem zweijährlichen Rhythmus ausgerichtet. 2018 lud mit der Katholischen Hochschule Mainz erstmalig ein hebammenwissenschaftlicher Standort zur Konferenz der DGHWi ein. 2020 folgte die Konferenz in der Hochschule für Gesundheit Bochum, nun erstmals mit zweitägigem Programm.

Für den Februar 2022 ist die 6. internationale Konferenz der DGHWi in der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur geplant, denn zu den Mitgliedern gehören auch Hebammen aus der Schweiz und Österreich. Dort gibt es keine wissenschaftlichen Fachgesellschaften für Hebammen.

Vor den Konferenzen wird jeweils ein »Call for Abstracts« durchgeführt. Die Abstracts werden von Expert:innen im Peer Review begutachtet und aus den am besten bewerteten Einreichungen wird das Programm zusammengestellt.

Die Zeitschrift für Hebammenwissenschaft (ZHWi) erschien erstmalig 2013. Sie ist das Organ der DGHWi, in dem Aktuelles aus der Fachgesellschaft, ihren Sektionen und von ihren Mandatsträger:innen sowie Stellungnahmen und Positionspapiere veröffentlicht werden. Zugleich ist sie die einzige hebammenwissenschaftliche Zeitschrift mit Peer Review im deutschsprachigen Raum. Die ersten Originalarbeiten erschienen bereits 2014. Neben Originalartikeln werden auch Reviews, Einblicke in Forschung und Lehre sowie Kurzfassungen von Qualifikationsarbeiten für Bachelor- und Masterabschlüsse publiziert.

Die ZHWi ist frei zugänglich (Open Access). Die Originalartikel und Positionspapiere werden zudem in englischer Übersetzung online bei German Medical Science (GMS), dem E-Journal der AWMF, veröffentlicht. 2021 wurde die ZHWi in den Online-Datenbanken EBSCO-CINAHL und Scopus aufgenommen, so dass die Beiträge nun bei Online-Recherchen auffindbar sind.

 

Leitlinien, Stellungnahmen, Positionen und Standpunkte

 

Seit ihrer Gründung war die DGHWi an der Erstellung von 18 Leitlinien der AWMF beteiligt. Sechs davon sind aktuell in Bearbeitung und für zwei weitere ist die Mitarbeit der DGHWi angefragt. Die Leitlinienbeauftragte koordiniert die Tätigkeit der Mandatsträgerinnen der DGHWi in den Leitlinien-Gruppen, die die Empfehlungen erarbeiten und konsentieren. Der Vorstand kann abschließend zur jeweiligen Leitlinie Stellung nehmen, einen Dissens oder ein Sondervotum anmelden. Ein besonderer Meilenstein ist die S3-Leitlinie 015–083 »Vaginale Geburt am Termin«, bei der die DGHWi mit der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) federführende Fachgesellschaft war. Die Leitlinie wurde im Dezember 2020 fertiggestellt.

Seit die DGHWi zu Stellungnahmen berechtigt ist, kamen fast 200 Anfragen danach vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), verschiedenen Ministerien und anderen Einrichtungen. Die DGHWi hat 48 Stellungnahmen abgegeben. Darüber, ob eine Anfrage in das Fachgebiet der Hebammenwissenschaft fällt, entscheidet jeweils der Vorstand mit der Stellungnahmebeauftragten. Die Stellungnahmen werden von interessierten Mitgliedern mit entsprechender Expertise erstellt, vom Vorstand geprüft und abschließend bestätigt.

Da die DGHWi nicht nur auf Anfragen reagieren, sondern ihre Positionen zu wichtigen Sachverhalten auch von sich aus darstellen will, werden Positionspapiere und Standpunkte publiziert. Positionspapiere beziehen sich auf grundsätzliche Themen wie Gewalt in der Geburtshilfe oder pränatale Diagnostik. Standpunktpapiere haben meist einen aktuellen Anlass, etwa die Covid-19-Pandemie.

 

Neues Hebammengesetz, neue Prüfungsordnung

 

Eine besondere Herausforderung für die DGHWi war das Gesetzgebungsverfahren für ein neues Hebammengesetz im Jahr 2019. Dafür wurden Stellungnahmen zum Referentenentwurf und zur Studien- und Prüfungsverordnung verfasst und ein parlamentarisches Frühstück im Bundestag gemeinsam mit dem Deutschen Evangelischen Krankenhausverband und der Evangelischen Hochschule Berlin ausgerichtet. Vertreterinnen der DGHWi nahmen an Anhörungen im Bundesministerium für Gesundheit und im Gesundheitsausschuss des Bundestags teil.

Zur neuen Studien- und Prüfungsverordnung für Hebammen erarbeitete eine Arbeitsgruppe aus der DGHWi im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums eine Expertise zum Kompetenzprofil für das Hebammenstudium. Zudem war eine umfangreiche Pressearbeit erforderlich, mit Interviews in Zeitungen und im Rundfunk, sowie die engmaschige Abstimmung mit den Hebammenverbänden.

 

Außen gut vernetzt, innen effektiv gegliedert

 

Die DGHWi hat sich frühzeitig um eine Vernetzung mit anderen Akteur:innen in der Gesundheitsversorgung für Frauen und Familien bemüht. Seit 2011 ist sie Mitglied im Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF), seit 2012 im Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung (DNVF) und seit 2014 im Deutschen Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin (DNEbM). Mandatsträgerinnen der DGHWi sind außerdem an regionalen Runden Tischen und Initiativen beteiligt. Die DGHWi kooperiert mit Cochrane Deutschland und publiziert regelmäßig deutsche Kurzfassungen von Cochrane-Reviews in der ZHWi. Sie ist Gründungsmitglied der Bundeskonferenz Studiengänge in den Gesundheitsfachberufen. Schließlich ist sie Mitglied von Partnership for Maternal, Newborn and Child Health (PMCH) und Global Health Hub, beides Zusammenschlüsse, die sich international für Gesundheitsfragen einsetzen.

Zu einer Fachgesellschaft gehören Sektionen. Darin finden sich Personen zusammen, die zu einem umgrenzten Thema arbeiten wollen. Eine Sektion kann ihre Arbeitsweise selbst festlegen und berichtet einmal jährlich der Mitgliederversammlung über ihre Aktivitäten. Derzeit gibt es in der DGHWi sieben Sektionen:

  • In der Sektion Hochschulbildung sind Lehrende der Hebammen-Studiengänge in Deutschland zusammengeschlossen.
  • Die Sektion Junges Forum Hebammenwissenschaft wurde zur Vernetzung und gegenseitigen Unterstützung junger Kolleginnen in unterschiedlichen Phasen ihrer wissenschaftlichen Qualifikation gegründet.
  • Die Sektion Internationale Hebammenarbeit beschäftigt sich mit der Vernetzung im internationalen Feld. Die Mitglieder übersetzen auch für die ZHWi.
  • Eine Sektion beschäftigt sich mit den Themen Kind, Bindung und emotionale Entwicklung.
  • Hebammen und Familienhebammen im Kontext der Frühen Hilfen stehen im Fokus einer eigenen Sektion.
  • Eine weitere Sektion beschäftigt sich mit der Geschichte des Hebammenberufs.
  • Respektvolle Geburtshilfe ist das Thema der siebten Sektion.

 

Ausblick

 

Die DGHWi hat sich in den wenigen Jahren ihres Bestehens als feste Größe im Feld der gesundheitlichen Versorgung von Frauen und Familien etabliert. Dies ist umso bemerkenswerter, als fast alle ehrenamtlich dafür tätig sind: die Vorstandsmitglieder, die Leitlinien- sowie die Stellungnahmebeauftragten, die Mandatsträger:innen bei Leitlinien und anderen Projekten, die Autor:innen von Stellungnahmen und anderen Publikationen, die Sektionssprecherinnen und das Redaktionsteam der ZHWi. Ihre wissenschaftliche Expertise in gesundheitspolitische Entscheidungen und für die Versorgung von Frauen und Familien in wichtige Dokumente wie Leitlinien einzubringen, wird zweifellos weiterhin das »Kerngeschäft« der Fachgesellschaft sein.

Pläne für die Weiterentwicklung beziehen sich zum Beispiel auf die gezieltere Förderung des Nachwuchses, die wissenschaftliche Fort- und Weiterbildung durch Workshops und die Unterstützung von Forschungsaktivitäten durch die Gründung einer Ethikkommission. Dabei wird die salutogenetische und ressourcenorientierte Perspektive auf die Familiengründungsphase leitend sein, die im Leitbild der DGHWi verankert ist (DGHWi o.J./b).

Rubrik: Ausgabe 11/2021

Vom: 27.10.2021