Eine Hebamme krempelt die Ärmel hoch

Eine Hamburger Hebamme erzählt von ihrem Einsatz als »Impfschwester« in Deutschlands größtem Impfzentrum. Beeindruckt von der guten Organisation, den rüstigen Alten in der ersten Impfgruppe und den geduldigen ÄrztInnen, wird sie schließlich zur überzeugten Impfbefürworterin. Eva Schneider
  • Eva Schneider impft als Hebamme und »Impfschwester« in den Hamburger Messehallen. Zunächst ist die Altersgruppe Ü80 an der Reihe.

Ein Aufruf in der lokalen Presse sprach mich an: Es wurden UnterstützerInnen im Impfzentrum gesucht. Neben der Bezahlung wurden auch Karma-Punkte versprochen. Das hörte sich doch gut an! Die Leihfirma, die von der Stadt Hamburg mit der Personalrekurtierung für die Impfkampagne beauftragt ist, forderte zunächst eine Registrierung auf der Homepage. Adresse, Beruf, Diplom hochladen und dann konnte es schon losgehen mit der Buchung. Vorher musste noch kurz abgeklärt werden, ob Hebammen impfberechtigt sind – das kennt man ja schon, mit dem Berufsstand sind immer erst mal Nachfragen nötig. Und ja, wir sind impfberechtigt!

Dann habe ich den Vertrag einer Leihfirma vorliegen: Arbeitnehmerüberlassung nennt man das. Ich lese ihn sorgfältig durch und da ich die Anzahl der monatlichen Schichten sowie die Tage und Tageszeiten selbst bestimmen kann und die Kündigungsfrist zwei Wochen beträgt, zögere ich nicht, zu unterschreiben und somit bis Ende Mai die Stadt Hamburg beim Impfen zu unterstützen.

Ich sage erstmal einige wenige Schichten zu, um zu sehen, wie das so ist als »Impfschwester«. Das Verfahren ist komfortabel: In einer App gibt man seine Verfügbarkeiten ein, entsprechend bekommt man Schichten eingepflegt, die man dann ablehnen oder annehmen kann. Die Stechuhr funktioniert auch über die App: Man bestätigt jeweils Start und Ende der Schicht, wenn man vor Ort ist. Die Betreuung durch die Leihfirma ist sehr gut, zuverlässig und freundlich, man hat Ansprechpartner vor Ort, online und telefonisch.

 

Dienstbeginn in den Messehallen

 

Der erste Dienst war schon aufregend, da ich gar nicht wusste, was mich erwartet. Die Messehallen in Hamburg sind riesig, es ist in Deutschland zurzeit das größte Impfzentrum. Wurden anfangs 500 Personen täglich geimpft, werden die Kapazitäten allmählich aufgestockt. Bis zu 7.000 Impfungen sollen es täglich werden.

Eingangs bekamen wir die Kapuzenjacken »Hamburg impft«, eine Packung Masken, einen Tracker, einen Dienstausweis und dann ging es zum Schalter, an dem die Schnellteste durchgeführt werden. Die sind alle vier Tage fällig und werden auf dem Tracker gespeichert. Dann folgen eine Kamera, die die Körpertemperatur misst, und verschiedene Schleusen, die man mit dem Tracker passieren kann. Hat man keinen gültigen Test, klappt das mit dem Durchgehen nicht.

Zu Schichtbeginn gibt es ein Treffen, bei dem Neuerungen oder Besonderheiten bekannt gegeben werden. Zum Beispiel: Heute kommt eine alte Dame, die das KZ überlebt hat, und wird geimpt, oder: Gestern haben wir die so und so vielte Impfung durchgeführt, heute ist die Presse zu Besuch, ab sofort wird die Testfrequenz von einer Woche auf vier Tage reduziert und so weiter. Zudem bekommen wir einen Online-Newsletter mit den neusten Infos.

Dann trifft sich noch der jeweilige Cluster, um festzulegen, wer in der Schicht die Rolle des Notfallarztes übernimmt, wer impft, wer den Ruheraum betreut, wer den Impfstoff aus dem Labor holt und mehr.

Dann nehmen alle ihre Plätze ein und die ersten Schlangen bilden sich vor dem Anmeldeschalter. Das ist die erste Station, an der die Impfberechtigung festgestellt, Personalien geprüft und die Unterlagen erstellt werden. Vor Ort sind auch immer BehördenmitarbeiterInnen zur Überwachung der Impfreihenfolge. Nach der Aufklärung durch die Ärztin erfolgt die Weiterleitung zur Person, die impft. Diese Personengruppe ist unterschiedlich zusammengesetzt: MFAs, RettungssanitäterInnen, PTAs, Gesundheits- und KrankenpflegerInnen, AltenpflegerInnen, Hebammen ... und in jeder Schicht bildet sich ein neues Team. Manchmal trifft man jemanden, dessen Augen oberhalb der Maske einem bekannt vorkommen und mit dem man schon einmal zusammengearbeitet hat.

 

Vorfreude auf die schützende Spritze

 

Pro Cluster sind wir etwa zwölf Personen. Die erste Impfung, die ich in diesem Rahmen vorgenommen habe, war bei einem älteren Herrn Ü80, der anfing, sich auszukleiden. Für eine Hebamme mal ein anderer Anblick als eine Schwangere. Auch die Gespräche verlaufen anders: Die Menschen blicken auf ein langes Leben zurück. Da ist der wettergegerbte, alte Seefahrer, der alle Weltmeere befahren hat, die alte Dame, deren Eltern die Rinderschlachthalle auf der Rückseite des Gebäudes gehörte und die damals dabei war, als die Rinder durch die Unterführung getrieben wurden, heute aber Vegetarierin ist, der Postbeamte, der seinen Ruhestand in Steilshoop in einer Postbeamtenwohnung verbringt, oder das alte Ehepaar, das seit 60 Jahren in seinem Kleingarten wohnt und nach wie vor mit Freunde den Garten bestellt.

Die Stimmung ist sehr sehr gut. Alle Impflinge freuen sich, dass sie nun dran sind und einen Termin bekommen haben. Sie wedeln mit ihrem Impfbuch und freuen sich auf die schützende Spritze. Sie loben die Organisation und die Freundlichkeit, bringen Blumen und Süßigkeiten mit, schreiben hinterher Karten, die an einer Wand aufgehängt werden, an der wir auf dem Weg zum Dienst vorbeikommen. Nach dem Impfen geht es noch zu Beobcachtung in den Ruheraum, denn falls Komplikationen auftreten, rechnet man damit in den ersten 15 bis 30 Minuten. Danach geht es für die Geimpften zum Abmeldeschalter und dann heißt es auf Wiedersehen in einigen Wochen – je nach Impfstoff.

Mit der Organisation des Impfpfades wurde eine Firma beauftragt, die sonst Großevents organisiert und sich mit Lenken von Massen, Optimierung von Prozessen und so weiter auskennt. Wir werden geschult und eingewiesen. Natürlich wird an der einen oder anderen Stelle auch mal nachjustiert, schließlich ist das Betreiben eines Impfzentrum dieser Dimension für alle Neuland.

Es ist beindruckend, so vielen alten Herrschaften zu begegnen, die alleine leben und fit sind – auch geistig. Manche lassen sich begleiten, teilweise haben sie eine längere Anreise. Viele werden von ihren Kindern begleitet, die oft selbst nicht mehr die Jüngsten sind. Man sieht: Es lohnt sich, von Anfang an in Bonding zu investieren.

Natürlich sind auch zahlreiche Personen auf Gehhilfen oder sonstige Unterstützung angewiesen. Aber es sind viele, die sich selbst versorgen und regelmäßig Sport treiben, um sich fit zu halten. Man merkt es beim Injizieren: Die Bizeps der Sportbegeisterten bieten mehr Widerstand als die der Unmotivierten.

 

Mit dem mobilen Team im Heim

 

Anders in den Seniorenheimen: Mein erster Einsatz im mobilen Team führt in ein Heim im Schanzenviertel. Hier impfen wir als kleineres Team die Personen, die nicht mobil oder sogar pflegebedürftig sind, und die Pflegekräfte. Schnelltests für uns, Impfstoff für die Bewohner. Die MitarbeiterInnen gehen mit über die Station und bilden so das Bindeglied zwischen dem Team und den BewohnerInnen, helfen beim Arm-freilegen und unterstützen uns mit den Papieren. Manchmal ist die Hausärztin im Team, die die Bewohner kennt und nun aufklärt.

Auch hier ist die Stimmung sehr gut, alle freuen sich, dass wir da sind. In Wohnheimen trifft man auf 99-Jährige, die noch rüstig sind und im Sommer ihren runden Geburtstag feiern möchten, eingespielte Ehepaare, aber auch eine über 80-jährige Frau, der wir ihr Alter zunächst nicht glauben und denken, wir wären einer Impfdränglerin aufgesessen – bis sie ihren Ausweis zückt.

Skepsis begegnet uns selten und wenn, können die ÄrztInnen durch ausführliche Aufklärung die Bedenken zerstreuen. Es ist wohltuend, dafür alle Zeit zu haben, die notwendig ist, und nicht auf Honorarpauschalen oder getaktete Dienstleistungen schauen zu müssen. Wir führen ja keine Behandlungen durch, sondern werden auf Grundlage des Bundesseuchengesetzes tätig.

Was mir auffällt ist, dass ich mich mit jedem Impfling auf Deutsch unterhalten kann. Das ist in meinem Hebammenalltag in Praxis und Asylbewerberheimen anders. Ich frage mich, wo die gealterten, ehemaligen GastarbeiterInnen aus der Türkei sind? Gepflegt von der Familie? Zurückgekehrt in ihr Land? Ein einziger Schwarzer ist mir begegnet beim Pflegepersonal im Altersheim, er war deutsch und sprach es auch. Das ist auch eine besondere Erfahrung, so gut wie ausschließlich mit Mitgliedern der weißen Mehrheitsgesellschaft zu tun zu haben. Meine Kolleginnen und Kollegen und die ÄrztInnen beziehungsweise deren Eltern kommen hingegen aus aller Herren Länder.

 

Die gesellschaftliche Dimension des Impfens

 

Für uns aus dem Impfteam gilt auch das Angebot, uns impfen zu lassen, da wir mit Risikogruppen arbeiten. Ich persönlich habe mich bisher nur impfen lassen, wenn es für einen Besuch in einem fernen Reiseland Pflicht war, und auch meine Kinder haben keine Impfkabine von innen gesehen. Aber nun ... warum eigentlich nicht. Ich sehe mittlerweile auch die gesellschaftliche Dimension des Impfens: Ich schütze nicht nur mich, sondern trage auch dazu bei, dass die Pandemie eingegrenzt wird.

Ich höre mir Podcasts zum Thema an und schaue Aufklärungsfilme: RNA, DNA, wie war das nochmal damals, im Bio-Leistungskurs? Ich mache mir die Mühe, den Vorgang nachzuvollziehen, und habe anschließend keinerlei Bedenken mehr, mich impfen zu lassen. Es fühlt sich gut an! Ich kann nur allen dazu raten. Sonst wäre ich ja wohl auch als Impfschwester nicht sehr überzeugend.

Rubrik: Covid-19

Vom: 18.03.2021