»Späte« Mutterschaft

Eltern werden älter

Das durchschnittliche Alter von Erstgebärenden steigt, damit steigen auch ihre körperlichen Schwangerschaftsrisiken. Welche Nachteile birgt das Alter der Mutter für das Kind und könnte es auch Vorteile bringen, ältere Eltern zu haben? Dr. Stephan Heinrich Nolte

Rund 787.500 Neugeborene kamen In Deutschland 2018 zur Welt, 2.600 mehr als im Vorjahr. Die Geburtenziffer betrug 1,57 Kinder je Frau. Bemerkenswert fanden die StatistikerInnen die häufigeren Geburten der Frauen ab 40 Jahren. 42.800 Babys hatten Mütter über 40. Damit hat sich die Zahl seit 1990 fast vervierfacht (Destatis 2019).

Lag 1985 das Durchschnittsalter für die erste Schwangerschaft noch zwischen 21 und 25 Jahren, liegt es heute bereits zwischen 29 und 31 Jahren. Gleichzeitig steigt der Anteil Schwangerer ab 35 weiter an. In den 1990er Jahren war knapp ein Prozent der Erstgebärenden über 40, während heute jede vierte Mutter älter als 35 Jahre alt ist und Schwangere mit 40 keine Seltenheit sind. So werden Mütter immer älter, nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industriestaaten.

 

Ost -und Westdeutschland

 

Innerhalb von 40 Jahren hat sich das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt um fünf Jahre verschoben, von 26 auf 31 Jahre (siehe Abbildung 1). In der DDR setzte diese Veränderung etwas später ein, mit dem Effekt, dass ostdeutsche Mütter zur Zeit der Wende bei der Geburt ihrer Kinder durchschnittlich drei Jahre jünger waren als in Westdeutschland. Auch wenn sich der Unterschied derzeit durch einen schnelleren Anstieg des Gebäralters im Osten deutlich vermindert hat, sind ostdeutsche Mütter bei der Geburt ihrer Kinder immer noch rund ein Jahr jünger.

Der römische Philosoph Seneca sagte, das Alter sei eine unheilbare Krankheit. Trotz aller vollmundigen Versprechen, wie etwa dem »social freezing«, kann auch die moderne Reproduk­tionsmedizin die biologische Uhr nur zu einem gewissen Maß aushebeln. So ist das Alter Hauptursache weiblicher und männlicher Unfruchtbarkeit, wobei für die Prognose von späten Schwangerschaften viele andere Faktoren dazukommen. So sind Infertilitätsbehandlungen, körperliche Erkrankungen oder Lifestyle-Probleme, wie Übergewicht und Adipositas oder das Rauchen, größere Risikofaktoren als allein das Alter. Für die weibliche Fruchtbarkeit gilt, dass sie vor dem Alter von etwa 35 Jahren am höchsten ist, bei Männern vor Mitte bis Ende 40.

 

Veränderte Prioritäten

 

Die Lebensbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm verändert, insbesondere für Frauen: Selbstbestimmung und berufliches Fortkommen haben den Kinderwunsch oft zurückgestellt. Vor allem Akademikerinnen sind Bildung, Ausbildung und finanzielle Eigenständigkeit wichtig. Partnerschaften bieten bei steigenden Trennungsraten keine Sicherheit mehr, auch muss die richtige Person zum Kinderkriegen erst gefunden werden. Ein verlässlicher Partner oder eine verlässliche Partnerin, nicht nur für Freizeit und Ferien, sondern auch für Familiengründung und Erziehung.

Da die fruchtbarsten Lebensjahre mit den unsichersten einhergehen, was die finanziellen und beruflichen Aussichten angeht, entscheiden sich manche ganz bewusst für die Familiengründung erst dann, wenn eine gewisse berufliche und finanzielle Sicherheit gegeben, das Nest gemacht, das Haus gebaut ist. Manche Paare, die sich früher Kinder gewünscht hätten, kommen erst spät und nach vielfältigen Kinderwunschbehandlungen zu diesem Lebensziel. Damit steigt das Alter der Mütter zwangsläufig an.

 

Kategorie: Risikoschwangerschaft

 

Wenn auch eine »späte« Schwangerschaft sowohl für Mütter wie Kinder etwas riskanter ist und dementsprechend bereits ab 35 als »Risikoschwangerschaft« gewertet wird, sollte dies angesichts der heutigen Gesundheitslage und Lebenserwartung keinen allzu hohen Stellenwert haben. So konnte eine große Studie an über vier Millionen ersten Neugeborenen in Korea zeigen, dass noch in den 90er Jahren ein höheres Alter der Mütter das Risiko für Frühgeburtlichkeit um 3,5 % steigen ließ, während es Anfang der 2010er Jahre unter 2 % lag. Das relative Risiko für Frühgeburtlichkeit oder intrauterine Mangelentwicklung ist zwar sehr stark gesunken, aber immer noch nicht zu vernachlässigen (Sohn 2017). Die Prognose von sehr kleinen Frühgeborenen älterer Mütter scheint sich in neueren Studien von der jüngerer nicht wesentlich zu unterscheiden (Tseng et al. 2019).

 

Konsequenzen für die Mütter

 

Die heute 40-Jährigen sind zu einem guten Teil fitter als es früher die 30-Jährigen waren. Lebensstil, Bildungsstand und sozialer Status können »biologische Risiken« aufwiegen, denn manche »ältere« Frau lebt heute gesünder und achtet mehr auf sich, ihren Körper und ihre Fitness. Diese werdenden Mütter sind oft sehr gut informiert, ernähren sich gesund, rauchen nicht und trinken weniger Alkohol. Ihre Lebenserfahrung bringt ihnen Selbstbewusstsein, Sicherheit und Ruhe. Oft haben sie ihre Wünsche an Reisen und Abenteuern ausreichend ausgelebt und keine Angst, etwas zu verpassen. Ihr Lebensstil hat die Jugendsünden hinter sich gelassen, sie sind weniger risikofreudig und vernünftiger. Nicht selten sind »Spätgebärende« beruflich gut situiert und finanziell abgesichert. Ob sie allerdings mehr Zeit und weniger Alltags- und Beziehungsstress haben, hängt natürlich von der individuellen Lebenssituation ab (Übersicht bei Barclay 2016).

In den meisten Fällen steht einer normal verlaufenden Schwangerschaft nichts im Wege: Auch in höherem Alter ist Schwangerschaft keine Krankheit. Eine etwas engmaschigere Betreuung durch die Hebamme, die Frauenärztin oder den Frauenarzt sollen etwaige Risiken früher erkennen lassen, etwa eine Gestose, (Prä-)Eklampsie oder einen Schwangerschaftsdiabetes. Das Risiko für Fehl- oder Frühgeburten ist bei Spätgebärenden höher, ebenso Thromboseneigungen.

Beim Kind steigt mit zunehmendem Alter der Mutter das Risiko für chromosomale Störungen wie Trisomie 21. Diese können durch pränatale Testverfahren wie die frühe Ultraschalluntersuchung (Erstsemesterscreening, ETS) oder durch Laboruntersuchungen (NIPT – nicht invasiver Pränataltest) erkannt und durch Amniozentese gesichert werden – mit dem Recht der Verweigerung all dieser Untersuchungen. Das ist allein die Entscheidung der werdenden Eltern. Denn die Konsequenz, die letztlich immer der Schwangerschaftsabbruch ist, muss bei der Entscheidung mit eingeplant werden.

»Ältere« Frauen sind unter Druck. Sie wissen, dass die »biologische Uhr« tickt und irgendwann die Zeit abgelaufen ist. Dennoch können sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung gelassener und entspannter sein – oder genau das Gegenteil. Pauschal lässt sich das nicht sagen. Biologisches und chronologisches Alter sind nicht immer identisch. Eine spät schwanger gewordene Frau kann vielleicht die körperlichen Belastungen einer Schwangerschaft anstrengender und belastender erleben, sie muss eher mit Geburtskomplikationen und einem Kaiserschnitt rechnen. Je nach Trainingszustand sind Bänder, Sehnen und Muskeln bereits rigider und weniger elastisch als bei jüngeren Schwangeren, unter denen sich heute aber auch viele Untrainierte und Adipöse befinden. Dieses Risiko wiegt oft weit schwerer als das alleinige Alter. So hängt vieles von der persönlichen Konstitution ab, aber auch von der Lebenssituation.

 

Konsequenzen für die Kinder

 

Das höhere Alter der Mutter ist nicht in dem Ausmaß mit perinatalen Risiken verbunden, wie es manchmal vermutet wird. Skandinavische Länder sind uns durch umfassende Register in epidemiologischen Fragen weit voraus. So sagen Daten aus Finnland, die aus der Analyse von 120.000 Schwangerschaften gewonnen wurden, dass bei Müttern, die sowohl als junge Frau als auch mit über 35 ein Kind bekamen, die später Geborenen weder zu früh noch intrauterin mangelentwickelt zur Welt kamen (Goisis et al. 2017). Neben den perinatalen Daten interessiert aber vor allem die Zukunft der Kinder von älteren Müttern. Dänische Daten besagen, dass »späte« Eltern mit ihren Kindern entspannter umgehen, sie konsequenter erziehen und die Kinder akademisch erfolgreicher sind.

Eine Untersuchung an 4.741 Familien aus einer dänischen Langzeitstudie beschäftigte sich mit der Frage, ob bei älteren Müttern Bestrafungen seltener vorkommen und die Entwicklung der Kinder positiver verläuft (Trillingsgaard 2018). Kinder wurden mit 7, 11 und 15 Jahren untersucht. Verbale und physische Strafen waren bei den 7- und 11-jährigen älterer Mütter seltener, mit 15 blieb dieser Unterschied für verbale Maßnahmen immer noch signifikant, nicht aber für körperliche Strafen. Ein höheres Alter der Mütter war mit weniger Verhaltensproblemen, sozialen und emotionalen Störungen verbunden – unabhängig von demografischen und sozioökonomischen Faktoren, wie die Autoren betonten.

Der Grund, dass sich in Langzeituntersuchungen so wenig negative Auswirkungen später Mutterschaft beobachten lassen, dürfte unter anderem daran liegen, dass die Frauen mit den Jahren Ressourcen gewinnen, die ihre physiologischen Mängel weit aufwiegen. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass die Fähigkeit, noch in höherem Alter ein Kind zu bekommen, mit einem guten Gesundheitszustand zusammenhängt. So kann eine Verzerrung zugunsten guter Verläufe durch die Tatsache bedingt sein, dass diese Mütter einfach an sich gesünder sind und leben.

 

Der Wandel der Zeit

 

Eine allgemeine Empfehlung, Mutterschaft möglichst herauszuschieben, lässt sich nicht ableiten. Zum einen wird die Empfängnis mit steigendem Alter schwieriger, zum anderen sind Fehlgeburten und perinatale Komplikationen häufiger. Gesellschaft, Politik, aber auch die Medizin und besonders die Perinatalmedizin müssen sich dem enormen demografischen Wandel der letzten Jahre stellen, der alle Industrienationen betrifft und in seinen Trends derzeit unumkehrbar erscheint.

Rubrik: Ausgabe 01/2020

Vom: 19.12.2019