Leseprobe: DHZ 06/2019

Ihr simuliert doch!

Eine Reportage vom Simulationstraining im Kreißsaal: Alles nur Theater? Nein, der Ernst der Lage ist bei allen Beteiligten spürbar, die mit verteilten Rollen eine Saugglockengeburt durchspielen. Jana Friedrich
  • Das Kreißsaalteam übt im Simulationstraining auch das McRoberts-Manöver

  • Die Nachbesprechung des Trainings aus den unterschiedlichen Perspektiven ist lehrreich für alle.

Auguste Viktoria Klinikum/Vivantes, Berlin-Schöneberg. Es ist kurz nach 14 Uhr. Übergabezeit im Kreißsaal. Ausnahmsweise ist mal wenig zu tun, so dass eine entspannte Besprechung im Pausenraum möglich ist. Nach dem offiziellen Teil entfaltet sich eine kleine private Plauderei, als die leitende Hebamme Claudia Rheinbay den Kopf zur Tür reinsteckt und sagt: »Wir simulieren heute. Überlegt schon mal, wer welche Rolle übernimmt.« Ein leises Stöhnen wird hörbar. Auf große Begeisterung stößt die Idee zunächst nicht. »Also«, sagt die leitende Hebamme: »Wir brauchen eine Schwangere, einen Partner oder Partnerin, ein bis zwei Hebammen und zwei ÄrztInnen! Sind heute Schülerinnen da?«

Vor kurzem habe ich bei solch einem Training die Schwangere gegeben. Heute bin ich nur in der beobachtenden Position dabei. Ich arbeite in diesem Krankenhaus gelegentlich als Extrawachen-Hebamme. An diesem Tag bin ich hier, um über das Simulationstraining zu berichten.

Kurze Zeit später sind die Rollen verteilt. Die Kollegin, die die Schwangere spielen wird, bekommt den Simulationsbauch umgeschnallt und wird im Kreißsaal in ihre Rolle eingewiesen. Sie ist eine Erstgebärende am Termin, die schon eine Weile unter der Geburt ist. Der Muttermund ist vollständig, das Köpfchen ist in Beckenmitte und kommt in den Wehen gut tiefer. Sie wird von ihrer Schwester, gemimt von einer Hebammenschülerin aus dem Oberkurs, begleitet. Die Schwangere steht hüftkreisend am Seil, die Schwester massiert den Rücken.

 

Das Training beginnt

 

Der leitende Kreißsaaloberarzt Dr. Tino Hentrich kommt in den Kreißsaal. Er wird als zweiter Instruktor, gemeinsam mit Claudia Rheinbay, das Training beobachten. Er hat ein Dopton mitgebracht, auf dem er mit dem Finger tippend Herztöne simuliert. Und jetzt tippt er späte Dezelerationen ein. Unsere geschulten Ohren schätzen einen Abfall auf circa 80 spm.

Die Kollegin, die die Hebamme spielt, kommt rein. »Okay, Frau K., ich glaub‘ Ihr Kind möchte langsam kommen. Ich würde Sie gerne nochmal untersuchen. Können Sie sich bitte kurz aufs Bett legen?« Die Schwangere antwortet: »Moment, ich habe gerade eine Wehe«. Schnaufend und schwerfällig und betont langsam begibt sie sich auf das Kreißbett.

Dr. Hentrich klopft unerbittlich auf niedriger Frequenz weiter: »Pock, pock …, pock, pock,... pock, pock …« – Bradykardie.

Claudia Rheinbay sagt den fiktiven Untersuchungsstand an. Die Hebamme ruft die junge Assistenzärztin dazu, die die Kreißsaalärztin spielt. Auch die diensthabende Hintergrundärztin wird rasch dazu geholt, als klar wird, dass eine Seitenlagerung und gutes Atmen nicht ausreichen, um die Situation zu entschärfen, und dass eine vaginal-operative Geburt mit Vakuum gemacht werden muss. Schnell sind alle in ihren Rollen angekommen und agieren, als wäre alles echt.

 

Assistierte Geburt

 

Bei der Simulation sollen die Abläufe so realistisch wie möglich sein. Wird ein Tropf gebraucht, so geht man zum Schrank und richtet einen Tropf – in Echtzeit. Nur echte Medikamente werden natürlich nicht ver(sch)wendet. Die echte Saugglocke, in diesem Fall eine Kiwi, wird geholt. Alles wird angesagt: »Haben wir einen Oxytropf? Wie viel Milliliter pro Stunde? Ist die Harnblase leer?«

Die Beinhalter werden angebracht. Die ganze Zeit über erklärt die Hebamme der Schwangeren und ihren Angehörigen, was nun gemacht wird und warum. Die Schwangere bewegt sich, wie Schwangere das tun: etwas langsamer und schwerfälliger. Mit dem dicken Simulationsbauch muss man das nicht mal extrem spielen. Die Atmosphäre ist arbeitsam, aber nicht hektisch. Es läuft gut.

Als sich die Kiwi natürlich nicht am Puppenkopf ansaugen lässt, fallen kurz alle aus ihren Rollen und lachen. Aber schnell herrscht wieder Konzentration.

Die Frau soll nun mitdrücken, hat aber gerade keine Wehen. Alle warten. Die »Herztöne« puckern langsam vor sich hin. Anspannung. Es ist wie im echten Leben. Endlich, eine Wehe. Und natürlich braucht es mehr als eine.

 

Die Eskalation managen

 

Irgendwann ist der Kopf geboren. Die Zeit wird angesagt. Das wird später gelobt. Denn die InstruktorInnen sind heute besonders gründlich und geradezu unerbittlich: Es folgt noch eine Schulterdystokie.

Im Kreißsaal wird der Notfallknopf gedrückt, denn nun weiß man ja nicht, wie es dem Kind am Ende gehen wird. Sicherheitshalber wird also die Kinderklinik informiert. Wir befinden uns in einem Krankenhaus der Grundversorgung. Das Kooperationsteam des nahe gelegenen Level-1-Hauses würde sich im echten Notfall nun auf den Weg machen.

Zwei McRoberts-Manöver und einen Vierfüßlerstand später ist das Simulationsbaby endlich geboren, mit erneuter Zeitansage. Es muss natürlich versorgt werden. Die Gruppe einigt sich mit wenigen knappen Worten darauf, wer bei der frisch entbundenen Frau bleibt und wer mit dem Kind in den Rea-Raum geht.

Die junge Ärztin, die in Wirklichkeit erst seit zwei Monaten im Kreißsaal arbeitet, bleibt bei der Frau. Im echten Leben war sie noch nie in dieser Rolle und hat auch noch nie einen solchen Notfall erlebt. Sie schlägt sich tapfer. Besonders positiv ist, dass sie weiterhin gut in Kontakt mit der Frau bleibt. Sie erklärt, dass das Baby Anpassungsstörungen hat und eine kleine Starthilfe braucht, und fragt die Frau, wie es ihr geht. Die Angehörige, die dem Rea-Team hinterhereilen will, hält sie auf. »Sie dürfen gleich zum Kind. Warten Sie bitte kurz. Sie werden sicher gleich dazu geholt.«

 

Das volle Programm

 

Die Plazenta wird geboren und – heute wird wirklich nichts ausgelassen – ist natürlich nicht vollständig. Aber immerhin blutet die Frau nicht.

Gleichzeitig wird in der Rea gearbeitet. Die Apgar-Uhr wird eingeschaltet, das Kind kurz abgetrocknet. Eine Reanimation ist nötig. Die Sättigung wird angebracht. Eine beatmet, die andere führt die Herzmassage aus. Das Kind erholt sich. Die Hebamme und die Ärztin haben die Situation im Griff und arbeiten wirklich gut Hand in Hand. Auch im echten Leben können sie gut miteinander, das merkt man auch heute wieder.

Das Kind wird zur Mutter gebracht und ihr wird erklärt, was mit ihm gemacht wurde und warum. Nun muss der Frau noch gesagt werden, dass eine manuelle Nachtastung erfolgen muss. Die InstruktorInnen haben dieses Szenario gewählt, weil sie hören wollen, wie die Wortwahl ausfällt. Die Ärztin erklärt die unvollständige Nachgeburt, und dass es ihr zwar sehr leidtue, aber die kleine Prozedur nun einmal nötig sei. Die Hebamme bekräftigt kurz, dass es wirklich sein müsse.

Die InstruktorInnen klatschen, dann alle: Das ist das Zeichen dafür, dass die Simulation beendet ist. Dann erleichtertes Aufatmen. Alle lachen. Geschafft! Kurze Pause.

 

Evaluation

 

Damit alle kurz durchatmen können, gibt es erst mal etwas zu trinken und was Süßes. »Kein Feedback an unterzuckerte KollegInnen«, findet Claudia Rheinbay. Dann beginnt die Nachbesprechung. Alle setzen sich. Die leitende Hebamme fragt reihum ab, wie sich jeder in seiner Rolle fühlt. Die Schwangere wird immer zuerst gefragt, denn selbst wenn fachlich alles gut läuft, wäre es natürlich schlecht, wenn die Frau sich nicht gut aufgehoben gefühlt hätte. Die Hebamme, die heute ein Kind bekommen hat, merkt dann auch an, wie gut und ruhig alle mit ihr gesprochen hätten.

Die Ärztin und auch die Hebamme sagen, dass sie sich schnell in die Simulation eingefunden hätten, und dass sie ein gutes und sicheres Gefühl hatten. Das bestätigen auch die beiden AnleiterInnen. In Momenten, in denen jeweils eine sehr konzentriert gearbeitet hat, übernahm immer gleich die andere die Kommunikation, ohne dass zwischen ihnen große Worte nötig gewesen wären.

Die Ärztin berichtet, wie gut es ihr getan habe, dass die Hebamme ihre Ankündigung der Nachtastung so gut bestätigt habe: »Die Hebammen sind ja immer diejenigen mit dem guten Draht zu den Familien. Wir sind oft nur die ÜberbringerInnen schlechter Nachrichten. Es tut so gut, dabei den Rücken etwas gestärkt zu bekommen.«

Die Assistenzärztin ist noch ganz schön überwältigt. Sie ist erst so kurz dabei und sagt gleich, wie hilfreich sie diese Übung für ihr zukünftiges Arbeiten findet.

Auch die Oberkursschülerin in der Rolle der Schwester lobt die Kommunikation und ist froh, noch mal in der Beobachterrolle gewesen zu sein. Nach ihrem Examen wird sie eine ganz andere Rolle ausfüllen müssen und dafür findet sie die Übung sehr hilfreich.

 

Lehren ziehen und Konsequenzen erwägen

 

Es folgt die Manöverkritik und alle überlegen, was sie eventuell vergessen haben, oder hätten besser machen können. Claudia Rheinbay, die mitgeschrieben hat, zählt einige Punkte auf: »Einmal wurde angesagt, dass die Frau etwas Sauerstoff vorgehalten bekommen soll. Die Ansage verebbte aber. Niemand führte sie aus. Das Learning daraus wird sein, nach einer Ansage auch einzufordern, dass jemand die Aufgabe übernimmt, beziehungsweise gleich jemanden mit Namen anzusprechen und auf eine bestätigende Antwort zu achten.«

Kurz erinnern sich alle an ein anderes Training, in dem die Ärztin der Hebammenschülerin hintereinander fünf Anweisungen gegeben hatte und dann erbost darüber war, wie langsam alles ausgeführt wurde. Der Ärztin wurde nach der Simulation selbst fast schwindelig, als sie realisierte, was sie der jungen Kollegin da eigentlich abverlangt hatte.

Am Ende entspinnt sich eine Diskussion um das Management bei unvollständiger Plazenta. Es herrscht Uneinigkeit bei der Wahl der Medikamente. Wäre es sinnvoll, hier einen Standard zu etablieren? Diese Frage nehmen die ÄrztInnen mit in ihre nächste Teambesprechung.

Auch das Reanimationsteam überlegt und kommt zu dem Ergebnis: »Je häufiger man übt, umso mutiger wird man und umso mehr achtet man auf die Details.« Auch den kinderärztlichen KollegInnen ist schon aufgefallen, wie gut die Zusammenarbeit klappt, seit die Simulationsübungen durchgeführt werden. Früher hoben alle eher die Hände und überließen sofort den Profis das Feld. Jetzt behält oft noch jemand die Position an der Maske bei, bis die KinderärztInnen die Situation nachhaltig stabilisiert haben. Das nehmen sie dann dankbar und anerkennend zur Kenntnis.

 

Das Feedback der Spielenden

 

Sylvia Kas, Hebamme in echt und in der Übung: »Bei der ersten Simulation habe ich mich noch wie in einer Prüfungssituation gefühlt. Aber inzwischen bringt mir das echt viel. Es ist total positiv und wichtig, die Notfallschritte immer wieder zu wiederholen. Ich würde allen empfehlen, den Mut zu haben, solche Trainings einfach mal mitzumachen.«

Lena van den Boom, Assistenzärztin in echt und bei der Übung: »Ich bin ja noch relativ unerfahren. Ich habe sonst noch immer jemanden, der klare Anweisungen gibt. Plötzlich war ich alleine im Raum und fühlte mich eigentlich noch gar nicht gewappnet für die Situation. Mir hat das total was gebracht, mal in der Situation zu sein, mein Wissen im Geburtsablauf abrufen zu müssen. Das ist ja was ganz anderes als in der Theorie.«

Kristin Langkopf, Hebamme – in der Simulation die Schwangere: »Als Hebamme nehme ich mit, nie die Kommunikation mit der Frau abbrechen zu lassen, wenn es zu einer Notfallsituation kommt. Ich finde die Simulation super sinnvoll. Man nimmt immer wieder was mit, was man noch verbessern kann.«

Davia Hollmach, Hebammenschülerin – in der Simulation die Begleitperson: »Besonders spannend fand ich, dass dieses Training die Hierarchien total aufhebt. Denn bei einem Notfall gibt es zwar eigentlich eine klare Rollenverteilung, aber letztlich ist es wichtig, die richtigen Handlungen in der richtigen Reihenfolge auszuführen. Wer was macht, ist fast egal. Die Hauptsache ist ja, dass es am Ende passiert. In der Simulation hatten Hebamme und Ärztin immer abwechselnd den Hut auf und haben richtig gut zusammengearbeitet. So gibt es zwei, die den Überblick haben. Die Ärztin, die diesen Job eigentlich innehat, kann ja theoretisch in der Hektik auch mal was vergessen. Zu zweit ist das weniger wahrscheinlich«. Die Crew-Ressource-Management-Regel besagt: Sei ein gutes Teammitglied oder übernimm die Führung!

Claudia Rheinbay, leitende Hebamme, in der Rolle der Instruktorin: »Wir brauchen Routinen. Bestimmte Notfälle kommen selten vor, aber wenn, dann sollte man über den Handlungsablauf nicht nachdenken müssen. Das muss sitzen. Interessant sind auch Rollenwechsel. Man bekommt viel mehr Verständnis und auch Respekt vor der Arbeit der jeweils anderen Berufsgruppe. Das Feedback tut dem ganzen Team – auch berufsübergreifend – sehr gut. Die Kommunikation wird verbessert.

Wer ein Training durchführt, hat eine große Verantwortung. Ein Training muss positiv gelebt werden und immer gut ausgehen. Auch wenn die TeilnehmerInnen mal nicht auf die richtigen Ideen kommen. Dann muss eben in dem Moment eine Person reinkommen, die alle wieder auf den richtigen Pfad setzt. Es geht immer um den Lerneffekt und nie darum, jemanden vorzuführen. Ein Training muss immer gut enden!

Bei unserem ersten Training saß der Oberarzt nur in Badehose, mit Perücke auf dem Kopf in der Wanne auf mehreren Tetrapacks Tomatensoße, ließ das ›Blut‹ spritzen und rief: ›Mein Baby, mein Baby!‹ und kollabierte. Das war direkt im Anschluss an eine Dienstbesprechung. Nach dieser Steilvorlage sanken die Hemmungen, bei den Trainings eine Rolle zu spielen.«

 

Großer Lerneffekt und Wissenstransfer

 

Chefärztin Dr. Mandy Mangler unterstützt die Initiative der Hebammen und ÄrztInnen, hat die Fortbildungen zum Simulationsinstruktor gesponsert und ihr Team darauf eingeschworen, an den Trainings teilzunehmen.

Solche Simulationstrainings sind innerhalb der Klinikgruppe Vivantes auch im Austausch mit anderen Häusern geplant. Von den jeweiligen Learnings können dabei alle Häuser profitieren, denn Erfolgsmodelle werden im Sinne eines kontinuierlichen Wissenstransfers zwischen den Einrichtungen interprofessionell geteilt. Im Auguste Viktoria Klinikum ist zum Beispiel ein kleiner Notfallwagen mit verschiedenen thematischen Schubladen angeschafft worden. Bei einem eklamptischen Anfall auf der Wochenbettstation konnte er sich bereits bewähren.

Am Ende ist sich das Kreißsaalteam einig, dass es gut war, sich zu überwinden, und dass der Lerneffekt groß war. Auch der interdisziplinäre Austausch wird lobend erwähnt. Alle wollen beim nächsten Mal gerne wieder dabei sein und wünschen sich das Training mindestens einmal im Monat.

 

 

 

Rubrik: Beruf & Praxis | DHZ 06/2019