In Syrien Hebamme – und in Österreich?

Eine Wiener Hebamme erzählt von zwei Kolleginnen, die aus Syrien geflohen sind und in Österreich versuchen, beruflich Fuß zu fassen. Sie haben viel zu geben. Aber sie brauchen Unterstützung, um eine Anerkennung der Ausbildung und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Johanna Sengschmid
  • Yusra hofft, bald auf einer Wochenbettstation arbeiten zu dürfen.

  • Rana hat in Damaskus für eine internationale Flüchtlingsorganisation gearbeitet.

Yusra aus Aleppo

 

Yusra lässt es sich nicht nehmen, mich zum Essen einzuladen. Es gibt Schiuch al Mahschi, das sind gefüllte Zucchini mit Joghurtsauce, und Knafe, eine köstlich, orientalische Süßspeise. Sie wohnt zufällig bei mir ums Eck, im Zentrum von Wien. Wie sich bei unserem ersten Treffen vor zwei Jahren herausstellte, hat sie ein Zimmer in einer großzügigen Altbauwohnung bei einer Frau, deren Hebamme ich vor 30 Jahren war.

Wir haben uns über ihre damalige Caritas-Beraterin kennengelernt, nachdem sie diese gebeten hatte, Kontakt zu einer Wiener Hebamme herzustellen. Über den Arbeitskreis »Frauengesundheit und Flucht«, initiiert vom Programm Wiener Frauengesundheit, und als Vertreterin der Landesgeschäftsstelle des Wiener Hebammengremiums, bin ich sehr gut vernetzt und immer wieder Anlaufstelle für geflüchtete Hebammen. Als Plattform zur Vernetzung wurde 2015 auch der Verein RMSA – Refugee Midwifery Service Austria gegründet (siehe Links).

Als Überraschung für unser heutiges Treffen kommt auch einer von Yusras beiden Söhnen dazu – Mohammed, 21 Jahre alt, mit seiner Freundin Amel. Beide studieren und es ergibt sich ein angeregtes Gespräch. Sie fragen mich: »Wie habt ihr es geschafft, nach dem Krieg so ein schönes Land wie Österreich wiederaufzubauen?« oder »Gibt es bei euch noch Eltern, die ihre Kinder schlagen?«

 

Die eigene Praxis in der Heimat

 

Unsere Hebammenkollegin Yusra ist 50 Jahre alt. Vor ihrer Flucht 2015 hat sie in Aleppo gewohnt und gearbeitet. Aleppo hatte vor dem Krieg 2,5 Millionen Einwohner und war eine wirtschaftlich blühende, pulsierende Stadt. Syrien ist ungefähr halb so groß wie Deutschland. Vor dem Bürgerkrieg 2011 hatte Syrien 21 Millionen Einwohner, davon befanden sich 2015 rund 11,6 Millionen innerhalb oder außerhalb des Landes auf der Flucht, ist bei Wikipedia zu lesen.

Yusra hat nach dem Abitur an der Medizinischen Universität ein dreijähriges Krankenpflegestudium absolviert und anschließend in zwei Jahren die Hebammenausbildung gemacht. Andere syrische Hebammen, die kein Abitur haben, besuchen ab 15 Jahren eine Gesundheits- und Krankenpflegeschule, um dann eine Hebammenausbildung anzuschließen. Die Ausbildungsbedingungen sind in Syrien sehr unterschiedlich.

Yusra erzählt, dass es in Syrien viele Privatspitäler gebe. Die Sectiorate betrage dort 80 bis 90 %. Frauen, die nicht viel Geld haben, könnten kostenlos in den großen Unikliniken oder in öffentlichen Krankenhäusern gebären. Die Sectiorate liege dort bei etwa 40 %. Die Frauen würden mit ihren Neugeborenen üblicherweise zwei bis drei Stunden nach der Geburt das Krankenhaus verlassen. Die Wöchnerin werde dann von ihrer Familie und von Nachbarinnen versorgt.

Hebammen betreuten Schwangere in einem dem Krankenhaus angeschlossenen Gesundheitszentrum, einer Ambulanz oder in einer eigenen Hebammenpraxis, so wie Yusra. Bei medizinischen Problemen werde eine Gynäkologin zugezogen.

Yusra erzählt, dass in ihrem Wohnhaus in Aleppo im Erdgeschoss ihre Praxis mit einem eigenen Eingang untergebracht war. Sie hatte drei Geburtszimmer, ein Badezimmer, einen kleinen Untersuchungsraum und ein Büro. Drei Pflegeassistentinnen halfen ihr bei der Arbeit. Im ersten Stock wohnte die Schwiegermutter, die Yusras zwei Söhne Mohammed und Wasim bei sich hatte, während sie beschäftigt war. Ganz oben im zweiten Stock war die Wohnung der Familie. Yusra erzählt mit leuchtenden Augen, dass sie von 1994 bis zu ihrer Flucht ganz viele Familien betreut habe. Bei genauerem Nachfragen glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen, als sie mir sagt, dass es meist 30 bis 40 Geburten im Monat waren. Ich höre aus Yusras Erzählungen, dass die Frauen die kompetente und warme Art »ihrer« Hebamme so geschätzt haben, dass sie diese persönliche Geburtsbegleitung dem großen öffentlichen Krankenhaus vorgezogen haben. Wenn eine Verlegung notwendig war, brachte sie die Frauen in das nächste Privatkrankenhaus, das fünf Minuten mit dem Auto entfernt lag. Auf meine Frage, wer denn dann die Kosten übernommen hat, meint sie knapp: »Ganz oft ich.«

Die Bezahlung für Hausgeburten lag zwischen einer Mindestabgeltung und einem Höchstbetrag, je nach finanziellen Möglichkeiten der Eltern, vom Hebammenverband vorgeschrieben.

Die Frauen wurden, wenn alles in Ordnung war, zwei bis drei Stunden nach der Geburt abgeholt. Wenn im Wochenbett alles normal verlief, gab es keinen Hebammenbesuch zu Hause. Yusra bestand allerdings darauf, dass die Frauen mit ihrem Neugeborenen nach etwa einer Woche zu ihr in die Praxis kamen.

Auf dem Land machten Hausgeburten in Syrien nach Yusras Einschätzung 90 bis 100 % aus. Sechs bis zwölf Kinder zu gebären, galt in ihrer Heimat als normal. Trotz eigener Kinder übte eine Hebamme ihren Beruf in der Regel voll aus. Yusra gab ihre beiden Söhne zu ihrer Schwester mit eigenen Kindern oder zur Großmutter, um arbeiten zu können. Ab einem Alter von sechs Jahren waren die Kinder viel mit dem Vater zusammen, den sie kurz darauf im Krieg verloren haben.

 

Flucht nach Österreich

 

Im August 2015 musste Yusra mit ihren Söhnen fluchtartig das Land verlassen: Sie hatte eine Gebärende mit Beckenendlage in der Praxis, die es während eines Bombardements nicht mehr in das Krankenhaus geschafft hat. Während der Geburt wurde Yusra von Terroristen des Islamischen Staates (IS) aufgefordert mitzukommen. Sie weigerte sich, die Gebärende alleine zu lassen, und hatte so nur ein kurzes Zeitfenster nach der Geburt, mit ihren Söhnen zu fliehen. Yusra zeigt mir das Tuch, das sie immer mit allen Papieren und Geld um den Bauch gewickelt hatte. Der IS versuche mit Gewalt für seinen Bereich Gesundheitsarbeiterinnen zu rekrutieren. Wenn man nicht für ihn arbeite, werde man verschleppt, gefoltert oder getötet, erzählt mir Yusra. Das sei für sie dann in Österreich der Grund für einen eindeutigen positiven Asylbescheid gewesen. Ähnliches hat mir auch eine syrische Apothekerin erzählt, die ich betreut habe.

Bekannte und Schlepper brachten Yusra und ihre Söhne, damals 16 und 20 Jahre alt, über die Türkei nach Griechenland. Das bedeutete, dass sie sich einige Nächte im Wald verstecken und dann in einem Boot mit 50 Menschen übers Mittelmeer fahren mussten. Über die Balkanroute landeten sie nach einigen Tagen in Ungarn und fuhren dann mit einem Zug nach Österreich. »Wie heißt dieses Land?«, war ihre erste Frage, nachdem sie in Sicherheit waren. »Nemsa«, das heißt auf Arabisch Österreich. Yusra sagt: »Die heiße Suppe zum Empfang war das Paradies!«

 

Keine Erlaubnis, als Hebamme zu arbeiten

 

Yusra besuchte in Wien einen Deutschkurs und ist inzwischen auf B2-Niveau. Sie versuchte als erstes über die Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen (AST) eine Möglichkeit zu finden, in ihrem Beruf als Hebamme zu »nostrifizieren«. Der Nostrifizierungsprozess, wie man in Österreich sagt, entspricht ungefähr dem in Deutschland angebotenen einjährigen Anpassungslehrgang für zugewanderte Hebammen aus Nicht-EU-Staaten.

Yusra war sehr interessiert an einem dreimonatigen, vom Arbeitsmarktservice (AMS) bezahlten Praktikum an einer geburtshilflichen Abteilung mit einem hohen Anteil von Migrantinnen. Unterstützt wurde Yusra von der Verantwortlichen des Integrations-Projektes »CORE«, die mich als gut vernetzte Hebamme in ihre Überlegungen einband (siehe Kasten).

In ihrem Praktikum arbeitete Yusra mit vollem Engagement auf der Wochenbettstation und in der Ambulanz. Sie war bei ihren Kolleginnen sehr beliebt und ein großer Gewinn für die vielen arabischsprechenden Schwangeren und Wöchnerinnen in diesem Krankenhaus. Aber Yusra musste das Praktikum leider abbrechen, da sie eine große OP benötigte. Auch das meisterte sie mit Unterstützung ihrer Familie.

Yusra bekam im Sommer 2019 die Zusage für den einjährigen Nostrifizierungs-Lehrgang zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, ihren ersten Beruf. Die Möglichkeit, als Hebamme zu nostrifizieren, wurde abgelehnt, vermutlich weil im Bereich Krankenpflege weniger Eigenverantwortung gefordert ist. Ihr größter Wunsch ist nun, zumindest als anerkannte diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Wochenbettstation bei Frauen und Neugeborenen sein zu können. Es ist mir eine große Freude, als sie mich fragt, ob ich ihr vor den Prüfungen bei unklaren Fragen zur Seite stehen will.

Ich bin ganz sicher, dass sie all das schaffen wird: Yusra ist eine starke Frau und hat schon so viel gemeistert. Die Familie mit ihren zwei Söhnen, der Schwiegertochter und dem dreieinhalbjährigen Enkelsohn Jad ist sich gegenseitig eine große Stütze.

»Ich werde wohl nie mehr als Hebamme arbeiten können. Das Schwerste für mich war, all die vielen Frauen und Familien im Krieg, der kein Ende zu nehmen scheint, hinter mir zu lassen!« Und dann erzählt sie mir Geschichten, die sie weinen lassen, und auch mir Tränen in die Augen treiben.

 

Die Anerkennung als zugewanderte Hebamme in Österreich

 

Der Nostrifizierungsprozess, wie das Anerkennungsverfahren für ausländische Hebammen in Österreich genannt wird, benötigt Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 oder C1. Die Möglichkeit zu nostrifizieren wird an allen Fachhochschulen für Hebammen angeboten.

> https://www.fh-campuswien.ac.at/studium-weiterbildung/bewerbung-und-aufnahme/nostrifizierung.html

Das Verfahren findet für alle von außerhalb der EU zugewanderten Hebammen unter der FH Studiengangsleitung statt. Davor kann die geflüchtete oder zugewanderte Hebamme in einem Beratungszentrum für Migrantinnen oder bei einer Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen eine erste Begutachtung ihrer Diplome oder Studienabschlüsse vornehmen lassen.

> https://www.migrant.at/unsere-einrichtungen/ast-wien/

 

Rana aus Damaskus

 

Rana kam im Herbst 2015 zu uns wie vom Himmel geschickt. In der »7sternpraxis«, mitten in Wien, umgeben von eilig errichteten Flüchtlingshäusern und Notunterkünften, betreuten damals wöchentlich eine sehr engagierte Gynäkologin und vier Hebammen geflüchtete Schwangere, die soeben in Wien angekommen oder auf Durchreise waren. Auch ich half als Hebamme ehrenamtlich mit. Das österreichische Gesundheitswesen schien mit der Situation, als kurzfristig so viele Geflüchtete eingetroffen waren, völlig überfordert zu sein.

 

Hebammenarbeit in der 7sternpraxis

 

In den chaotischen Zuständen 2015/16 schicke ich die Schwangeren aus zwei großen Flüchtlingshäusern, in denen ich die Wöchnerinnen betreue, in die 7sternpraxis. Rana, eine arabischsprechende Hebamme aus Syrien, ist uns dort in der Praxis eine große Hilfe. Soeben in Österreich angekommen, ist ihr noch nicht klar, wie langwierig ein Berufsanerkennungsverfahren sein kann. Sie möchte aber unbedingt einen Beitrag leisten in dem neuen Land. Sie besteht darauf, dass wir ihr nur die Fahrtkosten entgelten. Rana kann für uns übersetzen oder direkt von Frau zu Frau sprechen.

In der Praxis werden Mutter-Kind-Pässe ausgestellt und Schwangerenvorsorgen angeboten. Die Frauen sitzen mit ihren Kindern und Männern in einem hellen, großen Warteraum. Es gibt Tee, Kuchen und Obst, aber auch Babykleidung und was so gebraucht wird nach einer langen Flucht.

Mit Rana geht allen das Herz auf: bei ihr selbst, weil sie umringt ist von Schwangeren aus ihrer Heimat oder aus dem arabischen Raum – bei uns, weil wir plötzlich eine kompetente, muttersprachliche Hebammenkollegin an unserer Seite haben – bei allen Frauen, die strahlen, wenn Rana auftaucht. Wer könnte zum Beispiel einen Tee oder andere Vorschläge bei einem niedrigen Blutdruck besser vermitteln als sie? Bei Rana kann man auch die Erfahrung spüren, die sie bei einer internationalen Flüchtlingsorganisation in Damaskus machen konnte. Sie kann die Frauen dort »abholen«, wo sie gerade stehen. Die meisten sind scheu, scheinen traumatisiert und überfordert zu sein von den vielen fremden Eindrücken.

Rana reist jede Woche extra für einen Nachmittag eine Stunde mit dem Bus von Niederösterreich nach Wien in die 7sternpraxis. Die sechsköpfige Familie bekam in dem kleinen Dorf Gaweinstal, 50 km von Wien entfernt, in einem alten Schulgebäude eine Wohnung zugeteilt. Aus Damaskus kommend, liebt Rana die Großstadt Wien. In dem kleinen Ort Gaweinstal sieht Rana für sich keine interessante berufliche Möglichkeit.

 

Die Situation in Syrien

 

Rana ist 40 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder: Hamza, Hala, Yara und Yousef sind zwischen sieben und zwölf Jahre alt. Die Kinder sind im Dorf sehr schnell integriert, haben Freunde und Freundinnen und sind in der freiwilligen Feuerwehr engagiert.

Sie kamen im Sommer 2015 im geregelten Familiennachzug mit dem Flugzeug nach Wien. Ranas Mann Diyaa hatte bereits einen positiven Asylbescheid und somit konnte die Familie direkt aus Damaskus nachgeholt werden. Er ist diplomierter Anästhesiepfleger. Rana hat nach dem Abitur in drei Jahren am Health Technichal Institute in Tartous, Syrien, ihr Hebammenstudium absolviert. Anschließend arbeitete sie an zwei Privatkrankenhäusern und dann von 2003 bis 2015 für die UNO in Damaskus. Rana ging dort in einer Siedlung mit palästinensischen Flüchtlingen ihrer Hebammenarbeit nach, in der Familienplanung, der Schwangerenvorsorge und nach der Geburt.

Sie erzählt, dass sich die Situation der Gesundheitsversorgung in Syrien während des Krieges drastisch verschlechtert habe. Es habe aber immer kleine und große Privatspitäler gegeben, die man sich so vorstellen könne wie Ein-Stern- bis Fünf-Sterne-Hotels. Je mehr Sterne, desto höher die Kaiserschnittrate. Meist gingen die Frauen ein paar Stunden oder spätestens einen Tag nach der Geburt nach Hause. Sie wurden angehalten, das Gesundheitszentrum, das an die großen öffentlichen Krankenhäuser angeschlossen war, nach der Geburt noch einmal aufzusuchen. Wenn sie nicht kamen, ging eine Hebamme des Gesundheitszentrums zu ihnen nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen. Wenn Frauen die vom Gesundheitssystem vorgesehenen Untersuchungen nicht wahrnahmen, wurden ihnen finanzielle Unterstützungen gestrichen. Auf dem Land gab es vor allem Hausgeburten.

 

Familiäre und bürokratische Hürden

 

Als die freiwillige Arbeit in der 7Sternpraxis für uns alle nach neun Monaten beendet ist, bleibt unsere Freundschaft erhalten.Rana macht anschließend den Deutschkurs B1 und nimmt an dem Projekt CORE der Stadt Wien teil (siehe Kasten). Damit fördert die EU Maßnahmen, um geflüchtete Menschen für den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Dabei lernt Rana innerhalb eines Jahres mit anderen Frauen aus den unterschiedlichen Gesundheitsberufen die Besonderheiten des österreichischen Gesundheitssystems kennen. Zum Abschluss gibt es im Rahmen eines Festaktes im Rathaus ein Zertifikat und es könnte gut weitergehen.

Wir versuchen gemeinsam, bei der Schwangerenberatung einer katholischen Stiftung eine Möglichkeit für Rana zu finden, ihre Hebammenkompetenz bei den vielen arabischsprechenden Frauen einzubringen, die dort betreut werden. Das erweist sich, nachdem der Mann inzwischen eine Arbeit gefunden hat, nach einer gewissen Zeit aus organisatorischen Gründen als schwierig und viel zu aufwendig.

Inzwischen arbeitet in dieser Einrichtung eine noch nicht nostrifizierte Gynäkologin, die Rana beim CORE Projekt kennen gelernt hatte. Aus meiner Sicht wäre eine Hebamme wie Rana in diesem niederschwelligen Bereich ideal gewesen. Aus familiären Gründen war diese bezahlte Arbeit für Rana damals noch nicht möglich, was sie enorm bedauert hat.

Leider klappt auch das dreimonatige, vom Arbeitsmarktservice (AMS) bezahlte Praktikum aus familiären Gründen und aufgrund von bürokratischen Hürden nicht. Daher arbeitet Rana inzwischen 20 Stunden in einer Behinderteneinrichtung von »Jugend am Werk«, einem gemeinnützigen Verein. Inzwischen freut sie sich auf die einjährige Ausbildung zur Behindertenbetreuerin bei der Caritas im nächsten Jahr.

Den Traum, wieder als Hebamme zu arbeiten, hat Rana noch nicht ganz aufgegeben. Allerdings benötigt sie für die Nostrifizierung ein Sprachniveau von B2 oder C1 und mehr Zeit, als sie derzeit mit den schulpflichtigen vier Kindern trotz tatkräftiger Unterstützung ihres Mannes aufbringen kann. Er arbeitet in derselben Behinderteneinrichtung.

Den vom Arbeitsmarktservice bezahlten Praktikumsplatz in einer geburtshilflichen Abteilung mit einem hohen Anteil an Migrantinnen wird hoffentlich bald eine weitere Hebamme aus Syrien ausfüllen. Durch die gute Vernetzung in dem Arbeitskreis »Frauen und Flucht« bekomme ich immer wieder Anfragen von Hebammen mit Fluchterfahrung, die gerne in Wien arbeiten möchten.

Das dreimonatige Praktikum gibt eine gute Möglichkeit, den Hebammen vor Ort über die Schulter zu schauen und in der Muttersprache auf die Frauen aus dem arabischen Kulturraum zuzugehen. Zudem kann es bei einem angestrebten Anerkennungsprozess als Hebamme hilfreich sein, wenn die Bewerberinnen dieses Praktikum vorweisen können.

 

Vorgestellt

 

Der auf Teilhabe basierende Ansatz der Initiative CORE stellt sicher, dass geflüchtete Menschen selbst Integrationsangebote gestalten und aktiv mitwirken können. Das Projekt wurde aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen der Urban Innovative Actions Initiative kofinanziert. Es initiiert Maßnahmen, um geflüchtete Menschen für den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Förderungen liefen bis Oktober 2019: > www.refugees.wien/core/

 

Was hilfreich wäre …

 

Ich denke, dass ein Anpassungslehrgang für zugewanderte Hebammen in einer Klassengemeinschaft – was mir besonders wichtig erscheint – sehr hilfreich ist. Es könnte gemeinsam auf dem vorhandenen Wissen aufgebaut werden. So könnten viele fähige Kolleginnen mit all ihrem Wissen und Erfahrungsschatz abgeholt werden. Ein solcher Lehrgang zeichnet sich durch eine persönliche Begleitung der Mitarbeiterinnen aus (siehe Link).

Das Potenzial der größtenteils gut ausgebildeten Hebammen mit dem speziellen Hintergrund aus ihrem Herkunftsland wird noch nicht optimal genutzt. Es braucht zugegebenermaßen viel Geduld und Engagement von allen Seiten, damit die Kolleginnen dort eingesetzt werden, wo sie ihre Stärken haben. Bei Yusra wäre dies eine Wochenbettstation, wo sie als nostrifizierte Gesundheits- und Krankenpflegerin ihrem Beruf als Hebamme am nächsten sein könnte.

Rana könnte vielleicht als Kultur- und Sprachvermittlerin in einer geburtshilflichen Ambulanz oder in einem Frauengesundheitszentrum mit hohem Migrantinnenanteil aus dem arabischen Raum arbeiten, sobald ihre Kinder größer sind und sie in Wien wohnen kann. Das ist Ranas größter Wunsch.

Es wäre eine Win-win-Situation, sowohl für das Gesundheitssystem wie auch für die zugewanderten Hebammen, die sich so gerne in dem neuen Land einbringen möchten. Sie arbeiten sonst als Friseurinnen, Behindertenbetreuerinnen, in der Altenpflege oder sonst irgendwo und verschwinden dann aus dem Hebammenberuf. Ein besonderer Gewinn wären diese Hebammen vor allem für die vielen Frauen, die ihre Heimat verlassen mussten und hier in einem neuen, oft noch fremden Land ihre Kinder bekommen. Dafür können wir Hebammen aus allen Kulturkreisen gut gebrauchen. Um selbstständig und ohne Stress arbeiten zu können in diesem auch für uns schnelllebigen Gesundheitssystem, sind gute Sprachkenntnisse und gut begleitete Praxismöglichkeiten eine notwendige Voraussetzung. Für das alles braucht es viel Geduld und Liebe zu unserem Beruf.

Ich rechne schon jetzt ganz stark mit den Töchtern und Söhnen aus der nächsten Generation der zugewanderten Familien, die sich dann für die Hebammenausbildung interessieren. >

 

Erster Berliner Anpassungslehrgang für zugewanderte Hebammen

 

In Berlin hat am 1. Oktober der erste Anpassungslehrgang für Hebammen aus Drittstaaten an einer Hochschule begonnen. Bislang fand seit 1991 ein Anpassungslehrgang an der Hebammenschule Rotenburg/Wümme statt, der nun mit dem 25. Kurs zum letzten Mal an einer Hebammenschule stattfindet. Diese Änderung basiert auf den EU-Vorgaben und ist Bestandteil des Hebammenreformgesetzes, das unter anderem regelt, wie mit der Anerkennung von Hebammen aus »Drittstaaten« umgegangen wird.

Das Berliner Hochschulprojekt ist Bestandteil des 10-Punkte-Aktionsplans für eine gute und sichere Geburt in Berlin und wird an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) in Kooperation mit den Berliner Hebammenschulen und verschiedenen geburtshilflichen Einrichtungen in Berlin und Brandenburg durchgeführt. Für 19 Hebammen aus über zehn Nationen soll der Lehrgang innerhalb von zwölf Monaten zur beruflichen Anerkennung in Deutschland führen. In 750 Stunden theoretischen und 960 Stunden praktischer Lehrgangsphasen sollen die Teilnehmenden für eine sichere und eigenständige Berufsausübung als Hebamme sowohl im stationären als auch im ambulanten Versorgungsbereich qualifiziert werden. Dabei erhalten sie Unterstützung durch Dozierende, erfahrene Hebammen und Pflegende.

Die Entwicklung des Lehrgangskonzepts wurde durch Mittel der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Berlin ermöglicht. Die Umsetzung von zunächst drei Lehrgängen wird im Rahmen des Förderprogramm »Integration durch Qualifizierung (IQ) Berlin« durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

Durch die Umsetzung des Anpassungslehrgangs leisten die kooperierenden Einrichtungen gemeinsam mit der EHB einen wichtigen Beitrag zur Integration von überwiegend weiblichen Gesundheitsfachkräften in den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig soll mit der Qualifizierung der aktuelle Hebammenmangel in Berlin und Brandenburg gemindert werden, um die regionale geburtshilfliche Versorgung von werdenden Müttern und ihren Familien weiter zu verbessern.

Quelle: Evangelische Hochschule Berlin (EHB), Kontakt: Julia Hennicke: anpassungslehrgang-hebammen@eh-berlin.de • DHZ

Rubrik: Ausgabe 12/2019

Vom: 26.11.2019