2. Lübecker interprofessioneller Perinatalkongress

Kein autoritäres Gefälle

Der Lübecker interprofessionelle Perinatalkongress (LiP) ging Ende September online über die Bühne. Seinem Motto »Gemeinsam sind wir besser« wurde er trotzdem gerecht – mit lebhaften Diskussionen, interaktiver Beteiligung und ermutigenden Praxisbeispielen. Isabelle-Marie Wunsch
  • Der Lübecker interprofessionelle Perinatalkongress findet in diesem Jahr im Hamburger Studio statt, vor der virtuellen Kulisse von Lübeck: Die wissenschaftliche Leitung mit Achim Rody, Egbert Herting und Katja Stahl (v.l.n.r.) begrüßt die Teilnehmer:innen.

Die Farben eines Spätsommertags begrüßen die Teilnehmenden: helles Blau, leuchtendes Orange, weiße Akzente. Ich mache es mir gemütlich und öffne ein Fenster. Menschen lachen, leise Musik spielt. Nach einem freundlichen Begrüßungsclip beginnt die sympathische Moderation von Prof. Dr. Martina König-Bachmann, Hebamme und Leiterin des Studiengangs Hebamme sowie des Masterprogramms Master of Science in Advanced Practice Midwifery an der fh gesundheit Tirol. Es ist eine gute Entscheidung, diesen Nachmittag vor dem Computer zu beginnen.

Nach zwei Jahren geht der Lübecker interprofessionelle Perinatalkongress (LiP) in die zweite Runde und stellt sich dabei ganz besonderen Herausforderungen: Von Beginn an als Online-Kongress geplant, sollte er wieder unter dem Motto von 2019 stattfinden – »Gemeinsam sind wir besser«. Während Abstand in diesen Zeiten zum Alltag gehört, gilt es, nicht bloß eine Reihe von Frontalvorträgen abzuspielen, sondern einen Austausch zu schaffen. Diskussionen zwischen den Referent:innen und dem Publikum müssen ermöglicht werden, die Sichtbarkeit der Teilnehmer:innen gewährleistet sein.

Sicherlich ist ein Online-Kongress nicht dasselbe wie eine Live-Veranstaltung mit unterschiedlichsten Aussteller:innen an echten Ständen, einem gemeinsamen Büfett und der Chance, den einen oder anderen Kolleg:innen über den Weg zu laufen. Doch trotz alledem steht die zweite Ausgabe des LiP unter diesen Gesichtspunkten der ersten in nichts nach: Die Initiator:innen sind Prof. Dr. Egbert Herting, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, Prof. Dr. Achim Rody, Direktor der dortigen Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, der Hebamme Dr. Katja Stahl, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Lübeck, und Britta Zickfeldt, Geschäftsführerin des Elwin Staude Verlags und Verlegerin der Deutschen Hebammen Zeitschrift. Sie haben mit ihrem Team viele digitale Alternativen entwickelt – so lässt sich die Veranstaltung auch von zu Hause aus genießen.

 

Lebhafte Diskussionen und virtueller Applaus

 

Noch bevor der erste Vortrag beginnt, begrüßt die Website des LiP ihr Publikum mit einem umfassenden digitalen Rahmenprogramm. Eine Posterausstellung mit Beiträgen aus unterschiedlichen Berufsgruppen veranschaulicht Themen rund um die Geburtshilfe – ebenso kompakt wie informativ. Währenddessen läuft parallel ein weiterer Stream in der Lobby, wo Britta Zickfeldt die Teilnehmer:innen begrüßt und mit ihrer lebhaften Art durch das Tagesprogramm führt.

Mindestens genauso lebhaft gestalten sich die Diskussionen zu den Vorträgen, die jeweils zeitgleich im Chat stattfinden. Zu Beginn des Kongresses ist der Chat leider vor allem ein Liveticker technischer Fehlermeldungen. Doch nachdem das Technikteam des LiP auch wirklich jede Störung zeitnah zu beheben vermochte, konnte sich der Diskurs schon im ersten Themenblock »Update Leitlinien« auf die fachliche Ebene verlagern.

Von Seiten des Publikums gibt es stets rege Resonanz zu den Vorträgen: Gleich zu Beginn des ersten Themenblocks berichtet Prof. Dr. Rainhild Schäfers aus Bochum von der neuen S3-Leitlinie »Vaginale Geburt am Termin« und stößt dabei nicht nur in Wortbeiträgen auf Begeisterung, sondern erntet auch viel virtuellen Applaus, der von den Teilnehmer:innen per Knopfdruck ausgelöst wird und als Emoji kurz über den Bildschirm läuft. Nach langer Wartezeit gibt es jetzt endlich eine Leitlinie, die physiologische Geburtshilfe evidenzbasiert zum Standard erklärt – ein Auftakt zum Kongressprogramm, der das Publikum mit Recht euphorisch stimmt.

 

Der interprofessionelle Präparier-Kurs

 

Gegen Abend stößt auch der zweite Themenblock »Interprofessionelle Projekte« auf Begeisterung: Prof. Dr. Jürgen Westermann, Professor für Anatomie an der Universität zu Lübeck, präsentiert in seinem Vortrag »Gemeinsam lernen! Interprofessioneller Präparier-Kurs« sein Seminar als ein Musterbeispiel für Interprofessionalität. Hier präparieren werdende Hebammen gemeinsam mit Medizinstudent:innen Thorax, Bauch- und Beckenraum. Auf dem Papier ein großartiges Konzept, das auch von den Zuschauer:innen positiv aufgenommen wird: »Ich wünschte, wir hätten so was damals in der Ausbildung gelernt«, heißt es etwa im Chat.

Als Studierende an der Universität zu Lübeck (UzL) habe ich selbst an diesem Präparier-Kurs teilgenommen und Prof. Westermann als einen Dozenten erlebt, der seine Student:innen im Präpsaal mit hohem Anspruch unterrichtet. Fleiß und unermüdlicher Einsatz sind hier Grundvoraussetzungen.

So wird bereits in den ersten zwei Semestern eine gemeinsame Basis geschaffen, die eine Schnittmenge an Fachwissen gewährleistet und interprofessionelle Verständigung auf Augenhöhe anregt. Autoritäre Gefälle zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen, wie sie uns im Arbeitsalltag begegnen und in einigen Kliniken vorherrschen, gibt es hier nicht – eine tolle Idee, die dafür sorgt, dass wir uns nach unserer Ausbildung auf ein Wiedersehen freuen.

Im Online-Format war es besonders schön, Westermann so euphorisch zu sehen und seine Begeisterung für die Lehre bei seinem Vortrag regelrecht mitzufühlen.

 

Von Doulas lernen

 

Der zweite Morgen startet mit dem Themenblock »Schwangerschaft«, gefolgt von einer Vortragsreihe zum Thema »Geburt«. Den Auftakt dazu macht Jennifer Walker mit ihrem Vortrag »Spinning Babies®«, einer der gelungensten Präsentationen des diesjährigen LiP.

Vor allem zu Beginn stößt dieser bei den Zuschauer:innen auf Kritik: Sie echauffieren sich nicht nur darüber, dass der Vortrag auf Englisch gehalten wird (wie im Programmheft angekündigt). Vor allem empfinden es viele als irrelevant, sich klassisches Hebammenhandwerk von einer Doula erklären zu lassen – denn darum geht es bei Spinning Babies®. Gebärende und Babys werden durch sanfte Übungen und anatomisch vorteilhafte Gebärpositionen dabei unterstützt, die kindliche Rotation durch das Becken zu erleichtern. Ist das nicht genau das, was wir in unserer Hebammenausbildung lernen? Ja, ohne Zweifel.

Und trotzdem gebären 75 % aller Mütter in Deutschland in Rückenlage, obwohl jede:r Geburtshelfer:in weiß, wie hinderlich diese Position ist. Im Kreißsaal vermisse ich Hebammen, die sich selbstbewusst für physiologische Geburtshilfe einsetzen und jede Person ermutigen, aufrecht zu gebären.

Mir macht es Mut für unsere geburtshilfliche Praxis, dass sich weitere Berufsgruppen etablieren wie in diesem Fall Doulas, die sich physiologischer Geburtshilfe verschrieben haben und an die Kraft im Menschen glauben, ein Kind auf die Welt zu bringen. Die neben viel Zeit auch noch Tricks im Ärmel haben, die in Faszien, Gewebe und Geist Entspannung einkehren lassen.

Der Vortrag über Spinning Babies® regt genau den Diskurs an, der unbedingt geführt werden sollte: Wenn es in vielen Fällen so einfach ist, warum machen wir es dann nicht häufiger?

Da ist es am Ende des Vortrags doch erleichternd zu sehen, wie viele Applaus-Emojis trotz der anfänglichen Kritik über den Bildschirm fliegen und wie wertschätzend die Kommentare ausfallen.

 

Was ist »gute Geburtshilfe«?

 

Nahezu gegensätzlich ist die Stimmung, als direkt im Anschluss die Oberärztin Dr. Nina Kimmich von der Arbeitsweise im Universitätsspital Zürich berichtet: »Qualitätssicherung in der Geburtshilfe: Videoaufnahmen, Debriefing und Dokumentation« heißt ihr Vortrag. Sicherlich ist das, worum es eigentlich gehen sollte – Qualitätssicherung – wirklich beeindruckend, sehr reflektiert und nahezu optimal aufgezogen. Was vielen utopisch vorkommt, scheint in Zürich gut zu funktionieren: Mit Einverständnis der Gebärenden werden Videos aufgezeichnet, die zu Reflexions- und Lehrzwecken im Kollegium besprochen werden. Einheitliche Dokumentationsbögen werden nach jeder Geburt ausgefüllt und jede Familie wird zu einer Nachbesprechung eingeladen.

Ein Konzept, das sich zu Recht etabliert habe und von dem wir uns hierzulande einiges abgucken könnten, ist der Konsens im Chat. Dann kommen beispielhafte Videoausschnitte verschiedener Geburten und starke Kritik wird laut: Nahaufnahmen von Gebärenden in Rückenlage, ausschließlich glattrasiert, ausschließlich Hands-on als bevorzugte Variante des Dammschutzes im Universitätsspital.

Wir sehen eine Epi. Kurz danach erklärt Dr. Kimmich, dass die Quote der Episiotomien im Spital nach Einführung des Systems zur Qualitätssicherung gestiegen sei. Es falle einigen Kolleg:innen bei laufender Kamera schwerer, abzuwarten.

Die Bilder sprechen für sich. Arztgeleitete Geburten sind – im Vergleich zur vorangegangenen Präsentation – eine ganz andere Form der Geburtshilfe.

Obwohl es inhaltlich gar nicht um das Gebären geht oder um »entbunden werden«, spiegelt der Einblick in den Zürcher Klinikalltag auch Deutsche Geburtshilfe realitätsnah wider.

Ein großer Fokus liegt auf der medizinischen Versorgung und den Statistiken des Krankenhauses, und nicht auf der Selbstbestimmtheit der Personen, um die es geht – nämlich den werdenden Eltern und ihren Kindern.

Vergleicht man die Vorträge von Jennifer Walker und Nina Kimmich, wird deutlich, dass Geburtshilfe ein Spektrum ist. Als noch verhältnismäßig »neue« Wissenschaft verlässt man sich sowohl am eher frauenzentrierten als auch am fortschrittsorientierten medizinischen Ende sehr auf die eigene Erfahrung. Darauf, wie man Frauen seit Jahren gut zu Hause unterstützt hat, oder was sich im eigenen Kreißsaal als förderlich für das Outcome erwies.

Aber welche Variante ist besser? Welche Kolleg:innen haben recht, wenn sie sagen: »Wir machen gute Geburtshilfe«?

Die deutsche Judikative muss es wissen, denn sie beschäftigt sich tagtäglich mit Klagen und Urteilen rund um Vorkommnisse in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Dass sich dadurch ein Standard und eine Philosophie in unserer Gesellschaft festigen, ist kein Wunder. Schließlich möchten wir zwar unseren Job richtig und gut machen, aber auch möglichst wenig Angriffsfläche für einen Rechtsstreit bieten.

 

Behandlungsfehler beurteilen

 

Zu diesem Thema präsentieren die Hebamme und Gutachterin Patricia Gruber und der Rechtsanwalt Dr. Sebastian Almer ihren Vortrag »Wie hätten Sie entschieden?« – Forensik in der Geburtshilfe«. Sie stellen ein Fallbeispiel vor: eine Geburt von 1998, die Anklage der Geburtshelfer:innen wegen Behandlungsfehler und das Gerichtsurteil. Anhand dessen verdeutlichen sie, wie schwierig es sein kann, sich als Ärzt:in oder Hebamme im Berufsalltag korrekt zu verhalten.

Der Behandlungsfehler, der zu erheblichen zerebralen Schäden des Neugeborenen geführt hatte, war laut Gericht, dass die Frau im entscheidenden Moment nicht eingängig genug über die möglichen Risiken ihres eigenen Verhaltens aufgeklärt worden sei. Diese saß nämlich in der Gebärwanne, als das CTG pathologisch wurde, und ließ sich nicht dazu bewegen, diese zu verlassen.

Das Urteil wirft Fragen auf – wurde doch wortwörtlich dokumentiert, dass man versucht habe, die Frau »mit Engelszungen zu überreden«. Im Chat fallen ironische Kommentare. Man fragt sich, ob es besser gewesen wäre, die Frau anzuschreien oder sie eigenhändig aus der Wanne zu zerren?

Schritt für Schritt wird das Publikum durch die Dokumentation der besagten Geburt geführt und an einigen Stellen mit Abstimmungen interaktiv miteinbezogen. Beispielsweise: »Ist dieses CTG physiologisch, pathologisch oder nicht beurteilbar?« Oder: »Hätte das Kind in eine Kinderklinik verlegt werden müssen – ja oder nein?« Bezeichnend ist, dass die meisten sich in unterschiedlichen Fragen genauso entschieden hätten wie die beteiligten Geburtshelfer:innen 1998.

 

Inklusive Geburtshilfe

 

Den Auftakt zum fünften und letzten Themenblock »Diversität« macht die Theologin Ellen Radtke mit ihrer Präsentation »Anders Eltern. Reflexion einer Mutter«. Sie erzählt von ihrer Schwangerschaft, wie sie überhaupt schwanger wurde und warum sie sich für eine Hausgeburt entschieden hat. Und obwohl das so banal klingt, war ihr Vortrag für mich mit Abstand der beste in den zwei Kongresstagen.

Das lag zum einen an ihrer Souveränität und ihrem charismatischen Auftreten, mit dem sie rhetorisch gewandt über ihre Erlebnisse als schwangere Frau in einer homosexuellen Ehe berichtet. Zum anderen aber auch an diesen Erlebnissen selbst, die deutlich machen, wie hetero-normativ deutsche Geburtshilfe gedacht ist.

Dass Hebammen und Geburtshelfer:innen Menschen, die nicht heterosexuell (oder nicht cis) besser einbinden müssen, verdeutlichen diese Erfahrungen: »Sie sind dann also der Quasi-Papa?«, wird Ellen Radtkes Frau bei einer Voruntersuchung gefragt – aber so ist es eben nicht.

Sie wird Mutter. Und das zu erklären, diese Verantwortung sollte nicht bei denen liegen, die »nur« Kinder bekommen möchten. Vielmehr liegt die Verantwortung beim Fachpersonal.

»Ich bin doch nur ein Mensch, der einen Menschen bekommt«, sagt sie – und die Gewissheit, auch genauso behandelt zu werden, sollte jede Person haben können, die sich in andere Hände begibt. Egal, ob es dabei ums Schwangerwerden, einen Geburtsvorbereitungskurs oder die Geburt geht.

Inklusive Geburtshilfe fängt damit an, unsere Sprache von Geschlechterrollen zu lösen. Wie einfach das ist, demonstriert Radtke mit ihren Vorschlägen, hauptsächlich lateinische Fachwörter zu gebrauchen: Uterus statt Gebärmutter, Zervix statt Gebärmutterhals, Portio statt Muttermund sind nur einige wenige Beispiele.

Was für einen Unterschied inklusive Sprache machen kann, zeigt die Erfahrung, die das Ehepaar Radtke im Geburtsvorbereitungskurs gemacht hat: Obwohl sie das einzige gleichgeschlechtliche Paar im Kurs waren, hat die leitende Hebamme darauf geachtet, nicht nur von »eurem Mann«, sondern stets von »eurem Mann oder eurer Frau« zu sprechen.

Das mag vielen zuerst unwichtig erscheinen, aber diese einfache Redewendung hat dazu beigetragen, dass zwei Menschen sich willkommen gefühlt haben und sich darauf konzentrieren konnten, wofür sie den Kurs besucht hatten: sich darauf vorzubereiten, einen Menschen zu bekommen.

Das ist der Beitrag, den eine erweiterte Perspektive in unserem Handwerk leisten kann. Um das zu gewährleisten, braucht es Veranstaltungen wie den LiP, auf dem wir Perspektiven aus anderen Fachrichtungen – und die der Menschen, die wir betreuen – entdecken, diskutieren und von ihnen lernen. Der enthusiastische Zuspruch im Chat, die unzähligen Applaus-Emojis und die gute Stimmung auch vor der Kamera deuten am Ende darauf hin, dass die letzten zwei Tage diesbezüglich ein voller Erfolg gewesen sind.

Ich schließe mein Fenster und bin gespannt, wo unsere Geburtshilfe wohl in zwei Jahren stehen wird – und freue mich auf den nächsten Kongress.

Der Artikel wurde von der Redaktion nach Erscheinen in Ausgabe 11/2021 geringfügig verändert.

Rubrik: Ausgabe 11/2021

Vom: 10.11.2021