Mit Resilienz gegen Stress

Hebammen sind durch ihren Beruf besonders gefährdet, an einem Burn-out oder anderen psychischen Leiden zu erkranken. Das Stresslevel ist hoch, das persönliche Wohlbefinden kommt oft zu kurz. Der Schlüssel zur mentalen Gesundheit ist die Resilienz. Wir erwerben sie zwar bereits im Kindesalter, doch auch als Erwachsene können wir sie noch lernen und fördern. Dorte Ingensiep-Noack | Constanze von Poser
  • Wir können selbst Einfluss darauf nehmen, wie stark unsere eigene Resilienz ist, denn sie lässt sich trainieren.

Resilienz wird in der Fachliteratur unterschiedlich definiert. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Physik und geht auf das lateinische Wort »resilire« zurück, was »zurückspringen«, »abprallen« bedeutet. Resiliente Materialien sind solche, die nach Verformung wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren, beispielsweise ein Gummiband. Auf den Menschen bezogen, meint Resilienz die Fähigkeit, nach Krisen wieder in einen ausgeglichenen Zustand zurückzukehren und möglichst sogar aus dem Erlebten zu lernen, also gestärkt aus der Belastung zu gehen. Resilienz zahlt also grundlegend auf die mentale UND physische Gesundheit ein.

 

Mentale Gesundheit in medizinischen Berufen

Eine zunehmende Arbeitsverdichtung sowie die Schichtarbeit bedeuten für medizinisches Personal eine hohe Belastung. Dies kann sich nicht nur auf die Arbeitszufriedenheit, sondern auch auf die Gesundheit der MitarbeiterInnen auswirken. In einer Studie von Jerg-Bretzke et al. (2019) wurden im Universitätsklinikum Ulm die potentiellen Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen hinsichtlich der psychischen Beeinträchtigung am Arbeitsplatz untersucht. In der Gruppe der Pflege/Hebammen zeigte sich eine besonders starke Belastung: Die Erfassungsinstrumente zu Depression, Angstsymptomatik und Burnout ermittelten signifikant höhere Werte als in den anderen beiden Gruppen (Ärzt:innen und Verwaltung). Die Ursachen mögen vielfältig sein, gleichzeitig sind sie äußerst bedeutsam hinsichtlich des Pflege- und Hebammenmangels, insbesondere unter dem Einfluss der Coronapandemie.

Infolgedessen ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Hebammen nach hilfreichen Strategien suchen, um mit den Anforderungen klar zu kommen. Resilienztraining ist hierfür eine effektive Möglichkeit.

 

Ergebnisse der Resilienzforschung

1955 rief die Entwicklungspsychologin Emmy Werner eine Studie ins Leben, die heute als bahnbrechend für die Resilienzforschung gilt. Ziel der Studie war es, herauszufinden, inwiefern unterschiedliche Lebensumstände in der frühen Kindheit das weitere Leben beeinflussen. Wie erwartet, hatten schlechte Startbedingungen wie Armut, Alkoholismus der Eltern, Krankheit oder Missbrauch negative Auswirkungen: höhere Kriminalitätsraten und mehr berufliche und gesundheitliche Probleme (sowohl psychischer als auch physischer Art). Neben den erwarteten Ergebnissen stellte Werner im Laufe der Studie aber auch fest, dass sich tatsächlich etwa ein Drittel der Kinder aus schwierigen Verhältnissen im Lebensverlauf nicht von den Kindern mit positiveren Startbedingungen unterschieden. Offenbar blieben diese Kinder von ihrem Schicksal unberührt. Werner nannte sie »resilient«.

Bei der Suche nach den Faktoren, die zu einer gewissen Widerstandsfähigkeit der Kinder führte, identifizierte die Wissenschaftlerin vor allem drei Bereiche:

  • Ein Temperament, das bei Erwachsenen positive Reaktionen auslöst
  • Stabile Bezugspersonen (mindestens eine)
  • Unterstützende Beziehungen in der Umwelt (Nachbarn, Gleichaltrige etc.)

Bestimmt haben auch Sie Menschen vor Augen, die offenbar nie den Mut und die Hoffnung verlieren, deren Glas immer halb voll und nicht halb leer ist, die den Blick nicht auf Defizite, sondern auf das Gute richten, die Veränderungen willkommen heißen und als Teil des Lebens begreifen.

Der Physiker Stephen Hawking ist ein Paradebeispiel für einen resilienten Menschen. Dem jungen Physik-Doktorand wurde im Alter von 21 Jahren mitgeteilt, dass er an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) leide und damit nicht alt werden würde. Hawking hat trotz der stetig fortschreitenden Lähmung seinen Lebensmut und seinen Humor nie verloren. Er wurde der bekannteste Physiker seiner Zeit, Bestsellerautor und mehrfacher Vater sowie Großvater. Allen Prognosen zum Trotz erreichte er ein Alter von 76 Jahren.

 

Selbstfürsorge als Basis der Resilienz

Ein resilienter Umgang mit Krisen meint nicht, dass unangenehme Emotionen gar nicht erst aufkommen. Es bedeutet vielmehr, sich selbst in Gänze wahrzunehmen, um treffsicher zu erkennen, was man braucht und dann für die jeweiligen Bedürfnisse sorgen zu können. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die Introspektion – der Blick nach innen – braucht Zeit, Raum und Übung. Und die Selbstfürsorge — sowohl präventiv als auch als Antwort auf unangenehme Emotionen – ist in der Leistungsgesellschaft ein wenig verpönt und klingt in manchen Ohren gar nach Egoismus.

Doch ist es im Grunde selbstverständlich: Kommt es im Flugzeug zum Druckabfall, so werden zunächst die erwachsenen Passagiere gebeten, die Sauerstoffmasken anzuziehen, damit sie dann dazu in der Lage sind, sich um Kinder und hilfsbedürftige Menschen zu kümmern. Ähnlich sieht es im großen Ganzen aus: Wir können nur für andere sorgen, wenn wir selbst versorgt sind! Das gilt im Beruf genauso wie im Privaten.

Zur Introspektion gehört auch, sich individuelle Energieräuber und potenzielle Kraftquellen vor Augen zu führen. Infolgedessen kann bewusst Stressiges (wo möglich) reduziert und Stärkendes fokussiert werden. Zu den hebammentypischen Stressoren Im beruflichen Alltag gehören:

  • Zeit- und Personalmangel
  • das damit verbundene erhöhte Fehlerrisiko
  • Kritik an der klinischen Geburtshilfe.

Darüber hinaus gibt es individuelle Faktoren, die das berufliche Leben schwer machen. Dies können beispielsweise Konflikte mit Kolleg:innen oder Ärzt:innen sein, unangenehme Aufgaben, Ängste, Schlafmangel, fehlende Wertschätzung, Schwierigkeiten in den Arbeitsabläufen und vieles mehr. Auf der anderen Seite profitieren Hebammen von besonderen Kraftquellen. Kaum ein Erlebnis ist so erfüllend, wie die unproblematische spontane Geburt eines Babys. Auch die Dankbarkeit der Eltern und eine teilweise langjährige Verbindung zu den Familien schenken Hebammen oft eine tiefe Befriedigung.

Die Säulen der Resilienz

Menschen, die resilient sind, haben ausgeprägte Schutzfaktoren, die sie mit äußeren Umständen, wie Schicksalsschlägen, besser umgehen lassen und sie in ihrer Problembewältigung unterstützen. Hierbei spielen sowohl persönliche Eigenschaften als auch Haltungen eine Rolle. Wir können selbst Einfluss darauf nehmen, wie stark unsere eigene Resilienz ist, denn sie lässt sich – glücklicherweise – trainieren.

Dabei können wir bestimmte Haltungen in uns gegenüber Herausforderungen erlernen, die uns in unserer Widerstandsfähigkeit stärken. Wir sprechen hier auch von den sieben Säulen der Resilienz. Diese entsprechen in etwa den sieben Resilienzfaktoren der amerikanischen Psychologen Karen Reivich und Andrew Shatté, welche sie in ihrem Buch »The Resilience Factor« beschrieben haben (siehe Kasten) (Reivich & Shatte, 2003).

 

Sieben Säulen der Resilienz

 

  1. Optimismus: Positive Grundeinstellung für einen bestmöglichen Ausgang der eigenen Situation. Optimismus ist nicht nur in Bezug auf die eigene Wirksamkeit relevant, sondern auch bezüglich der Dinge, auf die wir selbst keinen Einfluss haben. Es besteht nach Studien keinen Unterschied zwischen einem angeborenen Optimismus und einem erlernten. Auch macht es nichts, sich erst später im Leben dem Optimismus als Haltung zuzuwenden, er ist in jedem Alter erlernbar und bewirkt wahre Wunder.
  2. Akzeptanz: Die uneingeschränkte Annahme des Ist-Zustandes, von dem aus wir Lösungen finden können. Die Realität zu akzeptieren bedeutet, eigene Kräfte hinsichtlich der Dinge, die im Moment nicht änderbar sind, zu schonen. Wir reiben uns nicht auf, sondern konzentrieren uns auf das, was wir selbst in der Hand haben – zukunfts- und lösungsorientiert. Das Annehmen der eigenen Grenzen verschafft uns Ruhe.
  3. Lösungsorientierung: Der Fokus auf die Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, um die Herausforderungen zu meistern. Dabei ist es wichtig, sich nicht mit der Analyse des Problems aufzuhalten, denn dies kostet viel Energie. Wir dürfen erkennen, dass es nicht die EINE wahre Lösung gibt. Je mehr wir uns auf den Wunschzustand konzentrieren, desto mehr Lösungsstrategien entwickeln sich. Die Lösung muss gar nicht das Handeln fundamental verändern, sondern wir dürfen durchaus auch wahrnehmen, was bereits gut funktioniert und so den Bereich immer weiter einkreisen, für den wirklich eine Lösung gebraucht wird.
  4. Opferrolle verlassen: Die Selbstwirksamkeit wahrnehmen mit den eigenen Anteilen an einer bestimmten Situation. Gerne geben wir anderen die Schuld an unserer eigenen Situation. Anderen geht es besser, sie sind erfolgreicher oder denken nur an den eigenen Vorteil. In der Opferrolle verharren wir gerne in der Sicht nach außen, statt uns auf uns zu konzentrieren und was wir verändern können. Dies ist jedoch wichtig, um eigenverantwortlich die Situation zu verändern.
  5. Verantwortung übernehmen: Kontrolle erlangen über das eigene Handeln mit Reflexion und dem Einsetzen der persönlichen Stärken. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet eigenverantwortlich zu handeln, für sich selbst, seine Taten und Entscheidungen. Dies heißt vor allem auch, klare Entscheidungen zu treffen und – wenn es uns selbst nicht guttut – auch einmal Nein zu sagen.
  6. Netzwerkorientierung: Das soziale Umfeld zur Unterstützung bei persönlichen Herausforderungen heranziehen. Ein soziales Netzwerk bildet sich nicht von alleine. Wir benötigen einen positive Haltung hinsichtlich des Aufbaus sozialer Beziehungen. Dabei ist es fundamental, anderen gegenüber offen zu sein, aber auch sich selbst gegenüber positiv zu denken. Nur so können wir uns auch positiv präsentieren. Wenn wir echte Beziehungen aufgebaut haben, so erhalten wir Hilfestellung – hierbei gibt es unterschiedliche Netzwerke, zum Beispiel beruflicher Natur oder hinsichtlich der Kinderbetreuung oder Freizeit.
  7. Zielorientierung und Zukunftsplanung: Sich eigene Ziele setzen für eine bewusste und aktive Lebensgestaltung, die einen selbst fordert und fördert. Menschen, die sich Ziele setzen, können sich sehr viel einfacher motivieren und durchhalten, bis sie dahin gelangen, wo sie hinwollen. Diese langfristigere Planung hilft dabei, auch in schwierigen Situationen den Mut nicht zu verlieren und handlungsfähig zu bleiben – eben für das in der Zukunft gesetzte Ziel. Resignation und dem Gefühl von Hilflosigkeit wird so entgegengewirkt.

 

Quelle: Reivich & Shatte, 2003

 

Wir können hiermit unsere wesentlichen, persönlichen Schutzfaktoren besser ausprägen. Denn diese liegen, anders als die Umweltfaktoren oder auch sozialen Schutzfaktoren, wie Umgebung, kultureller Hintergrund und Gesellschaft, in unserer Hand.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Resilienz ein komplexer Prozess ist, bei dem die verschiedenen Haltungen ineinandergreifen, ergänzt um persönliche Eigenschaften und Umweltfaktoren. Die Schutzfaktoren können sich gegenseitig bekräftigen und im Zusammenspiel die eigene Resilienz steigern.

Mit dem Modell der sieben Säulen lässt sich eine gute Kategorisierung der eigenen Resilienzfaktoren vornehmen und eigene Schwerpunkte im Training setzen, um das Zusammenspiel zu verbessern und einen Weg in ein Leben mit weniger Stress zu bereiten.

 

Mit sich und anderen in Verbindung gehen

Für eine gute Resilienz ist es zunächst wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Wo liegen meine Stärken, wo komme ich an meine Grenzen? Wenn wir nicht gut auf uns selbst Acht geben, schwächen wir unsere eigene Position. Achtsamkeit mit sich selbst ist demnach der Schlüssel zum persönlichen Glück – und damit auch zu einer guten Resilienz.

In unseren Trainings legen wir einen Fokus darauf, welche Ressourcen wir in uns tragen, die wir nutzen können, um unsere Bedürfnisse aus uns selbst heraus zu befriedigen. Daneben arbeiten wir mit einem Test, um für jede:n Kursteilnehmer:in sichtbar zu machen, wie tragfähig die einzelnen Säulen der Resilienz sind. Denn wir alle haben unterschiedlich stark ausgeprägte Schutzfaktoren. Wir können selbst herausarbeiten, welche Säule unserer Resilienz aktuell mehr Fürsorge bedarf.

Wer resilient ist, hat eine gute Verbindung zu sich selbst, nimmt sich selbst dezidiert wahr. Allein das hilft, den Alltagsstress besser zu bewältigen. Doch die Stärkung der Resilienz bewirkt noch mehr: Die bessere Verbindung zu anderen.

Dabei sind Faktoren, die wir aus der Resilienz kennen, auch für die Kommunikation wichtig. So beinhaltet eigenverantwortliches Handeln auch, dem Gegenüber mitzuteilen, was wir uns selbst wünschen. Wir verlassen die Opferrolle, in der der oder die andere Schuld hat und bei der wir erwarten, dass das Gegenüber errät, was wir wollen. Stattdessen kommunizieren wir klar und deutlich. Und: Wer Verantwortung übernimmt, stärkt das Vertrauen anderer in sich selbst.

Eine gute Kommunikation hilft ebenso hinsichtlich des Aufbaus eines eigenen Netzwerkes. So können wir, wenn wir eine Verbindung zu anderen aufgebaut haben, leichter um Hilfe bitten, wenn wir ihrer bedürfen. Je präziser wir unseren Bedarf dabei ausdrücken, desto besser kann das Gegenüber uns helfen.

Für sich einstehen, für sich selbst gut sorgen und die eigene Kommunikation mit einer guten Gesprächsführung stärken, all das zahlt ein auf die Widerstandsfähigkeit im stressigen Hebammenalltag.

 

Resilienz-Training für Hebammen

 

Die explizit für Hebammen konzipierten Trainings von uns als Trainerinnen-Duo aus unterschiedlichen Disziplinen unterstützen dabei, größere Resilienz zu entwickeln und die zielgerichtete und wertschätzende Gesprächsführung für eine achtsame Kommunikation (auch im Team) zu etablieren.

Wir möchten Menschen dabei begleiten, die Verbindung mit sich selbst wieder besser zu spüren und dadurch in die eigene Kraft zu kommen. Dies ist Voraussetzung, um auch ein stabiles Band zu anderen aufbauen und halten zu können.

Mehr Informationen finden Sie unter > https://ligamentum.online

Webinar der Staude Akademie

Am 7. und 14. Juni bieten Constanze von Poser und Dorte Ingensiep-Noack ein Webinar zum Thema »Zeit für Selbstfürsorge – Energie im Hebammenalltag« an.

Mehr Informationen finden Sie unter > https://www.staude-akademie.de/seminare-webinare/die-seminare/

 

Rubrik: Ausgabe 06/2022

Vom: 23.05.2022