Leseprobe: DHZ 04/2019
Geburtshaus Ingolstadt

Schließung abgewendet

Am Beispiel des Geburtshauses Ingolstadt zeigt sich das Auf und Ab der außerklinischen Geburtshilfe. Sabine Schmuck
  • Sabine Schmuck: »Der Hebammenberuf ist Handwerk und Berufung – etwas, das das ganze Leben durchdringt.«

Vor über 16 Jahren ging für mich ein (Hebammen-)Traum in Erfüllung: Am 1. Oktober 2002 habe ich das Geburtshaus Ingolstadt (GHIN) eröffnet. Mein Mann und ich haben das Haus gemeinsam geplant und als Doppelhaus gebaut. Die eine Hälfte ist unser Privathaus, in dem wir mit unseren Kindern leben. Ein (Hebammen-)Traum ging damals für mich in Erfüllung. Heute, nach fast 17 Jahren GHIN und nach 30 Berufsjahren in der außerklinischen Geburtshilfe resümiere ich: Da ist viel Ernüchterung, aber trotz allem – vermutlich berufsbedingt – auch eine Menge guter Hoffnung.

 

Ein Novum in der Stadt: Hebammenvorsorge

 

Als ich 1988 mein Hebammendiplom in der Hand hatte, eröffnete ich nach kurzer Zeit die erste Hebammenpraxis in Ingolstadt. Ein Novum für die Stadt, denn Hebammenvorsorge war damals kaum bekannt. Bereits nach kurzer Zeit kamen die ersten Anfragen nach Hausgeburten, die ich gemeinsam mit einer erfahrenen Kollegin begleitete. Dabei durfte ich viel von den Frauen und dem Erfahrungsschatz der Kollegin (und Freundin) lernen. Damals gab es den Gebührenpunkt »Zweite Hebamme« noch nicht. Es war also unser reines »Privatvergnügen«, zu zweit Geburten zu begleiten.

Nach 13 Jahren in der Hausgeburtshilfe war es endlich so weit: Ich konnte mit meinem Mann ein Geburtshaus (GH) bauen. Seitdem ist es eigentlich bis heute ein stetiger Kampf geblieben – anfangs mit dem Bauamt, dann mit den Krankenkassen (Betriebskostenpauschalen werden erst seit 2008 bezahlt), später mit örtlichen Gynäkologen, mit Kolleginnen und dem hiesigen Klinikum, welches das GH in der Anfangszeit als Konkurrenz wahrgenommen hat.

Seit 2008 werden die Betriebskostenpauschalen von den Krankenkassen übernommen, sofern ein QM-System eingeführt oder vorhanden ist. Parallel dazu stiegen jedoch die Haftpflichtprämien dramatisch an. Weitere Einschränkungen und Reglementierungen folgten. Beckenendlagengeburten, Gemini und vaginale Geburt nach der zweiten Sectio (VBA2C) dürfen wir nicht mehr begleiten. Vor allem die Anfragen für VBA2C steigen aber stetig an.

 

Petition ohne Folgen

 

2014 durfte ich vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags meine Petition zur wohnortnahen Versorgung von Schwangeren und für die Erhaltung der freien Wahl des Geburtsortes vortragen (siehe DHZ 8/2014, Seite 65f.) – nicht ahnend, dass auch mein Haus bald von der Schließung bedroht sein würden. Wie nicht anders erwartet, verlief auch diese Petition im Sande. Seit 2015 konnte die kontinuierliche Begleitung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen durch das GH nicht mehr durchgehend sichergestellt werden. Jeder Sommer war eine Hängepartie, ob Vertretungen aufzutreiben sind. Trotzdem ist es mir bis heute gelungen, bis auf wenige Wochen das GH kontinuierlich zu besetzen (siehe auch DHZ 9/2015, Seite 80ff.). Seit 2015 arbeiten wir im Geburtshaus nur noch zu zweit, oft aber auch alleine. Dabei begleiten wir zwischen 70 und 90 Geburten jährlich, 2018 waren es 107! Die meisten Frauen kommen bereits in der Frühschwangerschaft und sind bis auf zwei bis drei Ultraschalluntersuchungen ausschließlich in unserer Vorsorge. Nach der Geburt betreuen wir das Wochenbett und fahren teilweise bis zu 60 km weit (einfache Entfernung). Da es nicht machbar ist, die Wöchnerinnen täglich zu besuchen, kommen die Eltern auch häufig zur Nachsorge ins Geburtshaus. Bis dann letztes Jahr auch die neue junge Kollegin nach einem Jahr das Handtuch geworfen und den Arbeitsbedingungen den Rücken gekehrt hat.

An diesem Punkt habe ich beschlossen, den Kampf aufzugeben und das GH in diesem Jahr zumindest über die Sommermonate von Juni bis September zu schließen. Seit Jahren verzeichne ich einen deutlichen Anstieg an Anfragen und Anmeldungen von Frauen zur Geburt. Wie wohl in den meisten GH, ist es nicht möglich, alle Frauen anzunehmen. 2018 wurden insgesamt 107 Geburten begonnen (Haus- und GH-Geburten), 18 mussten verlegt werden. Betreut in der Schwangerschaft und im Wochenbett wurden weitaus mehr (circa 160). Zu zweit und manchmal mit Aushilfen zu dritt ist das in der außerklinischen Arbeit kaum machbar. Von dem dazugehörigen Bürokratieaufwand wie beispielsweise Abrechnungen, Dokumentationen, QM oder Materialbestellung ganz zu schweigen.

 

Frustrierte junge Hebammen

 

Die derzeitige katastrophale Situation der Geburtshilfe in Deutschland hat verschiedene Ursachen und ist vielschichtig. Ich begleite seit über 20 Jahren Hebammenschülerinnen, seit einigen Jahren auch Hebammenstudentinnen im Externat. Innerhalb der letzten zehn Jahre haben sich Schülerinnen und Ausbildungsinhalte kontinuierlich verändert. Die meisten auszubildenden Hebammen kommen im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr ins Externat. Abhängig von der Ausbildungsstätte, ist ihr Wissenstand sehr unterschiedlich. Fragt man sie, wo sie sich als Hebamme nach dem Examen sehen, geben zu diesem Zeitpunkt schon circa 40 % an, nicht in der Geburtshilfe arbeiten zu wollen! Die Gründe sind sehr verschieden, aber erschreckend. Die werdenden Hebammen erleben in ihrer Ausbildung die Einsätze im Kreißsaal als äußerst traumatisch. Der Umgang mit den gebärenden Frauen, die oft fehlende Praxisanleitung von vollkommen überforderten Kolleginnen und das verpflichtende Mitwirken an Eingriffen, die sie als Gewalt an den Frauen erleben, bestimmen ihre Haltung. Gleichzeitig fehlt ein wesentlicher Teil in der Ausbildung: die Physiologie und die gesunden Prozesse und Schutzmechanismen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Das Erlernen und Erleben des Abwartens, der gekonnten Nichtintervention sind ebenso rar geworden. Das, was die eigentliche Hebammenarbeit ausmacht, nämlich professionelle, kompetente und zurückhaltende Begleitung von primär gesunden Frauen, in primär gesunden Lebensphasen von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett wird zwar theoretisch in der Ausbildung vermittelt, aber nicht erfahren und erlebt. Der Geburtshilfe, dem eigentlichen Kern der Tätigkeit, kehren so immer mehr Hebammen den Rücken.

Zeitgleich melden sich aber immer mehr traumatisierte Frauen im GH an, die eine sehr intensive und empathische Begleitung brauchen. Die Zahl der Frauen, die aufgrund von negativen Erfahrungen in Kliniken, mit ÄrztInnen und Hebammen, oder auch, weil sie keine Hebamme finden können, die sie begleitet, laut über eine Alleingeburt nachdenken, steigt ebenfalls stetig. Ein Teufelskreis von schlechten Arbeitsbedingungen, zu vielen zu versorgenden Frauen und immer weniger Hebammen, die bereit sind, unter diesen Bedingungen zu arbeiten.

 

Identitätsverlust

 

Was ist geschehen und wie konnte es so weit kommen? Gesellschaften verändern sich, Frauen verändern sich und natürlich auch die Hebammen und die Anforderungen an den Beruf. Der Wandel im Hebammenwesen ist offensichtlich. Mit der Industrialisierung der Geburtshilfe, die heute kaum noch als solche bezeichnet werden kann, sondern vielmehr als Geburtsmedizin, hat sich auch das Hebammenwesen radikal verändert. Das mag in manchen Situationen von Vorteil sein. Im Kern empfinde ich das als schweren Verlust der Identität der Hebamme. Die derzeit noch vollkommen chaotische Umstellung zur verpflichtenden Akademisierung – ohne ein Konzept für allgemeingültige Lerninhalte – ist ein Meilenstein, der den Mangel an (tätigen) Hebammen sicherlich nicht beheben wird. Bleiben doch zu oft die wichtigsten Voraussetzungen für die Ausübung des Berufes auf der Strecke. Der Hebammenberuf ist primär Handwerk und Berufung, etwas, das das ganze Leben durchdringt. Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir Hebammen heute unserem Beruf nachgehen, sind wie dafür geschaffen, den Mangel an Hebammen weiter zu verschärfen. Physiologische, interventionsarme Geburten, die eigentliche, originäre Hebammentätigkeit, rechnen sich nicht. Denn sie brauchen Zeit. Und die ist einem rein profitorientierten Gesundheitssystem, in dem auch wir Hebammen involviert sind, nicht vorhanden. Jede von uns hat jedoch Gestaltungsspielraum. Es ist möglich, andere Wege zu gehen und innerhalb dieses Systems für uns selbst und für die Frauen, die sich uns anvertrauen, etwas zu verändern.

 

Frauen brauchen eine Wahl

 

Geburtshäuser haben Modellcharakter. Sie stehen für eine interventionsarme, abwartende Geburtshilfe, die selbstregulierende Prozesse begleitet, Frauen stärkt im Vertrauen zu ihrem Kind und in ihre körpereigenen Schutzsysteme, sie über ihre Rechte aufklärt und ihnen ermöglicht, informierte Entscheidungen zu treffen. Deshalb ist es so wichtig, diese Institutionen zu erhalten, denn Frauen brauchen eine Wahl!

Ich hatte das Glück, dass sich nach Bekanntgabe der Schließung des Geburtshauses junge Kolleginnen gemeldet haben und die Schließung noch einmal abgewendet werden konnte. 

Rubrik: Politik & Gesellschaft | DHZ 04/2019

Literatur

Schmuck S: Petition zur Sicherstellung mit Hebammenhilfe: Weichen stellen! DHZ 2014. (8) 65–66

Baumgarten K: Interview mit Sabine Schmuck: Auf die Barrikaden! DHZ 2015. (9) 80–85