Die Hebamme Monika Schmid

»Weniger ist immer gut«

Seit fast 30 Jahren arbeitet Monika Schmid als Hebamme. Dass sie ihren Beruf liebt, heißt aber nicht, dass er alles für sie ist. Ein Porträt über eine glückliche Hebamme, die gerne lernt, reist und singt. Bettina Salis
  • Die Hebamme Monika Schmid vor 30 Jahren.

  • Monika Schmid will über das Rentenalter hinaus arbeiten, aber reduziert.

Eine junge Frau liegt auf einer Steinbank. Wie dahingeschmolzen. Die Sonne im Gesicht, genießt sie das Jetzt. Diese Szene, festgehalten auf einem Foto, zeigt die Hebamme Monika Schmid. Es steht neben ihrem Telefon. Auf das Bild hat die Hebamme geschrieben: »Die Frau, für die gut zu sorgen am allerwichtigsten ist, bin ich selber.« Das ist bald 30 Jahre her – heute ist sie fast 56 Jahre alt.

 

»Das war so was von klar«

 

Schon seit der Schulzeit weiß Monika Schmid, dass sie Hebamme werden will. Die Initialzündung gibt etwas so Profanes, wie die Berufsberatung in der zwölften Schulklasse: »Ab dem Moment war das so was von klar.« Und gäbe es eine Möglichkeit, den Beruf außerhalb eines Krankenhauses zu lernen, dann würde sie das machen – und wenn das sieben Jahre dauern würde. Da das nicht möglich ist, bewirbt sich Monika Schmid an unterschiedlichen Hebammenschulen. Und kassiert Absagen. Aber sie bleibt dran, bereitet sich auf die Ausbildung vor, von der sie weiß, dass sie diese eines Tages beginnen wird: Nach dem Abitur absolviert sie eine Ausbildung zur Geburtsvorbereiterin, arbeitet in einer freien Schule, macht ein Praktikum in der anthroposophisch ausgerichteten Filderklinik im baden-württembergischen Filderstadt und in der Altenpflege. Die Altenpflege gefällt ihr gut, denn dort sind die Fähigkeiten gefragt, die auch im Hebammenberuf helfen: Geduld haben mit Menschen, die ein anderes Tempo haben. Und: einen Übergang begleiten.

Monika Schmid reist viel in dieser Zeit. »Das alles hat mir sehr den Rücken gestärkt«, sagt sie. Nach fünf Jahren ist es so weit: 1987 beginnt sie die Hebammenausbildung in Stuttgart, ihrer Geburtsstadt. »Ich gehörte zu den wenigen, die in den ganzen drei Jahren Ausbildung nie Zweifel hatten, dass das der richtige Beruf ist. Ich hatte ja vorher genug Zeit, mir das zu überlegen.«

 

Das Ziel im Blick: Hausgeburten

 

Heute sitzt sie zurückgelehnt in einem grauen Lehnsessel und erzählt gestenreich von ihrem Hebammenleben. Wir treffen uns in der Hebammenpraxis mit Geburtshaus in Stuttgart-Mitte. Sie ist Mitbegründerin und einzige Frau des heutigen Teams, die von Anfang an dabei ist. Die die vielen Wendungen mitgegangen ist. Sie schmunzelt und überlegt.

Ihr Blick schweift in die Ferne, Richtung Zimmerdecke, verweilt dort einen Moment, bis er weiterwandert zum Fenster und eine Weile später zur weiß getünchten Wand. Es waren so viele Wendungen, dass sie Mühe hat, zu rekonstruieren, was wann wie war. Gut erinnert sie sich an die riesige Klinik, in die sie direkt nach der Ausbildung geht, um geburtshilfliche Praxis zu sammeln. Handwerk lernen für die Hausgeburten, die sie auf jeden Fall begleiten will. Nach sechs Wochen kündigt sie. Die Rechnung »viele Geburten = viel lernen« geht für sie nicht auf. Sie sucht sich ein kleines Haus mit 500 Geburten. Hier hat sie oft allein Dienst und kann geburtshilfliche Erfahrungen sammeln. 15 Monate bleibt sie dort – die letzten Monate nur 50 %. Auch um Zeit fürs Reisen zu haben.

Parallel hospitiert bei zwei Hausgeburtshebammen und macht – etwas unfreiwillig – ihre erste Hausgeburt. Nur mit Hörrohr und Homöopathie ausgerüstet erreicht sie damals die Gebärende. Und eh sie sich versieht, drückt die Frau und das Kind kommt. Es ist das vierte oder fünfte der Familie – so ganz genau erinnert Monika Schmid das heute nicht mehr. Nur sie als Hebamme ist da. Ihre Kollegin, die die Geburt eigentlich betreuen soll, ist auf dem Weg. Jetzt muss die Hospitantin Hand anlegen. Zehn Minuten, nachdem die junge Hebamme die Wohnung betreten hat, ist das Kind geboren. Am Ende ist sie stolz!

Bis zu ihrer ersten bei ihr angemeldeten Geburt wird es noch ein Jahr dauern. Erst dann, 1994, hat sie mit drei Kolleginnen die Hebammenpraxis Stuttgart-Mitte gegründet. Sie bieten Hausgeburten an.

 

Noch ein Ziel: Freizeit und Reisen

 

Monika Schmids damaliger Partner lebt in Italien. Sie möchte ihre Beziehung leben und länger am Stück in Italien sein können. Und die Welt sehen. Sie möchte regelmäßig frei haben. Die Kolleginnen entwickeln ein Modell: sechs Wochen arbeiten, drei Wochen frei. Das sind zwar arbeitsreiche sechs Wochen, aber die Perspektive auf drei freie Wochen verleiht Kraft. »Ich habe von Anfang an so gearbeitet, dass es nicht so wichtig war, dass ich ›meine‹ Frauen betreue«, sagt Monika Schmid. Natürlich sei es schön, die Frau gut zu kennen, wenn sie zur Geburt kommt, aber manchmal finde eine andere Kollegin bei der einen Frau genau den richtigen Ton, damit sie sich öffnet. Können, das sich im Team wunderbar potenziert.

Nicht nur deshalb ist Monika Schmid eine Team-Spielerin. Auch, weil es leichter ist, Freiräume zu schaffen. Egal, ob es darum geht, den Müttern aus dem Team mit speziellen Dienstregelungen entgegenzukommen oder Kolleginnen den Rücken frei zu halten für Weiterbildungen oder längere Auszeiten. Das Team ist gewachsen, heute gibt es ein anderes Arbeits-Frei-Modell. Aber das Prinzip ist immer noch dasselbe. Dass es bei ihnen so lange schon so gut klappt, führt Monika Schmid auch darauf zurück, dass sie keine Hierarchie haben.

Neben diesen etwa vier Monaten frei im Jahr organisiert sie sich Sabbatjahre – zwei sind es in 30 Berufsjahren: Eines verbringt sie zum Teil damit, ihren Bandscheibenvorfall auszukurieren. »Besser jetzt, als wenn die Kolleginnen mich hätten vertreten müssen«, findet sie. Danach absolviert ein Praktikum bei einer Bestatterin. Falls sie irgendwann mal nicht mehr als Hebamme arbeiten kann oder will, könnte das eine Alternative sein, findet sie. Denn auch hier gehe es darum, einen Übergang zu begleiten.

 

Lernen – ein Leben lang

 

In ihrem anderen Sabbatjahr reist sie nach Eritrea. Sie möchte ein Praktikum machen in einer Art Hebammenkreißsaal, Geburtshilfe unter einfachen Bedingungen kennenlernen. »Ich bin total blauäugig dahingefahren und habe gefragt, ob ich mitarbeiten darf.« Monika Schmid lacht, als sie das erzählt und ist immer noch ganz ungläubig über ihre Chuzpe. Mit einem Empfehlungsschreiben einer eritreischen Kollegin spricht sie beim Gesundheitsminister vor.

Der Gesundheitsminister von Eritrea: »Sie dürfen hier nicht arbeiten.«

Monika Schmid: »Ich will ja nicht arbeiten, nur ein Praktikum machen.«

Gesundheitsminister: »Auch das dürfen Sie nicht.«

Monika Schmid: »Dann vergessen Sie bitte meinen Besuch hier.«

Sie verlässt das Gebäude und tritt ihr Praktikum an. Besonders beeindruckt die Hebamme in diesen sechs Wochen, zu erleben, dass alle ihr Bestes geben, und wenn das nicht reicht, es auch ein Schicksal geben darf. Oder Allah. Oder Gott. Da war zum Beispiel eine Frau, die kam bereits tot im Krankenhaus an. Die GeburtshelferInnen sagten zur mitgereisten Familie: »Fahrt nach Hause, begrabt Mutter und Kind zusammen.« Wohltuend sei das gewesen, sagt Monika Schmid: »Niemand hat versucht, das Kind aus dem Bauch der Mutter zu schneiden, das keine Mutter gehabt hätte, womöglich schwer beeinträchtigt gewesen wäre, und die Familie hätte auch noch die OP zahlen müssen.« Es war schön für sie, zu sehen, dass es nicht überall darum geht, auf jeden Fall alles zu tun, was möglich ist. Sondern auch das Schicksal zu akzeptieren.

Das auch vor dem Hintergrund, dass sie selbst anderthalb Jahre vor der Eritrea-Zeit ein totes Kind als Hebamme bei einer Hausgeburt hatte und die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen sie ermittelte. »Mit Hausdurchsuchung und allem.« Die Ermittlungen waren eingestellt worden, kurz bevor ihr Sabbatjahr begann.

Nicht nur auf Reisen lernt Monika Schmid. Sie macht eine Ausbildung in »Selbstorganisatorischer Hypnose«, mit der sie seit 2012 geburtsvorbereitende Hypnose anbietet. Sie bildet sich bei der italienischen Hebamme Verena Schmid in Salutophysiologie weiter, übersetzt deren Buch über Geburtsschmerz ins Deutsche, schließt Ausbildungen in »heilsamem und gesundheitsförderndem Singen« ab und absolviert die Weiterbildung für Praxisanleiterinnen an der Hochschule für Gesundheit (hsg) in Bochum. Dabei freut sie sich über einen besonderen Beifang: Einblicke in wissenschaftliches Arbeiten. Etwas, das sie von ihrer Ausbildung nicht kennt, um das sie die jungen KollegInnen beneidet. Gerade tüftelt sie an Konzepten für eine Weiterbildung für KollegInnen, die Externate anbieten – da sieht sie noch Bedarf. »Das finde ich so toll an der Freiberuflichkeit: Wenn ich etwas Neues lerne, kann ich es gleich in der Praxis anwenden und muss nicht erst einen Vorgesetzten um Erlaubnis bitten.«

 

Die Frauen ermächtigen

 

Den Frauen zeigte die heute 56-Jährige mit ihrem Wissen über Salutophysiologie einen Weg zur Selbstermächtigung. »Es ist wunderbar, so zu arbeiten«. Sie böte den Frauen den Raum, »arbeiten« müssten diese dann selbst. Auch mithilfe der Hypnose ermögliche sie den Frauen, auf das ihnen innewohnende Wissen zuzugreifen: »Ich muss nicht viel tun oder wissen.« Sie ist begeistert zu sehen, wie die Frauen ihren Weg gehen und über sich hinauswachsen. Klar: Frauen mit weniger Ressourcen müsse sie mehr Raum und Körperarbeit anbieten, sagt sie: »Aber letztendlich kommt jede Frau in ihre Kraft.«

Auch diese Haltung hat sie fit gehalten in fast 30 Berufsjahren. Sie hat keine Ermüdungserscheinungen, ist weder ausgebrannt noch erschöpft. Doch natürlich kennt sie Kolleginnen, die aus dem Beruf ausgestiegen sind. Viele wurden und werden – nach ihrer Beobachtung – vor allem in der Klinik »verfeuert«. Sie kennt auch Kolleginnen, die sich kaum Freizeit leisten, die mit Müh und Not mal zwei Wochen Urlaub machen. Das sei für sie unvorstellbar. »So gerne ich Hebamme bin, ich mache auch gerne etwas anderes. Und zwei Wochen frei sind schön, reichen aber nicht, um richtig rauszukommen. Dafür braucht es eine längere Zeit.«

Wie schafft Monika Schmid es, noch so motiviert und freudig im Beruf zu sein? Eine Antwort könnte sein, dass sie sich fern hält vom Präsentismus, wofür GesundheitsarbeiterInnen aber gefährdet sind: krank arbeiten. Und das kommt viel häufiger vor als der Absentismus, der Abwesenheit bei Krankheit. Dieser falsche Aufopferungsmythos ist unter DienstleisterInnen sehr verbreitet – vor allem in Gesundheitsberufen. Dabei ist er nicht nur ungleich teuer, als wenn der- oder diejenige Kranke zu Hause bleibt, er macht auch krank: führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burn-out oder lässt Kolleginnen aus dem Beruf aussteigen.

 

Was wirklich wichtig ist

 

Pfleglich mit sich selbst umzugehen ist im Hebammenberuf nicht selbstverständlich. Monika Schmid kann das. Sie gehört nicht zu denen, die während der Arbeit das Essen vergessen oder sich im Stress dauerhaft mit Junkfood versorgen. Heute hat sie Quiche dabei, die sie aufwärmt. Jetzt ist Zeit, in Ruhe das Mittagessen zu genießen.

Monika Schmid gönnt sich das, was ihr wirklich wichtig ist: Reisen, Kino, Oper, Theater, ihr Häuschen in Italien. Oder auch Singen in unterschiedlichen Singgruppen; gelegentlich leitet sie auch einen eigenen Singkreis an – das ist dann besonderes Glück. Obwohl sie sich all das leistet, kennt sie keine Geldsorgen. »Ich habe immer von meinem Hebammengeld gut leben können, lebe immer schon in einer WG, fahre Fahrrad und ein altes Auto, habe weder Kinder noch teure Hobbys.«

Sie will auch den Frauen nur das anbieten, was sie wirklich brauchen. 2004 gründet die Hebammenpraxis Stuttgart-Mitte ein Geburtshaus. Zunächst ist Monika Schmid skeptisch, denkt: Jede Frau hat doch ihr Geburtshaus oder -zimmer bei sich zu Hause. »Doch dann habe ich verstanden, welche Vorteile das Geburtshaus bietet. Es gibt eben etliche Frauen, die sich keine Hausgeburt zutrauen, aber eine Geburt im Geburtshaus; oder die das Gefühl haben, bei sich zu Hause nicht loslassen zu können.« Das Geburtshaus sei zudem gesellschaftlich akzeptierter, weil es eine Institution sei.

 

Rückzug

 

Seit Oktober 2017 hat sich Monika Schmid aus der Geburtshilfe zurückgezogen. Was vordergründig eine Entscheidung war, um Platz zu machen für jüngere Kolleginnen, hat wohl einen tieferen Grund.

Wie sehr sie der Prozess wegen Totschlags gegen eine Hebamme und Ärztin mitgenommen hat, dringt erst nach dem Ausstieg aus der Geburtshilfe richtig zu ihr durch (siehe auch DHZ 4/2013, Seite 58ff. und nachfolgende Beiträge der Serie). Schon während des Prozesses dachte sie: »Wenn es möglich ist, dass wir in Ausübung unseres Berufs des Totschlags angeklagt werden, dann können wir unseren Beruf eigentlich nicht mehr ausüben. Weder die freiberuflichen noch die Klinikhebammen.« Erst nachdem Monika Schmid mit der Geburtshilfe aufgehört hat, spürt sie, welch große Last von ihr abfällt: »Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich meine Laufbahn im Knast beende, die ist nahezu auf null gesunken.«

Monika Schmid hat noch einige Berufsjahre vor sich. Sie will wohl über das Rentenalter hinaus arbeiten: »Ich arbeite nach wie vor gerne und werde sicherlich nicht mit einem Schlag aufhören. Aber weniger ist immer gut«, sagt sie. Der Übergang soll fließend sein, frühzeitig reduzieren, um länger dabei bleiben zu können. Vielleicht macht sie vorher noch ein Sabbatjahr oder sie schaufelt sich Zeit frei, um mal länger in Italien zu sein oder eine große Reise anzutreten. »Da bin ich ganz offen.«

Rubrik: Ausgabe 02/2020

Vom: 28.01.2020