Das "unerzogene" Auge

Als Mammacare-Trainerin lehren einige Hebammen Frauen, Veränderungen ihrer Brust früh selbst zu erkennen. In Österreich ist die Brustselbstuntersuchung ein anerkannter Bestandteil des Brustkrebs-Früherkennungsprogramms. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) befindet sie jedoch als nicht effektiv genug. Regulär werden junge Frauen bei der ärztlichen Krebsvorsorge-Untersuchung auch nur manuell und visuell inspiziert. Der Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann versucht, dies zu optimieren, indem er speziell ausgebildete blinde, und deshalb taktil sensible Tastuntersucherinnen hinzuzieht. Eine Ausnahme, die umstritten ist. Der Trend geht bei uns eher dahin, auch bei jüngeren Frauen, etwa bei einem leicht erhöhten Risiko, Mammografien (MG) durchzuführen. Bei diesen Frauen ist das Brustdrüsengewebe jedoch sehr strahlenempfindlich, warnt die Radiologin Prof. Dr. Christiane Kuhl von der Universität Bonn. Und so treffsicher sei die MG auch nicht: bei Frauen unter 40 sogar noch weniger als der Ultraschall. Etwa zur Hälfte seien die Ergebnisse falsch-negativ, ergänzt die Gynäkologin Dr. Friederike Perl. Kuhl zeigt in einer Studie, dass nur die Magnetresonanztomografie (MRT) auch Frühformen zuverlässig erkennt und empfiehlt sie daher für die zukünftige Früherkennung.

Die meisten Frühformen eines Mammakarzinoms, duktale in-situ-Karzinome (DCIS), bleiben jedoch gutartig und breiten sich nicht aus. Nur ein Zehntel wird invasiv. Kritiker wie die Gynäkologin Dr. Friederike Perl finden es daher nicht sinnvoll, alle Frühformen aufdecken zu wollen. Es seien keine lebensbedrohlich tickenden Zeitbomben, die sofort eliminiert werden müssen. Im Körper entarteten ständig Zellen, mit denen der Organismus oft selbst fertig würde. Es wäre ausreichend, wenn man sie mittels Tasten oder Ultraschall erst ab einer gewissen Größe entdecken würde. Die Lebensqualität leide unter der Überdiagnostik und die Lebensdauer steige nicht.

Wie entdeckt man früh genug Brustkrebs bei Schwangeren? Bei ihnen wird die Krankheit oft zu spät erkannt. Völlig nutzlos sei bei ihnen ein MRT, da wegen des erhöhten Stoffwechsels die ganze Brust „leuchtet“, so Perl. „Und eine Anwendung der Mammografie in der Schwangerschaft ist geradezu grotesk, denn sie kann dann den dicksten Krebs nicht abgrenzen.“ Hebammen müssen über Kontoversen Bescheid wissen, gute UltraschallanwenderInnen kennen und gleichzeitig ihre Augen und Sinne sowie die der ihnen anvertrauten Frauen neu erziehen.

Der Künstler Ferdinand Hodler schrieb: „Das gänzlich unerzogene Auge sieht nicht in derselben Art wie das Auge des Geübten Form und Farbe der Dinge. Es begreift nicht alle Werte der Erscheinung.“ Er beobachtete, begleitete und malte 1914 den Verfall seiner krebskranken Geliebten (siehe Kulturteil) nach der zu späten Diagnose in der Schwangerschaft.