Die Philosophien der anderen

  • »Was gesamtgesellschaftlich gilt, gilt ebenso für die Professionen rund um die Geburtshilfe: Respekt und Offenheit.«

  • »Interprofessionelles Arbeiten« – ein Konzept, ein Instrument zur Qualitätssicherung in der Geburtshilfe, ein imposanter und großer Begriff. Doch was steckt dahinter? Dahinter verbergen sich in erster Linie keine Innovation und keine komplizierte Wissenschaft: Interprofessionelle Arbeit als Grundlage für die Betreuung von schwangeren und gebärenden Frauen, von Müttern, Familien und ihren Kindern appelliert an erster Stelle an die Menschlichkeit im Umgang miteinander. Sie appelliert an das Kommunizieren auf Augenhöhe, an ein respektvolles Miteinander und an den Willen zu kooperieren.

    Die verschiedenen Berufsgruppen, die an der geburtshilflichen Betreuung teilhaben, sind zwar in ein und denselben »Fall« eingebunden,
    haben jedoch – je nach spezifischer Berufung – unterschiedliches Fachwissen und damit auch verschiedene Arbeitsphilosophien.

    Entscheidend ist es, die jeweilige Philosophie und Schwerpunkte der anderen zu achten. Jede Berufsgruppe sollte dann tätig werden, wenn es der individuelle Fall fordert. Und jede Berufsgruppe sollte die andere dies tun lassen und sie vertrauensvoll und kooperativ begrüßen.

    In meiner Zeit als auszubildende Hebamme erlebte ich einige Negativbeispiele der interprofessionellen Zusammenarbeit – vor allem dann, wenn die jeweiligen Philosophien weit auseinandergingen. Wenn beispielsweise eine Geburt von zu Hause oder aus dem Geburtshaus in die Klinik verlegt werden muss, können stark voneinander abweichende Vorstellungen aufeinanderprallen. Das ist grundsätzlich in Ordnung und wie in allen Bereichen ist es gut, eine Vielfalt zu leben für verschiedene Menschen und verschiedene Situationen. Doch sollten wir uns alle darin üben, in unserer Profession auch professionell zu handeln. Und das bedeutet, dies stets im Sinne der Frauen, Kinder und Familien zu tun und nicht, sich um verschiedene Haltungen zu streiten – schon gar nicht vor den zu Betreuenden und auch nicht in Situationen mit akutem Handlungsbedarf. Sicher ist es ebenso wichtig zu reflektieren, Fragen zu stellen und auch Kritik zu üben. Aber wir können uns alle bewusst werden, wie und wann wir dies tun und vor allem die Voreingenommenheit ablegen.

    Wir sollten uns regelmäßig daran erinnern und dafür einstehen: Was gesamtgesellschaftlich gilt, gilt ebenso für die Professionen rund um die Geburtshilfe: Seien wir respektvoll miteinander und offen füreinander. Lasst uns einander ernst nehmen. Lasst uns die besonderen Fähigkeiten und Wissensschwerpunkte der anderen achten. Lasst uns außerhalb
    hierarchischer Muster denken und uns gegenseitig unterstützen, um am Ende die (werdenden) Mütter, Kinder und Familien zu unterstützen!