Mütterliche Fürsorge

  • Dr. Angelica Ensel: »Die liebevolle Fürsorge im Wochenbett dient nicht nur Mutter und Kind, sie ist auch im Interesse der Gemeinschaft.«

  • Aus Kamerun brachten mir Freunde einen aus einer Kalebasse geformten Löffel mit. Sie erzählten, traditionell werde damit eine Mutter im Wochenbett gefüttert. Für mich symbolisiert dieser Löffel die liebevolle Fürsorge, die in vielen Kulturen das Wochenbett umgibt. Dazu gehören bestimmte Nahrungsmittel, zahlreiche Regeln, Verbote und Rituale. Ihnen allen gemeinsam ist das Bewusstsein für die Vulnerabilität und Sensibilität dieser Lebensphase und die große Bedeutung von Schutz und Fürsorge – die Bemutterung der Mutter. Bis heute ist es für viele Frauen mit Migrationshintergrund selbstverständlich, dass sich ihre Mutter zur Geburt des Enkelkindes auf den Weg macht und Tausende Kilometer reist, um in dieser Zeit für ihre Tochter und das Baby da zu sein.

    Diese liebevolle Fürsorge dient nicht nur Mutter und Kind, sie ist auch im Interesse der Gemeinschaft. Sie ist essenziell für das Fortbestehen einer Gesellschaft. Nur wenn das hilflose neugeborene Menschenkind hingebungsvoll versorgt und genährt wird – oder anders gesagt: nur wenn Bindung gelingt – wird es überleben. Und dies wiederum gelingt am erfolgreichsten, wenn die Mutter gestärkt und umsorgt wird. Dann hat sie optimale Voraussetzungen, ihrem Kind diese Fürsorge geben.

    Es sind hochkomplexe, organische, psychische und mentale Transformationsprozesse, die sich im Körper der Mutter vollziehen. Sie erlebt ein Wechselbad an Gefühlen – zwischen unendlicher Freude und tiefster Verunsicherung. In dieser Erschütterung braucht sie es, sich gehalten und umsorgt zu fühlen. Damit sie ihr Kind halten und versorgen kann. Nach schwerer oder traumatischer Geburt brauchen Frauen besondere Fürsorge.

    Das Wochenbett als Inbegriff, als Urmodell von Care. Die Hebamme sollte hier eine zentrale Rolle spielen – als Expertin und auch als Rollenmodell. Doch es herrscht Notstand im Wochenbett. Immer weniger Frauen finden in dieser Zeit eine Hebamme. In Deutschland gibt es weltweit die umfassendsten Möglichkeiten einer von der Krankenkasse finanzierten Hebammenversorgung im Wochenbett. Dass gerade hier immer weniger Hebammen dafür zur Verfügung stehen, ist erschütternd. Dass Hebammen hier eine Mitverantwortung tragen, wird noch viel zu wenig diskutiert. Eine bessere und gerechtere Versorgung braucht Lösungsansätze auf verschiedenen Ebenen. Es bedarf jedoch nicht nur neuer Strukturen und gerechterer Vergütungsmodelle. Vor allem sollten wir uns bewusst machen, dass sich die besondere Verantwortung und Verpflichtung unserer Berufsgruppe für den Versorgungsauftrag auch aus den für Hebammen vorbehaltenen Tätigkeiten ergibt.