Uhr im Zwischenhirn

  • Birgit Heimbach: „Hilfreich ist bei Schreikindern eine Rhythmisierung: Der Tag sollte regelmäßig und reizarm gestaltet werden.“

  • Wenn im Mittelalter westeuropäische Säuglinge nach dem Essen oder Baden nicht einschlafen konnten und nur schrien, rieten Ärzte dazu, etwa nachzusehen, ob die äußeren Wickelbänder zu fest gewickelt waren. Die Eltern sollten außerdem zärtliche Wiegenlieder singen, die Wiege sanft schaukeln oder das Kind auf den Arm nehmen, so die Historikerin Prof. Shulamith Shahar. Half es nicht, pilgerte die Mutter mit ihrem Kind zum Schrein eines Heiligen und bat um Fürbitte.

    Das unspezifisches Schreien des Neugeborenen ohne physiologische Gründe wie Hunger oder Wunsch nach Zuwendung und ohne pathologische Gründe wie Schmerz hat typische Merkmale: Es tritt am Abend auf, wird täglich exzessiver und der Gipfel mit bis zu drei Stunden Schreidauer ist in der sechsten Lebenswoche erreicht. Dann bessert sich die Situation meist. Im Mittelalter völlig unbekannt, weiß heute fast jeder um die Theorie des unreifen Darms, der für die Schreiattacken – als sogenannte Dreimonatskolik – verantwortlich sein soll. Nun erscheint ein ganz anderes Modell für viele Fälle noch überzeugender – bei ihm steht das unreife Nervensystem im Fokus: Der Säugling muss seine innere Uhr, deren Periode bereits Ende der Schwangerschaft etwa einem Tag (zirkadian) entspricht, also mit einer Länge von 24 Stunden tickt, und sein tatsächliches Schlafbedürfnis in Einklang bringen. Ungünstigerweise ist diese Uhr im Zwischenhirn normalerweise so eingestellt, dass die Wachheit abends am stärksten ist, dagegen der Schlafdruck durch eine anwachsende Schlafschuld am größten. Säuglinge können dann schnell in den gereizten Zustand des Jetlags geraten und zum Schreikind werden. Hilfreich ist eine Rhythmisierung: Der Tag sollte regelmäßig und reizarm gestaltet werden.

    Manchmal gelingt die Regulation nicht. Verschiedene Faktoren können dazu beitragen, dass sich Störungen manifestieren, etwa wenn sich eine Mutter, weil sie gestresst oder angespannt ist, dem Kind nicht adäquat zuwenden kann. Es gibt innerhalb mancher Familien psychosoziale Belastungen, unter denen das Kind keine innere Ausgeglichenheit entwickeln kann. Es bleibt unruhig, schreianfällig, schlafgestört. Einer der Wege aus dem Teufelskreis ist die Rückbindung der Mutter an ihre eigenen Gefühle und eine Dezentrierung vom Kind. Dies entspannt beide.

    Im Kulturteil geht es um Philipp Otto Runge, einen Maler der Romantik. In einer Reihe seiner Bilder ging es um Tagesrhythmen und Lebenszyklen, in die ein Mensch geboren wird. Ob abends oder morgens, in Runges blumigem Kosmos befinden sich Säuglinge immer in einem paradiesischen Urzustand: rund und zufrieden. Schreiend hätten sie wohl nicht in sein romantisches Weltbild gepasst. Zumindest kannte der begeisterte Vater anscheinend von seinen eigenen Kindern kein Dauergeschrei.