Verwurzelt

  • Unter dem Walnussbaum in unserem Garten lesen wir immer im September einen Sack voll Nüsse auf; die Ernte reicht über den Winter hinaus. Vor fast 28 Jahren haben wir den Baum zur Geburt unseres Sohnes auf seinen Mutterkuchen gepflanzt. Später folgten noch ein Pflaumenbaum, ein Apfelbaum und eine Rose nach weiteren Geburten. Wir sahen die kleinen Bäumchen mit den Kindern wachsen und blühen. Heute, wo sie als Erwachsene ihre eigenen Wege gehen, sind die Bäume hinter ihrem Geburtshaus das, was von ihrem Lebensanfang sichtbar zurückgeblieben ist. Jedes Jahr mehr oder weniger voller Früchte, stehen sie da, ein bleibender Hinweis – ohne übertriebene Aufmerksamkeit, zwischen allem anderen was im Garten wächst.

    Wenn ich mit meinem Dokumentarfilm „Mein kleines Kind“ zu Schulveranstaltungen ins Kino eingeladen bin, weiß ich schon im Voraus, dass es bei der Passage, wo die Inspektion der Plazenta zu sehen ist, geräuschvolle emotionale Zuschauerreaktionen geben wird. Die jungen Leute, normalerweise durch blutrünstige Filme und Computerspiele mit allen Wassern gewaschen, geraten regelmäßig an ihre Grenzen. Da im Film auch drei Geschwisterkinder interessiert den Mutterkuchen betrachten, legt sich der „Schockeffekt“ schnell wieder.

    Obwohl bei den anschließenden Filmdiskussionen eigentlich ethische Fragen im Zentrum stehen, kommen meist auch Fragen zur Plazenta aus dem Publikum und es kommt zur Sprache, dass die SchülerInnen jenseits vom Biologieunterricht oft gar keine Vorstellung von ihrem wirklichen Aussehen hatten, manchmal nicht einmal von ihrer vollen Bedeutung. Sie sind überrascht, dass man ihr bei der Geburt besondere Aufmerksamkeit widmen muss. Manchmal kommt jemand im Anschluss an die Vorstellung einzeln zu mir und bedankt sich gerade auch für diesen Punkt und ergänzt noch ein paar Gedanken zur eigenen „Verwurzelung“ im Bauch seiner Mutter vor der Geburt, oft mit philosophischer Tiefe.

    Vielleicht ist dies für unser Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Existenz im Werden und Vergehen nicht ganz ohne Bedeutung: dass unser lebenswichtiges umhüllendes Organ, auf das wir bei unserer Entstehung angewiesen waren und worauf wir dann zu Beginn unseres eigenständigen Lebens verzichten konnten, nicht achtlos mit dem Organmüll entsorgt, sondern respektvoll behandelt wurde. Ein Gedanke, der in unserer Kultur nur selten gestreift wird.