Zurück und nach vorn

  • Dr. Angelica Ensel: „Es wundert nicht, dass in unseren Kliniken Kolleginnen ab 50 eher selten anzutreffen sind.“

  • Älterwerden ist ein natürlicher Lebensprozess und ein sehr persönliches Thema. Wann wir uns älter fühlen und wie wir älter werden, ist von der eigenen Bewertung abhängig. Wie vielfältig dieser Prozess erlebt wird, zeigen die Reflexionen der Kolleginnen in diesem Heft, wofür ich mich herzlich bedanke. Als Hebamme älter werden heißt auch, zurück und nach vorne schauen. Zurückblicken auf das eigene Arbeitsleben und den Wandel in unserer geburtshilflichen Landschaft. Auf positive Entwicklungen wie den Aufbruch von Frauen und Hebammen in den 1980er Jahren ebenso wie auf die Pathologisierung der Schwangerschaft und das zunehmende Verschwinden der „normalen" Geburt. Die Entwicklungen im System Klinik – Stellenabbau, Technisierung, Bürokratisierung, eine stets zunehmende Arbeitsdichte sowie ein rasantes Tempo – treffen ältere Kolleginnen in besonderer Weise. In einer Lebensphase, in der es notwendig ist, sorgfältiger mit den eigenen Ressourcen umzugehen und Stress nicht mehr einfach weggesteckt wird, ist es fraglich, ob dieses Arbeitsfeld noch passend sein kann. So wundert es nicht, dass Hebammen ab Mitte 50 in unseren Kliniken eher selten anzutreffen sind. Wer es irgendwie möglich machen kann, verlässt das Krankenhaus und sucht sich eine Arbeit, die dem eigenen Lebensrhythmus mehr entspricht.

    Das ist ein Verlust. Nicht nur für die Kolleginnen selbst, die ja meist nicht so begütert sind, um ihr Arbeitsleben früh zu beenden oder zu reduzieren, sondern auch für unsere Geburtshilfe. Wir wissen: Gebären hat mit Rhythmus zu tun und braucht eine eigene Zeit – ein kostbares und knappes Gut. Gebärende brauchen zuallererst eine Begleiterin, die nicht mehr von ihrer Seite weicht und nur für sie da ist. Das könnten ihnen die älteren Hebammen wunderbar geben – wenn es der Stellenplan ermöglichen würde und unsere Gesellschaft dies als wichtige Ressource für die Familiengesundheit wertschätzen würde. Ich bin überzeugt davon, dass ein anderer Umgang mit Zeit und Rhythmus, den das Älterwerden, aber auch die Kunst der Geburtshilfe erfordert, nicht nur unsere Sectiorate signifikant senken würde, sondern dass unter solchen Bedingungen ein Miteinander der Kolleginnen verschiedenen Alters für alle Beteiligten fruchtbar wäre. In der Hausgeburtshilfe, wo wir den Rhythmen der Geburt entsprechen können, erleben wir diesen Anachronismus nicht. Hier ist es durchaus möglich, dass Hebammen auch in fortgeschrittenem Alter an der Seite der Frauen sind. Nach und nach können Hebammen dabei von der Mutter- in die Großmutterrolle übergehen – eine Begleitung, die für Familien gerade in unserer Kultur sehr bereichernd sein kann.

    Älterwerden heißt auch Abschied und Neuorientierung: Was ist jetzt wichtig? Wie sollen die nächsten Berufsjahre aussehen? Was will ich nicht mehr? Was möchte ich noch erreichen? Die Antworten können dazu führen, dass Älterwerden als Aufbruch erlebt wird, zu neuen Ufern, neuen Tätigkeitsfeldern – weiter auf dem Weg zu uns selbst.