Der Lübecker Präparierkurs

Interprofessionelle Lehre leben

Um auf Augenhöhe interprofessionell zusammenarbeiten zu können, ist es förderlich, bereits im Studium gemeinsam zu lernen. Das Beispiel des Präparierkurses in Lübeck zeigt, wie dies gestaltet werden kann. Doch ganz so einfach ist es nicht: Verschiedene Studiengänge bringen auch unterschiedliche Bedürfnisse mit sich. Wie kann dies in der Praxis gelingen? Janina Barth | Christina Bienert | Jürgen Westermann
  • Je früher Studierende Erfahrungen in interprofessionellen Veranstaltungen sammeln, desto besser können sie sich aufeinander einstellen.

Ein wichtiger Faktor, um die derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu meistern, ist eine zielorientierte Zusammenarbeit sämtlicher an der Patient:innenversorgung beteiligten Berufsgruppen. Studien zeigen, dass ein früher Kontakt mit interprofessioneller Lehre eine effektive Methode ist, um zu einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu kommen (Anvaripour et al., 1991; Horak et al., 1998; Lumague et al., 2006; Barr, 2007).

Die erforderlichen interprofessionellen Kompetenzen sollten den angehenden Akteur:innen im Gesundheitswesen von Anbeginn ihres Ausbildungsweges möglichst gemeinsam vermittelt und fest im Curriculum verankert werden. Dadurch wird auch die Basis für eine zielorientierte, interprofessionelle Kommunikation geschaffen, die einen positiven Effekt auf die Patient:innenzufriedenheit, die Compliance und den Behandlungserfolg hat (Reeves et al., 2016; Bachmann et al., 2016).

Obwohl in der neuen Approbationsordnung für Ärztinnen und Ärzte eine Stärkung der interprofessionellen Lehre angestrebt wird und obwohl mit Inkrafttreten des Hebammenreformgesetzes (HebRefG) im Januar 2020 die Hebammenausbildung auf Hochschulniveau überführt wurde, sind die verschiedenen Studiengänge im Gesundheitssystem überwiegend monoprofessionell ausgerichtet.

Die Universität zu Lübeck ist derzeit in Deutschland der einzige Standort, der neben dem Studium der Humanmedizin auch die Studiengänge Ergotherapie, Hebammenwissenschaft, Logopädie, Pflege und Physiotherapie anbietet

 

Der Lübecker Präparierkurs

 

Der Präparierkurs wird im ersten und zweiten Semester absolviert und ist Bestandteil der verpflichtenden Anatomielehre an der Universität zu Lübeck (»Kursus der makroskopischen Anatomie«). Ziel der Lehrveranstaltung ist es, dass sich die Studierenden eine anspruchsvolle Grundausrüstung im Fach Anatomie erarbeiten, so dass sie selbstbewusst Prüfungen und Patient:innen entgegensehen können. Außerdem sollen sie aus dem Bereich der Wissenschaft lernen, dass Wissen nicht einfach vorhanden ist, sondern in seiner Genese von Voraussetzungen abhängig ist (Armin Nassehi, 2019).

Im Präparierkurs, der einmal pro Woche dreistündig stattfindet, arbeiten die Studierenden in interprofessionellen Kleingruppen bestehend aus vier Personen im Team zusammen und präparieren eigenständig einen menschlichen Leichnam. Betreut werden die einzelnen Gruppen sowohl von einem studentischen Tutor als auch von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter. Wöchentliche Testate, mündlich und praktisch, stellen sicher, dass die Lehrinhalte kontinuierlich verinnerlicht werden (Eggers et al., 2007).

Im ersten Semester werden die Studierenden der Humanmedizin und der Physiotherapie (B. Sc.) gemeinsam unterrichtet zu den Themen »Rumpf«, »Bein« und »Arm«. Im zweiten Semester werden die Themen »Kopf«, »Brust«, »Bauch« und »Becken« behandelt. Die Medizinstudent:innen starten zunächst ohne Mitwirkung von Studierenden aus anderen Studiengängen, zu den Themen »Bauch« und »Becken« stoßen dann die Studierenden aus dem Studiengang Hebammenwissenschaften dazu. Um den Erfolg dieses interprofessionellen Ansatzes abschätzen zu können, wurde eine Evaluation unter den studentischen Teilnehmer:innen durch das Referat für Qualitäts- und Organisationsentwicklung durchgeführt (Software: Zensus von Blubbsoft).

 

Humanmedizin und Physiotherapie

 

Im Wintersemester 2020/2021 haben insgesamt 157 Studierende der Humanmedizin und der Physiotherapie die Lehrveranstaltung bewertet (Rücklauf: 52 %). Für die Themen »Rumpf«, »Bein« und »Arm« vergaben die Medizinstudent:innen die Gesamtnote 1,4, die sich nicht signifikant von der Bewertung der Studierenden der Physiotherapie unterscheidet (siehe Abbildung 1).

 

Abbildung 1: Die Evaluationsergebnisse zeigen eine hervorragende Bewertung des Präparierkurses, die von den Studierenden der Humanmedizin und Physiotherapie geteilt wird.
Quelle: A. Minow, 2021, eigene Darstellung

Diese ausgezeichnete Bewertung, die gleichermaßen von den Studierenden beider Studiengänge vergeben wird, gilt auch für alle anderen Bewertungskriterien mit Ausnahme des Punktes »weitere Termine«. Hier wünscht sich ein Teil der Physiotherapiestudent:innen, auch am zweiten Teil des Präparierkurses teilnehmen zu dürfen. Auch die zur Vorbereitung auf den Präparierkurs aufgewendete Zeit unterscheidet sich zwischen den Studierenden der beiden Studiengänge nicht (17 Stunden pro Woche).

 

Punkt »Tempo«

 

Im Sommersemester 2021 haben 122 Studierende der Humanmedizin und der Hebammenwissenschaften die Lehrveranstaltung bewertet (Rücklauf: 63 %). Die sehr guten Evaluationsergebnisse aus dem Wintersemester zusammen mit dem Studiengang Physiotherapie ließen vermuten, dass das interprofessionelle Konzept von den Studierenden des Studiengangs Hebammenwissenschaften ebenfalls sehr gut angenommen werden würde. Es zeigte sich jedoch ein anderes Ergebnis.

Die Gesamtnote, die von den Studierenden der Hebammenwissenschaften vergeben wurde, war rund eine Note schlechter als die der Medizinstudent:innen (siehe Abbildung 2). Auch alle anderen Bewertungskriterien wurden von den Studierenden der Hebammenwissenschaften deutlich schlechter bewertet.

 

 

Abbildung 2: Die Evaluationsergebnisse zeigen eine deutlich schlechtere Bewertung des Präparierkurses durch die Studierenden der Hebammenwissenschaften, während von den Medizinstudent:innen auch der zweite Teil des Kurses als hervorragend beurteilt wird.

Quelle: Minow, 2021, eigene Darstellung

 

Das zeigt sich besonders für den Punkt »Tempo« der Lehrveranstaltung, das für den Hebammenstudiengang deutlich zu schnell war. Auffällig ist vor allem die Wochenarbeitszeit zur Vorbereitung auf den Präparierkurs: Diese liegt mit 8 Stunden weit unter der angegebenen Zeit der Studierenden der Humanmedizin (18 Stunden).

 

Großer Lernzuwachs

 

Unsere Beobachtungen zeigen, dass es möglich ist, Studierende der Humanmedizin und Physiotherapie gemeinsam im Rahmen des anatomischen Präparierkurses so zu unterrichten, dass beide Gruppen dieses Lehrformat als hervorragend bewerten und ihren Lernzuwachs durch diese Lehrveranstaltung als ausgezeichnet einstufen. Als Hauptgründe für diesen bemerkenswerten Erfolg können drei Faktoren identifiziert werden: Die Studierenden beider Gruppen hielten das Fach Anatomie für einen sehr wichtigen Bestandteil ihres Studiums.

Die Studierenden beider Studiengänge haben von Beginn an auf Augenhöhe zusammengearbeitet und mussten das gleiche Lern- und Prüfungspensum absolvieren. Und das Curriculum des »Reststudiums« war für beide Studiengänge so konzipiert, dass es den Studierenden den notwendigen Freiraum einräumte, sich auf die Anforderungen der Anatomie auch einzulassen zu können.

Damit stehen unsere positiven Beobachtungen im Einklang mit einer Studie der McMaster Universität in Kanada. Seit 2009 bietet sie einen interprofessionellen Anatomiekurs an. Durch die gemeinsame Lehre kam es nicht nur zu umfassenderen Anatomiekenntnissen, sondern auch zu einer signifikanten Verbesserung hinsichtlich der eigenen beruflichen Identität, Rollenfindung und Einstellung gegenüber anderen Gesundheitswissenschaften (Fernandes et al., 2015; Mackinnon et al., 2021).

Der Präparierkurs, der am Anfang des Studiums auf dem Plan steht und ein Grundverständnis für die Strukturen und Funktionen des menschlichen Körpers vermittelt, ist also ein äußerst geeignetes Lehrformat, das für die interprofessionelle Lehre in den Gesundheitswissenschaften eingesetzt werden kann (Herrmann et al., 2015; Kirch & Ast, 2015; Mackinnon et al., 2021).

Im Fall der Universität zu Lübeck kommt hinzu, dass durch die Etablierung und Durchführung der interprofessionellen Lehre der Erfahrungsaustausch zwischen dem erfahrenen (50 Jahre) und erfolgreichen Humanmedizinstudiengang (unter den Top 3 im CHE-Hochschulranking) und dem jungen, gerade fünf Jahre alten Physiotherapiestudiengang sehr stark zugenommen hat. Davon haben beide Studiengänge hinsichtlich Qualität und Professionalität enorm profitiert.

 

Bedürfnisse angleichen

 

Die Studierenden der Hebammenwissenschaften geben dem Präparierkurs die Gesamtnote 2 (siehe Abbildung 2). Das ist keine schlechte Note, aber doch fast eine Note schlechter als die Beurteilung der Medizinstudent:innen. Woran kann das liegen?

Hauptgrund ist aus unserer Sicht die Tatsache, dass die Studierenden der Hebammenwissenschaften sich am Ende des zweiten Semesters in ein Team integrieren mussten, das bereits fast zwei Semester zusammengearbeitet hatte und sich deswegen sehr gut kannte. Außerdem hatten die Studierenden der Humanmedizin zu diesem Zeitpunkt bereits auf hohem Niveau das Lernen gelernt. Insgesamt führte dies zu einer Überforderung der Studierenden der Hebammenwissenschaften. Hinzu kommt, dass ihnen ihr Curriculum wahrscheinlich nicht genügend Raum für ein umfassendes »Eintauchen« in die Anatomie ließ. Das duale Studium der Hebammenwissenschaften fordert zugleich eine hohe Eingebundenheit in Praxis- und Klinikabläufe. Somit bleibt weniger Zeit zum Vor- oder Nachbereiten von Themen, was sich an der signifikant kürzeren (zu kurzen) Vorbereitungszeit ablesen lässt (8 Stunden versus 18 Stunden). Schließlich bleibt noch zu fragen, ob Studierende der Hebammenwissenschaften grundsätzlich den Wert des Faches Anatomie für ihr Studium geringer einschätzen als die Studierenden der Humanmedizin und Physiotherapie, was das um eine Note geringere Vorinteresse an der Lehrveranstaltung nahezulegen scheint (siehe Abbildungen 1 und 2).

Selbst für dieselbe Lehrveranstaltung (Präparierkurs) ist es also nicht möglich, Konzepte für den einen Studiengang eins zu eins auf den anderen Studiengang zu übertragen. Stattdessen sollte vorher gezielt gefragt werden: Welches Vorwissen haben die Studierenden? Welche Erwartungen haben sie an das Lehrangebot? Sind die Lernziele konkret für die entsprechende Berufsgruppe formuliert? Es sollte berücksichtigt werden, an welchem Punkt ihres Studiums die Studierenden stehen. Ansonsten kann es sein, dass das Lerntempo für die eine Gruppe zu hoch ist oder für die andere Gruppe nicht alle Fachbegriffe ausreichend geklärt sind. Grundsätzlich gilt jedoch: Je früher die Studierenden Erfahrungen in interprofessionellen Veranstaltungen sammeln können, desto besser können sie sich aufeinander einstellen.

 

Ausblick

 

 

Abbildung 3: Vier Schritte kennzeichnen die Interprofessionalisierung des Lübecker Medizinstudiums.

Quelle: Mommert, 2020, eigene Darstellung

Der Freiraum, den die derzeitige und auch künftige ärztliche Approbationsordnung den Fakultäten lässt, planen wir so zu nutzen, dass das Lübecker Medizinstudium seinen Fokus auf interprofessionelle Themen weiter intensiviert und zwar besonders im Bereich der Patient:innensicherheit, und hier vor allem in den Bereichen der Lübecker Lehrschwerpunkte »Prävention«, »Kommunikation« und »Notfallmedizin«. Die Interprofessionalisierung des Lübecker Medizinstudiums verfolgen wir in engen Kooperationen mit den gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen in vier aufeinander aufbauenden Schritten (siehe Abbildung 3). Zuerst soll der gemeinsame Besuch von geeigneten Veranstaltungen ein Miteinanderlernen etablieren. Durch die Auseinandersetzung mit den professionellen Rollen und durch die Beleuchtung von Themen aus verschiedenen Perspektiven wird das zweite Ziel, voneinander lernen, adressiert. Drittens fördern wir die persönlichen und sozialen Fähigkeiten und Kompetenzen unserer Studierenden, um diese bestmöglich auf die Arbeit im Team vorzubereiten. Unser vierter Schritt betrifft die Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, da interprofessionelle Forschungsansätze ein großes Innovationspotenzial bergen.

Wir sind davon überzeugt, dass die interprofessionelle universitäre Lehre maßgeblich zu einer hohen Qualität der Gesundheitsversorgung beiträgt. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass interprofessionelle Lehre nicht ohne Einsatz zu haben ist. Erstellung des Konzepts, Etablierung, Durchführung und Evaluation sind personalintensiv und sind ohne die Bereitstellung zusätzlicher Mittel nicht machbar.

Rubrik: Ausgabe 07/2022

Vom: 23.06.2022