"Der Schlaf ist heilig"

  • Wandrers Nachtlied

    Über allen Gipfeln

    Ist Ruh‘,

    In allen Wipfeln

    Spürest Du

    Kaum einen Hauch;

    Die Vögelein schweigen im Walde.

    Warte nur! Balde

    Ruhest du auch.

    Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

     

    Wie haben das unsere Kolleginnen früher bewältigt, ein Leben lang rund um die Uhr für ihre Frauen da zu sein? Regelmäßige Freizeitregelungen in einem freiberuflichen Team waren unüblich und wären in vielen Regionen gar nicht möglich gewesen. Vor ein paar Tagen habe ich das Buch „Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d‘Anniviers“ der 1908 geborenen Schweizerin Adeline Favre wieder in der Hand gehabt. Unglaublich, was diese Generation von Frauen auf sich genommen hat, ohne die Notwendigkeit ihres Einsatzes in Frage zu stellen.

    Ich habe freiberufliche Hebammen kennengelernt, die noch Anfang der 1980er Jahre an die 200 Haus- oder Beleggeburten im Jahr betreut haben, einschließlich der Schwangeren- und Wochenbettbereuung. Manche gönnten sich kaum freie Tage zwischendurch. Da war das Gerufenwerden mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf heraus kein Ausnahmefall. Eine ältere Kollegin erzählte mir, wie sie es gewohnt war, sofort nach einem nächtlichen Geburtshilfeeinsatz in den Schlaf zu fallen. Sie hätte immer zwischendurch hier und da geschlafen und dann weiter gearbeitet. Als ich sie besuchte, stand eine große Kanne Kaffee auf dem Tisch, in dem „der Löffel stand“. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen.

    Eine andere 62-jährige Kollegin hatte mich in jungen Jahren „angeheuert“, sie für vier Wochen als Beleghebamme zu vertreten. Sie war jahrelang allein für mehr als 200 Beleggeburten verantwortlich gewesen, ohne eine längere Auszeit. Es gebe an ihrer Klinik sehr gute Verdienstmöglichkeiten, wollte sie mich anwerben. Sie starb in ihrem lang ersehnten Urlaub am Herzinfarkt. Unvorstellbar aus meiner heutigen Perspektive meine Einsätze im 12-Stunden-Nachdienst, 7 Nächte oder auch mal 14 Nächte am Stück, als junge angestellte Hebamme allein im Dienst in einer Klinik mit mehr als 1.000 Geburten – morgens manchmal noch Überstunden. Was ich damals für eine begrenzte Zeit hochmotiviert verkraftete, mussten Kolleginnen an manchen Häusern über Jahre durchstehen.

    Vielleicht haben wir romantische Vorstellungen, wenn wir die Arbeitsbelastungen vieler Hebammenkolleginnen aus früheren Zeiten aus dem Blick verloren haben und nur die heutige Zunahme von Stress wahrnehmen. Zweifellos wird 1780 noch ein völlig anderer Takt im Lebensalltag der Menschen geherrscht haben, als Johann Wolfgang von Goethe sein Gedicht „Wandrers Nachtlied“ an der Holzwand einer Waldhütte hinterlassen hat.

    Die Gesundheitsrisiken von ständig unterbrochenem Schlaf sind heute bekannt. „Der Schlaf ist heilig.“, hatte mir mein Großvater schon als kleines Kind beigebracht, wenn ich ihn bei seinem Nickerchen nicht stören durfte. Er wurde 97 Jahre alt.