Amerikanische Studie

Wirkt sich die Ernährung auf die Fehlgeburtenrate aus?

  • Frauen, deren Ernährung weitgehend mit den Empfehlungen der American Heart Association (AHA) übereinstimmte, konnten ihre Schwangerschaft nach einer künstlichen Befruchtung häufiger austragen.

  • Etwa jede sechste Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt. Häufige Gründe sind genetische Störungen beim Embryo, etwa eine Aneuplodie, oder Störungen der Gebärmutter, etwa Infektionen. Diese Faktoren erklären jedoch höchstens jeden zweiten Verlust einer Schwangerschaft. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass auch der Lebensstil der Mutter vor und nach der Befruchtung den Verlauf der Schwangerschaft beeinflussen kann.

    Übergewicht/Adipositas, Rauchen, Alkohol und Bewegungsmangel gelten als Risikofaktoren, wobei beim Rauchen auch der Lebensstil des Partners oder anderer Familienmitglieder von Bedeutung sein kann. Die Rolle der Ernährung lässt sich nur schwer beurteilen, da sie viele Komponenten umfasst und auch die Zubereitung der Nahrung eine Rolle spielen könnte. In der Vergangenheit wurde häufig der Einfluss der einzelnen Nahrungsmittel getrennt untersucht. Yealin Chung vom »Tommy’s National Centre for Miscarriage Research« in Birmingham kommt in einer aktuellen Metaanalyse in Fertility and Sterility zu dem Ergebnis, dass vor allem Obst und Gemüse das Risiko auf eine Fehlgeburt senken.

    Die Odds Ratios betrugen für den häufigen Verzehr von Obst 0,39 (95-%-Konfidenzintervall 0,33-0,46) und für Gemüse 0,59 (0,46-0,76) und für beide Faktoren kombiniert 0,63 (0,50-0,81). Eine vorbeugende Wirkung könnten nach den Ergebnissen der Meta-Analyse auch Meeresfrüchte (Odds Ratio 0,81; 0,71-0,92), Milchprodukte (Odds Ratio 0,63; 0,54-0,73), Eier (Odds Ratio 0,81; 0,72-0,90) und Vollkorngetreide (Odds Ratio 0,67; 0,52-0,87) haben. Ein günstiger oder auch ungünstiger Einfluss von Fleisch, Fett und Öl sowie Zuckerersatzstoffen konnte dagegen nicht sicher belegt werden, wobei Zuckerersatzstoffe tendenziell einen schädlichen Einfluss hatten.

     

    Einfluss der Ernährungsstile

     

    Seit einigen Jahren wird in den epidemiologischen Studien vermehrt der Einfluss der Ernährungsstile als Ganzes untersucht. Dies soll verhindern, dass der günstige Einfuss einzelner Nahrungsmittel durch den vermehrten Verzehr anderer schädlicher Nahrungsmittel aufgehoben wird. Ein Beispiel ist die Kompensation von fettarmen Produkten durch den vermehrten Verzehr kohlenhydratreicher Nahrungsmittel.

    Es gibt mittlerweile verschiedene allgemeine Ernährungsempfehlungen wie die mediterrane Diät nach Trichopoulou, die alternative mediterrane Diät und die mediterrane Diät nach Panagiotakos. Das US-National Cancer Institute hat zusammen mit dem US-Landwirtschaftsministerium einen »Healthy Eating Index« veröffentlicht, dem Forscher:innen der Harvard Universität einen »Alternate Healthy Eating Index" (AHEI) gegenübergestellt haben.

    Zur Vorbeugung und Begleitbehandlung der Hypertonie wurde die DASH-Diät (»Dietary Approaches to Stop Hypertension«) entwickelt. Die »American Heart Association« hat 2021 eine »Dietary Guidance to Improve Cardiovascular Health« veröffentlicht. Schließich werden auch pflanzenbasierte Ernährungen immer populärer.

    Ein Team um Jorge Chavarro von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston hat im Rahmen der EARTH-Study (»Environment And Reproductive Health«) den Einfluss der genannten Diäten auf den Ausgang einer Behandlung am »Massachusetts General Hospital Fertility Center« untersucht.

    Insgesamt 612 Frauen hatten vor einer intrauterinen Insemination oder einer In-vitro-Fertilisation (mit oder ohne intrazytoplasmatischer Spermieninjektion) einen ausführlichen Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten ausgefüllt. Die Forscher:innen haben die Frauen nach der Übereinstimmung mit den einzelnen Diätempfehlungen in Quartile eingeteilt und den Einfluss auf die Geburt eines lebenden Kindes untersucht.

     

    Empfehlungen der American Heart Association

     

    Nur für die Empfehlungen der American Heart Association wurde ein signifikanter Einfluss gefunden. Nach den Berechnungen von Chavarro kam es im Quartil mit der geringsten Übereinstimmung mit der AHA-Diät bei 41 % (33-50 %) der Frauen zu einem totalen Verlust der Schwangerschaft gegenüber 28 % (21-36 %) in dem Viertel, dessen Ernährung am ehesten den Empfehlungen entsprach.

    Zu einem klinischen Verlust der Schwangerschaft kam es bei 30 % (22-39 %) und 15 % (10-23 %) der Frauen. Eine klinische Schwangerschaft wurde definiert durch den Ultraschallnachweis eines Embryos in der 6. Woche. Bei einer totalen Schwangerschaft wurde auch der biochemische Nachweis eines beta-hCG von 6 mIU/ml gewertet.

    Die AHA rät der Bevölkerung in den Empfehlungen in Circulation:

    • zu einer ausgeglichenen Energiebilanz und der Vermeidung von Übergewicht/Adipositas, (2) zu einem hohen abwechslungsreichen Verzehr von Obst und Gemüse,
    • zur Bevorzugung von Vollkornprodukten,
    • zu gesunden Proteinquellen (hauptsächlich Pflanzen, regelmäßiger Verzehr von Fisch und Meeresfrüchten, fettarme oder fettfreie Milchprodukte und beim Verzehr von Fleisch und Geflügel zu den mageren Teilstücken in unverarbeiteter Form),
    • zu flüssigen Pflanzenölen statt tropischen Ölen wie Palmöl oder teilweise gehärteten Fetten,
    • zu minimal verarbeiteten Lebensmitteln,
    • zur Vermeidung von Getränken und Lebensmitteln mit Zuckerzusatz,
    • zu Lebensmitteln mit wenig oder keinem Salz,
    • zum weitgehenden Verzicht auf Alkohol und
    • zur Einhaltung der Regeln, unabhängig davon, wo die Lebensmittel zubereitet oder verzehrt werden, also auch im Restaurant.

    Da es sich um eine der ersten Studien handelt, die den Einfluss verschiedener Ernährungsstile bewertet, fällt die Einschätzung bei den Expert:innen noch reserviert aus. Sie wiesen gegenüber dem britischen Science Media Center darauf hin, dass sich der Zusammenhang, wie immer bei epidemiologischen Studien, nicht sicher belegen lasse. Zu den weiteren Einschränkungen gehört, dass die Frauen den Ernährungsfragebogen nur einmal ausgefüllt haben und nur die Daten einer einzelnen Klinik verwendet wurden.

    Quelle: Wang, S et al. (2023). Women’s Adherence to Healthy Dietary Patterns and Outcomes of Infertility Treatment. JAMA Network. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2023.29982. ∙ aerzteblatt.de, 28.8.2023 ∙ DHZ

    Rubrik: Schwangerschaft

    Erscheinungsdatum: 29.08.2023