Schwangere und Mütter auf der Flucht

Wenn das Wasser sicherer ist als das Land

Bei der ersten Mission des Rettungsschiffes Sea-Eye 4 ins zentrale Mittelmeer werden auch Schwangere und kleine Kinder von Schlauch- und Holzbooten aus dem Meer geborgen. Wie ist ihr Zustand, wie erleben sie die kurzfristige Hilfe, wo können sie Geborgenheit und wie zurück ins Leben finden? Melanie M. Klimmer
  • Ein überfülltes Boot: Meist treiben die Geflüchteten tagelang ohne ausreichend Wasser und Nahrung auf hoher See.

Aus Seenot gerettete Frauen vor Libyens Küste erzählen immer wieder von den gleichen schrecklichen Erfahrungen: »Folter an Leib und Seele, brutale Vergewaltigungen, Sklaverei, exzessive Gewalt – man kann es sich nicht vorstellen, was diesen Frauen immer und immer wieder angetan wird«, sagt Sophie Weidenhiller am 15. Juli 2021 im Interview. Sie ist internationale Pressesprecherin der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea-Eye e.V. und als »RHIB-Communicator« Crew-Mitglied bei der ersten Mission des Rettungsschiffes Sea-Eye 4 vom 8. bis 23. Mai 2021. RHIB steht für Rigid-Hulled Inflatable Boat, zu Deutsch »Festrumpfschlauchboot«, mit dem Menschen in Seenot zunächst aufgesucht und dann zum Mutterschiff gebracht werden. Sophie Weidenhiller übernimmt in Einsätzen mit den RHIBs den Erstkontakt mit den oft tief verängstigten Menschen und erklärt ihnen, dass sie in Sicherheit sind. An Bord leistet die Psychotherapeutin in Ausbildung psychologische erste Hilfe.

»In Libyen sind geflüchtete Frauen sozusagen ›Freiwild‹. Man macht dort mit ihnen, was man gerade will, ohne dass die Täter dafür zur Rechenschaft gezogen werden«, sagt die 31-Jährige. »Man kann es sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, als schwangere Frau in einem Gefängnis zu sitzen und ein Kind vom eigenen Peiniger austragen zu müssen, der sich auf der anderen Seite der Gitterstäbe aufhält.« Folter werde meist ganz bewusst eingesetzt, um die Person zu vernichten, ohne sie physisch zu töten, weiß Dr. Barbara Preitler (Preitler 2010). Sie ist Gründerin des Hemayat-Betreuungszentrums für Folter- und Kriegsüberlebende in Wien. »Der Schmerz soll so intensiv sein, dass der Tod als Erlösung – die aber nicht gewährt wird – empfunden wird«, sagt die erfahrene Psychologin. »Fast alle Menschen, die Folter überleben, leiden an den Folgen dieser schweren Verletzungen: körperlich und psychisch.«

 

Schwanger durch sexualisierte Gewalt

 

»Geflüchtete Frauen gehen oft in die Hölle und wieder zurück«, berichtet auch die freie Journalistin Sára Činčurová im Audio-Podcast der Regensburger Seenotrettungsorganisation »Ehrlich gesagt« im Gespräch mit Sophie Weidenhiller anlässlich des Internationalen Frauentages (Sea-Eye, Episode 10, 8.3.2021). Entlang der Fluchtrouten erführen Frauen häufig sexualisierte Gewalt oder beobachteten diese im Kontext von Menschenhandel, Sklaverei, Gefangenschaft und Zwangsprostitution. Viele Frauen, auch minderjährige Mädchen, würden auf der Flucht schwanger, weil sie sich nicht schützen könnten. »Oft sind es Schmuggler, von denen Frauen auf der Flucht vergewaltigt werden«, so Weidenhiller im Gespräch mit der Journalistin. »Oft wissen sie nicht, wie sie sonst überleben sollen, begeben sich in Abhängigkeit und können sich dann nicht wehren: Da ist niemand, dem sie davon berichten könnten, auch nicht der Polizei.« »Manchmal stellen sie zu spät fest, dass sie in die Hände von Menschenhändler:innen geraten sind«, sagt Sára Činčurová.

Zwei Monate später, am 8. Mai, brechen die beiden Frauen gemeinsam mit 21 weiteren Crew-Mitgliedern vom spanischen Hafen Burriana aus mit der Sea-Eye 4 ins zentrale Mittelmeer auf.

 

Rettung aus Seenot

 

In mehreren Rettungseinsätzen vom 16. bis 18. Mai rettete die Crew 406 Menschen aus 18 Nationen aus Seenot, viele davon aus Mali, Bangladesch, Eritrea, Ägypten, dem Sudan und Syrien. Schon am 14. Mai sind zwei libysche Bürgerkriegsflüchtlinge geborgen worden. Nun befinden sich auf der Sea-Eye 4 auch 36 Frauen, darunter vier Schwangere. 150 Kinder, 19 davon unter zwölf Jahre alt, ein Drittel unbegleitet, befinden sich ebenfalls unter den Geretteten. Die beiden 8 und 15 Monate alten Babys sind bei ihrer Rettung triefend nass, dehydriert, mangel- und unterernährt und starr vor Angst. Unter Tränen berichten gerettete Frauen, wie sie erst nach Monaten täglicher und systematischer Vergewaltigung aus den libyschen Detention Camps (Internierungslager) fliehen konnten. Dort haben sie unter Hunger gelitten, weder Nahrung noch Trinkwasser für ihre Kinder auftreiben können. Eine der Frauen hatte zehn Monate mit ihrem Baby in einem dieser Lager zugebracht.

Der Internist und Bordarzt Dr. med. Stefan Mees von German Doctors stellte bei späteren Gesundheitschecks deutliche Spuren von Gewaltanwendung und schwerster Traumatisierung bei den meisten Geflüchteten fest.

 

In der »Search- and Rescue-Zone«

 

Die Situation der Frauen und Kinder in den überfüllten Holz- und Plastikbooten schildern Seenotretter:innen immer wieder als katastrophal. Sonne, Wind, Witterung und Wasser ausgesetzt, ohne Nahrung und ausreichend Trinkwasser, treiben die Boote ohne Navigation oft tagelang auf hoher See – die Mütter sind erfüllt von der quälenden Sorge um ihre Kinder. Die Journalistin Sára Činčurová erinnert sich an die Bergung einer Schwangeren durch das Rescue-Team der Sea-Eye 4: »Es war für mich schwer erträglich, eine schwangere Frau im sechsten Monat so durchnässt zu sehen« (Sea-Eye, Episode 13).

Frauen und Kinder harren zumeist im Innern der Boot aus, wo sich ein gefährliches Gemisch aus Benzin, Salzwasser und Exkrementen ansammeln kann. Die Berührung damit führt zu schweren Verätzungen und Verbrennungen der Haut, sogenannten »Fuel Burns«. Das berichtet die Gesundheits- und Krankenpflegerin Marlene Fießinger an einem frühen Sonntagmorgen Mitte Mai nach ihrer vierstündigen Brückenwache aus dem Bordhospital der Sea-Eye 4. Zu dem Zeitpunkt befindet sie sich etwa 40 Seemeilen vor Tripolis und ahnt noch nicht, dass sie wenig später zusammen mit Dr. Stefan Mees und dem Paramedic Tobias Schlegl in ihren ersten großen Einsatz gerufen wird.

 

Triage und Notfallversorgung

 

Von diesen Verletzungen berichtet auch der Münchner Arzt Dr. Thomas Kunkel, der an Ostern 2017 mit einem anderen Rettungsschiff von Sea-Eye e.V. mehrere Frauen mit Fuel Burns behandelt hatte. Er schildert »sehr großflächige, zweitgradige Verbrennungen an den Oberschenkeln, Genitalien, am Gesäß und Bauch« (Andrae 2018). »Auf solche Fälle sind wir dieses Mal noch besser vorbereitet«, so Marlene Fießinger. Sie hat federführend an der Ausstattung des Medical Rooms an Bord des neuen Rettungsschiffes Sea-Eye 4 mitgewirkt. »Wir haben eine Dusche im Hospital, wo solche Wunden zuerst ausgeduscht werden können.«

Auf dem Rettungsschiff gibt es nach jeder Bergung einen hohen Bedarf an medizinischen Erstbehandlungen. Das Medical Team führt bei den Geretteten zuerst eine Triage durch. 25 Menschen sind bei insgesamt sechs Einsätzen der Sea-Eye 4 Mitte Mai 2021 in kritischem Zustand oder müssen umgehend behandelt werden. Sie sind bradykard, hypotherm, massiv dehydriert. Ein Junge braucht Sauerstoff. »Vor allem Jugendliche kollabierten reihenweise nach der Rettung«, berichtet Marlene Fießinger aus ihrer Quarantäne vor Palermo. Ein zehnjähriges Mädchen aus Syrien sei bei der Bergung triefend nass, kalt, fast ohnmächtig und traumatisiert gewesen.

Nicht nur haben Geflüchtete oft monatelang keine medizinische Versorgung erhalten. Viele befinden sich mit ihrer Vorgeschichte in libyschen Detention Camps und aufgrund der Umstände auf See in kritischem Zustand. »Ich versuchte, mich besonders auf die vulnerablen Personen wie Schwangere oder Minderjährige zu fokussieren«, sagt die 31-Jährige, die als Intensivpflegekraft am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe arbeitet, einer anthroposophischen Akutklinik in Berlin. »Sie können ihre Beschwerden nicht immer eigenständig äußern.«

Für den Fall, dass fachliche Rücksprache notwendig werden sollte, hat das medizinische Team vorgesorgt. Rund um die Uhr stehen im Hintergrund spezialisierte Fachkräfte auf dem Festland bereit, so zum Beispiel auch eine Hebamme in Deutschland. Durch die Umstände der Flucht kann es schnell zu Unregelmäßigkeiten bei Schwangerschaft und Geburt kommen. Der Start ins Leben ist auf der Flucht mit deutlich mehr Risiken verbunden. Früh-, Fehl- oder Totgeburten sind häufiger, Intensivbehandlungen für Neugeborene wahrscheinlicher und die Sterblichkeit für Mutter und Kind höher (Klimmer, DHZ 12/2020, Seite 86–90).

 

Schwangere tragen höhere Risiken bei Seekrankheit

 

Vor vier Jahren starb eine unterkühlte Schwangere an Bord eines Rettungsschiffes der deutschen Nichtregierungsorganisation. Sie war plötzlich nicht mehr ansprechbar. Reanimationsversuche blieben erfolglos. Bei schwangeren Frauen, die aus Seenot geborgen werden, ist die Seekrankheit mit einem höheren Risiko verbunden. Meist dehydriert und mangelernährt, können Schwangere in Seenot schneller das Bewusstsein verlieren. Ihre Situation kann dann schnell lebensbedrohlich werden, wie auch der Mediziner Thomas Kunkel im Interview mit Agnes Andrae berichtet: Manche »sind von langanhaltender, quälender Übelkeit geplagt, müssen ständig erbrechen und verlieren darüber viel Flüssigkeit und Energie.« (Andrae 2018) Durch die Notwendigkeit einer engmaschigen Überwachung im Falle von Seekrankheit bei Schwangeren und der erhöhten Gefahr von Komplikationen sei die Betreuung deshalb zeitintensiver.

 

Zu lange ohne gesundheitliche Versorgung

 

In den libyschen Detention Camps haben Geflüchtete oft über längere Zeit keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder auch zu Verhütungsmitteln – selbst in europäischen Flüchtlingslagern ist das keine seltene Randerscheinung. »Eine geflüchtete Frau kann ich nicht vergessen«, erinnert sich Sára Činčurová (Sea-Eye, Episode 10). »Sie war zum sechsten Mal schwanger und passierte das Mittelmeer von der Türkei aus nach Lesbos. Das Kind kam dann dort im Januar zur Welt. Die Frau lebte lediglich in einem Zelt inmitten von Nässe und Dreck. Sie verlangte bei lokalen NGOs nach einer sicheren Unterkunft, denn es mangelte an allem: an Sanitäranlagen, Nahrung, vor allem aber an der Wahrnehmung dessen, was eine schwangere Frau benötigt. Es ist einfach Fakt, dass die Gesundheit unter diesen Umständen leidet: Neugeborene und kleine Kinder bekommen in einer solchen Umgebung schnell Infektionen.«

 

Brief einer Geretteten: »Niemand glaubte, dass wir das schaffen würden …«

 

»Ich verlor meine Mutter und meinen Vater als Kind. Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Ich wurde zwangsverheiratet. Mein erstes Kind ist eine acht Jahre alte Tochter. Ihr Vater zwang sie, sich einer Genitalverstümmelung zu unterziehen und begleitete sie zu einem reichen Arzt gegen Geld. Später hatte ich eine zweite Tochter, die jetzt zwei Jahre alt ist, und sie sollte ebenso zu dieser Misshandlung gezwungen werden. Das ist der Grund, warum ich mit meiner jüngeren Tochter geflohen bin, weil sie ihr dasselbe antun wollten.

Ein Mann aus meinem Dorf half mir, nach Algerien zu kommen. Wir verbrachten dort einen Monat zusammen im Gefängnis. Von dort wurden wir nach Niger geschickt. Meine Tochter und ich verbrachten einen Monat in der Sahara-Wüste. Später wurde ich als Sklavin nach Libyen verkauft. Ich brauchte fünf Monate, um zu entkommen.

Ich blieb bis zur Überquerung an der Küste. Niemand glaubte daran, dass wir das lebend schaffen würden. Alle hatten Todesängste, denn das Meer war gewaltig und endlos und alles, was ich sah, waren Wellen. Wir brachten zwei Tage damit zu, an Körpergewicht zu verlieren. Wir tranken nur Wasser. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ihr uns gerettet habt. Die Überquerung war wie ein Albtraum.

Dadurch, dass ihr uns gerettet habt, ist es, als hättet ihr die ganze Welt gerettet. Ihr habt eine beachtliche Aufgabe vollbracht, für die euch nur der allmächtige Gott belohnen kann.«

Brief an Sára Činčurová, Übersetzung aus dem Englischen: Melanie M. Klimmer

 

Das Bordhospital als Rückzugsort

 

»Im Frauen-Container ist es eng. Es ist stickig, heiß, die Kinder sind laut«, berichtet Sophie Weidenhiller in einer Sprachnachricht am 20. Mai von Bord des Rettungsschiffes. »Kinder haben sich übergeben. Das Ganze ist natürlich kein Dauerzustand«. Das Medical Team hält nach Notfallversorgung, Corona-Antigentests und Gesundheitschecks den Zugang zum Bordhospital möglichst offen. Besonders für Frauen, die sich zurückziehen wollen, erweist sich der Ort als Schutzraum für etwas Privatsphäre und auch das Unaussprechliche. Auf den Ruheliegen können sie sich für Momente ausruhen. Viele Frauen – auch vier im dritten bis achten Monat Schwangere – weisen psychosomatische Schmerz-Syndrome auf, somatoforme Reaktionen auf sexualisierte Gewalt und schwerste Traumatisierung. Hier wissen sie, dass sie darüber sprechen können und sich mit den Informationen nicht in Gefahr begeben. Oft aber finden sie nur stark vereinfachte, fast schon bagatellisierende, Ausdrucksformen für das Unsägliche (siehe Kasten »Brief einer Geretteten«).

Nicht jedes Trauma traumatisiert, insbesondere wenn es den Betroffenen gelingt, das Widerfahrene in neue, konstruktive Energie zu verwandeln und in die individuelle Lebensausrichtung zu integrieren. Die Expert:innengruppe der S3-Leitlinie »Posttraumatische Belastungsstörung ICD-10: F43.1« um den Privatdozenten Dr. med. Guido Flatten, unter anderem Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Leiter der Aachener Trauma-Ambulanz, nennen mehrere Arten von Traumata, für die eine besonders hohe Prävalenz von 50 % für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) besteht (Flatten 2011, S. 203). Auf den Fluchtkontext übertragen sind das die Erfahrungen von Vertreibung, Geiselnahme und Entführung, Menschenhandel, sexualisierte Gewalterfahrungen wie Vergewaltigung oder Zwangsprostitution, sowie politische Haft, Folter und andere Erfahrungen in Todesnähe. Dabei kann die PTBS unmittelbar oder auch verzögert auftreten und Folge eines einzelnen Ereignisses oder auch einer Aufeinanderfolge mehrerer Ereignisse sein (»Sequenzielle Traumatisierung« nach H. Keilson). Es muss nicht die eigene Person betroffen sein. Oft reicht es aus, die Ereignisse beobachtet zu haben.

 

Retraumatisierung im Aufnahmeland

 

In Deutschland erhalten geflüchtete Frauen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz nur eine Akutversorgung, Gesundheitsversorgung im Rahmen von Schwangerschaft und Geburt und bei akuten Schmerzen (§ 4 Abs. 1 AsylbLG). Aber auch Personen, »die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben, wird die erforderliche medizinische oder sonstige Hilfe gewährt«, sofern sie eine Aufenthaltserlaubnis gemäß § 24 Abs. 1 des Aufenthaltsgesetzes besitzen (§ 6 Abs. 2 AsylbLG). In der Realität ist das frühestens ab dem 16. Monat ihres Aufenthaltes in Deutschland der Fall. Für von Gewalt betroffene Frauen nach Fluchterfahrung – noch dazu bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung – kann dies eine außerordentlich lange Zeit bedeuten, gerade wenn ein komplexer Versorgungsbedarf besteht. Erschwert wird die Versorgungssituation durch eine unzureichende Datenlage.

Die Psychologin Jenny Jesuthasan ist Projektkoordinatorin für die Studie »Study on Female Refugees« der Berliner Charité Universitätsmedizin. Mit Blick auf die Fluchtgeschichte vieler Frauen gibt sie zu bedenken, dass Beschränkungen beim Zugang zu Gesundheitsleistungen im Aufnahmeland, die von den Frauen als dringend notwendig empfunden werden, dazu führen können, dass diese ein höheres Risiko für eine PTBS entwickeln und retraumatisiert werden. Grund dafür ist, dass ihnen dieser Versorgungsmangel bereits von ihrer Flucht her bekannt ist und medizinische und psychologische Hilfe auch an dem Ort nicht gewährt wird, der ihnen Schutz und Hilfe geben sollte.

 

Wenn die Kinder staatenlos werden

 

Ein weiterer wichtiger Faktor beeinflusst die gesundheitliche Situation der schwangeren Frauen nach der Flucht aus Libyen und der Rettung aus Seenot: Werden Frauen, die ein Kind aus einer Vergewaltigung im Rahmen von Internierung, Menschenhandel und Zwangsprostitution geboren haben, aus Europa abgeschoben, müssen sie damit rechnen, in der Herkunftsfamilie nicht mehr aufgenommen zu werden und in Armut und Ausgrenzung zu leben. Ihre Zukunft ist völlig ungewiss, denn ein Zurück gibt es oft nicht. Im Extremfall sind die Kinder staatenlos, weil ihre Mütter – in einer patrilinearen Gesellschaft – den erforderlichen Namen des Kindsvaters und Peinigers für die Ausweisdokumente nicht nennen können. In Europa könnten sie dagegen eher rechtliche Anerkennung erfahren.

Erfahrungen dazu gibt es in vielen Staaten mit sogenannten »Kindern des Krieges«, wie sie in der Wissenschaft genannt werden, das heißt mit Kindern, die von »Feinden« – Rebellen oder Militärs – gezeugt wurden. In vielen Gesellschaften wird die kulturelle Praxis der sozialen Ausgrenzung solcher Mütter mit ihren Kindern viel zu selten hinterfragt. Dass es gelingen kann, in die Familie zurückzukehren, zeigen Beispiele wie Grace Acan, die 1996 als Mädchen von Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda entführt worden war. Sie hat zwei »Kinder des Krieges« geboren. Sie sieht in ihnen ihre Zukunft, gleich unter welchen Umständen sie geboren wurden. Während ihrer Gefangenschaft hätte sie alles für ihre Kinder getan (Acan 2018). Die soziale Integration durch die Familie hat es möglich gemacht und wirkt sich nun positiv auf die Beziehung zu ihren Kindern aus.

Die Bedeutung der Familie für die Gesundheit geflüchteter Frauen stellen auch die Forscher:innen an der Charité in den Mittelpunkt. »Familie repräsentiert einen elementaren Schutzfaktor und erfüllt die Grundbedürfnisse von Sicherheit und sozialer Zugehörigkeit. Daher führt eine Ausstoßung aus diesem elementaren Schutzraum zu langanhaltenden Folgen« (Jesuthasan et al. 2018).

 

Daten aus Interviews: Situation von Frauen auf der Flucht

 

Rund 87 % der Frauen mussten sich auf der Flucht Schmuggler:innen anvertrauen. Fast jede zweite Frau auf der Flucht berichtet von erlittenem Hunger und Durst (46,3 %) und hatte keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung (47,6 %). Mehr als jede dritte Frau wurden unfreiwillig von der Familie getrennt (34,5 %), fast jede vierte inhaftiert (23 %). Mehr als jede fünfte Frau wurde gefoltert (22,1 %) und knapp jede fünfte gibt an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben (19,1 %). Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher sein.

Quelle: Daten aus strukturierten, muttersprachlichen Interviews mit geflüchteten Frauen (n=663) aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak, Somalia und Eritrea in Deutschland (Jesuthasan J et al. 2018)

 

Unglaubliche Stärke der Frauen

 

»Wenn man Säuglinge auf dem Mittelmeer treiben lässt, anstatt sie zu retten, zeigt das doch überdeutlich, dass wir an dieser Stelle massiv versagt haben«, so Sophie Weidenhiller. »Angesichts all diesen Horrors bin ich zutiefst beeindruckt von der unglaublichen Stärke dieser Frauen und davon, dass sie trotz allem nicht verlernt haben, menschlich zu bleiben. Indem sie über das Erlebte berichten, möchten sie sich auch dafür einsetzen, dass anderen Frauen solche Gräueltaten erspart bleiben. Ich ziehe den Hut vor dieser Stärke.«

Nach der Anlandung in Pozzallo auf Sizilien werden die Frauen zusammen mit ihren Familien in eine Einrichtung gebracht, wo sie auch medizinisch versorgt werden können. Die Männer werden trotz zweitem Negativtest gleich nach der Ausschiffung für eine zehntägige Quarantäne auf einem anderen Schiff untergebracht. Eine der geretteten Schwangeren erleidet wenige Tage nach der Ausschiffung in einem Lager auf Sizilien eine Fehlgeburt.

»Es gibt einfach keine Alternative, als diese Frauen aus den Lagern herauszuholen und in sicheren Unterkünften unterzubringen«, sagt Sára Činčurová (Sea-Eye, Episode 10). »Vor allem aber brauchen sie eine angemessene medizinische Versorgung. Es wird also unsere Aufgabe sein, darüber nachzudenken, wie wir Fluchtwege sicherer machen können.«

»Besonders schön ist es dann auch wieder, wenn wir sehen, wie Kinder groß werden«, sagt Sophie Weidenhiller, »oder wenn wir davon erfahren, wie zuletzt im Juli, dass eine der Schwangeren, die wir gerettet haben, in Italien ein gesundes Baby zur Welt gebracht hat.«

 

Maritime Koordinierung? Weil die staatliche Seenotrettung fehlt …

 

Seenotrettungsorganisationen dokumentieren immer aggressivere Push-Backs der libyschen Küstenwache (LYCG). Anstatt zivile Seenotrettungsschiffe in der Nähe gezielt mit Rettungen zu beauftragen, koordiniert die europäische Grenzschutzagentur Frontex die Push-Backs aus der Luft, damit die LYCG die Geflüchteten illegal in einen unsicheren Hafen nach Libyen zurückbringt. Statt aus Seenot gerettet zu werden, werden die Geflüchteten dann in ein Land zurückgeschleppt, in dem sie schwerste Menschenrechtsverletzungen erleiden. Bis 16. September 2021 sind in diesem Jahr bereits 1.357 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer ertrunken, allein im zentralen Mittelmeer 1.081 Personen.
> https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean.

Rubrik: Politik & Gesellschaft | DHZ 10/2021

Nachgefragt

»Schwangere Frauen haben viele Härten erlitten«

 

Die freie slowakische Journalistin Sára Činčurová war an Bord der Sea-Eye 4 und hat mit geretteten Frauen gesprochen.

 

Melanie M. Klimmer: Von welchen Fluchterfahrungen berichteten schwangere Frauen, die an Bord der Sea-Eye 4 gerettet wurden?

Sára Činčurová: Schwangere Frauen erleiden auf ihrer Flucht viele Härten. Von den 408 geretteten Menschen waren 36 Frauen, darunter vier Schwangere – die meisten waren von ihren Erlebnissen gezeichnet und zeigten tiefe Spuren der Traumatisierung. Einige der Frauen gaben Unterleibsschmerzen an, die das medizinische Team mit sexualisierten Gewalterfahrungen in Verbindung bringen konnte. Mindestens vier Frauen schilderten unter Tränen, wie sie in libyschen Detention Centers (Inter­nierungslagern) wiederholt verge­waltigt und geschlagen worden seien.

Melanie M. Klimmer: Immer wieder hört man von Menschenrechtsverletzungen in den libyschen Detention Centers. Was haben dir die Frauen darüber berichtet?

Sára Činčurová: Neben den systematischen Vergewaltigungen und Schlägen in den Detention Centers erzählten uns mindestens vier Frauen von Filmaufnahmen während den Vergewaltigungen und wie libysche Männer mit ihnen »gespielt« hätten. Sie erzählten außerdem, dass es dort weder Nahrung noch Wasser gegeben habe, nicht einmal für die Kleinsten. Von Tränen überströmt schilderte mir eine Frau, wie ihr acht Monate altes Baby aufgrund dieser Umstände in ihren Armen fast verhungert und verdurstet sei. Diese Erfahrung habe sie schließlich bewogen, mit ihrem Baby dieses Risiko einzugehen und sich auf das Meer in die Wellen zu begeben, um dem Kind ein besseres Leben zu schenken. Viele Frauen berichteten uns, dass sie bei der Überquerung des Mittelmeers in hochseeuntauglichen Booten voller Angst um das Leben und das Wohlergehen ihrer – oft noch kleinen – Kinder gewesen seien. Eine Alternative aber sehen sie nicht.

Übersetzung aus dem Englischen: Melanie M. Klimmer

Literatur

Literatur

Acan G: Not yet sunset. A Story of Survival and Perseverance in LRA Captivity. Kampala. Uganda 2018

Andrae A: »Was im Mittelmeer durch die sogenannte libysche Küstenwache passiert, ist nicht legal«. Hinterland-Magazin #39/2018:16–21. Hrsg. v. Bayrischen Flüchtlingsrat. www.hinterland-magazin.de/wp-content/uploads/2018/10/hinterland-magazin39-16.pdf (letzter Zugriff: 11.8.2021)
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